Die ersten warmen Frühlingstage locken viele von uns noch in die Sonne. Doch heiße Sommertemperaturen treiben uns in den Schatten. Dazu kommen mit der Klimakrise einhergehende immer höhere Rekord-Sommertemperaturen in Europa und weltweit. Insbesondere für ältere Menschen, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen sind längere Wege in der direkten Sonne ein Gesundheitsrisiko und schattige Wege werden zu einem kostbaren Gut.
Wie aber finden wir sonnengeschützte Routen? Und wie können wir darauf aufmerksam machen, wenn es diese gar nicht gibt? Das Forschungsprojekt HEAL der Universität Heidelberg hat verschiedene Menschen zusammengebracht, um genau diese Fragen zu beantworten. Aus den Ergebnissen ist eine Routing-App entstanden, die Menschen in Heidelberg und Worms auf schattigen Wegen durch die Stadt navigiert. HeiGIT wandte diesen Ansatz anschließend auf andere Städte an – und soll zudem für mehr Maßnahmen zur Klimaanpassung sorgen.
Wo ist der schattigste Weg?
Mit welchem Fußweg kann ich je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung am besten besonders aufgeheizte Orte umgehen? Für Heidelberg und Worms liefert die web-basierte shaded.ors-App seit dem Sommer 2024 genau diese Infos. So empfiehlt die Anwendung am Morgen für den Weg vom Hauptbahnhof Worms zur Rheinpromenade die Wilhelm-Leuschner-Straße und dann die Martinsgasse und Judengasse. Am Nachmittag führt dann der kühlste Weg über die Goethestraße.
Dazu identifiziert die App Hitzestress entlang einer Route und schlägt alternative Wege vor, die durch Parks und schattige Gebiete führen.
Viele verschiedene Daten führen zum Ziel
In die Berechnungen der HEAL-Apps für Heidelberg und Worms fließen aktuelle Wetter- und Sonneneinstrahlungsdaten ein. Zudem liefern sie Informationen zur Wegbeschaffenheit, Steigung und Oberfläche der jeweiligen Strecke.
Die den Apps zugrundliegende Anwendung, die am HeiGIT entwickelt wurde, sei an erster Stelle jedoch ein Analysewerkzeug zur Bewertung der Begehbarkeit bei Hitze und keine klassische Navigations-App, so Julian Psotta, Projektmanager für technische Innovationen am HeiGIT, gegenüber RESET. Sie läuft auf openrouteservice, dem quelloffenen Routing-Dienst von HeiGIT und nutzt die Karten von OpenStreetMap als Grundlage. Weitere Datenquellen, um den Schattenverlauf berechnen zu können, sind digitale Oberflächenmodelle (DOM), die die Höhe aller Objekte – wie Gebäuden und Bäumen – über dem Boden erfassen und digitale Geländemodelle (DGM), die die eigentliche Bodenoberfläche abbilden. „Aus diesen Eingabedaten wird für jeden Straßenabschnitt ein Solarindex berechnet. Der Wert gibt an, wie stark ein Abschnitt zu einem bestimmten Tages- und Monatszeitpunkt der Sonne ausgesetzt ist“, erklärt Psotta.
Die Anwendung ist theoretisch auf jede Stadt anwendbar, für die DOM-, DGM- und OSM-Daten zur Verfügung stehen. „Der Code ist Open Source und wir arbeiten daran, einerseits die Basisdaten generell zur Verfügung zu stellen, sowie das Routing selbst auch über unsere kostenlose Live-API anzubieten“, so Julian Psotta. Damit kann das Hitze-Routing als Navigation durch den Schatten auch in andere Navi-Apps auf Basis von OpenStreetMap (OSM) integriert werden. Und auch Städte können die Anwendung in eigene Dienste wie ein Masterportal oder einer Karte kühler Orte, die schattige Bereiche, Ruheplätze und Kühlinfrastruktur ausweist, integrieren. „Städte ohne eigene Daten können wir unterstützen, indem wir eine gemeinsame Methodik erarbeiten und Daten direkt aus OpenStreetMap nutzen“, so Julian Psotta.
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Aktuell ist das Routing für Fußgänger:innen ausgelegt. Aber das Team ist offen, die Anwendung auch für beispielsweise Rad- und Rollstuhlprofile weiterzuentwickeln, wenn Gruppen oder Städte einen konkreten Bedarf anmelden. Technisch sei das kein Problem, so Psotta.
Um die Maßnahme gegen Hitzestress anzugehen, hat das Projekt jedoch nicht nur auf reine Daten gesetzt. Am Anfang des Projekts standen die Erfahrungen der Bürger:innen.
In „Heat-Workshops“ Menschen zusammenbringen
Das Forschungsprojekt HEAL hat im Rahmen von „Heat-Workshops“ Senior:innen, Menschen mit Vorerkrankungen und Familien mit Kleinkindern zusammengebracht, um gemeinsam mit Seniorenclubs und Familiennetzwerken und der Stadtverwaltung Heidelberg ihre Hitzerfahrungen zu teilen. Außerdem hatten die Beteiligten die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit eigenen Worten und in ihrem Tempo in mobilen Interviews per Instant Messaging zu teilen.
„Dieses gemeinschaftlich erarbeitete Wissen brachte Herausforderungen und Bedürfnisse ans Licht, die aus Daten allein nicht sichtbar geworden wären“, berichtet Julian Psotta. Dabei sei eine zentrale Erkenntnis gewesen, „dass Menschen in stark hitzebelasteten Vierteln bereits wissen, wo das Problem liegt.“ Stadtverwaltungen hingegen würden die Probleme jedoch meistens nicht kennen.
Routing-Anwendung soll zu Klimaanpassungsmaßnahmen beitragen
Daher erfüllt die Routing-Anwendung, die aus dem Projekt hervorgegangen ist, auch eine doppelte Funktion: Einerseits ist sie eine Basis, um Menschen über kühlere Wege zu leiten. Andererseits können Bürger:innen und Gemeinschaften sie nutzen, um Orte mit hoher Hitzebelastung und Straßen ohne schattige Alternativen in ihren Vierteln sichtbar zu machen.
Werden bei der Berechnung von Routen wenige oder gar keine schattigen Wege gefunden, ist das ein klarer Beweis dafür, dass kein ausreichender Schutz für vulnerable Gruppen existiert. Die veranschaulichten Erkenntnisse können so zu einem wirkungsvolles Tool werden, um Stadtverwaltungen auf Orte hinzuweisen, in denen Investitionen in Bäume und andere Schattenspender dringend nötig sind. Damit kann die Anwendung die Grundlage für eine evidenzbasierte Klimaanpassungsplanung schaffen und als Planungsinstrument für Stadtverwaltungen dienen.


