Dieses Logistik-Tool verbessert die humanitäre Hilfe und senkt die Kosten für das Internationale Rote Kreuz drastisch

Das Internationale Rote Kreuz versorgt Menschen in Not mit lebenswichtigen medizinischen Gütern. Ein Logistik-Tool verbessert ihre komplizierte Arbeit.

Autor*in Lana O'Sullivan:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 13.03.24

Konflikte in Regionen wie der Ukraine, dem Gazastreifen, dem Jemen und dem Sudan haben schwerwiegende Auswirkungen auf Millionen von Menschen. Um die Menschen vor Ort in diesen humanitären Katastrophen zu unterstützen, versorgt das Internationale Rote Kreuz (IKRK) medizinische Einrichtungen mit lebenswichtigen Gütern. Die logistischen Herausforderungen sind dabei jedoch beträchtlich und es kommt häufig zu Engpässen und Verteilungsproblemen. Die Verstädterung bewaffneter Konflikte, neue Technologien der Kriegsführung, die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung in zunehmend langwierigen Konflikten, nicht staatliche bewaffnete Gruppen, Terrorismus und Terrorismusbekämpfung, Klimawandel und Umwelt sind nur einige der aktuellen Herausforderungen, denen sich das IKRK stellen muss.

Auch der Transport der Hilfsgüter vom Hauptsitz des Roten Kreuzes in Genf über regionale Logistikzentren in die Krisengebiete ist für die Logistikabteilung des IKRK eine komplexe Aufgabe mit vielen Hindernissen. Das IKRK hat nun in Zusammenarbeit mit Forschenden der ETH Zürich ein Logistik-Tool entwickelt, um diese Herausforderungen zu meistern und die medizinische Versorgung in humanitären Krisen zu verbessern.

Die Umweltkosten des Krieges

Die Umweltkosten eines Krieges sind erheblich, lang anhaltend und erschreckend weitreichend. Hier einige Beispiele für die Auswirkungen von Kriegen auf die Umwelt:

1. Verschmutzung: Bodenkämpfe und Bombardierungen führen zu einer weitreichenden Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden sowie zu einer massiven Zerstörung der Infrastruktur. Der Einsatz chemischer Waffen und Ölaustritte aus beschädigten Raffinerien und Fabriken können Wasserquellen und Böden verseuchen und Menschen und Tiere in einem Umkreis von Hunderten von Kilometern gefährden.

2. Zerstörung von Lebensräumen: Bombardierungen und Artilleriebeschuss können natürliche Lebensräume vollständig zerstören, wodurch Wildtiere vertrieben und Ökosysteme zerstört werden. Darüber hinaus können Landminen große Gebiete für Mensch und Tier auf Jahrzehnte unbewohnbar machen, was eine mühsame und teure Minenräumung erfordert.

3. Der Klimawandel: Die Militäroperationen selbst sowie die Herstellung und der Transport von militärischem Gerät tragen zu Treibhausgasemissionen und zum Klimawandel bei. Darüber hinaus kann ein Krieg die Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels beeinträchtigen, indem er Ressourcen von den Bemühungen um Abschwächung und Anpassung ablenkt.

2023 führte das IKRK das Logistik-Tool an zwölf Standorten in Afrika, dem Nahen Osten und der Ukraine ein. Dabei konnte das Team nachweisen, dass damit die Lagerbestände um beachtliche 24 Prozent verringert werden konnten, ohne die Servicequalität zu beeinträchtigen. Das entspricht Einsparungen von 3,7 Millionen Euro.

Im Lager des IKRK in Sana’a, Jemen, gelang es den Logistikspezialist*innen beispielsweise, die Kosten für die Lagerung und Entsorgung abgelaufener Materialien zu senken und die Investitionen in medizinisches Inventar von 2,6 Millionen Euro auf weniger als die Hälfte zu reduzieren.

Vor der Zusammenarbeit mit dem ETH-Team basierte die Bestandsplanung des IKRK auf dem durchschnittlichen Jahresbedarf. Dieser Ansatz führte jedoch häufig zu Engpässen und Fehlbeständen, da die schwankende Nachfrage aufgrund von Konflikten oder anderen plötzlichen Entwicklungen, die sich beispielsweise auf die Lieferfristen auswirkten, nicht ausreichend berücksichtigt wurde. „Durch die Zusammenarbeit mit der ETH Zürich haben wir herausgefunden, wie stark die Nachfrage und die Lieferzeiten für unterschiedliche Produkte schwanken. Der Lagerbestandsrechner ermöglichte uns für jedes Produkt, das optimale Gleichgewicht zwischen gewünschtem Versorgungslevel und nötigem Lagerbestand zu ermitteln“, berichtet Samah El Sayed, die für das IKRK die globalen Lieferketten koordiniert und maßgeblich am Projekt mit der ETH beteiligt war.

RED CROSS International Port-au-Prince, Haiti, am 15. Oktober 2016. 35 Tonnen Hilfsgüter erreichen das Land mit dem Flugzeug.

Der neue Bestandsrechner krempelt die Planungsprozesse des Internationalen Roten Kreuzes um

Mit der Integration des Planungstools in die bestehende Logistiksoftware hat das IKRK die Verwaltung der medizinischen Versorgung und der Lagerbestände stark verändert. Die Organisation stützt sich nun auf datengesteuerte Prozesse, um eine effiziente Verteilung zu gewährleisten und ein hohes Serviceniveau aufrechtzuerhalten, selbst in unbeständigen Umgebungen. Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit zwischen dem IKRK und der ETH Zürich zu einer besseren Koordination zwischen den Logistikspezialisten und den Gesundheitsteams vor Ort geführt.

Der Erfolg dieser Zusammenarbeit zeigt, dass die Digitalisierung auch für andere humanitäre Organisationen, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind, von Nutzen sein kann. Durch die Einführung innovativer Planungsprozesse und die Nutzung datengesteuerter Lösungen können Organisationen ihre operative Effizienz steigern und Bedürftigen besser helfen. Mehr Beispiele findest du hier: Digitale Technologien in der humanitären Hilfe.

Forschende liefern Werkzeuge für bessere humanitäre Maßnahmen

Das Projekt ist Teil der Initiative „Engineering for Humanitarian Action 2020„, die vom IKRK, der ETH Zürich und der EPFL lanciert wurde. Ziel der Partnerschaft ist es, Wissen und Technologien der beiden Hochschulen in den Bereichen Energie und Umwelt, Datenwissenschaften, digitale Technologien und personalisierte Medizin dort verfügbar zu machen, wo sie am meisten gebraucht werden: in humanitären Krisen.

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