Ein Morgen Anfang Oktober 2025: Zwei Tourist:innen machten sich auf den Weg zur Sully Island, einer kleinen Insel wenige hundert Meter vor der Küste von Südwales. Bei Ebbe ist Sully Island gut zu Fuß erreichbar. Bei Flut trennt das Meer die Insel allerdings vom Festland, sodass eine Überquerung zu Fuß unmöglich wird. Die Tourist:innen hatten sich auf ihren Spaziergang vorbereitet, indem sie ChatGPT nach den örtlichen Gezeiten befragt hatten. Als sie allerdings versuchten, zum Festland zurückzukommen, stellten sie fest, dass die Flut viel schneller zurückkam als erwartet. Einheimische riefen ein Rettungsboot, das die beiden in Sicherheit brachte. Die Falschinformationen, die sie allerdings von ChatGPT erhielten, hätten ihnen fast das Leben gekostet.
Das ist ein sehr konkretes Beispiel für die Gefahr, die mit der Verwendung von Sprachmodellen (LLMs) anstelle von Suchmaschinen, einer unabhängigen Recherche oder dem Fragen von Locals einhergeht. LLMs zu vertrauen bringt allerdings noch eine Reihe weiterer Probleme mit sich. Diese sind zwar nicht unmittelbar lebensbedrohlich, sie haben aber enorme Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.
So verbrauchen Sprachmodelle Schätzungen zufolge rund zehnmal so viel Energie wie eine normale Internetsuche. Dieser hohe Energieverbrauch treibt aktuell den Bedarf an riesigen Rechenzentren voran. Und diese Rechenzentren stoßen riesige Mengen an Kohlenstoff aus und konkurrieren mancherorts mit den Strom- und Wasserressourcen der lokalen Bevölkerung.
Wer dagegen herkömmliche Suchmaschinen – vor allem auch ohne KI-Übersichten – wählt, trägt dazu bei, die Auswirkungen von Rechenzentren zu minimieren. Angesichts der Vielzahl an Suchmaschinen kann es allerdings wirklich schwer sein, eine zu finden, die deine Daten schützt, Klimaansprüche erfüllt und gleichzeitig die gewünschten Informationen liefert.
Wie der KI-Hype die Internetsuche verändert hat
Seit 2025 verarbeitet Google jährlich sage und schreibe fünf Billionen Suchanfragen. Da jede Suche schätzungsweise 0,1 bis 0,2 Gramm CO2 verursacht, war die Gesamtmenge an Kohlenstoff, die durch die Suche nach Netzinformationen verursacht wurde, schon vor dem KI-Hype erschreckend hoch. Heute wenden sich immer mehr Nutzer:innen für ihre Suchinteressen an Sprachmodelle anstelle der herkömmlichen Suche. Eine Studie aus dem Jahr 2025 ergab, dass etwa ein Drittel der Befragten Suchmaschinen im nächsten Jahr durch KI-Tools ersetzen will. Und selbst bei traditionellen Suchmaschinen sind KI-Übersichten mittlerweise Standard. Energieintensive Suchvorgänge lassen sich daher kaum noch vermeiden.
Der Hype um die „KI“ hat zu einem großen Welltlauf um Relevanz geführt. Und der hat verheerende Folgen. Elon Musks Unternehmen xAI wollte seine Rechenzentren zum Beispiel so schnell in Betrieb nehmen, dass er auf extrem smogverursachende Erdgas-Generatoren gesetzt hat. In Europa verfügt das „Invest AI“-Programm der EU über ein Budget von 200 Milliarden Euro, um „Europa zu einem KI-Kontinent zu machen“, indem fünf KI-Gigafactories entstehen. Die gemeinnützige Organisation Beyond Fossil Fuels erklärte gegenüber RESET, dass „[Big Tech] aktiv die Integration generativer KI in allen Lebensbereichen – öffentlich und privat, persönlich und beruflich – fördert. Ohne Rücksicht darauf, ob wir die dahinterstehende Infrastruktur aufrechterhalten können oder ob diese Art von KI in all diesen Bereichen wirklich benötigt wird“. Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland ruft daher nach einer Abwägung nach dem Verhältnismäßigkeitsprinzip für die Einführung neuer KI-Technologien auf.
Das Hinzufügen von KI-Übersichten zu jeder Google-Suche ist ein perfekts Beispiel für eine inflationäre Integration von KI-Funktionen. Und zwar ohne zu hinterfragen, ob sie für Nutzer:innen hilfreich sind oder nicht. Stattdessen lassen sich Suchmaschienn von der „FOMO“ leiten: Der Angst, die Gewinne von Nutzenden zu verpassen, die bei ihrer Suche KI-Übersichten erwarten.
