Mit Plantyflix die CO2-Emissionen deines Videostreamings ausgleichen

Plantyflix ist ein Dienst, der die monatliche Beiträge seiner Abonnent*innen ins Pflanzen von Bäumen investiert – um so die CO2-Emissionen zu kompensieren, die durch deren Streaming von Netflix entstanden sind.

Autor Tristan Rayner:

Übersetzung Tristan Rayner, 21.05.20

Die meisten von uns sind sich mittlerweile bewusst, dass sich unsere alltäglichen Entscheidungen auf den Ausstoß von CO2-Emissionen auswirken. Ob wir den Zug statt des Flugzeugs wählen, ob wir Lebensmittel verschwenden, ob wir mit Kohlestrom kochen oder doch lieber über unseren heimischen Energieversorger erneuerbare Energien beziehen  – all das summiert sich mehr (oder eben weniger) zu unserem CO2-Fußabdruck, auch ökologischer Fußabdruck genannt. Langsam sickert ins kollektive Bewusstsein, dass auch all unsere digitalen Aktivitäten CO2-Emissionen verursachen anfallen: E-Mails versenden, Facebook aktualisieren, Fotos in die Cloud hochladen und das Streaming von Serien und Filmen – für jede einzelne dieser Aktionen wird Energie verbraucht und zusammengenommen wird daraus unser individueller digitaler Fußabdruck.


Eine einzige Online-Suche benötigt nur wenige Nanosekunden Rechenzeit und ein paar Nanowatt Strom. Aber wenn man das in 3,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag umrechnet (ein durchschnittlicher Tag bei Google), dann summiert sich das wirklich. Und der schlimmste Übeltäter? Video-Streaming. Anbieter wie Netflix, YouTube, Disney+ und Co haben einen riesigen Appetit auf Energie und Daten. In jeder über Netflix gestreamten Stunde werden zwischen einem und sieben GB Daten heruntergeladen. Bevor sie überhaupt unsere Bildschirme erreichen, werden all diese Daten in Datenzentren gespeichert und über Unterseekabel, Server und Router rund um den Globus bewegt, bevor sie schließlich auf unseren Geräten entschlüsselt werden. Und jeder Schritt dieser Kette kostet Energie – derzeit stammen schätzungsweise 60 Prozent der CO2-Emissionen des Internets aus Video-Streaming-Diensten.


Wie steht es um Streaming im Vergleich zum Autofahren?

Plantyflix wurde in Berlin von Fabrice Diedrich und Liam Hänel konzipiert, die sich vor den Einschränkungen durch die COVID-19-Pandemie bei einer Nachhaltigkeitsveranstaltung trafen. Die beiden diskutierten über Streaming-Gewohnheiten und Nachhaltigkeit – und das Konzept von Plantyflix war geboren. Die Idee dahinter: Menschen, die Netflix nutzen, sollen dazu ermutigt werden, ihren CO2-Fußabdruck zu verkleinern, und zwar durch neu gepflanzte Bäume. Dazu schließen die Nutzenden ein monatliches Abonnement ab, das ihren Streaming-Gewohnheiten entspricht. Die ursprüngliche Idee haben Diedrich und Hänel innerhalb von nur zwei Wochen mit einer Website in die Tat umgesetzt, wie sie im Gespräch mit RESET erzählen. In der Organisation Eden Reforestation Projects fanden sie einen Partner, der für sie das Bäumepflanzen übernehmen würde – und pünktlich zum Earth Day am 22. April 2020 wurde eine verfeinerte Version der Website gestartet.


Plantyflix nutzt Daten aus verschiedenen Studien und von der Europäischen Umweltagentur, wonach durch eine Stunde Netflix-Nutzung, 0,4 Kilo CO2 erzeugt werden. Plantyflix rechnet dies auf die Nutzung eines Autos hoch und kommt zu dem Schluss, dass „alle Netflix-Nutzer zusammen in einer Sekunde so viel CO2 ausstoßen wie dadurch entstehen, wenn man 3,8 Mal mit dem Auto um die Welt fährt“. Sich alle Folgen von Tiger King anzuschauen entspricht zwei Kilo CO2, oder 20 Kilometer mit dem Auto zu fahren, alle Staffeln von Stranger Things anzuschauen entspricht neun Kilo CO2, oder 75 Kilometer mit dem Auto zu fahren. Das sind starke Aussagen. Ist Streaming also sogar schlimmer als Autofahren? Auf die Frage, warum sie sich entschieden haben, die Emissionen auf diese Weise zu messen, erklären Diedrich und Hänel, dass die Wahl der Metrik nicht einfach sei.


„Es gibt viele Möglichkeiten zu veranschaulichen, wie Emissionen während einer gewissen Minutenzahl durchs Fliegen, Autofahren oder sogar durch die Benutzung eines Haartrockners entstehen. Fliegen ist besonders schlecht, deshalb wollten wir nicht eine Stunde Netflix mit weniger als einer Minute Fliegen gleichsetzen. Autos ergeben da mehr Sinn. Fast jeder ist schon einmal mit einem gefahren und jeder weiß, dass sie mehr oder weniger umweltschädlich sind. Sogar Tesla benötigt zum Aufladen Strom“, sagt Diedrich. „Wir wissen, dass Netflix seine Emissionen in den Rechenzentren bereits teilweise ausgleicht, aber die Emissionen gehen durch den Webverkehr und den Bildschirm des Endnutzers noch weiter“, so Diedrich.

