Aktuelle Prognosen sehen düster aus: Unsere Informationstechnik könnte in den nächsten 10 bis 20 Jahren rund 50 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ausmachen. Gleichzeitig brauchen unsere Rechenzentren immer mehr Wasser, während das Klima extremer und unsere Böden trockener werden. Der Zeitpunkt, an dem wir einfach auf Computer, Handys und KI-Chatbots verzichten können, ist allerdings schon längst überschritten.
Unternehmen, Vereine und Selbstständige brauchen zudem Webseiten, um auf sich aufmerksam zu machen. Dienstleister kommen bei der Bereitstellung ihrer digitalen Lösungen zudem kaum an Cloud-Diensten und Hosting vorbei, die allesamt Daten in Rechenzentren verarbeiten.
Es ist also sehr sinnvoll, bei der Gestaltung einer neuen Webseite oder bei der Entwicklung eines neuen Dienstes auf grüne Praktiken zu setzen. Green-Coding oder grünes Hosting kann dabei Teil einer sinnvollen CDR-Strategie sein. Oder auch eine Absicherung für die Zukunft, wenn man sich unabhängig von US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen machen möchte.
Im Folgenden haben wir dir einige Möglichkeiten zusammengefasst, wie du und dein Unternehmen enerigesparender, ressourcenschonender und ökoeffizienter im Netz agiert.
Wie genau funktioniert „Green-Coding“?
Alle Programme, Dienste und Webseiten haben eine Sache gemeinsam: Sie bestehen aus Programmcode, der irgendwann einmal geschrieben wurde. Ob von einem Menschen oder von einer generativen KI ist dabei erst einmal egal – wie noch zu ihren Ursprüngen basiert moderne Informationstechnik auf simplem Programmcode.
Max Westing vom Projekt „Green-Coding“ erklärte uns im Interview, dass es immer darum geht, dass „für Menschen lesbarer Code in für Maschinen ausführbaren Code übersetzt wird.“ Und je nachdem, wie dieser Code gestaltet ist, steigt oder fällt der Energieverbrauch der Systeme, die ihn ausführen.
Andererseits wirkt sich aber auf den Energieverbrauch aus, wie effizient Menschen oder andere Systeme mit dem entwickelten Tool arbeiten können. „Wenn man in einer Software nicht lange herumklicken muss, um Dinge zu finden, nutzt man sie weniger lange – und dadurch ist sie schonmal effizienter“, sagt Max.
Möglichst effiziente „Libraries“ nutzen
In unserem Gespräch machte Max aber auch deutlich, dass neue Programme oder Webseiten nur selten von Grund auf neu geschrieben werden. Sogenannte „Libraries“ funktionieren wie Standardkomponenten, die man in sein Auto einbaut. Eine moderne Software setzt sich etwa aus mehreren Bibliotheken zusammen, die bestimmte Grundfunktionalitäten bereitstellen. Für Programierer:innen ist es dementsprechend sinnvoll, möglichst effiziente Bibliotheken zu suchen.
Um genau diese zu finden, nennt Max Westing die Green Software Foundation als generelle Anlaufstelle für das Thema „Green-Coding“. Entwickler:innen finden dort genauere Details, auf die wir an dieser Stelle nicht genauer eingehen. Um eigene Software auf ihre CO2-Intensität hin zu optimieren, seien zudem die Spezifikationen des Software Carbon Intensity Scores hilfreich.
Und das bringt uns zum nächsten Tipp.
Carbon-Tracker schon beim Coding verwenden
Moderne Software, Apps und Webseiten funktionieren heutzutage über „verteilte Systeme“. Unsere Geräte führen sie nicht ausschließlich selbst aus, sie geben Rechenaufgaben an Server oder Cloud-Dienste ab. Forscher:innen des Projekts ECO:DIGIT zeigen dabei, wie schwierig es geworden ist, den Ressourcenverbrauch von Programmen zu analysieren.
Diese Komplexität ist auch der Grund, warum Webseiten und Software häufig nur unzureichend auf Energiesparsamkeit oder einen geringen Ressourcenverbrauch hin optimiert werden. Daniela Grau vom Think-Tank „Climate+Tech“ erklärte uns, dass derartige Optimierungen zu häufig passieren. Dadurch würden Optimierungen besonders schwierig, da schon viel Geld und Zeit in die Erstellung des Programmcode investiert wurde.
Das Tool „Carbonara“ vom Unternehmen Climate+Tech setzt daher besonders früh an. Es lässt sich als Plug-In in VSCode-basierte Editoren wie VSCode oder Cursors einsetzen. Dort zeigt es dann schon während des Programmierens an, wie groß der CO2-Fußabdruck der Anwendung später sein wird.
Gleichzeitig bietet Carbonara eine Datenbank mit „Green Software Patterns“, die wiederum die Green Software Foundation bereitstellt. So bekommen Programmierer:innen schon beim Coden Hinweise zu nachhaltigen Programmierpraktiken und für möglichst effiziente Bibliotheken.
Grid-Awareness und Carbon-Aware-Load-Shifting
Unser nächster Tipp klingt kompliziert, basiert aber auf einem einfachen Konzept: Webseiten, die „Grid-Aware“ gestaltet sind, passen ihre Inhalte auf den aktuellen Strommix an. Besteht dieser zu einem bestimmten Zeitpunkt größtenteils aus fossilen Brennstoffen, sehen Nutzer:innen statt großer Bilder nur herunterskalierte, farbreduzierte Versionen. Ist der für die Anzeige der Inhalte benötigte Strom also besonders CO2-intensiv, gleicht die energiesparsame Webseite das über einen geringeren Datenverkehr aus.
