So kontert „The Engine Room“ Fake News in Lateinamerika

Inmitten der Echokammern der sozialen Medien ist es schwieriger denn je, Zugang zu korrekten und hochwertigen Informationen zu erhalten. The Engine Room begegnet Fake News mit der Förderung gesünderer Informationsökosysteme.

Autor*in Kezia Rice:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 20.08.25

Wie unzählige andere Journalisten und Jounalist:innen nutzte Carlos Martínez sein Mobiltelefon für seine Berichterstattung. SMS an Quellen, Audioaufnahmen, Vereinbarung von Interviews und Telefonate – all das war für seine Arbeit von zentraler Bedeutung. Was er nicht wusste: Zwischen 2020 und 2021 wurde sein Telefon 269 Tage lang von der Spionagesoftware Pegasus überwacht. Die Zero-Click-Software, die als „ausgeklügelte, fast unauffindbare Fernüberwachung“ beschrieben wird, kann ein Mobilgerät kompromittieren, indem sie einfach eine Textnachricht an die betreffende Handynummer sendet oder einen Anruf tätigt.

In ganz Lateinamerika ist der Journalismus unter Beschuss. „Die Regierungen nutzen diese neue Waffe, um investigative Berichterstattung in einer Zeit zunehmender Korruption zu unterbinden”, schreibt der venezolanisch-amerikanische Journalist Boris Muñoz. Die Hacks von Pegasus sind dabei nur eines von vielen Beispielen für die Bedrohung von Journalisten:innen. The Engine Room, eine in der Region ansässige gemeinnützige Organisation für soziale Gerechtigkeit, will dagegen vorgehen. Ein 2024 veröffentlichter Bericht und die neu veröffentlichte Website sollen lateinamerikanischen Journalist:innen, Aktivist:innen und Gemeinschaften neue Wege zur Vernetzung, Kommunikation und zum Informationsaustausch aufzeigen.

Gesündere Informationsökosysteme sind der Schlüssel gegen die Verbreitung von Fake News

Paola Mosso, Geschäftsführerin von The Engine Room und Mitglied des Technischen Beirats des Spyware Accountability Fund, beschreibt, wie soziale Unzufriedenheit, der Aufstieg rechtsgerichteter Regierungen und die Covid-19-Pandemie dazu beigetragen haben, dass „Fehlinformationen und Desinformationen sich mit Lichtgeschwindigkeit verbreiten“. In diesem Zusammenhang entstand die Idee für den Bericht. „Es war ein wichtiger Zeitpunkt, um zu untersuchen, was diese Informationsökosysteme kontaminierte”, erklärt Mosso im Interview mit RESET, „und Wege zu dokumentieren, mit denen die Gemeinschaften in der Region Strategien und Wege zu gesünderen Informationsökosystemen entwickelten.”

The Engine Room workshop
© The Engine Room
The Engine Room bei einem Workshop.

Der von der Open Society Foundation finanzierte Bericht „Working Towards Healthier Information Ecosystems“ von The Engine Room ist in Englisch, Spanisch und Portugiesisch verfügbar. Darin beschreibt die Organisation ein Informationsökosystem als einen Raum, den die verschiedenen Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft, dem privaten Sektor, dem öffentlichen Sektor, den Mediensystemen und den Gemeinschaften gemeinsam gestalten und aufbauen. Dieses Ökosystem würde zunehmend von digitalen Technologien beeinflusst und geprägt. Um Ansätze zu finden, um die Funktionsweise dieses Informationsökosystems zu verändern, hat das Team Menschen innerhalb des Systems zu den Herausforderungen befragt, denen sie bei ihrer Arbeit gegenüberstehen. Anschließend wurden in Zusammenarbeit mit Vertreter:innen verschiedener Sektoren Handlungsempfehlungen entwickelt.

