TATENDRANG: Drones and Satellites for Good – Satelliten spüren illegale Rodungen in Myanmar auf

Satellitenbildausschnitt von Burma (rot = abgeholzt)

Myanmar weist mehr als die Hälfte der zusammenhängend verbliebenen Wälder auf dem Festland in Südostasien auf. Die Wälder beheimaten viele Tier- und Pflanzenarten und bieten gleichzeitig Nahrung, Schutz vor Fluten und andere Möglichkeiten, von welchen die Bevölkerung direkt oder indirekt profitiert. Leider werden diese Wälder vermehrt illegal gerodet. Wie dem mit Satellitenbildern entgegengewirkt wird, haben wir in unserem RESET-Spezial Drones and Satellites for Good Andrea Hess gefragt, die an genau so einem Projekt arbeitet.

Autor Marius Hasenheit, 12.08.15

In den letzten Jahren nahm die Abholzung in den Regenwäldern Myanmars (auch Burma oder Birma genannt) rasant zu. Darunter leiden nicht zuletzt geschützte Säugetiere wie Tiger oder der Asiatische Elefant. Mit einer Kooperation zwischen der burmesischen NGO Ecodev, der Forschungseinrichung Smithsonian Institution und dem American Museum of Natural History, wird nun die Abholzung in Myanmar mithilfe von Satellitenbildern ausgewertet.
Um einen direkten Einblick in das Projekt zu erhalten, sprachen wir mit Andrea Hess, einer Nachwuchswissenschaftlerin, die an dem Projekt mitgearbeitet hat:

Was sind die Vorteile von Satellitenbildern gegenüber einfacher Luftaufnahmen?

Ein ganz großer Vorteil von Satellitenbildern ist, dass ein Satellit quasi einmal in den Orbit geschickt wird und man dann regelmäßig Bilder gesendet bekommt. Auf die Art kann man gerade was Landbedeckung angeht, sehr praktisch vergleichen, wie sich diese in den letzten Jahren verändert hat. Einfache Luftbilder bekommt man nur, wenn man eine Gegend eben gezielt abfliegt und Bilder schießt. Außerdem kann man mit Satellitenbildern viel größere Flächen abdecken. Wenn man ein realativ großes Gebiet betrachten möchte, sind einfache Luftbilder nicht praktikabel. Im Prinzip ist es nur durch Satellitenbilder überhaupt machbar, Analysen auf Länder- oder Kontinentalebene durchzuführen. In unserem Projekt betrachten wir die Entwicklung der Waldbedeckung in ganz Myanmar. Das wäre ohne Satellitenbilder um einiges aufwändiger.

Inwieweit werden die Satellitenbilder automatisiert ausgewertet – braucht es schlussendlich immer nochmal das menschliche Auge?

Es gibt auf jeden Fall Algorithmen, anhand derer man Satellitenbilder komplett automatisch auswerten kann. Was aber sehr beliebt ist, sind sogenannte überwachte automatische Klassifikationen. Das ist quasi eine halb-automatisierte Auswertung, bei der am Anfang immer jemand die Satellitenbilder ansieht und manuell sogenannte Trainingsdaten erstellt. Somit zeigt jemand dem Programm Gegenden, in denen zum Beispiel natürlicher Wald oder Plantagen vorkommen. Diese Information wird dann durch einen Algorithmus auf das gesamte Bild angewendet. Es ist zwar arbeitsaufwendiger, wenn man für jedes Bild Trainingsgebiete festlegen muss, aber das Ergebnis einer solchen Klassifikation ist am Ende einfach besser.

Wir sehen denn die vorläufigen Ergebnisse eurer Waldkartierung aus?

Unser Ergebnis zieht ziemlich traurig aus. Wir sehen extrem viel Abholzung in drei bestimmten Gebieten in Myanmar. Insgesamt ist die jährliche Abholzungsrate hier über dem globalen Durchschnitt, und in den drei Fokusgegenden ist sie dementsprechend nochmal um einiges höher. Mitunter am stärksten betroffen sind die Grenzregionen zu China und Thailand. Auf unseren Karten sieht man deutlich, wie die Abholzung zunimmt, je weiter man sich diesen beiden Grenzen nähert.
Die Abholzung sieht allerdings in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich aus. An der Grenze zu Thailand werden große Flächen abgeholzt und in Plantagen (vorwiegend Palmöl) umgewandelt. An der Grenze zu China sind dagegen weniger kahle Flächen zu sehen. Hier beobachten wir eher eine stetige Zunahme der Walddegradierung. Das liegt daran, dass hier keine Plantagen errichtet werden, sondern dass in den Wäldern gezielt Hartholz geschlagen und dann nach China transportiert wird. Es werden also keine großen Flächen gerodet, dafür aber im großen Stil einzelne Bäume abgeholzt.
Ein weiterer Faktor sind die vielen Gold- und Jade-Minen, die in den letzten 10 Jahren stark expandiert sind. Hier wurde natürlich auch zuerst der Wald entfernt, bevor man mit dem Abbau beginnen konnte.

