Recable: Ein nachhaltig produziertes USB-Kabel

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© recable

Deutschland gehört – neben den USA und China – zu den zehn Nationen mit dem größten Elektroschrott-Aufkommen. Der Markt für nachhaltige Hardware ist jedoch immer noch sehr überschaubar. Eine der wenigen Firmen der Branche ist Recable. Das Konzept: ein fair produziertes USB-Kabel, das zu 90 Prozent recyclebar ist.

Autor RESET , 04.02.21

Seit 2014 hat sich die Menge an Elektroschrott weltweit mehr als verfünffacht. 2019 stieg die Zahl laut dem jährlich erscheinenden Global E-Waste Monitor 2020 auf beinah 54 Millionen Tonnen. Deutschland gehört dabei zu den Spitzenproduzenten: Jede*r Deutsche kommt im Schnitt auf etwa 20 Kilo Elektroschrott pro Jahr. Das sind etwa sieben Kilo mehr als der weltweite Durchschnitt pro Kopf. Ein Grund für die enormen Berge ausgedienter Elektronik ist, dass viele der Geräte so konzipiert sind, dass sie nur eine kurze Funktionsdauer haben und sich nur schwer selbst reparieren lassen, wie auch der Bericht feststellt. Nachhaltige Alternativen gibt es kaum, der Markt an fair produzierter und wieder- bzw. weiterverwertbarer Hardware ist sehr überschaubar. Zu den wohl bekanntesten Vertretern zählen nachhaltige Smartphones wie das niederländische Fairphone oder das deutsche Shiftphone. Auch eine faire Computermaus von dem Münchner Verein Nager IT gehört dazu – und neuerdings Recable.

Ein großes Ziel

Hinter Recable steht ein vierköpfiges Team aus Merseburg in Sachsen-Anhalt, das mit seinem nachhaltigen USB-Lade- und -Datenkabel für eine faire Herstellung eintreten und so CO2 und Müll vermeiden will.

Die Idee zur nachhaltigen Kabelherstellung musste erst wachsen. Angefangen hat es mit dem Online-Shop Vireo.de, gegründet von Hermann Hetzer, der hauptsächlich faire Smartphones verkaufte. Um der eigenen Motivation und dem dahinterstehenden Idealismus gerecht zu werden, brauchte es jedoch zusätzliche Hardware. „Nachhaltig und fair produzierte Telefone brauchen nachhaltig und fair produzierte Kabel. Da wir auf diesem Gebiet jedoch nicht fündig wurden, haben wir kurzerhand angefangen, sie selbst zu bauen. So ist Recable entstanden“, erklärt Produktdesigner Konrad Henrici.

Recable setzt auf eine möglichst regionale Produktion, um Emissionen gering zu halten. „Ein Großteil unserer Kundschaft kommt aus Deutschland und Europa“, so Henrici, „Für den Planeten ist es besser und für uns nur logisch, wenn Recable auch größtenteils hier produziert wird. Bis auf die Stecker – fair aus Shenzhen/China – ist es uns gelungen, dass kein Teil weiter als 500 Kilometer entfernt hergestellt wird.“ Zusätzlich möchte Recable Sollbruchstellen vermeiden, wie sie häufig bei USB-Kabeln vorkommen. Da die Kabel von innen weder verklebt noch vergossen sind, kann ein Kabel bei einem Bruch am Stecker entweder von den Kund*innen selbst oder von Recable repariert werden. So reduziert sich der Elektroschrott.

Ein geringes Angebot an nachhaltiger Hardware

Einen Grund für den überschaubaren Markt für nachhaltige Technikartikel auf dem Gebiet sieht der Recable-Produkdesigner im fehlenden Bewusstsein für faire Produktion: „Das betrifft ja nicht nur Computer-Hardware. In den letzten 100 Jahren haben wir Menschen uns einerseits stark vom Handwerk entfernt und andererseits auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert. Durch diese beiden Faktoren ist uns oft gar nicht mehr bewusst, wie aufwendig oder wertvoll ein Produkt tatsächlich ist. Wir schauen nur noch auf den Preis und vergleichen ihn mit unserem eigenen Einkommen. Gleichzeitig leben wir aber in einer globalisierten Welt, in der es jedoch keinen globalen Mindestlohn gibt.“

Konrad Henrici sieht die Politik in der Pflicht, ein Umdenken voranzutreiben: „Es klingt abgedroschen, aber am Ende hängt vieles von der Politik ab, diese Prozesse zu beschleunigen. Sie kann zum Beispiel Styropor-Verpackungen verbieten. Mit politischen Maßnahmen kann ein Klima geschaffen werden, in denen sich Ideen wie Recable wohlfühlen und ausformuliert werden.“

Einen ersten Schritt in diese Richtung geht die Digitalagenda, die das BMU Anfang 2020 vorgelegt hat. Unter den mehr als 70 Einzelmaßnahmen, die die Digitalisierung in eine sozial-ökologische Richtung lenken sollen, finden sich auch Maßnahmen, die auf die Reduzierung von Elektroschrott und eine nachhaltige Produktion abzielen, wie zum Beispiel der digitale Produktpass, der darüber informieren soll, wo die Rohstoffe herkommen, unter welchen sozialen Bedingungen produziert wurde und wie viel CO2 dabei entstanden ist, oder Regeln für eine bessere Reparierbarkeit. Und auch in der EU ist mit der neuen Ökodesign-Verordnungen Bewegung in der Sache. Ab März 2021 dürfen Hersteller elektronischer Produkte nur noch Geräte auf den Markt bringen, wenn sie Ersatzteile und Reparaturanleitungen vorhalten. Das soll für Waschmaschinen und Geschirrspüler genauso gelten wie für elektronische Displays und externe Netzteile.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen tatsächlich auch konsequent umgesetzt werden und weitere folgen, um endlich Schub in die Entwicklung grüner und fairer Elektronik zu bringen. Doch aktuell stellt der vergleichsweise kleine Markt Vorreiter wie Recable noch vor viele Herausforderungen. In der Anfangsphase war es problematisch, nachhaltige Einzelteile für die Kabel zu bekommen. „Es scheint noch nicht in den Köpfen der Hersteller angekommen zu sein, dass sie damit einen Vorteil haben, mit dem sich auch werben lässt“, schließt daraus Henrici. Zudem sind auch Angebot und Nachfrage schwer vorherzusehen, die Wahrscheinlichkeit, sich zu verkalkulieren, ist ungleich höher. Grüne und faire Elektrogeräte auf den Markt zu bringen ist also echte Pionierarbeit – aber dringend nötig, um die Berge aus Elekroschrott nicht weiter wachsen zu lassen.

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