Proof of Concept: Aufrunden für einen guten Zweck

Beim Shoppen Geld Spenden ist angesagt: Wie Plattformen mit dem Aufrunden von Rechnungen versuchen, alle Onlinekäufer zu Spendern zu machen - eine Mikrospende nach der anderen.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 09.12.15

Sammelbüchsen waren einmal ein vertrautes Bild auf Ladentheken. Sie machten es einfach, das erhaltene Kleingeld statt in den Geldbeutel zu stecken für einen guten Zweck einzuwerfen. Aber in unserer zunehmend digitalisierten Welt bezahlen wir immer seltener mit Bargeld – und die Sammelbüchsen bleiben leer. Um daran etwas zu ändern nutzen Plattformen wie Elefunds und ChangeIt die Popularität von Kartenzahlungen und Online-Shopping, um mit speziellen Tools bei Online-Einkäufen kleine Spenden zu ermöglichen. Letzte Woche haben wir uns angesehen, wie dies via Online-Charityshopping funktioniert, heute werfen wir einen Blick auf das Konzept des Aufrundens.

Rechnungsbeträge um kleinere Summen aufzurunden ist in den letzten Jahren als eine populäre Form des Fundraisings für NGOs aufgekommen. Möglich machen dies vor allem Entwicklungen bei elektronischen Zahlungen, aber auch, weil es sich beim Aufrunden, im Gegensatz zu traditionellen Formen des Fundraisings, um sogenannte Mikro-Spenden handelt: wenn der Rechnungsbetrag z.B. 41.37 EUR beträgt, wird der Käufer motiviert, 63 Cent draufzulegen um auf runde 42 EUR zu kommen. Der Konsument kann damit eine kleine Spende leisten, ohne ein großes Opfer zu bringen und, vielleicht noch wichtiger, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, dass die Spende zu gering war. Das Prinzip des Aufrundens für einen guten Zweck zielt darauf ab, viele Menschen zu finden, die kleine Geldbeträge spenden und das virtuelle Trinkgeld zu einem Teil des Online-Shoppings zu machen.

Wie es funktioniert?

Es gibt zwei Wege, wie virtuelles Aufrunden funktioniert: eine Organisation übernimmt proaktiv eine „Aufrund-Kampagne“ und fragt Kunden nach einer kleinen Spende am Ende der Transaktion, üblicherweise das Aufrunden auf die nächste runde Summe. Die Organisation ist dann verantwortlich dafür, die erhaltenen Spenden an die ausgewählten Charities weiterzuleiten.

Alternativ gibt es eine Reihe an Plattformen, die diesen Service Online-Händlern anbieten. Dazu gehört z.B. die Plattform Elefunds. Seit seiner Gründung 2011 arbeitet Elefunds mit über 100 Online-Händlern zusammen um Kunden zu motivieren, ihre Rechnungen aufzurunden und den Betrag an NGOs zu spenden. Immer, wenn ein Kunde etwas bei einem der Online-Händler bestellt, erscheint ein kleines Elefunds-Logo. Wird es angeklickt, kann der Kunde den Betrag aufrunden und eine Organisation auswählen, an die das Geld gehen soll. Der komplette Betrag wird dann an den Händler überwiesen, der die Differenz an Elefunds überweist. Von hier wird das Geld an die gewählte Charity weitergeleitet.

Es gibt auch Initiativen, die diesem Prinzip folgen und auf alle Zahlungen per Karte ausgeweitet haben. ChangeIt, eine kanadische Initiative, funktioniert so. ChangeIt arbeitet mit Finanzinstituten zusammen und erlaubt das Aufrunden von allen Einkäufen, die mit Kreditkarten oder „mobilem“ Geld getätigt werden. Und mit der englischen Organisation Pennies kann der Kunde bei jeder Kartenzahlung Geld zu spenden.

Plattformen, die in diesem Gebiet arbeiten, nehmen üblicherweise einen kleinen Teil der Spenden als Kommission, normalerweise zwischen fünf und sieben Prozent. ChangeIt z.B. nimmt 6.9 Prozent, um damit die Plattform zu betreiben.

Es gibt außerdem eine Reihe an plug ins für Händler, um eine virtuelle Spendenbüchse als Teil des Bezahlvorgangs „aufzustellen“. Hier ein paar Beispiele dazu.

Eine Summe aus vielen kleinen Teilen – Wie viel Geld kommt beim Aufrunden zusammen?