Leitend für ihre Forschung war die Frage: „Wovon träumen wir, wenn wir an gesunde, ausgewogene Informationsökosysteme denken?“ Die Antwort? Menschen Zugang zu korrekten, qualitativ hochwertigen Informationen über die Dinge zu geben, die ihr Leben beeinflussen. Räume für sinnvolle Debatten, die darauf abzielen, die Polarisierung zwischen verschiedenen Gruppen zu verringern. Sprachgerechtigkeit – d. h. die Gewährleistung, dass Informationen in indigenen Sprachen zugänglich sind. Ein Fokus auf die Bedürfnisse historisch marginalisierter Gruppen. Und die nötigen finanziellen Mittel, um dies zu verwirklichen. Der Bericht kommt zu dem Schluss: „Wir brauchen eine Vielzahl von Strategien, die ganzheitlich auf die unterschiedlichen Informationsbedürfnisse von Menschen in verschiedenen Kontexten eingehen. Voneinander zu lernen kann uns dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen.“

Du willst mehr über gesunde Informationsökosysteme erfahren?

Neben ihrem Bericht hat The Engine Room auch eine neue Website gestartet, die eine Ressource für alle darstellt, die sich für die Stärkung von Informationsökosystemen einsetzen. Im Sinne der Minimierung der Umweltbelastung wurde die Website von der nachhaltigen Webdesign-Agentur Wholegrain Digital programmiert.

Politische Polarisierung, Plattformisierung und Echokammern fördern Fake News und Desinformation

„Wir können uns nicht aus Polarisierung, Misstrauen und Skepsis herausfaktchecken“, schreibt Courtney C. Radsch, Postdoctoral Research Fellow an der UCLA. Eine Studie des UNDP zeigt, dass Lateinamerika und die Karibik (LAC) im Vergleich zu anderen Regionen zwischen 2000 und 2021 den größten Anstieg der Polarisierung verzeichneten. Während das Vertrauen in die Gemeinschaften gleich geblieben ist, ist das Vertrauen in Regierungen und „die meisten Menschen“ allgemein gesunken.

Politische Polarisierung – eine zunehmende Spaltung zwischen Menschen mit gegensätzlichen politischen Ansichten – nimmt aufgrund der sozialen Medien immer mehr zu. Einzelpersonen existieren online in ihren eigenen Echokammern. Diese ideologischen Blasen würden dazu neigen, vorgefasste politische Überzeugungen zu bestätigen, so Radsch. Die zunehmende Dominanz sozialer Netzwerke bedeutet, dass immer mehr Menschen diese sozialen Medien als primäre Informations- und Kommunikationsquelle nutzen. All dies erhöht den Bedarf an gesünderen Informationsökosystemen, in denen Einzelpersonen Zugang zu verifizierten Informationen haben und mit Menschen außerhalb ihrer eigenen ideologischen Blase kommunizieren können.

Fake News und Desinformation tragen auch dazu bei, Stereotypen oder rassistische Klischees über marginalisierte Gemeinschaften zu verstärken. Mosso erklärt, wie dies „die Ausgrenzung und Polarisierung verstärkt und Schaden, Belästigung und Diskriminierung fördert“. Mosso weist darauf hin, dass „marginalisierte Gruppen [in sozialen Medien] überproportional häufig Belästigungen und Fake News ausgesetzt sind“. Viele würden sich daher entscheiden, diese Plattformen zu verlassen, aus Angst ihre Konten schließen oder sich weniger im digitalen Raum zu beteiligen, was die Ausgrenzung verstärkt.

Ein ideales Informationsökosystem dagegen könnte ein harmonisches Miteinander von Technologie und indigenen und marginalisierten Gemeinschaften ermöglichen. Der Bericht von The Engine Room zeigt jedoch, dass technologische Einschränkungen diese Gemeinschaften, die nicht immer über die erforderliche Hardware, die entsprechenden Fähigkeiten oder die nötige Ausbildung verfügen, um mit Technologie umzugehen, weiterhin ausschließen. „Technologie kann dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen oder Misstrauen zu verbreiten“, sagt Mosso. „Sie kann mehr Schaden anrichten oder den Wandel unterstützen.“ Sie betont die Notwendigkeit einer „sicheren digitalen Infrastruktur, auf der soziale Bewegungen aufbauen können“. Dazu gehöre „die Entwicklung von Technologien, die den Datenschutz und die Sicherheit stärken. Und auch die Schaffung von Alternativen zu ausbeuterischen öffentlichen Räumen, in denen Gemeinschaften ihre Rechte zum Ausdruck bringen und Vertrauen aufbauen können.

