Der weltweite Energiewende wird oft als ein einfacher Wechsel von „schmutziger“ zu „sauberer“ Energie dargestellt. Doch hinter den sich drehenden Flügeln einer Windkraftanlage oder der glänzenden Karosserie eines Elektrofahrzeugs (EV) verbergen sich Technologien, die einen hohen Bedarf an Seltenen Erden (REEs) und anderen wertvollen Ressourcen haben.
Um die Netto-Null-Ziele zu erreichen, wird die Nachfrage nach Seltenen Erden in den kommenden Jahren voraussichtlich sprunghaft ansteigen. Doch es werden Alternativen gesucht, um ihre Gewinnung nachhaltiger zu machen.
Die Kosten des Status quo
Klar ist, dass unsere Abhängigkeit von Seltenen Erden derzeit nicht nachhaltig ist. Eine Windkraftanlage benötigt beispielsweise neunmal mehr Seltene Erden als ein Gaskraftwerk. Schwere Seltene Erden sind unerlässlich, um die riesigen, eine Tonne schweren Magnete der Turbinen vor Hitze zu schützen. Elektroautos benötigen sechsmal so viele Seltene Erden wie ein herkömmliches Auto. Daher könnte sich nach aktuellen Schätzungen die Nachfrage nach Seltenen Erden bis 2040 versechsfachen.
Der traditionelle Abbau dieser 17 Elemente ist mit großen Eingriffen in die Umwelt verbunden. Pro Tonne produzierter Seltenerdelemente fallen in der Regel etwa 2.000 Tonnen giftiger Abfälle an. Dazu gehören saures Abwasser und radioaktive Rückstände wie Thorium und Uran. Und abgesehen vom ökologischen Fußabdruck ist die Lieferkette mit geopolitischer Brisanz behaftet.
Recycling hat Vorteile gegenüber Bergbau
Auch die herkömmliche Gewinnung Seltener Erden ist nicht effizient. Aus Roherz lassen sich nur etwa 0,5 bis 1,5 Prozent Seltene Erden gewinnen. Doch neue Recyclingverfahren für Batterien von Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen zeigen zunehmend vielversprechende Ergebnisse. Dabei bietet das Recycling größeren Komponenten einen deutlichen Vorteil gegenüber dem traditionellen Bergbau: Da die Materialien bereits veredelt wurden, können sie eine viel höhere Konzentration von 25 bis 30 Prozent nutzbarer Seltener Erden liefern.
Etwa acht Prozent des weltweiten CO2-Fußabdrucks entfallen auf die globale Metall- und Bergbauindustrie. Das Recycling von Seltenen Erden aus Altprodukten bedeutet daher nicht nur, wertvolle Materialien aus Deponien zurückzugewinnen, sondern auch Ressourcen zu schonen. Wenn wir vom traditionellen Bergbau auf diese „städtischen Minen“ umsteigen, könnte die Industrie den Wasserverbrauch um bis zu 95 Prozent senken und die CO2-Emissionen um 61 Prozent reduzieren.
Seltene-Erden-Recycling in „Teenagerphase“
Heute konzentriert sich die weltweite Produktion von Seltenen Erden nach wie vor stark auf China. Laut Buchert hält das Land ein mehr oder weniger vollständiges Monopol und wird im Jahr 2023 69 Prozent der Bergbauproduktion sowie 90 Prozent der Verarbeitung ausmachen. Diese Konzentration macht den globalen Markt anfällig. Erst im April und Oktober 2025 führte China strenge neue Exportkontrollen für bestimmte schwere Seltene Erden und Magnettechnologien ein und berief sich dabei angesichts der Zölle von Trump auf nationale Sicherheitsinteressen.
Die westliche Welt versucht nun, aufzuholen. Allerdings stecke die REE-Recyclingbranche nach wie vor in ihrer „Teenagerphase“, so Buchert. Zwar habe es in den letzten Jahren einige Forschungs- und Entwicklungsprojekte gegeben, wie zum Beispiel das Projekt REECover, über das wir auf RESET berichtet haben. Die Branche habe aber noch nicht, zumindest im Westen, die Reife erreicht, die in Sektoren wie dem Aluminiumrecycling zu beobachten ist.
„In Europa und Nordamerika stehen wir noch am Anfang des Recyclings. In den nächsten fünf Jahren gibt es ein enormes Potenzial, unabhängiger von Drittländern zu werden“, erklärt Matthias Buchert vom Öko-Institut gegenüber RESET. Er forscht seit 15 Jahren zum Recycling von Seltenen Erden. Dieser Wandel wird politisch unterstützt. Der EU-Gesetzentwurf zu kritischen Rohstoffen (CRMA) erwähnt Permanentmagnete mehrfach und erkennt an, dass die Sicherung dieser Materialien eine strategische Frage ist.