So ähnlich – nur im Software-Bereich – funktioniert Carbon-Aware-Load-Shifting: Soll ein Programm eine rechenintensive Aufgabe ausführen, prüft sie deren Priorität und den aktuellen Strommix. Kann die Aufgabe warten, da die Ergebnisse etwa ohnehin erst am nächsten Tag benötigt werden, führt das Programm die Aufgabe erst dann aus, wenn der Strommix grün genug ist.
Im Detail setzen beide Konzepte natürlich einige Informationen voraus. Grid-Aware-Webseiten rufen den geografischen Standort der Besucher:innen ab, so Fershad Irani von der Green Web Foundation. Mithilfe einer Programmierschnittstelle, die die Green Web Foundation selbst anbietet, wird dann der jeweilige Netzintensitätswert für den Standort abgerufen und mit regionalen Durchschnittswerten verglichen.
Hier ins Detail zu gehen, wäre selbst womöglich äußerst ineffizient, denn es gibt noch weitere Tipps. Mehr Informationen findest du im Interview mit Fershad.
Generative KI nutzen – oder lieber ganz vermeiden?
Im unserem Projekt „Digital & Grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“ konnten wir beobachten, wie kritisch sich anhaltende KI-Boom auf die soziale und ökologische Nachhaltigkeit unserer Informationstechnik auswirkt.
Textbasierte generative KI basiert auf recht simpler Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ein modernes Sprachmodell zerlegt Sätze in ihre Einzelteile und berechnet dann, welche Wortfolge am wahrscheinlichsten auf die jeweilige Anfrage folgen würde. Dafür benötigen die Systeme riesige Datensätze und eine Menge Rechenleistung. Die Entwicklung und Nutzung in der aktuellen Form benötigt gewaltige Investitionen und beruht auf Ausbeutung.
Der aktuelle KI-Boom führt etwa zur Missachtung von Urheberrechten, um möglichst viele Daten nutzen zu können. Gleichzeitig arbeiten Millionen Menschen am Training von Sprachmodellen, häufig unter miserablen Arbeitsbedingungen. Doch auch regional sorgt der KI-Boom für Probleme.
Prognosen zufolge werden Energiepreise in Regionen, in denen neue KI-Rechenzentren entstehen, für die lokale Bevölkerung stark ansteigen. Gleichzeitig geht Kommunen das Wasser aus, da KI-Rechenzentren über Frischwasser gekühlt werden.
Wie lässt sich generative KI sparsamer nutzen?
Generative KI ist nicht mehr aus deinem Alltag und deinem Berufsleben wegzudenken?
Wir haben einige Tipps und Tricks zusammengefasst, wie sich Dienste wie Chat-GPT, Gemini oder KI-Bildgeneratoren sparsamer nutzen lassen!
Die AI-first Strategien vieler Unternehmen, die vermeintlich praktische „KI-Funktionen“ in immer mehr Dienste bringen, verstärken all diese Probleme. Unserer Einschätzung nach sollten Unternehmen das bei der Entwicklung neuer Webseiten und Programme unbedingt mitbedenken.
Aber: Diese Nachteile beziehen sich vor allem auf generative KI. Spezialisierte bzw. traditionelle KI-Anwendungen, so wie es sie schon lange vor dem KI-Boom gab, sind davon nicht unbedingt betroffen. Mehr dazu im Interview mit dem unabhängigen Klima- und Energieanalyst Ketan Joshi.
Max Westing vom Projekt „Green-Coding“ sieht in generativer KI dennoch eine Chance, um Webseiten und Software ressourcenschonender zu gestalten. In einer Studie konnte er mit anderen Forschenden nachweisen, dass KI-Agenten geschriebenen Code durchaus „in Richtung Energieeffizienz“ hin optimieren können. Darin liege ein Potenzial, da viele Programmierer:innen nur wenig Zeit haben, Code selbst zu optimieren.
Fraglich bleibe allerdings, ob die Effizienzgewinne ausreichend hoch sind, um das CO2-intensive Training und den Betrieb der generativen KI auszugleichen.
Zusammenfassend ist KI ein Thema, das Unternehmen und Selbstständige bei der Programmierung von Software und Webseiten mitdenken müssen. Dieses Mitdenken kann auch bedeuten, sich aktiv gegen die Implementierung von KI-Features zu entscheiden. Wie eine konsequente Positionierung gegen generative KI für Unternehmen und Vereine aussehen kann, zeigt die Organisation „Superrr Lab“ – und verlinkt auch das passende Sticker-Set.
Alles geschafft? Zertifikate und grünes Hosting
Software, Webseiten und Apps sind häufig die ersten Anlaufstellen, die B2B- und B2C-Kund:innen zu anderen Unternehmen haben. Dementsprechend ist es sehr sinnvoll, eine nachhaltige Digitalstrategie auch genau dort sichtbar zu machen.
Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?
Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:
Mittkerweile gibt es beispielsweise einen „Blauen Engel für Software“, mit dem grüne Software ausgezeichnet werden kann. Die Green Web Foundation bietet zudem einen kostenfreien Verifizierungs-Service für Hosting-Provider an. Gleichzeitig führt die Organisation eine Liste an grünen Dienstleister.
Möchtest du die grüne Webseite deines Unternehmens zusammen mit anderen Maßnahmen für nachhaltiges Wirtschaften präsentieren, empfiehlt es sich außerdem, eine umfassende Selbstverpflichtung zu formulieren.

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