The Engine Room zine
© The Engine Room
Ein Zine, das im Workshop von The Engine Room entstanden ist.

The Engine Room gibt Journalist:innen, Kommunikator:innen und Aktivist:innen Hoffnung

Die Bedrohungen für Journalismus und Aktivismus in Lateinamerika gehen über die Pegasus-Spionagesoftware hinaus. Die Regierungen verfolgen auch diejenigen, die in diesem Bereich arbeiten, indem sie ihre Bewegungen, ihre Kommunikation und sogar ihre Körpertemperatur überwachen. Ermöglicht wird das von schwachen Datenschutzgesetzen in der Region. 83 Prozent der Gender-Redakteur:innen in Argentinien sind Ziel von Online-Gewalt. In Kuba wird der Internetzugang von Journalist:innen regelmäßig eingeschränkt, insbesondere wenn ihre Berichterstattung regierungskritisch ist. Diese anhaltenden Herausforderungen mögen wie ein unüberwindbarer Berg erscheinen.

Aber die Arbeit von The Engine Room trägt bereits zu Veränderungen bei. Die persönlichen und Online-Workshops, die nach der Veröffentlichung ihres Berichts stattfanden, würden die Zusammenarbeit zwischen Kommunikator:innen, Journalist:innen und Aktivist:innen in der Region stärken, so Mosso. Noch wichtiger seien jedoch Rückmeldungen, dass die Arbeit von The Engine Room ein neues Gefühl der Hoffnung bei den beteiligten Akteur:innen in der Region geweckt habe.

„Unser oberstes Ziel mit diesem forschungsorientierten Projekt war es, Aktivisten in Lateinamerika dabei zu unterstützen, ihre Arbeit proaktiv zu verteidigen. Wir wollten ihnen helfen, sich wirksam für stärkere rechtliche Rahmenbedingungen und Kontrollmechanismen einzusetzen und gleichzeitig die Öffentlichkeit für die derzeitige Informationsunordnung zu sensibilisieren“, so Paola Mosso.

Wie steht es um die Informationsökosysteme in deinem eigenen Leben?

Was ist mit Menschen, die sich nicht als Aktivist:innen oder Journalist:innen verstehen, aber in ihrem eigenen Leben gesündere Informationsökosysteme fördern möchten? Mosso rät allen, mit Alternativen zu Big-Tech-Plattformen zu experimentieren, die Datenschutz und Sicherheit fördern und so zum Aufbau von Vertrauen beitragen. „Entdecke und unterstütze Low-Tech-, Open-Source-, digital nachhaltige und feministische Technologien“, fügt sie hinzu, „sowie lokale, gemeinschaftsorientierte Medien.“ In Bezug auf unsere Nutzung von Big-Tech-Plattformen wie Meta ermutigt sie uns, zu reflektieren: Wie tragen die Plattformen, Medien und Narrative, mit denen ich mich beschäftige, zu Gemeinschaften bei? Fördern sie Vertrauen, Würde oder Freude?“ Diejenigen unter uns, die den Dopaminabsturz nach dem Doomscrolling kennen, müssten diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten.

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Manchmal findet man die besten Informationen nicht online. „Informationsökosysteme sind fließend und komplex“, sagt Mosso, „und ein digitaler Ansatz ist möglicherweise nicht die Lösung.“ Stattdessen bietet das „Verwischen der Grenzen zwischen online und offline“ eine Chance für sinnvolle menschliche Verbindungen bei der Suche nach Informationen und den Wiederaufbau des Vertrauens, das durch Polarisierung, Fake News und Big Tech zerstört wurde.

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