Wie weit reicht die Verantwortung der Verbraucher?

© Uta Mühleis

In der letzten Woche ging es hier um Medien und CSR – in dieser Woche dreht sich die Perspektive und wir schauen auf Konsumenten und VerbraucherInnen.

Autor*in RESET , 30.05.10

Das Ölleck quillt weiter, die Kollateralschäden der Tiefseeölbohrung sind nun auch an der Küste von Louisiana zu verzeichnen und in dieser Woche wurde klar, dass BPs Krisenmanagement versagt hat. Die Tragödie im Golf von Mexiko wird bereits mit dem Katrina-Desaster verglichen; die Obama-Administration gerät unter Druck.

Während wir uns auf zahlreichen Internetseiten die schmutzigen, gefährlichen und rasanten Entwicklungen am Golf von Mexiko vor Augen halten können, setzen Erklärungs- und Interpretationsversuche ein: Was bedeutet die aktuelle Katastrophe für die (Um-)welt – Natur, Mensch und Konsument? Läutet das Sinken der Ölplattform Deepwater Horizon etwa das Ende der Ära fossiler Energieträger ein? Oder wird die nächste Naturkatastrophe bald Deutungshoheit übernehmen und den prominenten Rang des Medienereignisses ablösen – die kurze Aufmerksamkeitsspanne von Nachrichtenkonsumenten und Medien ausnutzend?

Im ZEIT-Interview äußert sich Ökonom und Philosoph Birger Priddat Priddat: Öl-Pest – »Erst einmal nur Aufregung«

Bislang ist der Boykott in erster Linie ein Ansinnen von Politikern. Das allein bedeutet noch gar nichts. Es müsste zu einer Reaktion der Verbraucher kommen. Die Konsumenten müssten sich vernetzen; Millionen Käufer müssten im Internet aufgeregt diskutieren; die Ölkatastrophe müsste in Blogs ungeheuer stark thematisiert werden. Dass dies alles noch kaum stattfindet, ist ein Indikator dafür, dass die Konsumenten gar nicht mitziehen.

Und gelangt zu dem Fazit:

Der kognitive Aufwand, über die Konsequenzen des eigenen Konsums nachzudenken, scheitert an der Bequemlichkeit.

Sind wir VerbraucherInnen also zu bequem, um unsere Konsumentenmacht zu organisieren?

Gleichwohl räumt der Ökonom auch ein, dass die Auswirkungen eines Boykotts auf den Großkonzern sehr begrenzt und entsprechend wenig sendungsstark wären – käme es zu einem umfangreichen Boykott. Allerdings wäre dies ein Symptom für ein längerfristiges Umschwenken des Konsumverhaltens und hin zu ethischeren Märkten.

Der Schuldige wird dann aber im Rahmen des Interviews auf Seiten der USA, deren und den in diesem Fall versagten minimalen politischen Regulierungsstrukturen gesehen – der deutsche Konsument sei nicht die richtige Aktionsadresse.

Das Interview endet mit der positiven Note der Möglichkeit einer sozialen Bewegung, die sich konstruktiver mit der Gesamtsituation an den Märkten auseinandersetze, als der jetzige Aktionismus in Reaktion auf die Katastrophe.

Eine ganz andere Situation gibt es momentan von Foxconn zu berichten: Der weltweit größte Elektronikhersteller mit Sitz in Taiwan geriet in die Medien weil eine Selbstmordserie die Belegschaft erschüttert. Seit Anfang des Jahres haben 10 (teilweise werden 11 berichtet) MitarbeiterInnen Suizid begangen, mehrere weitere ArbeiterInnen wagten den Versuch, wurden rechtzeitig behandelt und konnten so ‚gerettet‘ werden.

Foxconn produziert für alle großen Elektronikunternehmen. Amazon, Apple, Dell, Sony, Intel, HP, Microsoft, Nintendo – die großen Namen der Branche profitieren von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen des taiwanischen Herstellers: Golem – 12-Stunden-Schichten und Sprechverbot

„Die Atmosphäre am Arbeitsplatz ist eng und bedrückend, über 12 Stunden ist es uns nicht erlaubt, miteinander zu sprechen, sonst wirst du vom Vorarbeiter getadelt. Sie gewähren uns nur 30 Minuten für das Mittagessen und wir dürfen nicht länger als zehn Minuten zur Toilette gehen“, so die Arbeiterin.

