ÜBER LEBENSKUNST-Festival in Berlin: Kontrast- und abwechslungsreich!

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Die Aussendusche lädt zur Erfrischung ein - ob´s jemand genutzt hat?

Zwei Tage habe ich auf dem Festival ÜBER LEBENSKUNST verbracht - beeindruckend ist vor allem seine Vielfalt der Formate, Menschen und Orte, die alle auf ihre Art und Weise Ideen zu einer lebenswerten Zukunft im Blick haben.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 21.08.11

Zwei Tage habe ich auf dem Festival ÜBER LEBENSKUNST verbracht – beeindruckend ist vor allem seine Vielfalt der Formate, Menschen und Orte, die alle auf ihre Art und Weise Ideen zu einer lebenswerten Zukunft im Blick haben.

An meinem ersten Tag, am Freitag, habe ich mich im Haus der Kulturen der Welt umgesehen. Entdeckt habe ich die verschiedensten Installationen: einen Sonnenspiegel, der einer Satellitenschüssel nachempfunden, Licht in dunkle Hinterhöfe bringt, wird er so installiert, dass die Sonne eingefangen und umgeleitet wird. Das Projekt „Helioflex“ ist ein Lichtblick für alle, deren Wohnungen und Höfe ein Dasein im Dunkeln fristen.

Origami-Panzer, Raumschiffe und mehr

Spannend auch die Videoinstallation „Peacemaker – leORIGAMIpard III„, bei der eine Gruppe Soldaten parallel zu einer Gruppe Kriegsflüchtlinge unter Anleitung des Künstlers Frank Bölter einen Origami-Panzer bastelt. Nicht erstaunlich, dass das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfällt: Die Soldaten haben sich nicht im Falten von Papier-Panzern bewährt!

Ganz anders das Selbstexperiment  „Welcome Home“ des Künstlers Ivan Civic: Über die Dauer des Festivals, 101 Stunden, hält sich der Künstler in einem komplett weißen, grell beleuchteten Raum auf; keine Nahrung, nur Wasser. Die absolute Reduktion und Kontrapunkt zu unserer Konsum- und Überflussgesellschaft – wie es Ivan Civic gerade geht, weiß ich nicht. Ich selbst habe es nur wenige Momente in dem Raum ausgehalten.

Thematisch genauso vielfältig die anderen Installationen: ein parasitäres Gebilde, „Parasite Heating Unit„, das irgendwie an eine Raumschiff erinnert, das auf dem Dach des HKW Abwärme nutzt, im Kompostierungsprozesse voranzutreiben, „Das Numen H2O„, eine komplizierte Wasserreinigungskonstruktion, die mit Hilfe von Sand, Pilzen und Gräsern Spreewasser reinigt, betriebsame Bienenkästen und natürlich die „Vorratskammer“ der Künstlerinnengruppe myvillages.org, die das ganze letzte Jahr damit beschäftigt waren, super-korrekte und möglichst selbst gemachte Nahrungsmittel zu produzieren, die das gesamte Festival als warmes Essen, leckere Drinks oder bunt beschmierte Brote gereicht werden.   

Die Konferenzen

Im starken Gegensatz zu dem spielerischen, experimentellen der Installationen und Performance dann die Konferenzen. Das einzig große Experiment hieran: Die Diskussionen wurden im „Global Room“ mit Live-Zuschaltungen aus Nairobi, Sao Paulo, Johannesburg und New Delhi geführt – diese Idee spart Flüge und CO2, doch war leider technisch nicht immer zuverlässig und tatsächliche Diskussion waren kaum möglich, da sich die Beteiligten zwischendurch weder hören noch sehen konnten. Technisch ist das Festival mit diesem innovativen Ansatz vielleicht etwas zu früh, doch wenn es klappte, dann war es großartig, in den jeweiligen Ort der Sprecher reinblicken zu können und nie lagen die Städte dieser Welt näher beieinander.

