RESET bei der re:campaign 2012

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Im kurzen Hochsommer haben wir uns am Freitag auf den Weg zur re:campaign in der Kalkscheune in Berlin gemacht, der Konferenz für Kampagnen im Netz. Das Programm war super, die Gäste spannend – nur die Zeit immer wieder zu kurz.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 12.05.12

Keynote von Duncan Green: How citizens can overcome poverty using ICT for development

Angenehm kritisch startete die Konferenz re:campaign mit der ersten Keynote von Duncan Green, Head of Research bei Oxfam UK, der die Bedeutung von ICT (Informations- und Kommunikationstechnologien) in der Entwicklungsarbeit diskutierte. Seine Perspektive stellte er als die eines Außenstehenden vor, als die eines „Neandertalers moderner Kommunikationstechnologien“. Jedoch ist Green keineswegs ahnungslos, aber jenseits des Hypes.

Entwicklung versteht er hauptsächlich als „Empowerment“ von aktiven Bürgern. Das geht nicht ohne einen aktiven Staat, der in seine Bürger investiert. ICT kann diesen Prozess auf verschiedenen Ebenen unterstützen: durch die Ermächtigung jedes einzelnen durch Identitätsbildung, Wissensvermittlung und Aufklärung („power within“), durch die Möglichkeiten der Vernetzung und Organisation miteinander (power with) und indem durch Crowdsourcing und Berichterstattung aus anderen Perspektiven Diskurse verändert/ verschoben werden und so Macht über jemanden/ etwas erlangt werden kann. Dies zeigt z.B. das Beispiel Al Jezeera gegen Kony 2012 in Uganda. Gerade in letzterem sieht Green das größte Potenzial von ICT. Doch ist er keineswegs unkritisch: ICT sind nicht per se ein Feind des Status quo, sondern Tools, die denen dienen, die darüber kommunizieren – und sie können auch verwendet werden, um zu manipulieren oder Feinde ausfindig zu machen.

Für die Entwicklungszusammenarbeit insistiert Green, gute Analysen an den Beginn jedes ernsten Engagements zu stellen und genau zu betrachten, welche Bedeutung ICT im Leben der Menschen hat. Aktuell sieht er das größte Potenzial im Mobilfunk, Entwicklung voranzutreiben. Das Internet ist den Mittelschichten vorbehalten, das Mobiltelefon aber findet sich als Multifunktionstool für Austausch, Information und als Kontomanager in fast jeder Tasche der 7 Mrd. Menschen weltweit. In seinem Blog „From poverty to power“ lädt Duncan Green zur Diskussion ein.

Social Media – Irgendwie wichtig…

Auffällig wie immer auf Konferenzen zu digitalen Themen: das junge Durchschnittsalter. Was viel sagt zur aktuellen Positionierung von Online- und Social-Media-Aktivitäten in NGOs und Stiftungen. Nämlich, dass es mittlerweile auch ganz oben angekommen ist, dass die Kommunikation im Netz eine wichtige Rolle spielt, aber noch eher „irgendwie wichtig“, also ungerichtet und unbestimmt gestaltet wird. Sie alle haben mittlerweile ihre jungen Teams, die sich mit Facebook, Twitter und Co beschäftigen, doch sind diese oft schlecht in die Kommunikationsströme der Organisation eingebunden und nicht bis wenig organisiert. Daran etwas zu ändern ist wohl eine der größten Herausforderungen, wie ich von verschiedenen Teilnehmern aus großen NGOs im mangels Speaker spontan umgestalteten Workshop „Organisationsmodelle für den Einsatz von Social Media“ hörte.

So kann man es dann auch merkwürdig finden, dass die „alteingesessene Garde“ der NGOs auf der re:campaign 2012 fast nicht vertreten ist – wo doch gerade sie etwas lernen oder verstehen könnte. Und zu lernen gibt es noch viel: wie die verschiedenen Social-Media-Kanäle sinnvoll eingesetzt werden, für welche Art von Information sie geeignet sind, an wen sich welcher Inhalt richtet und wie eine crossmediale Strategie bzw. Kampagne aussehen kann, die funktioniert. Antworten darauf versuchte z.B. auch der Workshop „Best Practice Political eCampaigning“ zu geben.

Workshop „Best Practice Political eCampaigning“

Graham Covington, Managing Director und Gründer von Engaging Networks, betont die Wichtigkeit von Daten. Daten als Feedback, um zu sehen, wie eine Kampagne, eine Seite oder ein Tool funktioniert. Und für Integration, Unmittelbarkeit und Einfachheit. Zum Beispiel wenn eine Kampagne mit einem Spendenaufruf verbunden werden soll: Sinnvoll ist ein Spendenaufruf nicht irgendwo viele Klicks weiter, sondern bei der Bestätigung der eben unterzeichneten Petition, mit Link zum Thema. Wie eine gelungene Greenpeace-Petition zeigt:

Paula Hannemann, Social Media and Online Campaigning Managerin beim WWF, ruft zu mehr Mut auf, mit den Online-Tools zu experimentieren, Neues auszuprobieren. Das gilt nach dem Shitstorm letztes Jahr nicht nur für den WWF, sondern für alle Netztätigen.

