Unsere Session auf der re:publica: Im Auftrag des Waldes – Bekommt die Natur mit neuen digitalen Tools eine eigene Stimme?

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Uta Mühleis/ RESET
Von links nach rechts: Marisa Pettit (RESET), Sarah-Indra Jungblut (RESET), Jessica Droujko, Nathan Williams, Anja Steglich

Die Digitalkonferenz re:publica vergangene Woche hat sich ausführlicher denn je dem Themenbereich Nachhaltigkeit und Digitalisierung gewidmet. RESET war mit einer Session dabei.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 14.05.19

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut:

Ich erinnere mich noch an Zeiten, da gab es allgemeines Stirnrunzeln, wenn ich davon erzählte, dass wir uns mit RESET an die Schnittstelle „Nachhaltigkeit trifft Digitalisierung“ gesetzt haben. Sehr oft erklärte ich dann, wie die beiden Themen zusammenhängen, nämlich dass uns die Digitalisierung genauso vor neue ökologische und soziale Herausforderungen stellt wie sie auch Lösungen dafür bietet. Das ist noch gar nicht so lange her, vielleicht fünf, sechs Jahre, und vieles hat sich seitdem – zum Glück! – verändert. Gerade seit letztem Jahr hat das Themenpaar starken Rückendwind bekommen und Einladungen zu Konferenzen, Workshops oder Diskussionsrunden, aber auch Forschungsvorhaben und Studien füllen meinen digitalen Postkasten. Auch die diesjährige re:publica, die vom 6. bis 8. Mai im Stadion in Berlin stattfand, hat erfreulicherweise mitgemacht. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) war zu Besuch und hat bei ihrem re:publica-Besuch die „umweltpolitische Digitalagenda“ des Bundesumweltministeriums vorgestellt, verbunden mit einem Plädoyer dafür, die Digitalisierung von einem „Brandbeschleuniger für die ökologischen und sozialen Krisen unseres Planeten“ zum „Motor für Nachhaltigkeit“ zu machen. Und am dritten und letzten Tag der Digitalkonferenz gab es eine ganze Bühne, gefördert von der DBU, auf der sich alles um Nachhaltigkeit und Digitalisierung drehte.

In diesem Rahmen haben wir für unsere Session „Im Auftrag des Waldes“ drei sehr spannende Menschen aufs Podium geladen.

Von Umweltschutz von unten, Blockchains für mehr Transparenz in Lieferketten und Wäldern, die sich selbst verwalten

Sebastian Unrau/ Unsplash

Jessica Droujko, kanadisch-ukrainischen Ingenieurin, begeisterte Kajak-Fahrerin und seit kurzer Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, stellte ihren im Rahmen des Balkan River Defence entwickelten Sensor vor, der Sedimente und Verunreinigungen in Seen und Gewässern misst. Er ist wesentlich kostengünstiger als andere aktuell erhältliche Messgeräte und kann so die Erhebung von Daten einfacher machen. Damit hofft sie, besser die Gewässer im Balkan schützen zu können, denn hier sind viele Flüsse und Seen durch die unregulierte Errichtung von Wasserdämmen und Wasserkraftwerken bedroht. Die meisten Gutachten über die Verschmutzung bzw. den Schutz von Gewässern werden jedoch von den für die Dämme verantwortlichen Energiekonzernen in Auftrag gegeben – und sind stark von deren Interessen geleitet. Mit den neuen Sensoren könnten jedoch viel mehr Menschen  – Studierende, Forscher, „Bürgerwissenschaftler“ – die Bewahrung der Flüsse selbst in die Hand nehmen“, sagte Droujko.

Über Nathan Williams und sein Projekt Minespider haben wir bereits vor einiger Zeit auf RESET berichtet. Das Berliner Startup nutzt verteilte Datenbanksysteme, um ein komplexes Problem anzugehen: die Nachverfolgung der Mineralien, die in unseren smarten Geräten verbaut werden. Minespider erstellt für jene Minen, die Mineralien verantwortungsbewusst abbauen, digitale Blockchain-Zertifikate entsprechend der Menge des geförderten Metalls und will damit sicherstellen, dass das für die Metalle gezahlte Geld verantwortungsvolle Quellen finanziert, die ihre Arbeiter fair bezahlen und Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. 