Wie wird mit den Ergebnissen umgegangen? Also wer bekommt die Ergebnisse und was passiert, wenn illegale Rodungen aufgespürt werden?

Unsere Ergebnisse werden öffentlich zugänglich sein. Ein Problem hier in Myanmar ist, dass die Regierung, genauer gesagt das Forstamt, zwar überraschend genaue Daten zu Waldbestand und Abholzungsraten hat, diese aber nur ungerne mit der Öffentlichkeit teilt. Sämtliche Umweltorganisationen, die hier in Myanmar arbeiten, haben das Problem, dass sie nur schwer an eben solche Daten rankommen. Wir wollen also, dass unsere Karten für jeden zugänglich sind und damit auch die Arbeit anderer Organisationen vereinfachen. Das ist aber nur ein Aspekt. Die Organisation, für die ich arbeite, EcoDev, ist eine Nichtregierungsorganisation, deren Fokus auf der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft liegt. Uns ist es also wichtig, dass Leute, die in den betroffenen Gebieten leben, über das Ausmaß der Abholzung in ihrer Kommune informiert werden. Oft wird eben in Kommunen ohne deren Wissen oder Einverständnis abgeholzt. Und wenn dann auf diese Art Gegenden gefunden werden, in denen abgeholzt wird, ohne dass überhapt jemand eine Konzession hat, muss sich die Regierung endlich dafür rechtfertigen. Auf lange Sicht führt das hoffentlich dazu, dass es zu Themen wie Landgrabbing, also illegale Landnahme und zu illegaler Abholzung bald eine bessere Gesetzgebung gibt, und dass diese Gesetze dann auch durchgesetzt werden.

Sind Gebiete mit großem illegalen Holzeinschlag oftmals Gegenden, in denen die Bevölkerung im Durchschnitt ein geringes Einkommen hat? Oder ist die Bevölkerungsdichte entscheidender?

Es ist natürlich zu beobachten, dass in wenig besiedelten Gebieten auch weniger abgeholzt wird. Viele Gegenden sind auch so abgelegen und so schwer zu erreichen, dass eine Abholzung im großen Stil quasi nicht vorkommt. Was wir in solchen Gebieten sehen, ist das regelmäßige Abholzen von kleinen Flächen im Rahmen von Wanderfeldbau. Das trägt natürlich auch kontinuierlich zu Walddegradierung bei, ist aber auf dem Level, auf dem es betrieben wird, verkraftbar.
Wenn man aber wirklich von illegalem Holzeinschlag im großen Stil redet, sind andere Faktoren als Bevölkerungsdichte und Einkommen der lokalen Bevölkerung viel wichtiger. Vor allem ist die Tatsache, dass in vielen Gebieten ethnische Konflikte herrschen. Oft hat das illegale Abholzen hier direkt oder indirekt mit bewaffneten ethnischen Gruppen zu tun, die sich durch das Abholzen von edlem Hartholz finanzieren.

Gibt es zusätzlich den Druck durch den Verkauf von Konzessionen zum Waldschlag unter der Hand an die „Big Player“ ?

Es gibt andere Faktoren, die wichtiger sind. Ein Problem, das sich im Zusammenhang mit Konzessionen und „Big Players“ ergibt und leider nicht wirklich den Titel „illegales Abholzen“ verdient, ist die Tatsache, dass oft Konzessionen für das Errichten von Plantagen missbraucht werden. Internationale Firmen bekommen eine Konzession, um in einer bestimmten Gegend eine Plantage zu errichten. Dazu wird dann die Fläche erst einmal gerodet und das Holz darf dann als sogenanntes „conversion timber“ verkauft werden. Das Problem ist, dass auf manchen Flächen dann nie eine Plantage errichtet wird, sondern dass die Flächen dann einfach brach liegen gelassen werden, weil sich der Verkauf von diesem conversion timber mehr lohnt als die eigentliche Plantage.

Da ihr Karten von 2002/2003 und 2013/2014 vergleicht: Gibt es die Möglichkeit, dass Waldflächen kurz nach 2003 gefällt wurden und 2013 bereits Primärwald vorhanden ist, sodass der Holzeinschlag verschleiert ist?

