Google-KI hilft beim Schutz von Wildtieren – und wirft ethische Fragen auf

Ein neues Tool von Google setzt KI dafür ein, mehr Wissen über Wildtiere zu sammeln, um das weltweite Artensterben aufzuhalten. Aber das Projekt, das Fotos aus Kamerafallen analysiert, wirft auch ethische Fragen auf.

Autor Ciannait Khan:

Übersetzung Ciannait Khan, 02.06.20

Wildlife Insights beschreibt seine Mission selbst als „Rettung der Biodiversität mit Technik und KI“. Die Grundidee ist ziemlich einfach: Forschende aus aller Welt können Fotos ihrer Kamerafallen hochladen, um sie dann von der KI-basierten Anwendung analysieren zu lassen. Die KI identifiziert die auf den Fotos abgebildeten Tierarten. Kamerafallen sammeln routinemäßig Zehntausende von Bildern; wie drastisch die KI-Anwendung den Forschungsprozess beschleunigen könnte ist also leicht vorstellbar. Zudem können Naturschützende viel mehr darüber erfahren, welche Tiere in bestimmten Gebieten leben, und auch ihre Bewegungen leichter verfolgen. Auf die Daten kann von überall und über jedes Gerät zugegriffen werden, auch bei der Feldforschung. Über die Plattform sind sie für jeden zugänglich, und potenziell können sie auch genutzt werden, um die Politik zu beeinflussen und Entscheidungsträger*innen zu ermutigen, zum Wohle der Tierwelt zu handeln.

Der Einsatz von Kamerafallen ist nicht neu: Forschende setzen sie seit Jahrzehnten ein, um Wildtiere zu beobachten und die Populationen zu überwachen. Davor hatten Wissenschaftler*innen, die mehr über Tierarten erfahren wollten, kaum eine andere Wahl, als sich aus nächster Nähe mit ihnen zu beschäftigen – sei es, dass sie à la Jane Goodall mit Tieren zusammenlebten, sei es, dass sie auf schwerfällige Fallen zurückgriffen. Die Nachteile solcher invasiver Methoden liegen auf der Hand: Die Anwesenheit von Menschen wirkt sich auf das Verhalten der Tiere aus und verzerrt die Forschung, gleichzeitig kann sie auch nachteilige Auswirkungen auf die Tiere haben, die die Forschenden eigentlich schützen wollen. Hinzu kommt, dass diesen Methoden Grenzen gesetzt sind – die Beobachtung nachtaktiver Tiere zum Beispiel ist eine große Herausforderung.

Die Kameratechnik hingegen hat sich enorm weiterentwickelt. Kameras, die speziell für die Erfassung von Wildtieren konstruiert wurden, sind in den letzten 20 Jahren immer besser geworden. Heutzutage werden kleine Kamerafallen, die durch einen Bewegungssensor ausgelöst werden, diskret an Bäumen befestigt oder in speziell angefertigten animatronischen Tieren (künstlichen Tieren) werden Tarnkameras eingebaut.

Natürlich verlaufen auch auf diese Weise die Dreharbeiten nicht immer reibungslos. Neugierige oder argwöhnische Tiere zerstören die Geräte regelmäßig, was die Hersteller dazu veranlasst, immer robustere Modelle zu bauen. Aber es gibt noch andere Risiken: Die Installation dieser Systeme kann unvorhergesehene Folgen für Menschen haben.

Die Kamerafallen der Tierforscher*innen sollen ökologisches Wissen sammeln und gefährdete Arten schützen – doch „menschlicher Beifang“ ist weit verbreitet. Und nicht jeder ist glücklich darüber, von der Kamera eingefangen zu werden – sei es, weil tatsächlich Regeln gebrochen werden oder sich jemand in seiner Privatsphäre verletzt fühlt.

Manche mag es nicht stören, bei einem Waldspaziergang von einer Kamerafalle eingefangen zu werden, aber in einigen Fällen können die stillen Zeugen höchst problematisch sein, nämlich dann, wenn zum Beispiel sexuelle Begegnungen von Politiker*innen oder das Privatleben indigener Gruppen in Bildern festgehalten werden. Dazu kommt noch das Problem der Wilderei. Auch Wilderer haben wenig Interesse an einer Kameraüberwachung. Mit einer Häufigkeit, die darauf hindeutet, dass etwas tiefergreifendes im Gange ist als zufällige Akte des Vandalismus, werden daher viele dieser Kameras zerstört.

