Who Feeds the World? Marktkonzentration in der Nahrungsmittelbranche

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Die wachsende Marktmacht weniger Lebensmittelmultis ist im Nahrungsmittelsektor ein großes Thema und ein sichtbarer Trend, der von Verbraucherschützern und Menschenrechtsorganisationen mit großer Sorge beobachtet wird.

Autor Rima Hanano, 09.07.09

Denn der Gang in den Supermarkt – der Schnittstelle zwischen Konsument und Industrie – bleibt den wenigsten von uns erspart. Nahrungsmittel werden immer benötigt, neue Autos nicht. Gab es beispielsweise vor zehn Jahren noch acht große Supermarktketten mit 70 Prozent Marktanteil in Deutschland, teilen sich heute laut Schätzungen der Supermarkt-Initiative die fünf führenden Supermärkte 90 Prozent des Marktes.

Mit wachsender Marktkonzentration wird die Wahlmöglichkeit der Konsumenten zwischen den Anbietern und Herstellern von Produkten zunehmend geringer – in der Regel ohne Bewusstsein des Normal-Konsumenten. Denn während die Anzahl der Anbieter schrumpft, ist das Angebot an Produkten in den Supermärkten schier grenzenlos.

„We are the flour in your bread, the wheat in your noodles, the salt on your fries. We are the corn in your tortillas, the chocolate in your dessert, the sweetener in your soft drink. We are the oil in your salad dressing and the beef, pork or chicken you eat for dinner. We are the cotton in your clothing, the backing on your carpet and the fertilizer in your field“, heißt es in der Unternehmensbroschüre aus dem Jahr 2001 von Cargill, einem der weltweit führenden Nahrungsmittehändler.

In welche Hände begeben wir uns? – Ein Überblick

Die Marktmacht der Nahrungsmittelindustrie beschränkt sich längst nicht mehr nur auf einen einzelnen Bereich, sondern auf die gesamte Agrar-Nahrungsmittelkette. Die erstreckt sich vom Supermarkt über den Produzenten, über den Händler, zum Zulieferer der Rohstoffe bis hin zum Anbieter von Samengut und von chemischen Düngemitteln. Kleinbauern, unabhängige Fischer oder kleine Händler, die das Rückrad des Nahrungsmittelsystems bilden, werden verdrängt oder unternehmenseigene Landwirte („Corporate Farmer“ ).

Die Top 4 der Agrar-Nahrungsmittelkette (weltweit)/Quelle: Power Hungry. Six Reasons to regulate global food corporations/ActionAid International, p.12

Die Marktkonzentration im Bereich Samen, Agrochemie/Pestizide oder Düngemitteln ist auf globaler Ebene bei weitem größer, als im Bereich der Nahrungsmittelproduktion oder im Lebensmittelhandel. Nach einer Untersuchung der action group on Erosion, Technology and Concentration (ETC) vom Jahr 2008 dominieren Monsanto mit 23 Prozent und DuPont mit 15 Prozent Marktanteil den globalen Markt für patentrechtlich geschütztes Samengut. Obwohl der Lebensmittelkonzern Wal-Mart (5970 Läden in 10 Ländern) weltweit der größte Käufer und Verkäufer von Nahrung ist, fallen auf den Einzelhandelskonzern bisher „nur“ 3,5 Prozent der 5,1 Trillionen Dollar die weltweit für Nahrung ausgegeben werden. Und auch 85 Prozent des Essens weltweit wird noch dort produziert, wo es konsumiert wird – ein großer Teil sogar im nicht gewerblichen Sektor, dem informellen Sektor.

Im Jahr 2008 konnten die 50 größten Konsumgüterhersteller trotz weltweiter Rezession 2008 ihre Profitabilität verbessern. Denn als Marktführer schaffen es die Multis auf nationaler Ebene in vielen Ländern deutlich stärker als der Markt zu wachsen und kontrollieren bereits heute vereinzelt die Märkte einiger Länder. So wird der Handel für H-Milch in Pakistan nach einer Untersuchung von actionaid international aus dem Jahr 2005 bereits heute fast ausschließlich von Néstle kontrolliert. Auch in Peru dominiert Néstle bereits heute 80 Prozent der Milchproduktion. In Mexiko kontrolliert Wal Mart 40 Prozent des Einzelhandels. Unilever, der größte Teeproduzent weltweit dominiert schon heute mit zwei weiteren Produzenten 85 Prozent des Tee-Marktes weltweit. Chiquita und Dole Foods kontrollieren 50 Prozent des weltweiten Bananenhandels

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Das Beipiel Nestlé Alimentana

Die allgemeine Produktpalette des Schweizer Vorzeige-Multi Nestlé Alimentana reicht von *Kaffee (Nescafé), über *Kakao (Nesquik), *Cornflakes, *Milchprodukte verschiedener Art (Schöller, Mövenpick), *Babynahrung (Alete, Beba, Sinlac), *Pasta (Buitoni), *Saucen und Fertiggerichte (Maggi, Thomy), *Fleisch- und Wurstwaren (Hertha) bis hin zu *Süßwaren (Kit Kat, Lion, Nuts, Choco Crossies oder Smarties etc.). Im Geschäft mit dem Flaschenwasser ist Néstle schon heute weltweit Marktführer. Neben den weltweit verkauften Mineralwassern wie Perrier, Vittel und San Pellegrino, gehören außerdem die Flaschenwasser: Acqua Panna, Contrex, Nestlé Aquarel, Nestlé Waters Direct, Nestlé Wellness, Neuselters, Reinbeker, Frische Brise, Kloster Quelle, Fürst Bismarck Quelle und das Tafelwasser Pure Life zu Néstles Produktpalette. (Die entsprechende Marke Pure Life will die Firma zum meistverkauften Wasser der Welt machen).

