SkyTruth zieht Öl- und Fracking-Unternehmen zur Rechenschaft – mit Satellitenbildern

Das Satellitenbild zeigt den gigantischen Ölteppich (26.341 qkm!) der Ölpest im Golf von Mexiko 2010 (Deepwater Horizon).

In der Vergangenheit blieben Umweltzerstörung, Ölverschmutzungen oder illegale Fischerei oft unerkannt. Doch durch die Arbeit von SkyTruth werden NGOs und die Öffentlichkeit zu Umweltbeobachtern aus der Vogelperspektive.

Autor RESET :

Übersetzung RESET , 24.11.20

„Wenn man etwas sehen kann, kann man es auch verändern“ ist das Leitbild von SkyTruth. Bekannt geworden ist die Organisation durch die Mitwirkung bei der Säuberung der BP-Ölkatastrophe 2010. Doch zu den Einsatzgebieten der Organisation gehören auch die Erdgasförderung, illegale Fischerei oder Abholzung.

SkyTruth hat sich vorgenommen, Satellitenbilder zugänglicher und aussagekräftiger zu machen. Auf der Grundlage einer Reihe von Satelliten- und Fernerkundungstechnologien entschlüsseln die Mitarbeitenden der in den USA ansässigen Organisation Muster in den visuellen Daten und ermöglichen Nutzer*innen so, die Auswirkungen menschlicher industrieller Aktivitäten auf die natürliche Umwelt zu verstehen.

Für das Auge des 21. Jahrhunderts mag die Aufgabe von SkyTruth relativ einfach erscheinen: Die meisten von uns sind es gewohnt, Satellitenbilder zu sehen (zum Beispiel über Google Earth) und nehmen es als selbstverständlich hin, dass jedes Bild uns zeigt, was wir sehen müssen. Beim Aufspüren bestimmter Muster, wie zum Beispiel chemische Trends in der Atmosphäre oder Seeschiffe, die dort nicht sein sollten, wird der Prozess jedoch schwieriger. „Manche Bilder bedürfen keiner Interpretation“, sagt auch SkyTruth-Gründer John Amos gegenüber RESET. „Sie zeigen so deutlich etwas, dass selbst ein Nicht-Experte verstehen kann, welche Geschichte das Bild erzählt. Das ist jedoch nicht immer der Fall – der Blick aus dem Weltraum ist für die meisten von uns wirklich fremd und abstrakt.“

SkyTruth berücksichtigt in seiner Arbeit verschiedene Arten von Satellitenbildern; einige (wie die, die man in Google Earth sehen kann) erfassen einfach Bilder aus dem Teil des elektromagnetischen Spektrums, der für das menschliche Auge sichtbar ist. Andere nutzen Infrarottechnologie oder Sensoren, die Radarenergie hinunterstrahlen und messen, was auf sie zurückprallt, um chemische Inhalte zu entschlüsseln.

Letztere Methode ist besonders wichtig, um Chemikalien in der Luft aufzuspüren. Atmosphärische Gase wie Ozon, Wasserdampf und Stickstoffdioxid – und auch wichtige industrielle Schadstoffe wie CO2, Methan und Schwefeldioxid – können durch ihren „Fingerabdruck“ bei der Sonnenlichtabsorption identifiziert werden. Da jede Substanz die Transmission des Sonnenlichts bei bestimmten Wellenlängen blockiert, können Satelliten messen, wo im spektralen Frequenzband die Sonnenstrahlung ausfällt. „Und man kann ihre Konzentration auf der Grundlage der Stärke dieser Absorption der Sonnenenergie in diesen spezifischen Wellenlängenbändern messen“, so Amos.

Damit ermöglichen Entwicklungen in der Satellitentechnologie, die Quelle von Schadstoffen wie Methan bis hinunter zu einzelnen Anlagen und Kraftwerken zu lokalisieren, die für einen großen Teil der Lecks verantwortlich sind und auch als „Super Emitter“ bezeichnet werden. Damit steckt in Satellitenbildern großes Potenzial, um die Industrie zur Verantwortung zu ziehen. Wie Amos es ausdrückt, besteht die Aufgabe von SkyTruth darin, „mit den Entwicklungen in der verfügbaren Satellitentechnologie Schritt zu halten und zu verstehen, wie die verschiedenen Systeme am besten zur Förderung von Naturschutz und Umweltbewusstsein eingesetzt werden können“.

Die Satellitendaten bezieht SkyTruth aus den Erdbeobachtungs-Programmen verschiedener Raumfahrtorganisationen, wie zum Beispiel das Landsat-Programm der NASA, das Sentinel-Programm der ESA und aus den „Doves“ genannten Satelliten von Planet.

Satellitenbilder zugänglich und aussagekräftig machen

Nachdem SkyTruth die Datensätze erfasst hat, müssen diese Daten entschlüsselt und Forschenden, Nicht-Fachleuten und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, „damit alle von der Arbeit profitieren können, die wir leisten mussten, um diese Daten nützlich zu machen“. Mit nur zwölf Vollzeitmitarbeitenden ist das SkyTruth-Team eine relativ kleine gemeinnützige Organisationen – über die Reichweite der sozialen Medien hinaus kann sich die Organisation nicht den Luxus eines engagierten PR-Teams leisten, um die Sichtbarkeit bei potenziellen Nutzer*innen zu erhöhen.