Das Äquivalent zu 240 Euro im Monat verdiene die interviewte Arbeiterin, das entspricht 2.880 Euro im Jahr. Zum Vergleich die angepassten Einkommenswerte aus dem Jahr 2007 für:

* Deutschland: 32.343 US$
* Taiwan: 28.892 US$
* China: 5.106 US$.

Ein wenig Bevölkerungsstatistik

Um das Ausmaß der „Selbstmordwelle“ bei Foxconn einschätzen zu können, ist es hilfreich sich die „normale“ Selbstmordstatistik anzuschauen.

Suizidraten:

* Deutschland 2006: 11.9 pro 100.000 EinwohnerInnen = 9.765 Suizide insgesamt (im Jahr 2000: 13.5 pro 100.000 EinwohnerInnen) (Quelle: WHO [PDF])

Für Taiwan hält die WHO keine Daten bereit, zum Vergleich daher die Suizidraten, die aus China berichtet werden:

*China – Hong Kong 2006: 15.2 pro 100.000 EinwohnerInnen – 1.042 Suizide insgesamt
*China – Hong Kong 1999: 13.2 pro 100.000 EinwohnerInnen (Quelle: WHO [PDF])

* China – mainland, selected rural areas 1999: 22.5 pro 100.000 EinwohnerInnen = 12.455 Suizide insgesamt (Quelle: WHO [PDF])
* China – mainland, selected urban areas 1999: 6.7 pro 100.000 EinwohnerInnen = 4.381 Suizide insgesamt (Quelle: WHO [PDF])

Vergleicht man dieses Bild mit der Beschäftigtenzahl, die von Foxconn bekannt ist, ergibt sich folgendes Bild (unberücksichtigt bleiben die Faktoren Alter und Geschlecht): Statistisch “normale” Suizidrate in

* Deutschland: ca. 12 pro 100.000 EinwohnerInnen und Jahr
* China: ca. 7 – 23 Selbstmorde pro 100.000 EinwohnerInnen und Jahr, je nach Region

Foxconn hat 700.000 Beschäftigte, das entspricht in etwa der Bevölkerungsstärke von Frankfurt am Main. Rechnet man konservativ mit den 7 Selbstmorden pro 100.000 EinwohnerInnen und Jahr, die sich in Chinas urbanen Regionen ereignen, sagt uns die Statistik – ungeachtet von Alter und Geschlecht –, dass für Foxconn etwa 50 Selbstmorde pro Jahr in der Belegschaft “normal” wären – dies entspräche der Bevölkerungsstatistik für urbane Populationen in China (1999). Die plötzliche Häufung von Suiziden im ersten Halbjahr 2010 lässt sich so nicht erklären – aber es ist hilfreich, die Zahlen, die hier herumgereicht werden, zunächst mal einzuordnen.

Diese Situation ist nun weder wünschenswert, noch erklärt, entschuldigt oder beschönigt es die Situation der Beschäftigten, die uns Heimelektronik zu günstigen Preisen bescheren.

Die genannte Arbeiterin (im o.g. Golem-Artikel bzw. dem Report in der South China Morning Post) verdient bei Foxconn also in etwa ein Zehntel des Jahresdurchschnittseinkommens. Ist das unzumutbar, ein Verstoß gegen Menschenrechte gar?

Inwieweit sind VerbraucherInnen nun aufgefordert, auf diese Situation zu reagieren? Nachdem die Berichte über eine gesteigerte Suizidrate seit Anfang des Jahres 2010 in den Medien diskutiert werden – wo liegt unsere Verbraucherverantwortung? Können wir uns in Zeiten des globalen Wirtschaftens überhaupt als Konsumenten verantwortungsvoll verhalten? Werden es die Märkte richten oder muss ein Boykott der Großhersteller her? Wie realistisch ist so eine Konsumentenreaktion und was kann getan werden, um die Situation der Arbeitskräfte vor Ort zu verbessern – nicht nur in Taiwan sondern auch in anderen, sich entwickelnden Produktionsländern?

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