Das Beispiel Kraft Foods

Auch der Multi Kraft Foods wartet mit einer Produktpalette auf, die von Kaffee (Jacobs, Kaffee HAG) über Kakao (Kaba, Suchard Express), Süßwaren (Milka, Suchard), Fertigprodukte (Mirácoli) bis hin zu Käse und Milchprodukte (Philadelphia) etc. reicht. Kraft steht unter anderem in der Kritik, da der Konzern zum gleichen Konzern wie der Zigarettenkonzern Philip Morris gehört. Die Konzernmutter (hält 87,2 % der Aktien von Kraft Foods (2007)) ist die Altria Group, Inc. (NYSE: MO) – früher Philip Morris Companies Inc. genannt, ein US-amerikanischer, weltweit operierender Konzern.

Marktmacht UND nachhaltige Entwicklung?

Der Konsument ist der vermeintliche Gewinner einer modernen preisorientierten Nahrungsmittelindustrie. Denn: Je niedriger der Preis, desto besser für den Verbraucher. Mit welchen Folgen für Mensch und Umwelt schreitet der Konzentrationsprozess aber tatsächlich voran?

Marktmacht führt – branchenunabhängig zu einer Machtverschiebung und einem Transfer finanzieller Ressourcen vom Konsumenten, Steuerzahler und Kleinunternehmer hin zu einer kleinen Geschäftselite. Aber nicht nur finanzielle Ressourcen sondern auch immaterielles Wissen und Geheimnisse von Mutter Natur selbst konzentrieren sich zunehmend in Form von Patenten in der Hand von großen Konzernen. Mehr zum Thema Biopiraterie.

Es sind die Kleinbauern, die schon heute unter der Marktmacht großer Supermarktketten aufgrund miserabler Arbeitsbedingungen und unterbezahlter Arbeit leiden (Mehr zu den Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen thematisiert der Oxfam-Bericht “Endstation Ladentheke“, aber auch die Verbraucher der westlichen Industrienationen – von der Umwelt ganz zu schweigen.

Die Lebensmittelskandale der letzten Jahre und Studien, die eine zunehmende Verfettung der Menschen weltweit belegen, erinnern uns daran, dass die großen Nahrungsmittelkonzerne der Verantwortung, die sie als „Ernährer“ der Menschheit zunehmend übernehmen, nicht gerecht werden und dann ihrer Gewinnorientierung auch nicht wollen. Verbraucherinitiativen wie foodwatch kritisieren die Fehlinformation und Irreführung der Verbraucher durch die Lebensmittelindustrie und setzten sich für qualitativ gute und gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel ein.

„Einer der wichtigsten Kämpfe der Verbraucher ist der Kampf um das Wissen, was in unserem Essen ist und wie es hergestellt wurde.“ So lautet ein Zitat aus dem Film Food Inc.  von Robert Kenner. Food Inc. thematisiert die Gewinnmaximierung der Lebensmittelkonzerne auf Kosten der Gesundheit der Verbraucher, die zunehmende Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion, die Irreleitung der Verbraucher bis hin zur Vertuschung der Produktionsweise von Nahrungsmitteln in den USA.

Ob wir in Zukunft aufgrund mangelnder Alternativen notgedrungen zur Gen-Kartoffel Amflora von BASF greifen müssen oder die traditionellen Kartoffelsorten auf den Tisch kommt – eine zentrale Frage in der Debatte um Marktkonzentration in der Nahrungsmittelbranche. Denn nicht nur die Qualität, sondern auch die Vielfalt der Obst- und Gemüsesorten wird zugunsten der Profitabilität reduziert.

Politik mit dem Einkaufskorb

Wie lange können wir noch bestimmen was wir essen? Der Griff zu Wasser, Kaffee, Milch, Spaghetti oder Mehl – das bedeutet Politik mit dem Einkaufskorb.

Einkaufen heißt auch immer Akzeptanz oder Hinnahme der Unternehmensphilosophie des Produzenten in Bezug auf Umweltstandards, auf Menschenrechte, auf Tierschutz und letztendlich in Bezug auf die eigene Gesundheit. Der „Nachhaltige Warenkorb (pdf)“  des Rates für Nachhaltige Entwicklung ist ein Ansatz, diese und andere Aspekte, die wir mit unserer täglichen Konsum- und Lebensgewohnheiten beeinflussen, aufzuzeigen.

Der Einkaufsführer gegen eine zunehmende Marktmacht großer Konzerne? Fehlanzeige. Also Augen auf, beim Einkaufen.

Quellen und Links

 

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In Deutschland landen jährlich rund 20 Millionen Tonnen oft noch genießbarer Lebensmittel im Müll. Die Aktualität des Themas geht jedoch weit über die Grenzen der Bundesrepublik und auch Europas hinaus. Lebensmittelverschwendung ist ein globales Problem - weltweit wird etwa die Hälfte der produzierten Nahrungsmittel verschwendet.

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Agrarhandel

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