Deshalb arbeitet SkyTruth mit größeren Organisationen zusammen, die über diese Ressourcen verfügen. Einer dieser Partner ist Oceana, eine führende Meeresschutzorganisation, mit der sich SkyTruth und Google zusammengetan haben, um 2016 das Projekt Global Fishing Watch zu starten. An dem Tag, an dem wir mit SkyTruth gesprochen haben, hatte die Organisation zum Beispiel gerade ein Paper zu einem Fall illegaler Fischerei riesigen Ausmaßes in nordkoreanischen Gewässern über die Medienkanäle von Oceana in Umlauf gebracht – und konnte so Journalist*innen auf die Ergebnisse aufmerksam machen.

© SkyTruth Sentinel-1-Radar-Satellitenbild, das den vermuteten ölhaltigen Abfall zeigt, der von einem Schiff vor Sumatra abgeladen wurde.

Amos sieht SkyTruth als eine Art Dolmetscher zwischen „Datenschwaden aus dem All“ und Bürger*innen. „Ich war motiviert, SkyTruth zu starten, weil ich wollte, dass jeder, dem die Umwelt am Herzen liegt, selbst sehen kann, wie menschliche Aktivitäten die Umwelt verändern“, erklärt er. „Das ist immer noch eine große Motivation für uns – zu versuchen, unsere Arbeit einem nicht fachkundigen allgemeinen Publikum zugänglich und verständlich zu machen.“

Die Erkenntnisse aus den riesigen Datenmengen, die SkyTruth aus der ganzen Welt sammelt, können auch in die Stärkung lokaler Gemeinschaften einfließen. Im Fall der BP-Ölkatastrophe im Jahr 2010 hatte SkyTruth zum Beispiel eine interaktive Karte erstellt, auf der Verschmutzungs-Hotspots eingezeichnet waren, und die Öffentlichkeit dazu ermutigt, diese Daten mit ihren Beobachtungen vor Ort zu vergleichen. Eine Nutzerin in Florida reichte über die App mehr als hundert Beiträge ein, die so nützlich waren, dass sie sogar Unterstützung von staatlichen Umweltbeamt*innen bekam, um damit weitermachen zu können. Tatsächlich ist es unter anderem auch ihren Bemühungen zu verdanken, dass BP gezwungen war, seine Aufräumarbeiten noch viele Monate länger fortzusetzen, als es das Ölunternehmen jemals selbst getan hätte.

In jüngerer Zeit hat SkyTruth noch andere Wege gefunden, um mit Communities in Kontakt zu treten. Dazu gehört auch „FrackFinder“, ein Projekt, das dazu einlädt, Bilder auf Anzeichen für eine Öl- und Gasbohrinfrastruktur zu analysieren. Die Organisation hat auch das interaktives Werkzeug „SkyTruth Alerts“ eingerichtet, das es Menschen ermöglicht, einen bestimmten Ort mit Hilfe der entsprechenden Satellitenbilder zu überwachen – fast wie eine „Umweltwache“ aus der Vogelperspektive. Eine Mitarbeiterin von SkyTruth begann, die SkyTruth-Alarmfunktion zu nutzen, um ein Gebiet in Philadelphia, wo ihre Mutter lebte, zu überwachen. Die App alarmierte sie über ein Leck in einer nahegelegenen Ölraffinerie, über das zweihundert Pfund Blausäure in die Luft freigesetzt wurden – ohne dass die umliegenden Nachbarschaften davon wussten. Es gibt zwar ein vorhandenes System, um über Vorfälle wie diesen zu berichten, dieses reagiert aber nur langsam und ist relativ unzugänglich: Das National Response Center veröffentlicht wöchentlich eine Tabelle mit landesweiten Leckagen und Verschüttungen – ein kaum verwertbarer Datensatz für einen lokalen Bericht.

Durch den Einsatz von SkyTruth Alerts, das diese Daten automatisch in Echtzeit sammelt, war die genannte Mitarbeiterin nicht nur in der Lage, die Nachrichten schnell an einen lokalen Reporter weiterzuleiten und die betroffenen Anwohner auf das bestehende Risiko aufmerksam zu machen, sondern begann auch, langfristig auf diese spezielle Raffinerie zu achten.

„Dinge, die früher unbemerkt blieben, werden jetzt sichtbar“, sagt Amos. Die Verschlankung dieses Prozesses bedeutet, dass die Gemeinden jetzt in der Lage sind, das zu überwachen, was sie in ihrer Umgebung nicht unbedingt sehen können – und motiviert sind, sich für das Wohlergehen ihrer Umwelt einzusetzen.

