Spotlight Brasilien: BuzzingCities

Mit der WM kommt auch die Polizei in Rios Favelas. Quelle: buzzingcities.net

Anfang des Jahres haben wir von RESET schon einmal über das Multimedia-Projekt BuzzingCities berichtet. Das Projekt zweier Journalistinnen, die täglich über den Alltag und den Wandel in Rios Favelas berichten. Wir fragen uns: Was sind die Themen so kurz vor dem Anstoß der Fußball-WM? Wie geht es den Bewohnern in den Favelas, die auf einmal im Mittelpunkt medialer Öffentlichkeit stehen? Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl von BuzzingCities haben für uns hingesehen.

Autor Laura Holzäpfel, 27.05.14

Hanglage mit freiem Blick auf Rio de Janeiro, die Copacabana und das Blau des Atlantiks. Andernorts würde man für eine solche Lage Höchstpreise auf dem Immobilienmarkt verlangen. Stattdessen drängen sich hier die Hütten von Brasiliens Armenvierteln dicht an dicht. Von der Regierung seit Jahrzehnten aufgegeben, entwickelte sich in den Favelas eine Subkultur mit eigenen Regeln und Gesetzen. Die allerdings passt so gar nicht ins Gastgeber-Bild welches Brasilien so kurz vor der Fußball-WM von sich gerne zeigen möchte. „Als die Entscheidung 2007 fiel, dass in Brasilien die Weltmeisterschaft ausgetragen wird, wurde auch die Entscheidung gefällt, dass die Polizei in die Favelas geht.“ erzählt Julia Jaroschewski in einem Interview mit Funkhaus Europa.

Sie und Kollegin Sonja Peteranderl haben selbst in einer Favela gelebt und den Wandel mitbekommen, der durch die WM angestoßen wurde. Zum einen berichten sie von Schulen und Bibliotheken, die gebaut wurden, um Kindern und Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Zum anderen sehen sie aber auch den herrschenden Machtkampf zwischen der Polizei und den Drogenkartellen um die Vorherrschaft in den Favelas, der immer wieder auch Tote fordert. Auf ihrem Blog http://favelawatchblog.com/ und der Plattform BuzzingCities berichten die beiden Frauen live vor Ort und nehmen uns mit auf eine digitale Erkundungstour.

Mit feinem Gespür fangen die Journalistinnen die Stimmung in den Favelas ein. Sie tun das mit Bildern und Texten, aber vor allem auch, indem sie teil am Leben in den Favelas nehmen. “Ich selbst trage – anders als viele brasilianische Kollegen – keine Schutzweste. Mir ist es wichtig, dass ich das Vertrauen der Menschen gewinne. Das gelingt mir nicht, wenn ich mich von ihnen abgrenze.” sagt Julia Jaroschewski.

Der inoffizielle WM-Song

In ihrem Blog bekommt man etwas von der „Katerstimmung vor der Fußball-WM“ zu spüren. Der Song von Musiker Edu Krieger “Desculpe Neymar” (Tut mir leid, Neymar) ist einer neusten Einträge und erzählt von der Schlucht, die die WM in die Gesellschaft reißt. Der Songtext erzählt, wie Brasiliens Landsleute einer nach dem anderen sterben und die FIFA kein Interesse für die Probleme des Landes hat. Krieger singt von überfüllten Krankenhäusern, nicht von gut gefüllten Stadien. Das Video verbreitete sich in kürzester Zeit über die sozialen Medien und scheint derzeit zu einer Art inoffiziellem WM-Song avanciert zu sein. Viele Menschen sind wütend, dass Millionen in Stadien investiert werden und für die Infrastruktur, für Schulen und Hospitäler kein Geld mehr bleibt. Vielleicht zeigt sich hier auch die Angst vor dem Danach. Denn was passiert, wenn die WM und Olympia vorbei sind?

Es bleibt zu wünschen, dass Brasiliens Regierung auch nach der WM und Olympia noch an einem Dialog mit den Menschen interessiert ist. BuzzingCities wird hoffentlich weiterhin über den Wandel in Rios Favelas berichten.

Bevor sich beim ersten Anpfiff der Weltmeisterschaft alle Blicke auf Brasilien richten wollen wir mit unserer Serie „Spotlight Brasilien“ schon jetzt Menschen, Organisationen und Bewegungen vorstellen, die sich jenseits des Stadiums mit innovativen Ansätzen für Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit engagieren. Weitere Artikel findest du hier: Spotlight Brasilien

MARKIERT MIT
Spotlight Brasilien: „No, I’m not going to the world cup“

Es ist nicht mehr lange hin bis zum Beginn der Fußball-WM in Brasilien. Die meisten freuen sich schon auf den Anpfiff am 12. Juni. Brasiliens Freude über die Austragung der WM in diesem Jahr und der Olympischen Spiele 2016 wird allerdings durch massive Rechtsverletzungen, Vertreibungen und Proteste der Lokalbevölkerung getrübt. Die Menschen wollen nicht tatenlos bei den korrupten Machenschaften der WM-Organisatoren zusehen und gehen auf die Straße.

Spotlight Brasilien: Grüne Favelas – Rio blüht auf

In den Armenviertel Rio de Janeiros herrschen Gangs, Drogenhandel und Gewalt. Touristen lassen sich hier äußerst selten blicken, dafür die Polizei umso häufiger. Längst aber zeigt sich auch ein ganz anderes Bild der Favelas von Rio de Janeiro. Oft sind sie auch ein spannender kultureller Schmelztiegel, in dem Menschen zusammenhalten, weil sie eines eint: die Liebe zu ihrer Stadt und ihrem Viertel.

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Live aus Rios Favela Rocinha – Eine digitale Erkundungstour

In den nächsten Jahren ist einiges los in Rio: Erst die Fußball-WM 2014 und gleich hinterher Olympia 2016. Um die Stadt für Besucher der internationalen Großereignisse aufzupolieren will der Staat die Drogenbanden aus den Favelas zurückdrängen. Mit dem Multimedia-Projekt BuzzingCities verfolgen zwei Journalistinnen Alltag und Wandel in den Favelas.