KI-Tools gestalten unsere Wirtschaft schneller um als die meisten Regierungen regulieren können. Um auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt zu reagieren, ist in den USA daher eine neue Art zivilgesellschaftlicher Einrichtung entstanden: KI-Meetups. Organisationen wie „AI Salon“ oder „AI Collective“ gibt es schon fast so lange wie ChatGPT. Sie sind jeweils wenige Monate nach dessen Veröffentlichung in San Francisco gegründet worden.
Mittlerweile vernetzen sie Menschen weltweit in über hundert lokalen Gruppen. Das Ziel ist dabei einfach. Man möchte Menschen einen Raum bieten, in dem sie sich darüber austauschen können, was KI für ihre Arbeitsplätze, ihre Gemeinschaften oder auch für ihren Kontinent bedeutet. Und das, ohne darauf zu warten, dass Regulierungsbehörden oder Unternehmen diese Lücken füllen.
Das Konzept scheint dabei erst einmal aufzugehen. Bei RESET haben wir unsere Unterstützung für sogenannte Grassroot-Movements – Basisbewegungen politischer oder zivilgesellschaftlicher Natur – schön häufiger in Form von Artikeln geäußert. Gerade in der Tech-Branche können sie positive Effekte im Sinne der Chancengleichheit und ökologischer Nachhaltigkeit mit sich bringen. Und gerade in der KI-Branche, die besonders aggressive Geschäftspraktiken aufweist und von einer kleinen Gruppe US-amerikanischer Unternehmen angeführt wird, erfüllt eine solche Bewegungen einen Zweck: Sie schafft lokale, von Gleichgesinnten geleitete Räume, um die Veränderungen am Arbeitsmarkt zu verstehen.
Ihre eigenen Gründer:innen – ob beabsichtigt, oder nicht – kämpfen dabei allerdings mit einer schwierigen Frage: Können Organisationen, die in der Kultur des Silicon Valley verwurzelt sind, wirklich hilfreiche Ergebnisse für diejenigen erreichen, die ihre eigene Situation im eigenen Land oder der eigenen Kommune verbessern wollen? Oder reproduzieren sie am Ende genau die Hierarchien, denen sie eigentlich entgegenwirken sollten?
Vom Wohnzimmer zur Bewegung
Beim AI Salon fing das ganz klein an. Mit einem einzigen Gespräch in der Wohnung eines Freundes, organisiert vom Neurowissenschaftler und KI-Sicherheitsforscher Ian Eisenberg. Seitdem hat er rund 40 Salons veranstaltet, jeweils mit maximal 20 Teilnehmenden. Das Prinzip ist einfach: Das Gespräch ist offen gestaltet und jede/r Teilnehmende kommt mindestens einmal zu Wort. Die Veranstaltungen befassen sich in der Regel mit der Schnittstelle zwischen KI und Themen wie Klima, Bildung, Bewusstsein und Kunst. Die gemeinnützige Organisation breitete sich seitdem über San Francisco hinaus aus und verfügt nun über Gruppen, die Freiwillige in Berlin über Bengaluru bis hin zu Singapur und Sydney leiten.
Eisenbergs Motivation war dabei eine Reaktion auf bekannte „Meetups“ der Tech-Branche. „Es gibt viele Hackathons und Startup-Meetings, aber sie schließen viele Menschen aus. Wir wollten daher eine breitere Beteiligung der Zivilgesellschaft erzielen.“, erklärte er im August 2026 gegenüber „Rest of World“. Er fügt hinzu, dass Menschen aufgrund des schwindenden Vertrauens der Öffentlichkeit in Regierungen zunehmend darauf angewiesen seien, die Auswirkungen der KI selbst „herauszufinden“.