Das REE-Recycling kommt – endlich – in Schwung
Erste Projekte im industriellen Maßstab sind erfolgreich. Buchert zeigte sich zum Beispiel zuversichtlich hinsichtlich des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) geförderten Forschungsprojekts ReDriveS. Es konzentriert sich auf digitalisierte Kreislaufwirtschaftslösungen für elektrische Antriebe und geht nun in die Umsetzungsphase. Um Motoren von Anfang an leichter recycelbar zu machen, werden in dem Projekt digitale Zwillinge und automatisierte Demontage genutzt.
Auch der kommerzielle Fortschritt beschleunigt sich. Am 15. Januar 2026 weihte HyProMag, gegründet von weltweiten Expert:innen auf dem Gebiet der Seltene-Erden-Magnetmaterialien, in Birmingham die erste kommerzielle Anlage zur Wiederaufbereitung und Herstellung von Seltenerdmagneten in Großbritannien ein. Die Anlage nutzt die HPMS-Technologie (Hydrogen Processing of Magnet Scrap), um bis zu 300 Tonnen NdFeB-Magnetblöcke pro Jahr zu produzieren.
Dieses Projekt stellt die erste kommerzielle Produktion von Seltene-Erden-Magneten in Großbritannien seit 25 Jahren dar. Ein echter Beweis dafür, dass die westliche Welt beginnt, das Recycling von Seltenen Erden ernst zu nehmen. Nach diesem Erfolg gibt es laut Buchert Pläne, eine zweite Anlage in Deutschland und möglicherweise in Kanada zu errichten.
Auch Projekte wie der 82 Millionen Dollar teure Recycling-Campus von Cyclic Materials in South Carolina sind ein Beleg für diese Dynamik. Das Unternehmen strebt an, jährlich 600 Tonnen recycelte gemischte Seltenerdoxide zu produzieren. Das Unternehmen verzichtet dabei auf traditionelle „Zerkleinerungs- und Sortier“-Methoden, bei denen wertvolle Seltenerdpulver oft im entstehenden Staub verloren gehen. Stattdessen wendet die Anlage ein zweistufiges hydrometallurgisches Verfahren an. Dabei werden zunächst Magnete aus komplexen Baugruppen wie E-Motoren, Windturbinen und MRT-Geräten isoliert, bevor das zurückgewonnene Material zu hochreinen gemischten Seltenerdoxiden (rMREO) veredelt wird.

Werden auch unsere Smartphones zu Seltene-Erden-Minen?
Das Recycling von Seltenen Erden aus ausgedienten Elektronikprodukten ist nach wie vor „fast unmöglich“, so Matthias Buchert, Forscher am Öko-Institut. Dies betrifft ganz besonders unsere kleinen Alltagsbegleiter. Seltene Erden sind beispielsweise in den Magneten unserer Smartphones versteckt. Da sie vom Klang der Lautsprecher über die Vibration bei Benachrichtigungen bis hin zum Autofokus der Kamera alles steuern, sind sie für die 5,3 Milliarden Mobilgeräte, die derzeit weltweit im Einsatz sind, unverzichtbar.
Millionen Geräte werden jährlich als Elektroschrott entsorgt und nicht recycelt, da „Seltene Erden winzig sind und in Dutzenden anderer Elemente eingebettet sind“, wie Buchert erklärt. Das Recycling dieser winzigen Teile sei äußerst knifflig, weil man zum Beispiel die Magnete von den Motoren trennen müsse. Außerdem gebe es unterschiedliche Verfahren zur Aufbereitung der Magnete, wie kurze und lange Kreisläufe.
Diese Komplexität ist der Hauptgrund dafür, dass heute weniger als ein Prozent der Seltenen Erden recycelt wird.
Das System ist in der Lage, neben Seltenen Erden auch Kupfer, Aluminium und Nickel zurückzugewinnen, was die Anlage zu einer hocheffizienten „urbanen Mine“ macht. Und dank der immer strengeren ESG-Vorschriften von 2026 stellt das Unternehmen sicher, dass seine Produkte mit digitalen Produktpässen vollständig rückverfolgbar sind.
Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass es möglich zu sein scheint, die grüne Infrastruktur auszubauen, ohne Kosten wie Umweltzerstörung oder globale Instabilität in Kauf nehmen zu müssen.


