Wie kann die Mobilitätswende an Fahrt aufnehmen?

Der Verkehrssektor ist nach wie vor für enorme CO2-Emissionen verantwortlich. Eine Mobilitätswende ist dringend nötig. Was aber sind die wesentlichen Schritte und welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

Autor Sarah-Indra Jungblut, 04.01.23

Übersetzung Mark Newton:

Ob mit dem Pkw, der Bahn, dem Schiff oder Flugzeug – sobald Menschen unterwegs sind oder Dinge transportieren, verursacht das fast immer Emissionen. Der Verkehrssektor, aktuell hauptsächlich von fossilen Energieträgern angetrieben, ist der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland und trägt zu rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen bei. Alleine im Jahr 2019 waren Auto und Co. für rund 164 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich – und der Verkehr ist damit der einzige Sektor, der in den vergangenen Jahrzehnten seine Treibhausgasemissionen nicht mindern konnte.

Der Straßenverkehr macht dabei 95 Prozent der mobilitätsbedingten Emissionen in Deutschland aus, der Autoverkehr wiederum hat daran einen Anteil von rund 60 Prozent. Die Auswirkungen sind dramatisch: Die hohen CO2-Emissionen befeuern nicht nur massiv die Klimakatastrophe, sondern die nicht enden wollende Lawine aus Autos überflutet Straßen und öffentliche Räume, macht Menschen durch Lärm und Luftverschmutzung krank, zerstört Ökosysteme und verbraucht Unmengen an energieintensiven Ressourcen wie Aluminium, Stahl und Kunststoff.

Die Klimauhr tickt

Nach dem Klimaschutzgesetz müssen die Treibhausgasemissionen des Verkehrs in Deutschland bis zum Jahr 2030 auf 85 Millionen CO2 sinken – das bedeutet fast eine Halbierung der Emissionen in den nächsten sieben Jahren. Das Europäische Parlament fordert sogar eine Senkung der Treibhausgase um 60 Prozent bis 2030 und das Umweltbundesamt empfiehlt, die Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2030 um mindestens 70 Prozent zu mindern. Und von hier darf die Talfahrt der Emissionen nicht abgebremst werden: Die Emissionen müssen bis zum Jahr 2045 auf Null sinken, damit Deutschland – wie im Klimaschutzgesetz festgeschrieben – treibhausgasneutral wird.

Trotzdem ist der Verkehr weiterhin das Schlusslicht beim ohnehin nicht sehr enthusiastischen Klimaschutz der Bundesregierung. Industrie und Politik ignorieren die Notwendigkeit einer fundamentalen Mobilitätswende und fördern weiterhin genau jene Strukturen, die für den größten Teil der Verkehrsemissionen verantwortlich sind.

In der Wissenschaft herrscht allerdings weitgehender Konsens, dass die CO2-Emissionen im Verkehr nur durch eine radikale Verkehrsverlagerung gesenkt werden können – und zwar weg vom motorisierten Individualverkehr hin zum Umweltverbund aus öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV), Rad- und Fußverkehr.

Gent, Brüssel, Oslo – diese Städte gehen voraus

Die Innenstadt von Gent ist komplett autofrei. Möglich macht das ein Mix aus weitreichenden Maßnahmen: Der motorisierte Verkehr läuft über Schleifen um die Innenstadt herum, am Innenstadtrand darf für maximal 30 Minuten geparkt werden, die Parkhäuser nahe der Innenstadt kosten für 24 Stunden 30 Euro, Carsharing-Autos zahlen dagegen nichts. Kinder bis 15 haben freie Fahrt im ÖPNV, neue breite Radwege und die Fußgängerzone wurden ausgebaut. Transporte innerhalb der Stadt werden per Lastenrad erledigt. Auch wenn nicht alle von Anfang an begeistert waren, ist die Resonanz positiv: Während der Autoanteil von 55 auf 39 Prozent zurückgegangen ist, hat sich der Radverkehr fast verdoppelt. In der Genter Innenstadt kommt es zu deutlich weniger Unfällen und Staus und Vögel sind wieder zu hören.

Dort, wo Autos weichen, entsteht Platz für Fahrräder und Fußgänger*innen, wie hier in Kopenhagen.

Auch andere Städte sind aktiv geworden: In Kopenhagen werden zwei Drittel aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt und Wien verfügt nicht nur über ein gut ausgebautes Netz an Radwegen, sondern auch über einen guten Nahverkehr. Die Bewohner*innen der österreichischen Stadt sind mit dem 365-Euro-Ticket das ganze Jahr mobil, und seit Oktober 2021 landesweit mit der 1.095-Euro-Flatrate. In Tallinn und sogar in ganz Luxemburg sind öffentliche Verkehrsmittel kostenlos.

Nachdem auch Brüssel, Paris, Helsinki und Oslo vorangeprescht sind, haben sich nun einige deutsche Städte wie Köln und Halle aufgemacht, ihre Innenstädte weitgehend von Autos zu befreien. Was all diese Städte teilen: Mit der Reduzierung des Autoverkehrs sind Emissionen und Lärmbelastung massiv gesunken und die Stadtbewohner*innen entdecken Straßen und Plätze als öffentliche Räume zum Verweilen und Spielen neu.

Rahmenbedingungen und Hebel für klimaneutrale Mobilität

Bisher sind Beispiele wie diese einzelne Lichtblicke, die auf die Initiative sehr ambitionierter Entscheidungsträger*innen und Initiativen zurück gehen. Eine echte, flächendeckende Mobilitätswende ist damit allerdings noch nicht eingeleitet. Diese kann nur gelingen, wenn in einem ersten Schritt die aktuellen Rahmenbedingungen geändert werden. Insbesondere braucht es eine Reform des Verkehrsrechts und eine integrierte Verkehrsplanung in Deutschland und Europa.

