Wir kaufen Autos, um Zeit zu sparen. Dabei zahlen wir oft hohe Summen in der Überzeugung, dass eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde dem Tempo zu Fuß überlegen ist, um von A nach B zu kommen. Aber wie sieht die Rechnung für Autofahren aus, wenn die Uhr nicht erst zu ticken beginnt, wenn du den Zündschlüssel umdrehst?
Die Clean Air Action Group hat in einer aktuellen Analyse dafür die „soziale Geschwindigkeit“ als Zeiteinheit entwickelt. Einberechnet wird hier nicht nur die reine Fahrzeit, sondern auch die Arbeitsstunden, die aufgewendet werden müssen, um das Fahrzeug, den Kraftstoff und die Wartung zu bezahlen. Nach dieser Berechnung sinkt die tatsächliche Geschwindigkeit eines Autos im Durchschnitt auf erstaunliche 8,2 Kilometer in der Stunde. Diese Zahl wurde für Ungarn erhoben, wo die Studie durchgeführt wurde, sollte aber weltweit vergleichbar sein.
Die Formel der „sozialen Geschwindigkeit“
Das Konzept der „sozialen Geschwindigkeit“ machte erstmals 1978 der Philosoph Ivan Illich populär. Es besagt, dass die wahre Geschwindigkeit eines Fahrzeugs nicht auf dem Tacho zu finden ist. Stattdessen veranschaulicht die Idee, dass man mit einem Auto, mit dem man schnell fahren kann, aber viele Stunden für dessen Erwerb und Unterhalt pro Woche arbeiten muss, eigentlich keine Zeit „spart“. Das heißt, auf die Geschwindigkeit auf dem Tacho kommt eine versteckte „Zeitsteuer“, die die meisten Fahrer:innen ignorieren.
Aufschlüsselung der Zeitverschuldung
Die Clean Air Action Group hat dies für einen vier Jahre alten Pkw, einen Suzuki Swift, berechnet. Unter Zugrundelegung des ungarischen Medianlohns von 2025 und der aktuellen Benzinpreise hebt die Analyse drei Ebenen des Zeitverlusts hervor. Erstens die direkte Zeit: das Fahren, Staus und die rund 20 Stunden pro Jahr, die allein mit der Suche nach einem Parkplatz verbracht werden. Zweitens ist da die Arbeitszeit: der „unsichtbare“ Arbeitsweg. Um Kraftstoff (351.000 HUF/Jahr oder rund 90 EUR – eine sehr konservative Schätzung), Versicherung, Steuern und den Kaufpreis des Autos zu decken, addiert sich darauf bei durchschnittlichen Autofahrer:innen etwa ein Viertel ihrer gesamten Arbeitszeit.
Schließlich gibt es die externalisierte Zeit: Dabei handelt es sich um „externe Kosten“ wie die Beträge, die Autofahrer:innen an den Staat zahlen, beispielsweise Kraftstoffsteuer, Kfz-Steuer und Mautgebühren. Dazu gehören auch „die Kosten für die Gesellschaft, die durch die Schaffung und Instandhaltung der für das Autofahren notwendigen Infrastruktur entstehen, sowie die durch das Autofahren verursachten Umwelt- und Gesundheitsschäden“, wie Luftverschmutzung, Lärmbelästigung und Unfälle. An diesem Punkt verbringen Autofahrer:innen über 40 Prozent ihres Arbeitslebens in ihrem Auto.
Eine Liebeserklärung an die Bahn
Der Blick auf die „soziale Geschwindigkeit des Autofahrens ist ein weiteres Argument für Bahnfahren. Einfach in einen Zug einsteigen, meist von einem Bahnhof mitten in der Stadt, den Laptop aufklappen, um Arbeit nachzuholen, oder einfach die Freizeit genießen – klingt das nicht überzeugend?
Bezieht man alle Kosten mit ein, ist Zug fahren in den meisten Fällen günstiger als ins Auto zu steigen. Plus: Die Bahnfahrt ist weitaus emissionsärmer, besonders, wenn du alleine unterwegs bist.