Selbst die selbst ernannte „grüne Suchmaschine“ Ecosia hat sich vom KI-Hype mitreißen lassen. Sie haben ihr Suchmaschine um eine Funktion erweitert, die sie als „die grünste KI der Welt“ bezeichnen und die natürlich automatisch aktiviert wird. Wie der Klimaautor Ketan Joshi feststellt: „Scheint es wirklich so, als wollten sie die Auszeichnung „grüne KI“ erhalten, ohne eine einzige konkrete Zahl [zum Energieverbrauch oder zu den Emissionen] offenlegen zu müssen.“ Bei dem Versuch, ein umweltfreundliches KI-Modell zu entwickeln, scheint Ecosia die naheliegendste Option übersehen zu haben: Die umweltfreundlichste KI-Funktion der Welt wäre gar keine!
Ecosia und Qwant wollen zusammen einen europäischen Suchindex aufbauen
Sich auf US-Suchindizes zu verlassen, ist ein geopolitisches Risiko. Sollte dieser Zugang jemals gesperrt werden, würden Nutzer:innen außerhalb der USA ihren digitalen Kompass verlieren und plötzlich gezwungen sein, Informationen ohne die Werkzeuge zu finden, die das moderne Internet ausmachen. Um diesem „Walled Garden” entgegenzuwirken, haben sich die Suchmaschinen Ecosia und Qwant im Jahr 2024 zusammengeschlossen, um einen europäischen Suchindex aufzubauen. Das Ergebnis, European Search Perspective (EUSP) genannt, soll bis Ende 2025 50 Prozent der französischen Nutzenden und 33 Prozent der deutschen Nutzenden bedienen. Die EUSP verkauft ihren günstigeren, auf Datenschutz ausgerichteten Suchindex auch an KI-Unternehmen, Chatbots und Suchmaschinen, die Nutzer:innen genaue Suchergebnisse bieten möchten, ohne sich auf Big Tech zu verlassen.
Ecosia und Qwant erklären ihre Beweggründe für die Entwicklung der EUSP wie folgt: „Ein Großteil der Such-, Cloud- und KI-Ebenen in Europa basiert auf amerikanischen Big-Tech-Stacks, wodurch ganze Sektoren – vom Journalismus bis zur Klimatechnologie – politischen oder kommerziellen Agenden ausgeliefert sind.“
So wählst du eine nachhaltige Suchmaschine aus
Wie kannst du also den Greenwashing- und KI-Hype durchschauen und die richtige Suchmaschine finden? Hier sind die entscheidenden Fragen, die du dir dabei stellen solltest:
- Welchen Suchindex verwendet die Suchmaschine? Alle Suchmaschinen beantworten Ihre Suchanfragen, indem sie auf einen umfangreichen Pool von Informationsquellen zurückgreifen. Und der wird als „Suchindex“ bezeichnet. Viele kleinere Suchmaschinen nutzen den Suchindex von Google oder Bing, um ihre eigenen Plattformen zu betreiben. Einige andere nutzen ihren eigenen Suchindex.
- Welche Auswirkungen hat die Suchmaschine auf die Umwelt? Welche Rechenzentren verwenden die Betreiber:innen und wie werden sie mit Strom versorgt? Ausreichende Transparenz – im Gegensatz zu undurchsichtigem Greenwashing – ist hier von großer Bedeutung. Auch wenn einige große Unternehmen (wie Google oder Microsoft) hochgesteckte Klimaziele nennen, solltest du dich fragen, ob sie derzeit konkrete Maßnahmen ergreifen oder lediglich planen, ihre Emissionen in Zukunft auszugleichen.
- Bezieht die Suchmaschine automatisch KI-Übersichten ein? Es ist zwar möglich, KI-Übersichten zu deaktivieren (befolge dazu diese Schritte für die Google-Suche), aber eine Plattform, die KI bewusst einsetzt, ist stets die bessere Wahl.
- Was steht in der Datenschutzerklärung der Suchmaschine? Verkauft sie deine Daten an Werbetreibende? Du kannst zwar jederzeit einen Werbeblocker verwenden, um zu verhindern, dass Anzeigen deine Suchergebnisse überladen. Es ist aber auch wichtig zu verstehen, wie eine Plattform deine Daten verwenden möchte.