Das AI Collective hat genau diese Idee weiter ausgebaut. Es wurde im selben Jahr gegründet wie „AI Salons“. Mittlerweile zählt es mehr als 250.000 Mitglieder:innen in 200 Ortsgruppen in 50 Ländern. Neben einem kleinen bezahlten Kernteam werden sie größtenteils von Freiwilligen geleitet. Die Mission ist dabei, „die Gesellschaft zu demokratisieren, Vertrauen aufzubauen und zu koordinieren, wie sie mit der rasanten Beschleunigung des technologischen Fortschritts umgeht“.
Laut Geschäftsführerin Catherine McMillan besteht das Ziel darin, dass die Mitgliederbasis künftig überwiegend aus Nicht-Amerikaner:innen besteht. Das ist eine bewusste Abkehr vom Schwerpunkt der Organisation im Silicon Valley. „Wir wollen Hyperlokalität fördern und möglichst lokale Gemeinschaften rund um das Thema KI aufbauen“, erklärt sie ebenfalls gegenüber Rest of World“.
Die Diskussionen haben einen praktischen Bezug
Doch Reden ist die eine Sache. Eine zentrale Frage lautet: Wie nützlich sind diese Treffen, wenn danach nichts mehr passiert? Insbesondere beim AI Collective geht ein immer umfangreicher werdendes Programm über die reinen Diskussionen hinaus und bietet praxisorientiertere Inhalte.
Zu den jüngsten Veranstaltungen gehörten „KI-Praxis bei der Arbeit: Verwandle deinen Unternehmens-Guide in einen KI-Skill“, das über Zoom für Mitglieder:innen durchgeführt wurde. Es war an Menschen gerichtet, die die Technologie direkt in ihren eigenen Kleinunternehmen anwenden wollen. Alternativ gab es auch „Technologie, KI und Suchtverhalten: Können wir das heilen?“, bei dem Forscher:innen und Kliniker:innen für digitale Sucht erläutern, wie soziale Plattformen, Gaming und KI-Systeme unsere Aufmerksamkeit, unsere emotionale Regulierung und das Alltagsverhalten neu gestalten.
Die Umwandlung eines Markenleitfadens in ein KI-optimiertes Produkt ist allerdings eine ganz andere Herausforderung als die Probleme, mit denen Mitglieder:innen in Nairobi oder Bengaluru konfrontiert sind. Dort drehen sich die drängenden Fragen nicht unbedingt um die Optimierung eines Arbeitsablaufs oder darum, wie man die Sucht nach der neuen Technologie überwindet.
Wo die eigentliche Herausforderung liegt
Das Meetup-Konzept wird gerade dort am härtesten auf die Probe gestellt, wo die Einführung von KI noch in den Kinderschuhen steckt. Doch genau dort ist die Gefahr, den Anschluss zu verlieren, am größten. In Nairobi, wo die KI-Einführungsrate unter 10 Prozent liegt – und damit weltweit zu den niedrigsten zählt –, versucht die 3.000 Mitglieder:innen zählende Ortsgruppe des „AI Collective“, sicherzustellen, dass die Vorteile der Technologie in den Bereichen Bildung, Landwirtschaft und Gesundheitswesen nicht vollständig an dem Land vorbeigehen.
Hinzu kommt, dass die Gruppen auch die Bedenken der Mitglieder:innen hinsichtlich der Auswirkungen der Technologie auf den Datenschutz und die Arbeitsplatzsicherheit aufgreifen. Organisator Francis Kangure beschreibt die Rolle der Ortsgruppe als „Brücke zwischen lokalen Talenten und globalen Chancen“ und als Antwort auf das, was er als „eine riesige Wissenslücke in Bezug auf KI und deren Einführung in Afrika“ bezeichnet.
In Bengaluru sind diese Sorgen noch subtiler, aber nicht weniger akut. Indien ist bereits der zweitgrößte Markt für Anthropics „Claude“. Und trotzdem meint der Leiter der Ortsgruppe, Abhishek Kumar, dass die KI-Geschichte des Landes von oben nach unten geschrieben wird. Also von der nationalen Politik und großen Unternehmen, wobei für einzelne Menschen kaum Raum bleibt.