Im Podiumsgespräch auf unserer Bühne warf Nathan eine spannende Frage auf: Was wäre, wenn wir mit neusten Technologien sehr genau die Bestände von Gold unter der Erde feststellen könnten und dann nur die Rechte daran handeln, anstatt das kostbare Metall unter hohen Kosten für Menschen, Tiere und Umwelt ans Tageslicht zu befördern und sofort wieder wegzuschließen, nachdem es gegen einen Geldwert eingetauscht wurde? „Man erhält dann den Wert des Goldes, aber spart die Schürfkosten und schadet nicht der Umwelt,“ so Williams. Klingt überzeugend, oder? Vielleicht ist das ja die Geschäftsidee für Nathans nächste Unternehmung…

Die Landschaftsarchitektin Anja Steglich, die aktuell in Berlin bei inter3 (Institut für Ressourcenmanagement) und am Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen der TU Berlin forscht und lehrt, gehört zum Team des Forschungsprojektes „Bioökonomie 4.0 – Selbstverwaltung des Waldes“. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) werden in dessen Rahmen gesellschaftliche Anforderungen an eine digitalisierte Verwaltung, Pflege und Bewirtschaftung des Waldes diskutiert und viele Fragen gestellt: Ist der „digitale Wald“, der beispielsweise über eine Blockchain selbst dafür sorgt, bei Bedarf Bäume zu fällen oder zu pflanzen, eine Chance oder Gefahr? Und können oder sollen gesellschaftliche Entscheidungsfindungsprozesse überhaupt soweit rationalisiert werden, dass Algorithmen die Verwaltung, Bewirtschaftung und Nutzung des Waldes unterstützen? Diese Fragen gilt es zu beantworten, bevor wir neue Technologien installieren, sagte Anja. Sie sollen innerhalb verschiedener Formate wie einem Forest-Lab, aber auch einem Online-Spiel, das demnächst online geht, mit den verschiedensten Interessengruppen diskutiert werden. Für Anja ist klar, dass es darum geht, die „Stimme der Natur“ hörbar zu machen. Denn genau da – in der „Kommunikation“ zwischen Mensch und Natur, können uns digitale Technologien helfen – und dann über ein besseres Verständnis zu besseren Schutzsystemen führen.

Über das Vorgänger-Projekt Terra0 haben wir bereits berichtet: Ein Wald, der sich selbst abholzt? Mit der Blockchain könnten Ökosysteme autonom werden.

Nachhaltigkeit und Digitalisierung – die Themen sind heiß!

Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammen zu denken ist aktuell ein großer Trend geworden – auch auf der re:publica 2019. Dass es dieses Jahr einen ganzen Tag gab, der sich diesen Themen schwerpunktmäßig gewidmet hat, ist ein wichtiger Schritt. Unsere tollen Gäste auf dem Podium und die vielen interessierten Zuhörenden haben uns sehr inspiriert, vielen Dank! Allerdings verwundert es angesichts der Größe der Bedrohung, die Klimawandel, Umweltzerstörung und Artensterben darstellen schon, warum zum Beispiel eine Session über Sextoys viel mehr Menschen anzieht. Aber das bildet natürlich nur die Realitäten auch außerhalb des Konferenzprogramms ab.

Wir hoffen, dass das Thema noch viel, viel größer wird – nicht nur nächstes Jahr auf der re:publica 2020, sondern international. Denn: Nachhaltigkeit und Digitalisierung – die Themen sind heiß! Und das ist auch dringend nötig. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist unaufhaltsam und der Klimawandel heizt uns ordentlich ein!

Zum Nachhören

re:publica zum Nachschauen

Alle Sessions auf den großen Bühnen gibt es hier zum Nachschauen: re:publica 2019 auf You Tube

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