Um diese Informationen zu erhalten, musst du ironischerweise zunächst eine Internetsuche durchführen. Jede Suchmaschine sollte ihre Datenschutzrichtlinien und den von ihr verwendeten Suchindex offenlegen. Was Rechenzentren und die tatsächlichen Auswirkungen auf die Umwelt angeht, so werden diese Informationen oft hinter verschlossenen Türen gehalten. Ist das der Fall, ist das ein deutliches Warnsignal. Und wenn die Klimapolitik eines Unternehmens eher weit entfernte Ziele als die derzeit ergriffenen Maßnahmen auflistet, zählt das auch als ein Signal, eher vorsichtig zu sein.
Grüne Suchmaschinen, die du kennen solltest
- Mojeek
Diese in Großbritannien ansässige Plattform verwendet keine KI-Übersichten und kritisiert Suchmaschinen, die dies tun: „Anstatt euch mit dem Internet zu verbinden, halten diese sogenannten Suchmaschinen euch [mit KI-Zusammenfassungen] davon fern“, heißt es auf ihrer Website. Darüber hinaus verwendet Mojeek einen eigenen Suchindex und betreibt ihre Plattform über das Rechenzentrum „Custodian“. Dieses verbraucht fünfmal weniger Energie als der Branchendurchschnitt. Zwar zeigt Mojeek dir bei der Suche Werbeanzeigen an – die Plattform finanziert ihr Geschäftsmodell über Werbung –, doch sie lehnt das Tracking von Nutzer:innen entschieden ab.
- Brave
Vielleicht hast du schon einmal von Brave gehört, der Suchmaschine mit Fokus auf Datenschutz. Aber wusstest du auch, dass Brave seinen eigenen Suchindex aufgebaut hat, statt sich auf Google oder Bing zu verlassen? Die Plattform verfügt zwar über KI-Übersichten und zeigt Nutzenden in der kostenlosen Version Werbung an, dafür werden deine Daten hier nicht getrackt.
- Qwant
Diese in Frankreich ansässige Suchmaschine ist dabei, in Zusammenarbeit mit Ecosia einen eigenen Suchindex aufzubauen. In der Zwischenzeit nutzt sie Bing, um ihre Suchergebnisse anzureichern. Standardmäßig speichert sie weder deine persönlichen Daten noch deinen Suchverlauf, allerdings werden dir bei der Suche KI-Übersichten angezeigt.
- GOOD
Bei so vielen kostenlosen Suchmaschinen scheint es widersprichlich, für eine Suche zu bezahlen. Aber ein kostenpflichtiges Abonnementmodell, wie es die deutsche Suchmaschine GOOD anbietet, bedeutet, dass du für nur zwei Euro im Monat nie wieder Werbung in deinen Suchergebnissen siehst. Durch den Verzicht auf Werbetracker kann GOOD zudem die CO2-Emissionen auf ein Minimum reduzieren.
- MetaGer
MetaGer ist ein weiteres kostenpflichtiges Modell mit Sitz in Deutschland, bei dem jede Suche einen Cent kostet. Die Plattform ist Open Source, gemeinnützig und umgeht Big Tech, indem sie die Suchindizes von Brave und Mojeek verwendet.
Letzer Schritt: Suchen im Internet neu lernen
Nicht nur die Umwelt leidet unter den negativen Auswirkungen von Suchmaschinen, sondern auch unser Gehirn. Im Jahr 2011 bewies eine Studie der Psychologin Betsy Sparrow von der Columbia University, dass Menschen Informationen vergessen, von denen sie glauben, dass sie leicht online zu finden sind. Sie nannte das den „Google-Effekt”. Jetzt, wo uns LLMs zur Verfügung stehen, können wir uns wie nie zuvor auf das Internet verlassen. Da Suchmaschinen motiviert sind, Nutzer:innen auf ihren Plattformen zu halten, um ihre Werbeeinnahmen zu steigern, liegt es an uns, eine achtsame Haltung einzunehmen, wenn wir das Internet nach Antworten fragen.
Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?
Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:
Für die Tourist:innen, die zu ihrem fast tödlichen Spaziergang zur Sully Island aufgebrochen sind, kam Hilfe in Form eines lokalen Restaurantbesitzers, der sie mit einem Megafon aufrief, zur Insel zurückzukehren und auf die Ankunft eines Rettungsbootes zu warten. Die von ChatGPT erfundenen Gezeitenzeiten dienen jedoch als Warnung davor, alle unsere Fragen den Big-Tech-Plattformen anzuvertrauen. Neben der Wahl einer umweltfreundlichen und ethisch einwandfreien Suchmaschine ist die Rückbesinnung auf menschliches Wissen ein wirksames Mittel, um den digitalen Fußabdruck der Suche zu verringern.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!
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