TATENDRANG: RESET im Gespräch mit den Veranstalterinnen des DINNER EXCHANGE

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Optimisch nicht mehr perfekt, ungeliebt und einfach nur liegen geblieben - haufenweise noch sehr genießbare Nahrungsmittel landen in den Tonnen von Haushalten und Geschäften. Viele knurrende Mägen sind vermeidbar, denn allein von dem, was in Europa weggeworfen wird, könnte die ganze Welt leben - in der Theorie zumindest. Was es braucht, um das zu ändern? Genau darum geht es beim Dinner Exchange.

Autor*in Sarah-Indra Jungblut, 15.11.11

Man könnte die Idee auch anders übertiteln: „Containern de Luxe“ oder „Lernen geht durch den Magen“. Auf den ersten Blick unterscheidet sich ein Dinner Exchange kaum von einem „normalen“ Abendessen im privaten Rahmen, ähnlich der Idee des Supper Clubs. Der große Unterschied: die Zutaten des Abendessens sind ausrangierte Lebensmittel und das Menü entsteht andersherum als gewohnt. Zuerst werden Lebensmittel, die irgendwo übrig sind aufgetrieben, dann wird überlegt, was gekocht wird.

Am Abend vorher nicht wissen, was man für seine 20 Gäste kocht? Für viele eine unerträgliche Situation, für die beiden Veranstalter/Innen des Dinner Exchange eine Herausforderung.

Wie ein Dinner Exchange genau abläuft? Darüber sprach ich mit Sandra Teitge und Sarah Mewes, die das Dinner Exchange nach Berlin gebracht haben – mit großem Erfolg. Schon bei der ersten Veranstaltung hatten sie mehr Anmeldungen als Plätze, für die zweite Runde hat sich bereits Valentin Thurn angemeldet, der Regisseur des Films „Taste the Waste“.

Wie seid ihr dazu gekommen, in Berlin eine Dinner-Exchange-Reihe ins Leben zu rufen?

Sarah: Wir kennen das Projekt aus London. Unsere Freundin Alice betreibt das dort seit 2009. Wir waren selbst schon 2 oder 3 Mal bei ihren Dinner Exchanges und waren begeistert. Inmitten der ganzen Diskussion um Lebensmittelverschwendung  war bei Sandra in der Wohnung ein Raum frei und wir haben uns überlegt: Was können wir mit dem Raum machen? Da wir sowieso schon immer daran gedacht hatten, ein Dinner Exchange auch in Berlin zu machen, einigten wir uns schnell. Diese Stadt eignet sich dafür bestens. In fast keiner anderen deutschen Stadt passieren so viel solcher „Underground“-Geschichten.

Sandra: In London wandelt sich das Modell gerade: durch das Geld, das sie bei dem Dinner einnehmen, werden andere Organisationen unterstützt. Die Organisatoren des Dinner Exchanges verlinken sich jetzt direkter mit Suppenküchen u.a., die das Essen dann an Bedürftige verteilen.

Sarah: Das letzte Mal war sehr erfolgreich, obwohl wir anfangs Bedenken hatten, das alles allein zu organisieren. Am Ende hat aber doch alles so geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben 22 Leute ernährt – trotz begrenzter Zutaten. Leider waren wir etwas zu spät auf den Märkten. Die Lebensmittel wurden schon verteilt, bevor wir kamen, das heißt, wir haben kaum etwas bekommen. Das wird das nächste Mal hoffentlich etwas anders sein, wenn wir früher erscheinen. Wir hatten eigentlich nur drei Grundzutaten: Brot, Buttermilch und Pflaumen. Und selbst daraus ließ sich dann doch etwas kreieren.

Du sagtest, ihr seid etwas zu spät auf den Märkten gewesen. Wo genau bekommt ihr die Lebensmittel her?

Sandra: Wir waren eigentlich nur auf dem Winterfeld-Markt in Schöneberg. Wir hatten im Vorfeld schon mit einigen Leuten gesprochen und es war recht unkompliziert. Viele Standbetreiber hatten uns schon zugesagt, aber uns nicht über die Berliner Tafel informiert, die dort auch Lebensmittelreste abholt.

Sarah: Wir wollen der Berliner Tafel natürlich nicht das Essen wegnehmen. Die Händler waren bereit uns einen Anteil ihrer Lebensmittelreste zu geben, wir kamen einfach zu spät. Ich bin aus Charlottenburg und hatte mich zusätzlich  in meiner Gegend erkundigt, ob es Lebensmittelhändler gibt, die an unserem Projekt interessiert sind; da gab es z.B. einen Weinhändler, der uns Proben geschenkt hat, die ihm zugeschickt wurden und die er selbst nicht brauchte. Auch eine Biobäckerei, die eigentlich alles selber verarbeitet, aber die Idee so toll fand, dass sie uns sechs Säcke Brot geschenkt hat. Es ist natürlich toll, mit so vielen verschiedenen Händlern zu kooperieren, bzw. von ihnen gesponsort zu werden.