Die ethischen Bedenken der Kameraüberwachung

Chris Sandbrook, Dozent für Geographie in Cambridge, beschäftigt sich mit Fragen der Kamera-Überwachung. Im Laufe der Jahre hat er von Kolleg*innen vor Ort viele bedenkliche Geschichten gehört, unter anderem über Kamerafallen, die von lokalen Behörden als eine Form der sozialen Kontrolle eingesetzt werden. „Diese Geräte können wirklich spannend und sinnvoll eingesetzt werden. Ich würde nie wollen, dass sie alle verboten werden oder so etwas“, sagt Sandbrook gegenüber RESET. Aber, fügt er hinzu, sie haben auch ethische Implikationen, die berücksichtigt werden müssen.

Sandbrook und seine Kolleg*innen haben an einer Reihe von Richtlinien für den angemessenen Einsatz von Überwachungstechnologie im Naturschutz gearbeitet, von denen er hofft, dass sie die Nutzer*innen der Kamerafallen zu größerer Vorsicht und zur Achtung der Menschenrechte ermutigen.

Sandbrook räumt ein, dass das „Wildlife Insights“-Projekt auf den ersten Blick einen unschätzbaren Dienst für Forschende darstellt. Wildlife Insights verwendet eine sich schnell entwickelnde KI, die Fotos massenhaft durchsortieren und dabei lernen kann. Die manuelle Beschriftung dieser Fotos ist eine langsame und mühsame Aufgabe: Während ein Experte in der Lage ist, vielleicht 1.000 Fotos an einem Tag zu sichten und zu beschriften, schafft die KI von Wildlife Insights 30.000 Fotos – und die Entwickler*innen hoffen, diese Zahl weiter auf 100.000 steigern zu können. „Wir sind heutzutage mit einer so überwältigenden Datenlast konfrontiert“, sagt Tim O’Brien, Mitglied des Wildlife Insights-Teams, der ebenfalls seit 30 Jahren mit der Wildlife Conservation Society zusammenarbeitet. „Allein vom Standpunkt der Datenverarbeitung aus gesehen, ist das fantastisch.“

O’Brien erinnert sich an eine Zeit, bevor Kamerafallen weit verbreitet waren, und er weiß noch, wie aufregend es war, deren wachsendes Potenzial in den späten 1990er Jahren zu entdecken. Wildlife Insights könnte sicherlich vielen Naturschützenden das Leben erleichtern und ihnen Wissen vermitteln, das sonst unter Umständen nicht ans Tageslicht kommen würde. Doch ein großer Teil des maschinellen Lernens wird von Google erstellt – und das Unternehmen hat auch Zugang zu den Bildern. O’Brien erklärt: „Wir haben die interne Politik, Bilder von Menschen nicht zu teilen oder zu posten.“ Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht als Teil großer Serien hochgeladen werden könnten, und O’Brien ist sich nicht sicher, was mit diesen „menschlichen Beifängen“ geschieht.

„Ich nehme an, das ist wahrscheinlich meine grundsätzliche Sorge … welche Art von Einsichten Google aus den Daten ziehen könnte“, sagt Sandbrook. „Das Unternehmen hat nicht den besten Ruf, wenn es darum geht, die Daten von Menschen zu verwalten und sie für Dinge zu nutzen, die vielleicht nicht dem entsprechen, wofür sie erhoben worden sind.“

Es besteht also kaum Zweifel daran, dass die Technologie eine weitere KI-Anwendung ist, die sich als hilfreich beim Schutz gefährdeter Arten und wertvoller natürlicher Ökosysteme erweisen kann. Die Anwendung bringt aber auch die Risiken unseres digitalen Zeitalters mit sich, von der Überwachung bis hin zur Erfassung riesiger Datenmengen. „Ich denke, diese Gedanken des allsehenden Auges werfen eine ziemlich wichtige ethische Frage auf“, sagt Sandbrook. „Ich hoffe, dass das Google-Team sie durchdacht und einige Pläne hat.“

Gleichzeitig ist es wichtig, die Verantwortung nicht den Entwickler*innen und Unternehmen allein zu überlassen, sondern die potenziell sensiblen Daten mit klaren Vorgaben zu Datenschutz- und Menschenrechten besser zu schützen. Dies kann nur ein klarer politischer Rahmen bieten.

Wie kann KI im Umwelt- und Klimaschutz wirkungsvoll eingesetzt werden? Welche spannenden Projekte gibt es? Was sind die sozial-ökologischen Risiken der Technologie und wie sehen Löungen aus? Antworten und konkrete Handlungsempfehlungen geben wir in unserem Greenbook(1) „KI und Nachhaltigkeit – Können wir mit Rechenleistung den Planeten retten?“.

Dieser Artikel isteine Übersetzung von Sarah-Indra Jungblut. Das Original erschien zuerst auf unserer englischsprachigen Seite.

Dieser Artikel ist Teil des Dosssiers „Künstliche Intelligenz – Können wir mit Rechenleistung unseren Planeten retten?“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier KI

Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen.


Mehr Informationen hier.

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