Enthüllung der Auswirkungen von Fracking

Methan ist einer der Hauptschadstoffe auf der SkyTruth-Beobachtungsliste, auch im Zusammenhang mit dem Hydraulic Fracturing (Fracking). Vor allem in den USA wird Fracking oft als bessere Alternative zur Kohle bezeichnet, obwohl sich in vielen Fällen gezeigt hat, dass Gas-Fracking mindestens genauso klimaschädlich ist wie der Kohleabbau. Die Methanwerte sind in der Luft aufgrund von Fracking-Lecks, die selbst bei Nutzung moderner Infrastruktur häufig auftreten, dramatisch angestiegen. Mit einer Toxizität, die 20 bis 70 Mal so hoch ist wie die von CO2, stellt Methan ein enormes Risiko für den Klimaschutz dar. Zusammen mit der Tatsache, dass das Fracking auch die Grundwasservorräte verunreinigt, sehen die Zukunftsperspektiven nicht gut aus.

© SkyTruth Bild aus dem FrackFinder-Projekt: Entwicklung von Bohrstellen in der Marcellus-Formation in Pennsylvania von 2005 bis 2017.

Es ist nicht gerade ermutigend, dass auch die industriellen Praktiken des Fracking in einen Mantel der Geheimhaltung gehüllt sind. Selbst wenn den Anwohner*innen tatsächlich bewusst wird, dass ihr Grundwasser verunreinigt ist, sollen Fracking- Unternehmen – so die Vorwürfe – sich deren Schweigen mit hohen Summen und Verschwiegenheitsvereinbarungen erkauft haben. SkyTruth will diese Kultur der Geheimhaltung auflösen. „Industrie und Regierung wollen einfach keine Informationen an die Öffentlichkeit geben“, erklärt Amos. „Information lädt zur Überprüfung und zu harten Fragen ein, die beantwortet werden müssen. Die erste Stufe, um dieses Muster der Verschleierung und Unklarheit zu durchbrechen, ist die Bereitstellung der Informationen.“

Durch den Einsatz immer ausgefeilterer Satellitentechnologien zur Messung der Methankonzentration in der Atmosphäre hofft SkyTruth, signifikante Veränderungen sowohl lang- als auch kurzfristig verfolgen zu können, um die Auswirkungen von Fracking-Operationen zu enthüllen. Die Organisation hat sich auch bereits wirkungsvoll für eine bessere Politik in den USA eingesetzt: SkyTruth sagte vor dem US-Kongress zu diesem Thema aus, woraufhin sich die Regierung bereit erklärte, ein System zur Aufklärung der Öffentlichkeit zu schaffen, das die Mehrheit (wenn auch nicht alle) der Tausenden von Chemikalien umfasst, die am Fracking-Prozess beteiligt sind.

Die Zukunft der Satellitenüberwachung

Selbst Amos, der sich mit zehn Jahren Erfahrung in der Nutzung von Satellitenbildern als Explorationsgeologe für Öl- und Gasbergbauunternehmen bestens auskennt, ist erstaunt über die schnelle Entwicklung der Satelliten-Technologie. Er berichtet, dass während des größten Teils seiner Karriere Satellitenbilder ein teures, unzugängliches Werkzeug waren, mit dem Momentaufnahmen gemacht wurden, die Monate (oder sogar Jahre) auseinander lagen. Bei einem Preis von 4.400 US-Dollar pro Bild waren solche Technologien der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich zugänglich.

Doch jetzt, im Jahr 2020 kann jede*r mit einem Computer Millionen von Satellitenbildern aus der 50 Jahre alten Datenbank Landsat der US-Regierung kostenlos herunterladen. „Jetzt können sogar Schulkinder Satelliten bauen und in den Orbit bringen. Wir haben Satelliten, die mindestens einmal, manchmal sogar zweimal am Tag hochauflösende Bilder aufnehmen“, sagt Amos. Kombiniert mit Fortschritten in den Bereichen Cloud-Computing und maschinelles Lernen kann die Analyse massiv und nahezu in Echtzeit erfolgen: „Wir brechen gerade in eine Ära auf, in der wir uns sehr rasch ein Bild davon machen können, was auf der Welt passiert ist – gestern oder vielleicht sogar schon heute morgen!“

Bei all den Herausforderungen, die vor uns liegen, kann Satellitentechnologie dabei helfen, die Industrie für ihren ökologischen Fußabdruck zur Rechenschaft zu ziehen. „Naturschutzorganisationen wissen noch nicht, wie sie diese Macht nutzen können, aber sie werden es lernen“, hofft Amos. „Ich denke, es wird Möglichkeiten zum Eingreifen bieten oder sogar verhindern, dass Umweltschäden überhaupt entstehen. Das ist etwas, worauf ich mich gefreut habe, seit ich vor fast zwanzig Jahren SkyTruth ins Leben gerufen habe – und wir sind jetzt fast am Ziel.“

Der Artikel erschien zuerst auf unserer englischen Seite. Die Übersetzung stammt von Lydia Skrabania.

Dieser Artikel ist Teil des Dosssiers „Satelliten und Drohnen – Wertvolle Helfer für eine nachhaltige Entwicklung“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier Satelliten und Drohnen

Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen.


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