Auf was achtet ihr bei den Lebensmitteln?

Sandra: Wir versuchen generell, eher Biolebensmittel zu beziehen.

Sarah: Wobei es gerade nicht die Biomärkte und -hersteller sind, die mit dem Wegwerfen ein Problem haben. Bei dem Supermarkt bei mir um die Ecke sieht es da schon anders aus.

Sandra: Die meisten Biomärkte haben schon irgendein Programm oder Mechanismus, um dem Problem entgegen zu wirken. Sie verwerten viel und arbeiten mit verschiedenen Organisationen zusammen.

Sarah: Da wollen wir natürlich auch nicht eingreifen. Wobei man sagen muss, dass die Menge, die wir beziehen für das eine Essen, nun wirklich ein Klacks ist – wir brauchen nicht viel, um für 20 Leute zu kochen.

Wie genau entsteht ein Menü bei euch?

Sarah: Wir haben einzelne Zutaten gegoogelt, um auf Ideen zu kommen, sonst haben wir alles selbst zusammengestellt und auf die Zutaten, die wir hatten, abgestimmt. Kochbücher sind hier wenig hilfreich, da man nie alle Zutaten zur Verfügung hat. Jedes Gericht ist spontan entstanden und eine Herausforderung.

Hier hattet einen sehr leichten Start. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Sandra: Ja. In London war das ziemlich schwierig zu etablieren. Wir sind erstaunt, wie gut das hier aufgenommen wird.

Hattet ihr eigentlich selbst Reste?

Sandra: Eigentlich hatten wir nur Brot und Pflaumenkompott übrig. Das haben wir allen Gästen am Ende des Abends geschenkt und auch eingefroren.

Was ist euer Hauptanliegen mit dem Dinner Exchange?

Sarah: Wir möchten den Konsumenten ändern, das Bewusstsein dafür schärfen, dass er sein Konsumverhalten ändern kann und damit auch größere wirtschaftliche Zusammenhänge verändert werden können. Wenn die Menschen, die Essen wegschmeissen, ihre Einstellung zu Lebensmittelverschwendung ändern, können sie damit sehr direkten Einfluss auf die Produktionskette nehmen. Natürlich sind die Leute, die an dem Dinner Exchange teilnehmen, sowieso Leute, die das Thema interessant finden und tendenziell wahrscheinlich weniger verschwenden als andere. Aber trotzdem sind nicht alle Experten oder Spezialisten und können den Abend zum Austausch von Ideen und Anregungen nutzen.

Sandra: Vor allem fehlt das Bewusstsein, dass man auch viel mehr selber machen könnte.

Sarah: Wir wollen die Leute inspirieren, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Wir haben beim ersten Dinner Exchange zum Beispiel  einen Quicheteig aus Brot gemacht.

Sandra: Einige Tage nach dem Abendessen bekommen die Teilnehmer eine E-Mail mit dem Menü des Abends, das ihnen als Inspiration für eigene Experimente dienen soll.

Am Ende des Abends werden die Gäste um eine Spende gebeten. Da ihr kaum Ausgaben für die Zutaten habt, was passiert mit dem Geld?

Sandra: Das Geld, das am Ende übrig bleibt, wird für einen guten Zweck gespendet. Die Einnahmen des ersten Abends gingen an ein Projekt von Slow Food Deutschland.

Die nächsten Dinner Exchange-Abende finden am 27. November und im Dezember statt. Danach wollen sich die beiden einen neuen Raum suchen und die Idee vielleicht noch in andere Städte bringen.

Buchungen bitte an dinnerexchangeberlin(at)gmail.com.

Mehr über die Idee und Hintergründe des Dinner Exchange hier: thedinnerexchange.zzl.org

 

TATENDRANG ist das neue Interviewformat von RESET. Wir wollen wissen, wie  unsere Interviewpartner zu ihren spannenden, innovativen und einzigartigen Projekten und Ideen aus den Bereichen Umwelt und Humanität kamen, warum sie sich für genau das Thema einsetzen und wie schwer oder einfach sich das Projekt durchführen ließ. Damit wollen wir Ideen streuen, Projekte präsentieren und zu Aktionen anregen. Wir denken: Die Welt verändern kann jeder!

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