Auch international werden (wieder) neue Zugstrecken in ganz Europa geöffnet, die für nachhaltige Urlaubsreisen zu einer beliebten Option werden.
Wie funktioniert der Rechner?
Der Excel-Rechner der Clean Air Action Group dient als unkomplizierter und leicht zugänglicher Realitätscheck für Autofahrer:innen. Du kannst einfach Werte wie Nettoeinkommen und Arbeitsstunden sowie Informationen zu autobezogenen Kosten wie Kraftstoff und Versicherung eingeben und das Tool ermittelt einen personalisierten „Zeitwert“ für jeden Euro, den du in dein Auto investierst.
Berücksichtigt werden dabei auch die unsichtbaren Belastungen, wie zum Beispiel die 20-jährige Abschreibung, Gebühren für die technische Überprüfung und sogar die Zeit, die du mit der Suche nach einem Parkplatz verbringst.
Die Tabelle enthält auch eine Ebene für externe Kosten, die auf den Durchschnittswerten der EU-28 basiert. Diese berechnet die finanzielle Belastung, die dein Fahrzeug für die Umwelt und die öffentliche Infrastruktur darstellt. Die endgültige Summe gibt dir genau an, wie viele Monate im Jahr du arbeitest, nur um dein Auto auf der Straße zu halten.
Millionen winziger Zeitersparnisse als Argument für Autobahnprojekte
Die „Illusion der Geschwindigkeit“ hält uns in einem Kreislauf des hohen Konsums gefangen. Wir arbeiten mehr, um uns ein schnelleres Leben leisten zu können, doch die finanziellen Kosten dieser Geschwindigkeit verschlingen genau die Zeit, die wir eigentlich sparen wollten.
Die Berechnung der „sozialen Geschwindigkeit“ untergräbt außerdem die Logik, nach der unsere städtischen Räume gestaltet werden. Die wirtschaftliche Begründung für riesige Autobahnprojekte, die auf Kosten von Grünflächen und Luftqualität gehen, stützt sich in der Regel auf die Bedeutung des Autos in unserer Gesellschaft. Planer:innen berechnen den monetären Wert von Millionen winziger Zeitersparnisse für Autofahrer:innen und nutzen die Summe, um diese Projekte zu rechtfertigen.
Rumänien plant beispielsweise, bis 2030 rund 3.000 Kilometer neue Autobahnen und Schnellstraßen zu bauen. Dargestellt wird das Projekt als entscheidender Motor für die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie. Wissenschaftler:innen und Naturschützer:innen sind dagegen zunehmend alarmiert. Sie weisen darauf hin, dass diese Hochgeschwindigkeitskorridore einige der letzten unberührten Landschaften und widerstandsfähigen Ökosysteme Europas durchschneiden.
Die Lösung besteht nicht darin, einfach aufzuhören, uns fortzubewegen, sondern darin, zu ändern, wie wir Fortschritt messen. Die Daten zeigen, dass schon kleine Veränderungen unsere „soziale Geschwindigkeit“ verbessern können. Die Erhöhung der Fahrzeugbelegung von 1 auf 1,3 Personen zum Beispiel teilt das Zeitinvestment auf mehr Personen auf. Im größeren Maßstab bedeutet dies, unseren Fokus von Hochgeschwindigkeitsautobahnen auf ein „hocheffizientes“ Leben zu verlagern: fußgängerfreundliche Städte und zuverlässige öffentliche Verkehrsmittel, die nicht 40 Prozent unseres Arbeitslebens in Anspruch nehmen.
Wie die nachhaltige Mobilität von morgen aussehen könnte? In unserem Dossier „Mobilitätswende – Smart in Richtung Klimaneutralität“ stellen wir nachhaltig-digitale Lösungen für eine klimaneutrale Fortbewegung und Logistik vor und diskutieren neue Herausforderungen der „digitalen“ Mobilität.