Egal, ob bei der Konferenz „Über Megacities„, bei der drei Städte zugeschaltet waren (Sao Paulo, Nairobi, New Delhi) oder bei „Über Holzwege zur Nachhaltigkeit„; thematisch standen immer wieder Nord-Süd-Konflikte im Mittelpunkt: was Klimaschutzprogramme bei uns auf der anderen Seite bewirken; hier als Beispiel die Abholzung des brasilianischen Tropenwaldes oder die Vernichtung des Tana Deltas in Kenia für Biosprit. Oder auch die verschiedenen Lernmomente: die Frage, warum die Blickrichtung zu Ideen für einen nachhaltigen Umbau der Gesellschaft und ihrer Infrastruktur oft sehr einseitig ist – der Süden habe sich allzuoft am Norden zu orientieren, anstatt einen wechselseitigen Prozess anzustossen. Wo doch in den Städten des Südens viel dynamischere Prozesse als in denen des Nordens stattfinden. Nicht zu vergessen ist die Entstehung von selbstorganisierten Strukturen und das Potential zu sehen, in dem was da ist!

Klar auch, dass die Politik des Erkenntnissen von Wissenschaftlern und Forschern hinterhinkt: es passiert zu wenig und das zu fragmentarisch, um die Zukunft und das Wohlergehen aller zu garantieren. Christoph Bals von German Watch bringt es auf den Punkt: eine ernstgemeinte nachhaltige Entwicklung bedeutet, das ganze zu sehen: die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft in die Umwelt – und das global! Alles andere ist Etikettenschwindel! Diese Fäden müssen miteinander aufgegriffen werden.

Zweiter Tag: Fahrrad fahren

Fahrraddisko in Aktion.

Selten bin ich so viel Fahrrad gefahren wie am Samstag im Auftrag des ÜK-Festivals: in den Prinzessinnengarten, um durch diese mobile, soziale Gartenlandschaft geführt zu werden. Hier wird nicht nur gegärtnert nach allen Regeln der Kunst, sondern auch noch Pionierarbeit geleistet, um die Idee der urbanen Landwirtschaft weiterzuvermitteln. Geschaffen wurde ein wunderschöner Ort, der zum verweilen und Mitmachen einlädt.

Danach ging es ins Fitnessstudio „Hard Core„, dessen Trainingsräder den kompletten Strom für das Studio liefern und sogar noch etwas mehr. Endlich hat persönliche Fitness auch noch einen Gemeinwohl-Aspekt! 

Am Abend lud dann die von Morgenwelt und RESET organisierte Fahrraddisko zum Schwoof auf dem Dach der „schwangeren Auster“, wie das HDK von den Berlinern genannt wird. Das Power-Kraftwerk waren fünf Fahrräder, auf denen ordentlich gestrampelt werden musste, um genügend Strom für die Anlage bereit zu stellen. Während einige die Räder im Sport-Outfit zum schweißtreibenden Work-Out nutzten, übten sich andere in den vielen Möglichkeiten, auf dem Rad zu sitzen und zu treten – und mit wie vielen! Zum Glück fiel die Strampelstärke ab und zu ab, die Musik begann auszutrudeln, und die tanzende Meute wurde daran erinnert, woher der pralle Sound kam: aus den Waden der Mitstreiter! Hier findest Du noch mehr Bilder.

Das Festival: Kontraste und Gleichzeitigkeiten

Breit angelegt ist es, das ÜK-Festival – und was im HKW zu sehen ist, ist sozusagen nur die Spitze eines Eisberges, der sich zeitlich und räumlich extrem ausdehnt: Mit den Initiativen, die sich über ganz Berlin ausdehnen, mit dem Schulprogramm, das bis 2012 läuft und bei dem Künstler mit Schulklassen gemeinsam versuchen, sich dem Begriff Nachhaltigkeit auf verschiedene Weise zu nähern.

Im Programm zeigt sich sehr deutlich, dass Überleben vor allem ein klarkommen und entwickeln von urbanen Lebensweisen bzw. Lebensräumen meint. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass bald die Mehrheit der Bevölkerung in Städten leben wird!

Was das Festival auch als Ganzes zeigt: Überlebt werden muss überall und die Kunst darin lässt sich allerorts entwickeln! Der Kontrast zwischen den sehr kritischen Konferenzen, dem spielerischen der Installationen und dem exemplarischen genauso wie nachdenklichen der vielen  Workshops zu Themen wie „Aus Kleidung Papier erzeugen“ (Mein Lieblingsteil), „Wie stellen wir uns eigentlich Berlin vor?“ oder über die Kunst des Baumkletterns fügt sich für mich zusammen in der Idee: zu Handeln für eine „bessere“ Welt mit Zukunft kann jeder überall jederzeit anfangen, ob als kleinangelegtes Projekt oder als politische Aktion, ob lokal umgesetzt oder global gedacht. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass Spielen und Experimentieren mit Ideen auch in grundsätzliche Veränderungen umzuleiten…

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