Die 10 größten rechtlichen Schlaglöcher einer Online-Kampagne

Warum es wichtig ist, bei NGO-Kampagnen auf rechtliche Aspekte zu achten, thematisierte Rechtsanwalt Dr. Notholt von comp/lex, der schon verschiedene Großkonzerne in Sachen IT-Recht beraten hat. Zum einen geht es darum, Ärger in Form von Abmahnungen oder Streitigkeiten zu vermeiden. Zum anderen will man auf diese Weise Gutes vermitteln: Professionalität, Transparenz nach innen und außen sowie Vertrauen aufbauen. Als Notholt die relevanten Rechtsbereiche aufzählt, wird schnell klar, dass dies ein umfassendes Thema ist. Presse- und Äußerungsrecht, Datenschutzrecht, Wettbewerbsrecht, Vertragsrecht – um nur einige zu nennen. Entsprechend vielfältig sind auch die angesprochenen Schlaglöcher:

  1. Schlechte Verträge
  2. Unklare IT-Rechte
  3. Online-Rechtsverstöße
  4. Falsches Impressum
  5. Unklare (Spenden-)Shop-Bedingungen
  6. Falscher Umgang mit „Kunden“-Daten
  7. „Social Plugins“
  8. Rechtswidrige Kampagnen (im Kontext mit Flashmobs etc.)
  9. Versteckte kommerzielle Nutzung
  10. Mitarbeiter „machen ihr Ding“ (d.h. verhalten sich nicht wie vorgesehen)

Natürlich hatten viele der Zuhörer Zwischenfragen zu den Problematiken und so blieb leider wenig Zeit, um den Überblick zu geben, den sich der Referent wohl gewünscht hatte. Genug jedoch zur Sensibilisierung für diesen oft vernachlässigten rechtlichen Bereich. Auch als NGO sollte man sich nicht darauf verlassen, dass man der guten Absichten wegen mit Samthandschuhen angefasst wird. Im Zweifelsfall also besser an die strengen rechtlichen Vorgaben halten. Zum genaueren Nachlesen gab es den Literaturtipp „O’Reillys basics: Social Media Marketing und Recht“ mit auf den Weg.

Empowering Community Voices

Bewegende Videos zeigte Jessica Mayberry, Founding Director von Video Volunteers, in ihrem Vortrag „Empowering community voices: Enabling the disadvantaged to lead and create campaigns“. Ihre Erfahrung aus der Arbeit im Nachrichtenbereich von CNN und Fox News nutzt sie jetzt, um ein Netz von community correspondents in Indien zu etablieren.

Ausgangspunkt war die Feststellung, dass über zahlreiche, sehr ernste Probleme der Bevölkerung vor Ort in den Mainstream-Medien kaum berichtet wird. Die Leute haben aber keinen Zugang zu diesen Medien, um von ihren Notlagen zu berichten. So kam die Idee auf, dass die lokalen Bewohner einer Region ihre Nachrichten eben selbst machen. Dazu bekommen Bürger, die über Aktivisten-Netzwerke rekrutiert wurden, eine Videokamera und eine ausführliche Einweisung. Sie filmen dann Menschen aus ihrer Umgebung, die über akute Schwierigkeiten berichten. Diese Videos werden sodann den Mainstream-Medien oder auch den in die Probleme involvierten Firmen vorgeführt – und das zeigt Wirkung: Beispielsweise werden Löhne von unterbezahlten Landarbeiterinnen angehoben oder korrupte Lehrer entlassen.

Jeden Tag ist ein neues Video auf IndiaUnheard zu sehen. Ich empfehle dringend, sich einige davon mal anzuschauen.

Projektmanagement 2.0 ist Kooperationsmanagement

Das Apollo Raumfahrtprogramm wäre kaum durchführbar gewesen ohne ein geeignetes Projektmanagement. Millionen von Einzelteilen unzähliger Zulieferer mussten zusammengeführt werden, um Rakete, Mondlandefähre etc. zu konstruieren. An diesem Beispiel verdeutlichten Geraldine de Bastion und Andreas Wichmann, was den Zuhörern natürlich bewusst war: Projektmanagement ist essenziell. Der Workshop fokussierte aber nicht auf althergebrachte Gantt-Diagramme, sondern auf die Notwendigkeit der dezentralen Zusammenarbeit. Effiziente Kommunikation der Projektmitarbeiter ist wichtiger als das aufwändige Ausfüllen von digitalen Projektplänen. Eine der zentralen Fragen der Veranstaltung war: Wie viel Kontrolle möchte man über sein Projekt überhaupt haben? Bei sogenannten viralen Aktionen nutze ich die crowd, muss aber auch damit leben, dass vieles sich dem eigenen Einflussbereich entzieht. Projektmanagement 2.0 ist somit ein Wechselspiel aus freien und festen Elementen, die sich gegenseitig beeinflussen. Bei jedem Projekt sollte man deshalb überlegen: Welches sind meine festen Größen und was will ich offen lassen?

Rundum nachhaltig

Aus den sehr unterschiedlichen Vorträgen und Workshops der re:campaign 2012 konnte sicher jeder etwas Informatives oder Inspirierendes mitnehmen. Auch in punkto Umweltfreundlichkeit war die Konferenz beispielhaft: Badges und Programm hat die Umweltdruckerei gedruckt, fleischfreies Bio-Essen gab es auf echten Tellern, das Geschirr dazu aus kompostierbarem Material. Und da ein Großteil der CO2-Emissionen einer Konferenz durch die Anreise entsteht, wurden die Reisewege der Teilnehmer gesammelt und über atmosfair ausgeglichen.

Eine spannende Konferenz. Bestimmt sind wir nächstes Jahr wieder dabei!

Mehr Beiträge sowie Audiospuren und Präsentationen der Speaker findest Du im Blog der re:campaign.

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