Fehlende Sprachvielfalt bleibt Problem von KI-Modellen
Er erklärt: „Es gibt eine stille Sorge darüber, ob Indien am Ende nur Modelle konsumiert und verpackt, die anderswo entwickelt wurden, anstatt eigene grundlegende Technologien aufzubauen“ Er weist zudem auf die Frage hin, ob Menschen, die kein Englisch sprechen, gänzlich außen vor bleiben.
Diese Sorge ist keineswegs unbegründet. KI-Systeme werden nach wie vor überwiegend für Englisch, Mandarin und eine Handvoll anderer wirtschaftlich wertvoller Sprachen entwickelt. Dadurch sind Tausende anderer Sprachgemeinschaften praktisch von den Vorteilen dieser Technologie ausgeschlossen. Diese Lücke hat reale, greifbare Auswirkungen. In ländlichen Gebieten Indonesiens führten IT-Systeme im Gesundheitswesen etwa zu gefährlichen Fehlern bei der Dosierung von Medikamenten. Der Grund waren fehlerhafte Übersetzungen ins Javanische und Sundanesische.

Wie das Versagen von KI in Bezug auf sprachliche Vielfalt globale Ungleichheiten verstärkt
Die mangelnde sprachliche Vielfalt der KI führt weltweit zur Marginalisierung von Millionen Menschen und verschärft damit wirtschaftliche, soziale und technologische Ungleichheiten. Es werden jedoch bereits Anstrengungen unternommen, um eine inklusivere Zukunft von KI zu gestalten.
In weiten Teilen des Globalen Südens ist der fehlende Zugang zu KI nicht nur eine Unannehmlichkeit. Er hat besonders dort konkrete Folgen für die Selbstbestimmung und Entwicklung, wo die Auswirkungen der Technologie am stärksten sind.
Inklusion ist nicht dasselbe wie Mitbestimmung
Genau an dieser Stelle stößt das Modell auf scharfe Kritik. Wir haben Uchechukwu Ajuzieogu, Gründer und Chefredakteur von Aylgorith sowie Geschäftsführer des African Institute for Artificial Intelligence Policy, zu dem von ihm Multi-Stakeholder-Ansatz genannten Phänomen der „KI-Demokratisierung“ befragt. Er erwähnte Nigerias eigene Version eines KI-Meetups, das „Nigeria AI Collective“. Es wird von Luminate, der Ford Foundation und AI Collaborative unterstützt. Als wir ihn fragten, ob US-amerikanischen Meetups in seiner Forschung zur Verbesserung der Bezahlung, der Arbeitsbedingungen oder der Verhandlungsmacht der an der KI-Entwicklung Beteiligten eine Rolle gespielt hätten, fiel sein Fazit unverblümt aus: „Kurz gesagt: kein einziges.“
Was die Löhne und Arbeitsbedingungen der afrikanischen Datenarbeiter:innen tatsächlich verbessert habe, so argumentiert er, sei von ganz anderer Seite gekommen: Gewerkschaftsbildung, Rechtsstreitigkeiten und unabhängige Prüfungen.
