Wir alle sind Müllbewohner

In ihrem äußerst erhellenden Vortrag "Dem Konsumismus trotzen! - Das Abseits als wirtlicher Ort" anläßlich der Herbsttagung 2012 der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft stellt Prof. Dr. Marianne Gronemeyer uns als Bewohner einer Welt aus Müll heraus, denn wir "wohnen inmitten von Dingen, Ideen, Erfahrungen und Fähigkeiten, die kaum, dass das Licht der Welt sie gesehen hat, schon zum alten Eisen gehören." Neben ihrer Konsumkritik macht sie Mut und zeigt Wege aus dem Müll.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 22.01.13

„Wollte man die moderne industrielle Gesellschaft auf einen Begriff bringen, dann könnte man sie als müllgenerierende Gesellschaft bezeichnen“, so Gronemeyers radikales Definition. Müll steht für sie schon ganz am Anfang jeder Konsumkette. Sie nimmt nicht diese Gegenstände in den Fokus, die wir gemeinhin als Müll verstehen, also nutzlos Gewordenes, liegen Gelassenes, unsere Landschaften und Meere verschmutzende Überbleibsel unseres Warenkonsums, sondern auch all jene Produkte, die mit ihrer „Neuheit“ in Regalen locken. „Man kann von nahezu allen Industrieprodukten, die fabriziert werden unter der Vorgabe, dass Ware und Wachstum sein müssen, sagen, dass ihr eigentlicher Daseinszweck darin besteht, Müll zu sein. Sie werden hergestellt, so fordert es die Wachstumslogik, nicht um ihrer Brauchbarkeit und Tauglichkeit willen, sondern um ihrer möglichst schnellen Unbrauchbarkeit und Untauglichkeit willen. Die Tatsache, dass immer weniger Industrieprodukte überhaupt noch reparabel sind, liefert für diesen geheimen Daseinszweck einen offenkundigen Beweis.“ Innerhalb dieser Wachstumslogik sieht das Neueste sieht ziemlich schnell alt aus: „Wenn der Wert eines beliebigen Gegenstands darin besteht, brandneu zu sein, der letzte Schrei, die Überbietung alles bisher Dagewesenen, dann ist er in demselben Moment, in dem er auf den Plan tritt, bereits im freien Wertverfall begriffen, denn er ist ja nur die Vorstufe des neueren Neuesten, das ihm folgt, er trägt den Makel des Überholten und Defizienten bereits in sich, bevor er zum Zuge kommen kann.“

Wenn doch nun der Müll wenigstens genauso vergänglich wäre wie die Waren an sich. Ist er aber leider nicht: „Nun ist aber gerade Haltbarkeit, die Fähigkeit, zu überdauern und hartnäckig der Zersetzung und der Wiedereingliederung in die Naturkreisläufe zu widerstehen, eine hervorstechende Eigenschaft des Mülls.“ Ausgerechnet diese Haltbarkeit steht in starkem Widerspruch zu der Schnelllebigkeit der Produkte und wird zum Problem für unsere Umwelt.

Als Konsequenz schlägt Marianne Gronemeyer den Ausstieg als einzigen Ausweg aus dieser Miesere vor. Ein jeder ist zum Auf-Hören – im doppelten Wortsinne – aufgerufen, sich zu entziehen und verweigern sowie gleichzeitig Freiräume – sie benutzt den Begriff „Abseitse“ – zu schaffen. „Und was würden wir zu hören kriegen, wenn wir auf den Müll hören? Wir würden hören, dass Müll nicht sättigt, nicht nährt und nicht zufriedenstellt. Auf diese deprimierende Botschaft gibt es zwei mögliche Reaktionen. Die eine ist die sattsam bekannte. Wenn das, was die Industriegesellschaft als ihren Reichtum hervorbringt, ein Fehlschlag ist, dann muss man eben die Produkte verbessern, optimieren und raffinieren, also Besseres vom Gleichen produzieren, nach dem Grundsatz: „Wir irren uns empor“. Die andere ist radikal: Wenn das, was die Industriegesellschaft produziert, Müll ist, dann ist es der Mühe nicht wert; dann kann man es nicht brauchen, man braucht es aber dann auch nicht mehr. Der Müll wird entzaubert und diese Entzauberung entlässt uns in eine unerhörte Freiheit, die Freiheit, etwas nicht zu gebrauchen.“

Wird der Schritt aus der Konsumgesellschaft gewagt, werden Kooperation und Teilen existenznotwendig. Mit diesen Gedanken steht sie nicht allen da sondern wird zur Fürsprecherin einer Bewegung, die sich unter den Stichworten Ko-Konsum bzw. Collaborative Consumption, DIY und Open Source finden lässt.

Ihr kluger Vortrag ist in seiner vollen Länge äußerst lesenswert und entlässt uns mit weiteren Ideen und Tipps für ein Leben außerhalb des Mülls.
 

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