„Roadwork ahead“: Studie zur Open-Source-Bewegung

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© Thok
Illustration: Thoka Maer (CC BY 4.0)

Die Open-Source-Community leistet einen wichtigen Beitrag zum Ausbau von offen zugänglicher und kostenloser digitaler Infrastruktur. Eine Studie hat erforscht, wo die Herausforderungen liegen.

Autor Leonie Asendorpf, 01.09.20

Übersetzung Leonie Asendorpf:

Open Source – der Begriff bezeichnet Software, deren Quelltext öffentlich und damit für alle einsehbar ist, von Dritten genutzt und sogar verändert werden kann. Meist ist Open-Source-Software kostenlos. Dabei sind Veränderungen nicht nur geduldet, sondern die Open-Source-Software setzt explizit auf die aktive Beteiligung in der Entwicklung. Der Begriff Open Source bezieht sich jedoch nicht nur auf Software, sondern wird auch auf Wissen und Information allgemein ausgedehnt. Weitere „Open“-Bewegungen sind zum Beispiel Open Content, Open-Source-Hardware und Open Access. Wikipedia und die Wikipedia Commons sind ein prominentes Beispiel für freie Inhalte (open content). Weitere bedeutende Beispiele für Open Content sind OpenStreetMap und Open Educational Resources.

Im Gegensatz zur Entwicklung nicht-öffentlicher Software bzw. nicht-öffentlich geteilten Wissens und Informationen unterscheidet sich die Entwicklung „offener“ und „freier“ Programme:

Open-Source-Programme werden gemeinsam entwickelt: An der Entwicklung von Open-Source-Programmen kann sich nahezu unbegrenzt viele Menschen beteiligen. Dabei wird er Aufwand für die Entwicklung geteilt und alle können von der Arbeit der anderen profitieren.

Open-Source-Software ist Hersteller-unabhängig: Die Nutzenden sind nicht auf die Hersteller angewiesen und können zum Bespiel Erweiterungen oder die Behebung von Programmfehlern selbst vornehmen oder jemanden damit beauftragen. Während es proprietärer Software häufig an Schnittstellen fehlt, ist mit Open-Source-Software leicht  eine Interoperabilität von zum Beispiel verschiedenen Datenformaten möglich. Diese Hersteller-Unabhängigkeit schließt zudem die geplante Obsoleszenz eines Softwareproduktes zu Lasten der Nutzenden aus.

Spionage ausgeschlossen: Um Microsoft als Anbieter nicht-quelloffener Software kursieren immer wieder Gerüchte, der NSA Hintertüren in ihren Betriebssystemen zu eröffnen, denn eine Offenlegung des Quelltexts ist für den Anbieter keine Option. Open-Source-Programme sind durch die Offenlegung ihres Quellcodes jederzeit auf bewusst eingebrachte, Nutzer-ungewollte Mechanismen wie Backdoors, die für politische oder wirtschaftliche Spionagezwecke verwendet werden könnten, überprüfbar.

Mittlerweile wird Open-Source-Software von Einzelpersonen als auch von Unternehmen genutzt. Viele FOSS-Projekte (der Begriff „FOSS“ fasst Communities, die Open-Source-Software und Freie Software entwickeln, zusammen) arbeiten bereits erfolgreich mit Open-Source-Modellen und es gibt auch eine Art Open-Source-Community, deren Mitglieder zum großen Teil freiwillig und/oder unter dem Dach von NGOs arbeiten. In Unternehmen dient Open Source zum Beispiel häufig als Basis für kommerzielle Software. Auf vielen Embedded-Systemen, Heim-Routern, Set-Top-Boxen und Mobiltelefonen wird mittlerweile das Open-Source-Betriebssystems Linux als Plattform verwendet. Gerade in Bezug auf den Ausbau digitaler Infrastruktur, beispielsweise in der Verwaltung, oder auch in der Forschung, eröffnet die Arbeit mit Open Source viele neue Möglichkeiten.

Was genau die Open Source Software-Community ausmacht und welche Rolle sie bei der Gestaltung des öffentlichen Internets spielt – das haben Forscherinnen von IDE (Implicit Development Environments) untersucht. Anhand von 26 Interviews mit Mitwirkenden an FOSS-Projekten haben sie die Stärken und auch die Herausforderungen der Community erforscht. Außerdem enthält der Bericht hierauf beruhende Empfehlungen, wie Geldgeber*innen die FOSS-Community effektiver unterstützen können. Die Studie mit dem Titel „Roadwork ahead“ wurde im Juni dieses Jahres veröffentlicht und von der Ford Foundation im Rahmen des Forschungsfonds Critical Digital Infrastructure Research unterstützt.

Herausforderungen der Open-Source-Community: wenig Vielfalt und Struktur

In der Auswertung der Interviews stellten die Autorinnen der Studie fest, dass die FOSS-Community zwar auf vertrauensvollen Beziehungen, Selbstorganisation und Selbstmotivation beruhe, es jedoch einen Mangel an Organisationsstruktur und eine geringe Vielfalt unter den Mitwirkenden gebe. Dies führe zu einem Mangel an unterschiedlichen Fähigkeiten und Perspektiven, die für die Durchführung erfolgreicher, nachhaltiger Projekte erforderlich seien, so die Autorinnen. Außerdem verpasse die Community damit wichtige Chancen, finanzielle oder nicht-monetäre Unterstützung zu erhalten.