Er verweist zudem auf Nairobi, wo im Jahr 2023 mehr als 150 KI-Inhaltsmoderator:innen die „African Content Moderators Union“ gründeten. Die Organisation führte in Verbindung mit strategischen Rechtsstreitigkeiten unter der Leitung der Anwältin Mercy Mutemi und der NGO Foxglove dazu, dass kenianische Gerichte entschieden, Meta könne direkt verklagt werden, um Massenentlassungen zu verhindern und Nachzahlungen anzuordnen. Unabhängig davon zwang anhaltender Druck durch Arbeitsaudits von Fairwork das Outsourcing-Unternehmen Sama, das hinter der Moderationsarbeit von Facebook steht, dazu, die Löhne seiner am schlechtesten bezahlten Moderatoren deutlich anzuheben. „Nichts davon ist aus einem Meetup hervorgegangen“, sagt Ajuzieogu. „Es entstand dadurch, dass sich die Beschäftigten organisierten, Anwälte Klage einreichten und Auditoren Bewertungsberichte veröffentlichten, in denen das Unternehmen namentlich genannt wurde.“

„Magische“ KI beutet Datenarbeiter im Globalen Süden aus – doch es regt sich Widerstand
Datenarbeiter:innen, die unsere generative KI antreiben, erhalten erschreckend niedrige Löhne. Das macht sie für KI-Dienstleister, die ihren Gewinn maximieren wollen, besonders attraktiv. Aber es gibt Hoffnung.
Erfahre in diesem Artikel aus dem Jahr 2025 mehr über die Arbeit von Uchechukwu Ajuzieogu, der die verborgenen Nöte der Datenarbeiter aufdeckt.
„Ein solches Meetup kann ein Ort sein, wo sich Menschen kennenlernen“
Er beschreibt diese Kluft mit einem Begriff, der in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend Verbreitung findet: „Participation-Washing“. Forscher:innen, die sich mit Foren zu KI-Governance befassen, unterscheiden zwischen „Inklusion“ – also befragt zu werden, teilzunehmen oder einen Sitz zu haben – und „Macht“, also tatsächlicher Entscheidungsbefugnis. Seiner Einschätzung nach sorgen Multi-Stakeholder-Gruppen in der Regel für Inklusion, schließen Machtpositionen aber aus.
Demnach bestehe der eigentliche Test für derartige Foren nicht darin, wie viele Interessengruppen im Raum sind, sondern darin, ob die Partizipation zu einer Umverteilung von Macht geführt habe. Und nicht nur dazu, dass die Leiter:innen abweichenden Meinungen einen höflichen Raum geben.
Die ungelöste Spannung
Genau an dieser Stelle entsteht ein kritisches Spannungsverhältnis. Das Versprechen von Basisinitiativen wie dem AI Salon oder dem AI Collective stößt auf ihre eigene Entstehungsgeschichte sowie auf Erkenntnisse von Forschenden wie Ajuzieogu. Denn die Gruppen, die Menschen im Silicon Valley gründen, sind zumindest initial auch mit Teilnehmenden besetzt, die vor allem dessen Kultur kennen. Sie orientieren sich an den Netzwerken des Silicon Valleys und versuchen so, globale Institutionen aufzubauen. Diese sollen jedoch lokalen Gemeinschaften in anderen Teilen der Welt dienen und nicht dem Silicon Valley. Das verdient erst einmal Anerkennung. Ortsgruppen in Nairobi und Bengaluru zeigen, dass Organisationen im besten Falle echte lokale Bedürfnisse wie Sprach- und Infrastruktur aufzeigen können.
Ein Problem aufzuzeigen ist jedoch nicht dasselbe wie es zu lösen. Und eventuell werden diese beiden Aspekte häufiger miteinander verwechselt, als die Organisator:innen zugeben möchten. Ob das AI Collective und ähnliche Gruppen tatsächlich Macht nach außen verlagern, anstatt lediglich den Einflussbereich des Silicon Valley durch ein diffuseres, freundlicheres Netzwerk von Freiwilligen zu erweitern, ist stark davon abhängen, ob die lokalen Ortsgruppen echten Einfluss auf die Ausrichtung dieser Organisationen gewinnen und nicht nur einen Platz am Tisch erhalten.
Dabei hat es auch einen Einfluss, ob sie ehrlich darin sind, was ein Meetup leisten kann und was nicht: Es kann ein Ort sein, um Verbündete zu finden. Nach den bisherigen Erfahrungen und Forschungen ist es aber keineswegs ein Ersatz für eine Gewerkschaft, eine Klage oder eine wirksame Prüfung.