Eine neue Verkehrsplanung

Im Wesentlichen sichert das aktuelle Straßenverkehrsrecht, dass der motorisierte Individualverkehr sicher und leicht fließt. Der ⁠Klimaschutz⁠ wird dabei nicht berücksichtigt. Damit die verkehrsbedingten CO2-Emissionen runtergehen muss jedoch der Klimaschutz fest verankert und Kommunen mehr Entscheidungsraum gegeben werden, wie sie eine Verkehrswende vor Ort umsetzen. Vor allem darf dem Autoverkehr künftig kein höherer Stellenwert mehr zukommen als der Sicherheit von Rad- und Fußverkehr.

Gleichzeitig bedarf es auf Bundesebene einer integrierten Planung der Verkehrsinfrastruktur, die vor allem Infrastrukturen für mehr Klimaschutz berücksichtigt. Dazu gehört auch, die Finanzierungsbedingungen für Straßen, Schienen und Wasserstraßen neu auszurichten und externen ⁠Klima⁠- und Umweltkosten den Infrastrukturnutzenden verursachergerecht anzulasten.

Daneben ist – wie am Beispiel der Stadt Gent gesehen- eine Mischung aus Maßnahmen gefragt, die einerseits den fossilen Verkehr einschränken und gleichzeitig alternative Fortbewegungsarten begünstigen – sogenannte Push-und-Pull-Maßnahmen. Dazu gehören die Elektrifizierung des Verkehrs, der Abbau klimaschädlicher Subventionen – indem zum Beispiel das Dienstwagenprivileg und die Steuervorteile des Luftverkehrs aufgehoben werden-, eine verursachergerechte CO2-Bepreisung, Geschwindigkeitsbegrenzungen, der Ausbau des Personen- und Güterverkehrs auf der Schiene, ein attraktiver ÖPNV insbesondere auch auf dem Land, komfortable und flächendeckende Radwege und die Weiterentwicklung postfossiler Kraftstoffe (vgl. Umweltbundesamt). Wichtig dabei ist, dass dort, wo der Pkw-Verkehr eingeschränkt wird, ein zuverlässiger und umweltfreundlicher Ersatz zur Verfügung steht, um Mobilitätschancen gerecht zu verteilen – und das kann nur mit einer aktiven, zukunftsgewandten Politik gelingen.

Bei der Umsetzung vieler dieser Maßnahmen könnte zudem eine der größten Transformationen unserer Zeit großen Einfluss nehmen: die digitale Transformation.

Digitalisierung kann klimaneutrale Mobilität beschleunigen

Schon heute hat die flächendeckende Verbreitung von Smartphones und mobilem Internet dafür gesorgt, dass eine Vielzahl neuer Verkehrsarten und Geschäftsmodelle im Mobilitätsbereich entstanden sind. Car- und Bikesharing, E-Scooter und -Roller, Taxiplattformen, Mitfahr- und Ridepoolingplattformen weiten das Mobilitätsangebot insbesondere in den Städten extrem aus. Und damit sich Verkehrsteilnehmer*innen auf dem zunehmend komplexer werdenden Mobilitätsmarkt zurecht finden, haben sich in den letzten Jahren parallel dazu neue Mobilitätsplattformen entwickelt. Mit der Idee von «Mobility-as-a-Service» (MaaS) bündeln Unternehmen wie Google Maps, Moovit oder Free Now Sharing-Angebote, Fahrdienste und den ÖPNV, indem die Nutzer*innen über Apps verschiedene Fortbewegungsoptionen angezeigt bekommen und anfallende Kosten direkt begleichen können. Auch viele kommunale Verkehrsunternehmen haben bereits den Bedarf erkannt und bieten mit eigenen Plattformen wie Jelbi in Berlin, Mobil in Dresden oder Switchh in Hamburg MaaS-Plattformen in öffentlicher Trägerschaft an.

Big Data Analytics, prädiktive Algorithmen und Künstliche Intelligenz könnten es zudem in Zukunft erleichtern, mit der Verknüpfung von verschiedensten Daten – Geodaten, Verkehrsdaten, Wetterdaten – und einer intelligenten Verkehrsplanung den ÖPNV oder Fuß- und Radwege besser an der tatsächlichen Nutzung auszurichten, Verkehrsflüsse zu steuern und eine multimodale Fortbewegung voranzubringen. Doch nicht nur im Personenverkehr bieten digitale Technologien neue Lösungen; auch die Logistik von morgen könnte effizienter – und im besten Fall ressourcenärmer – gestaltet werden, zum Beispiel, indem Kapazitäten durch eine intelligente Planung und Vernetzung ausgeschöpft und Routen optimiert werden.

Damit wird auch aus ökologischer Perspektive die Verknüpfung von Verkehr und Kommunikation immer wichtiger. Gleichzeitig bringen neue Lösungen auch neue Herausforderungen mit sich: E-Scooter verwandeln so manchen Gehweg in ein Hindernisparkour, Mobilitätsplattformen in privater Hand schaffen als „Amazon der Mobilität“ weitere Monopole und die Elektromobilität hat mit ihren tonnenschweren Batterien ein Umweltproblem.

In den nächsten Wochen stellen wir mit dem RESET Greenbook „Mobilitätswende – Mit digitalen Lösungen eine klimafreundliche Mobilität gestalten“ nachhaltig-digitale Lösungen vor, die das Potenzial haben, Fortbewegung und Logistik klimaneutral zu gestalten. Gleichzeitig beleuchten wir neue Herausforderungen einer Mobilität, die sich auf die Digitalisierung stützt und suchen Gestaltungsmöglichkeiten für faire Mobilitätslösungen mit kleinem CO2-Fußabdruck.

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