Das ist im Prinzip das, was es uns so schwer macht, die Gegenden zu kartieren, in denen Wanderfeldbau betrieben wird. Die Idee ist ja, dass man ein Gebiet rodet und es nach der Nutzung dann liegen lässt, bis sich der Wald wieder regeneriert hat. Aber da geht es um einen wesentlich längeren Zeitraum als nur 10 Jahre. Und auch nach dem traditionellen „Myanmar selection system“, nach dem sich hier die Forstwirtschaft richtet, wird jede Fläche maximal alle 30 Jahre gerodet. Wenn das der Fall ist, also wenn ein Feld vor 30 Jahren gerodet wurde, fällt es uns schwer, anhand der Satellitenbilder zwischen Primärwald und Sekundärwald zu unterscheiden. Eine vor 10 Jahren gerodete Fläche würde in unserer Analyse auf jeden Fall noch als ziemlich junger und degradierter Wald erscheinen.

Was ist dein persönlicher Wunsch, wie der Impact des Projektes aussehen könnte?

Ich persönlich wünsche mir, dass die Freigabe unserer Daten dazu führt, dass das Forstamt aus der Reserve gelockt wird und endlich auch seine Daten leichter zugänglich macht.
Um effizient gegen illegale Abholzung vorzugehen, scheint Transparenz hier gerade wirklich ein Knackpunkt zu sein. Nur so ist es möglich, dass sich die Zivilbevölkerung in der ganzen Diskussion mit der Regierung überhaupt erst auf gleicher Ebene bewegen kann.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus? Wie wird daran weitergearbeitet werden?

Eine große Idee, die gerade im Raum steht, ist, Drohnen einzusetzen, um in bestimmten Fokusregionen genauer kartieren zu können. Mit den Satellitenbildern, die wir gerade verwenden, können wir kleine Gebiete von unter 100 m² nur schlecht kartieren. Mit Erlaubnis vom Bergbauministerium werden wir also selber Drohnen bauen und Minen kartieren, die wir bisher nicht erfassen konnten. Dies wollen wir machen, weil manche Firmen eine „small scale mining“ Konzession bekommen und dann das Abbaugebiet unerlaubt erweitern. Mit unseren Drohnen wollen wir dann einzelne Minen abfliegen und die tatsächliche Größe von Abbaugebieten erfassen.

TATENDRANG ist das Interviewformat von RESET. Wir wollen wissen, wie unsere Interviewpartner zu ihren spannenden, innovativen und einzigartigen Projekten und Ideen aus den Bereichen Umwelt und globale Gerechtigkeit kamen, warum sie sich für genau das Thema einsetzen und wie schwer oder einfach sich das Projekt durchführen ließ. Damit wollen wir Ideen streuen, Projekte präsentieren und zu Aktionen anregen. Wir denken: Die Welt verändern kann jeder! Alle Interviews findest du hier: TATENDRANG

Dieser Artikel ist Teil der Serie unseres RESET-Spezial Drones and Satellites for Good – Wie Drohnen und Satelliten die Welt retten.

Vom Weltmeer bis zum Weltall – die Einsatzmöglichkeiten von Drohnen und Satelliten sind schier unbegrenzt. Unbemannte Luftfahrzeuge werden längst nicht mehr nur in Kriegsgebieten von der Rüstungsindustrie eingesetzt. Mit modernster Technik ausgestattet, können sie auch wertvolle Helfer im Kampf gegen Umweltverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit sein. Sie können Klimasünder enttarnen und sogar Verschüttete retten. In unserem RESET-Spezial stellen wir euch in den nächsten fünf Wochen Projekte vor, die mit Satelliten und Drohnen im Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung sind. Hier geht´s zur Artikelübersicht.

Drones and Satellites for Good – Wie Satellitenbilder Menschenrechte schützen

Geht es um Menschenrechtsverletzungen, trifft es oft die Schwächsten unserer Gesellschaft. Das gilt vor allem für diejenigen, die keinen Vertreter ihrer Rechte auf ihrer Seite haben. Dabei könnten ihnen Satelliten jetzt helfen, diese Verbrechen aufzudecken. Für das RESET-Spezial Drones and Satellites for Good zeigen wir, wie zwei Projekte mit Hilfe von Satellitenbildern an der Wahrung der Menschenrechte arbeiten.

Satelliten: Umweltschützer und Entwicklungshelfer aus dem All?

Satelliten, einst für militärische Zwecke entwickelt, werden heute immer öfter auch für den Umwelt- und Naturschutz und im humanitären Bereich eingesetzt. Damit ergeben sich völlig neue Möglichkeiten für den Kampf gegen illegale Abholzung, Epidemien, Umweltverschmutzung und für die Überwachung und den Schutz bedrohter Tierarten. Was aber machen Satelliten eigentlich und wozu braucht man ihre gesammelten Daten? Können sie tatsächlich als Umweltschützer und Entwiklungshelfer hilfreich sein?

Wer sägt denn da? Lauschangriff gegen illegale Abholzung

Ausrangierte Handys erlauschen in Echtzeit wenn illegal die Kettensägen im Regenwald angesetzt werden. Entwickelt hat dieses ungewöhnliche Überwachungssystem der Ingenieur Topher White, der Gründer des Startups Rainforest Connection.