Der Mangel an Vielfalt in der Community sei vor allem darauf zurückzuführen, dass die Wege der Menschen zu FOSS-Projekten oftmals denselben Pfaden folgen. „Einzelpersonen verbringen oft mehr als ein Jahr damit, Mailinglisten passiv zu lesen und zu versuchen, den Code selbst zu verstehen, bevor sie aktiv an Diskussionen teilnehmen und sich zum Code verpflichten. Dass die Menschen so viel Zeit und Arbeit investieren müssen, wird für Neuankömmlinge als notwendig angesehen, um ihr Engagement zu beweisen und ernst genommen zu werden“, heißt es in der Studie. Diese Erwartungshaltung würde zum „Status quo Menschen, die in ihrer Jugend den Zugang zu Computern haben“, stark bevorteilen. Interessierte mit wenig technischem Vorwissen oder mit auch geringeren finanziellen Mitteln oder Ressourcen würden hingegen von vornherein benachteiligt.

Außerdem begünstigten die verschiedenen Zugangschancen der Community eine unausgewogene Demografie in Bezug auf ethnische Herkunft („race“), Region und Geschlecht, so die Autorinnen. Obwohl es ein Bewusstsein für dieses Ungleichgewicht gebe, existierten nur wenige Beispiele für Gemeinschaften oder Projekte in der Community, die aktiv versuchen, sich zu diversifizieren.

Nicht nur die Demografie ist laut Studie oft unausgeglichen. Auch hinsichtlich der Fähigkeiten könne die FOSS-Community vielfältiger sein, so die Studie. Die Interviews haben gezeigt, dass aktuell oftmals Menschen, die am liebsten nur kodieren würden, auch folgende Aufgaben übernehmen: Projektmanagement, Finanzverwaltung, Design, Gemeinschaftsmanagement, Organisation von Veranstaltungen, Kommunikation und Koordination mit anderen Projekten und Unternehmen, Vertretung bei Veranstaltungen und das Sprechen in der Öffentlichkeit. Diese andere Arbeit wird laut Befragten oftmals als Belastung, Ärger, unerwünschte Überraschung und Nebenhobby angesehen. „Wir sind nicht besonders gut im Marketing; wir sind Problem-Löser“, so einer der Interviewten. Hier könnten vielfältigere Fähigkeiten und Aufgabenteilung in der FOSS-Community also sehr nützlich sein.

Laut der Studie verzichten viele Projekte außerdem auf eine definierte Projektstruktur. Dieser Mangel an Struktur folge dem großen Fokus der Mitglieder der Community auf individuelle Motivation und Entscheidungsfreiheit. Die Befragten der Studie sahen in dem Vorhandensein von Gouvernance-Strukturen häufig eine Einschränkung ihrer Handlungs-, Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Empfehlungen der Studie: aktives Community-Management und ergebnisorientierte Projektstrukturen

Damit die FOSS-Community in Zukunft vielfältiger wird, so die Empfehlung der Autorinnen, sollten Projektinitiator*innen oder -unterstützer*innen zunächst herausfinden, welche Personen, Fähigkeiten oder Perspektiven das Projekt benötigt, um erfolgreich zu sein – und wo diese zu finden sind – und von dort aus zu arbeiten. Außerdem könne es helfen, Ressourcen und Beispiele bewährter Verfahren frei zugänglich zur Verfügung zu stellen, um diejenigen zu unterstützen, die den Prozess ändern wollen, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen.

Um die Community vielfältiger zu machen, helfe aktives Community-Management. Stipendien würden das Ungleichgewicht hingegen nur vorübergehend beseitigen, so die Studie.

Um die Arbeitsteilung besser zu gestalten, empfehlen die Autorinnen beispielsweise
den Einsatz professioneller Moderator*innen zu Gemeinschaftsveranstaltungen, sowie steuerliche Sponsoren, die mit der Finanzverwaltung beauftragt werden. Durch die Öffnung der Kommunikationskanäle und des Wissensaustauschs mit bestehenden Expertengruppen, die an nicht Kodierungs-Aufgaben arbeiten, könnten FOSS-Infrastrukturprojekte leichter auf diese zugreifen.

Bezüglich des Mangels an Struktur in der FOSS-Community empfehlen die Autorinnen bewährte Verfahren für leichte, ergebnisorientierte FOSS-Projektstrukturen. Diese könnten dazu beitragen, Diskussionen über Governance weniger dogmatisch zu gestalten. Grundsätzlich empfehlen die Autorinnen außerdem einen Dialog zwischen verschiedenen Akteuren im Bereich der Open-Source-Infrastruktur, z.B. durch die Unterstützung von Veranstaltungen, die sowohl Gemeinden als auch Unternehmen anziehen. Dieser Austausch könne beiden Seiten helfen, die gegenseitigen Arbeitskulturen besser zu verstehen und Anpassungsmöglichkeiten zu finden.

Damit Open Source nicht nur technisch, sondern auch sozial allen zugänglich gemacht wird, müssen die Zugangswege erleichtert und die FOSS-Projektgruppen selbst diversifiziert werden – sowohl in Bezug auf die Fähigkeiten, also auch auf die Beteiligten und ihre unterschiedlichen Perspektiven. Denn gerade für nachhaltige Projekte sind diese unabdingbar. Um diese Ziele zu unterstützen, müssen öffentliche und private Geldgeber, die einen großen Teil der Unterstützung für FOSS-Projekte leisten, Arbeitsbedingungen schaffen, die allen Interessierten gleiche Zugangschancen bieten. Wichtig ist dabei außerdem, dass sie die Grundwerte der FOSS-Community, wie Dezentralisierung und Selbstorganisation, dabei mit im Blick haben. Denn genau diese Werte sind für die vielen Einzelpersonen und Gruppen der Open-Source-Community, die im öffentlichen Interesse eine offene digitale Infrastruktur entwickeln, essenziell.

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