TATENDRANG: „Nachhaltig und fair geht auch ohne Siegel.“ Mimi Sewalski vom Avocadostore im Interview

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Avocadostore.de, ein Online Marktplatz für Eco Fashion und Green Lifestyle, ist mittlerweile wohlbekannt unter bewussten Einkäufern. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Mimi Sewalski über Trends im nachhaltigen Online-Handel, verpackungsarmen Versand und die Zukunft des Shoppings per Mausklick.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 24.08.16

Der Avocadostore hat mittlwerweile ein großes Angebot für nachhaltige Produkte, angefangen bei Lampen aus recycelten Feuerlöschern über Fair Fashion bis hin zum biologisch abbaubaren Coffee-to-go Becher. Ob ein Produkt für den Eco-Shop in Frage kommt, wird anhand von zehn Nachhaltigkeitskriterien entschieden. Wir haben uns die Geschäftsführerin Mimi Sewalski für ein kurzes Interview geschnappt.

Seit wann gibt es den Avocado-Store? Wie habt ihr angefangen?

Avocadostore.de wurde 2010 gegründet. Um die Zeit gab es sehr viele kleine Eco Fashion Label mit großem Potential, aber wenig Ressourcen. Unsere Idee war es, diese Label zu unterstützen und ihnen eine Plattform zu bieten, wo sie ohne großen Aufwand und Risiko ihre Sachen auch online verkaufen können. Ein eigener Onlineshop macht viel Arbeit und kostet Zeit, und durch Avocadostore.de war es den Händler dann möglich, diese Zeit eher in Design und Produktentwicklung zu stecken. Für den Endverbraucher liegt der große Vorteil darin, dass er unter einer Adresse alles findet und nicht in vielen verschiedenen Onlineshops suchen muss.

Was waren eure größten Herausforderungen bisher? Gibt es Dinge, die ihr heute anders machen würdet, könntet ihr noch mal von vorne anfangen?

Eine Herausforderung für uns ist sicherlich, als stark wachsendes Startup die Ressourcen optimal einzusetzen. Mir fällt jetzt nicht wirklich etwas ein, was man anderes hätte machen sollen, letztendlich ist es ja ein Lernprozess und wir hinterfragen alles, was wir tun, dauernd und ständig. Da gehören Fehler zum normalen Prozess dazu, sie helfen uns, Möglichkeiten auszuschließen.

Laut eurer Webseite geben die Händler selbst an, welche Nachhaltigkeitskriterien sie wie erfüllen. Wie prüft ihr das nach?

Es ist uns ganz wichtig, dass wir nicht als Testinstitut wahrgenommen werden – wir sind kein Ökotest oder ähnliches. Das können wir leider in unserem kleinen Team von 15 Leuten nicht leisten. Aber wir haben sehr viel Erfahrung in einer großen Breite an Produktkategorien. Wir kennen die Anbieter, sind mit ihnen in Kontakt und merken auch recht schnell an der Argumentation und Kommunikation, ob jemand was verspricht, was er nicht halten kann. Auch wissen wir, welche Siegel vertrauenswürdig sind und dass auch ein Produkt nachhaltig und fair sein kann, wenn es kein Siegel hat. Wir versuchen dieses Dilemma der Prüfbarkeit aufzulösen, indem wir unsere Argumentation so offen und transparent wie möglich machen. Bei jedem Produkt steht also, welches Kriterium erfüllt ist und wieso. Gleichzeitig kann jeder Besucher unserer Seite bei jedem Produkt Fragen stellen und kommentieren. So entsteht eine, für alle sichtbare, Diskussion und es ist schon passiert, dass wir ein Produkt wieder offline genommen haben und den Anbieter gebeten haben, sich da noch zu verbessern.

Ihr habt es euch zur Aufgabe gemacht, faire und ökologisch korrekte Kleidung zu verkaufen – könnt ihr diese Ansätze auch auf Verpackung und Versand anwenden bzw. habt ihr dazu Pläne?

Als Marktplatz funktioniert es bei uns erst mal so, dass die Anbieter alle selbst verschicken und auch über ihre Versandbedingungen, Verpackung etc. selbst entscheiden und bestimmen dürfen. Wir versuchen aber, aus all den Anforderungen Synergieeffekte zu sammeln und sind z.B. mit der DHL in Verhandlungen für besondere Bedingungen für einen nachhaltigeren Versand. Ein paar Produkte verkaufen wir auch selbst, hier achten wir auf die Verpackung: z.B. wird ein T-Shirt nicht extra in Papier eingeschlagen, sondern einfach so in das Päckchen gelegt.

Außerdem versuchen wir generell Retouren zu vermeiden, was wir auch ganz gut schaffen, denn unsere Retourenquote liegt unter 30%. D.h. konkret: Maßtabellen bei Produkten, gute Fotos, gute Produktbeschreibungen und nicht zuletzt ist uns ein guter Kundenservice sehr wichtig. Man kann jederzeit bei uns anrufen, wenn man Fragen hat und wir helfen dann gerne, Fragen zu Passform oder ähnlichen Dingen zu beantworten.

Wie kann sich nachhaltiger Online-Handel weiterentwickeln? Was sind aktuelle Trends?

Eine große Diskussion ist ja, ob der Onlinehandel die Ladengeschäfte zerstört. Meine Erfahrung ist, dass es kein „entweder oder“ ist, sondern ein „sowohl als auch“. Die Ladengeschäfte, die keine Online-Präsenz haben, tun sich schwerer als früher, und wir reden hier auch über eine Social Media Präsenz und nicht nur über einen Onlineshop. Das spielt inzwischen alles Hand in Hand. Es gibt zwei große Trends momentan im E-Commerce: Zum einen steigen die Zahlen der Leute, die online kaufen weiterhin an und zum anderen ist auch der „bewusste Konsum“ ein großer Trend – oder hoffentlich sogar mehr. Es gibt einige nachhaltige Fashion Label, die herkömmliche Marken durch ihren guten Online Auftritt überholt haben und somit in erster Linie durch professionelles Auftreten und authentisches Branding und erst dann mit Nachhaltigkeit eine schnell wachsende Zielgruppe ansprechen. Zusammengefasst: Ich gehe stark davon aus, dass der Onlinehandel weiter wächst, dass aber die Konsumenten bewusster kaufen werden.

TATENDRANG ist das Interviewformat von RESET. Wir wollen wissen, wie unsere Interviewpartner zu ihren spannenden, innovativen und einzigartigen Projekten und Ideen aus den Bereichen Umwelt und globale Gerechtigkeit kamen, warum sie sich für genau das Thema einsetzen und wie schwer oder einfach sich das Projekt durchführen ließ. Damit wollen wir Ideen streuen, Projekte präsentieren und zu Aktionen anregen. Wir denken: Die Welt verändern kann jeder! Alle Interviews findest du hier: TATENDRANG

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