In den ersten beiden Jahren ihres Bestehens sammelte Elefunds circa 13 500 EUR an Spenden. Der Wohndesign-Shop Connox war einer der ersten Partner von Elefunds und hat seit 2012 10,000 EUR Spenden über das Aufrunden gesammelt und an Charities weitergeleitet.

Deutschland rundet auf, eine Aktion, die sich auf Spenden in „wirklichen“ Geschäften konzentriert, weist über 4.3 Million EUR aus 94.3 Million Transaktionen seit 2012 nach. Die israelische Plattform Round Up hat über 17.7 Million NIS (über 402,000 EUR) an Spenden von 136,000 Teilnehmern seit seinem Start 2008 gesammelt.

Pennies, die 2010 ins Leben gerufen wurden, hat circa fünf Million GBP an gemeinnützige Organisationen durch das Aufrunden weitergeleitet. Laut Pennies kam dieser Betrag aus über 20 Million Mikro-Spenden von durchschnittlich 0.25 Pence pro Spende zusammen. Das klingt nach einem kleinen Betrag, aber der Fokus dieser Idee des Gebens liegt auf der Zahl der Mitmacher, nicht der Höhe der einzelnen Spenden.

Dennoch, wenn das Geld auf verschiedene NGOs aufgeteilt wird, ist der finanzielle Output nicht unbedingt hoch. Mit dem Aufrunden auf den nächsten runden Betrag erhalten Charities Spenden von kleinem finanziellen Wert – jedes Mal ein paar Cents. Das bedeutet, dass es viele Spender braucht, um mit dieser Methode des Fundraisings wirklich etwas zu erreichen. Aber vielleicht liegt der wahre Wert des virtuellen Trinkgeldes ja darin, gemeinnützigen Organisationen den Zugang zu Online-Kunden zu ermöglichen. Das kann ihnen helfen, Aufmerksamkeit für ihre Arbeit zu erhalten und, noch wichtiger, Beziehungen zu künftigen Langzeitspendern aufzubauen. Dies betont auch die Children’s Hospital Foundation of Saskatchewan, eine der Charities, die bei ChangeIt mitmacht: „Ein typischer monatlicher  Report von ChangeIt enthält  40 bis 50 beständige Spender und andere einmalige Spenden. Die Spenden an sich sind nicht hoch – im Durchschnitt $30 bis $50. Aber mit einem Blick auf die Langfristigkeit regemäßiger Spender ist Foundation Director Geri Meyer dankbar für die Chance, Beziehungen aufzubauen, die zu einer gesunden Datenbasis und größerem Support in der Zukunft führen.

Diese Statement unterstreicht auch Alison Hutchinson, der CEO von Pennies im Guardian, und betont, dass auf diesem Weg speziell schwer erreichbare Zielgruppen angesprochen werden können. „Während sich in der Vergangenheit viele Menschen unwohl gefühlt haben, kleine Geldbeträge zu spenden, scheint es mittels Technologie unter den Menschen in der UK populär zu sein. Vor allem die unter 34-jährigen fühlen sich von der Idee des virtuellen Trinkgeldes für einen guten Zweck angesprochen, eine auf anderen Wegen für NGOs schwer erreichbare Zielgruppe. Eine Umfrage im vergangenen Oktober fand heraus, dass 74 Prozent dieser Gruppe an dieser Form des Gebens interessiert sind.

Und die Bilanz?

Genauso wie beim Online-Charityshopping ist das Potential, durch das Aufrunden viele Spenden zu generieren, klein, sie sind unregelmäßig und stark von der Eigeninitiative der Organisationen abhängig. In diesem Sinne scheint es besser, die virtuellen Mikrospenden genauso wie Trinkgeld zu sehen, dass in Bars und Restaurants über den Tisch geht: ein netter Bonus zum Einkommen, aber keine wirkliche Einnahmequelle.

Das virtuelle Trinkgeld kann vielleicht das Shopping-Verhalten verändern, indem Konsumenten motiviert werden, kleine Beträge bei jedem Einkauf zu spenden. Vor allem aber dient das Aufrunden der Ansprache neuer Zielgruppen und dem Ausbau des Netzwerks an Unterstützern. Hier und da einmal aufzurunden, wenn sich dir die Möglichkeit bietet, macht bestimmt Sinn.

Aber noch besser ist der direkte Weg: Wenn du dein Geld für einen guten Zweck spenden möchtest, musst du nicht über Shops gehen, sondern kannst am besten direkt an ein Projekt deiner Wahl spenden. Wie wäre es denn mit einem unserer RESET-Projekte?

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