Das Team ist sich auch darüber im Klaren, dass Netflix nicht der einzige Streaming-Dienst ist, der zu einem größeren CO2-Fußabdruck beiträgt. Andere Streaming-Anbieter und die aktuell vielgenutzte videobasierte Kommunikation, wie Videoanrufe, haben alle eine ähnliche Wirkung. Diedrich und Hänel haben Netflix schlicht aufgrund seiner Popularität als Ausgangspunkt gewählt, um das Problem zu demonstrieren, und planen, in Zukunft auch andere videobasierte Emissionsquellen anzugehen.


Auf die Frage, warum das Anpflanzen von Bäumen als Ausgleichsstrategie gewählt wurde und ob dies der effektivste Weg sei, um die Umweltschäden auszugleichen, die durch die weltweite Verbreitung des Streamings verursacht werden, erklärten die beiden, dass sie ein direktes und greifbares Gefühl gegenüber den Auswirkungen des Streamings von Netflix, der Umwelt sowie den Nachhaltigkeitspraktiken vermitteln wollten. Auf der Website von Plantyflix findet man zusätzlich auch einige einfache Optionen, wie die Auswirkungen des Streamings reduziert werden können – zum Beispiel durch das Herabsetzen der Qualität und das gemeinsame Streaming mit Freunden. 


Und dann ist da noch die Frage, wohin das Geld geht. Derzeit wird es auf 50/20/30 aufgeteilt: 50 Prozent des Geldes gehen direkt in die Wiederaufforstung, während 30 Prozent die Kosten für den Betrieb der Website decken. Weitere 20 Prozent gehen an eine andere Initiative, die bereits bei carbon.so (der Mutterinitiative von Plantyflix) eingerichtet wurde und direkte Beiträge zu Klimaschutzprojekten beinhaltet, wie etwa die Unterstützung der Finanzierung von Mikro-Windparks in Indien. 


Die Aufteilung könnte sich laut Diedrich in Zukunft ändern: „Wir befinden uns noch im Anfangsstadium, also müssen wir die Anfangsgebühr zahlen.“ Bis Ende 2020 wollen die beiden auf diese Weise eine Million Bäume pflanzen. Wenn man bedenkt, dass durchschnittliche Nutzer*innen etwa eine bis drei Stunden pro Tag streamen, bedeutet das, dass sich ehrgeizige 14.200 gewissenhafte Nutzer*innen dafür entscheiden müssten, zehn Bäume pro Monat zu einem Preis von drei US-Dollar im Monat zu pflanzen. 


Der Ansatz, unvermeidbare CO2-Emissionen auszugleichen ist gut, doch sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vermeidung des klimaaktiven Treibhausgases an erster Stelle stehen sollte. Weitere Tipps, wie das geht, findest du hier: So verkleinerst du deinen digitalen Fußabdruck

Dazu kommt: Die Digitalisierung insgesamt muss nachhaltiger werden, wenn wir unsere Klimziele erreichen wollen. Doch dazu braucht es einen wirksamen politischen Rahmen. Die Digitalagenda ist hier zumindest ein guter erster Schritt.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von Sarah-Indra Jungblut. Das Original erschien zuerst auf unserer englischen Seite.

Update April 2021: Plantyflix hat seinen Namen und den Fokus geändert und ist jetzt ein Bäume-pflanzendes Programm, das sich Treereferral nennt.

MARKIERT MIT
Diese radikal nachhaltige Webseite zeigt, wie ein umweltfreundliches Internet aussehen könnte

Webseiten werden immer schneller, umfangreicher... und umweltschädlicher. Das geht auch anders – mit Solarkraft und nachhaltigem Webdesign – wie die Webseite des Solar Low-Tech Magazines demonstriert.

Die Digitalagenda – auf dem Weg in die Umweltpolitik 4.0?

Vor wenigen Tagen hat das BMU seine Digitalagenda veröffentlicht. Mit über 70 Maßnahmen soll damit die Digitalisierung in Richtung Nachhaltigkeit geschubst werden. Wir sprachen mit Dr. Stephan Ramesohl, der mit dem Wuppertal Institut an der Entwicklung der Agenda beteiligt war.

logo_dbu
© DBU
Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Fokus: RESET.org erhält eine Projekt-Förderung der DBU

Vor wenigen Wochen ist die finale Bestätigung bei uns eingegangen: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert in den nächsten zwei Jahren unsere Themen-Dossiers fachlich und finanziell. Schon nächste Woche geht's los!

So verkleinerst du deinen digitalen Fußabdruck

Unsere digitale Welt hat einen enormen Fußabdruck. Jede Suchanfrage, jedes gestreamte Video und jedes in der Cloud abgelegte Foto verbraucht Energie – und ist damit für steigende CO2-Emissionen verantwortlich. Doch auch online kannst du mit kleinem Fußabdruck unterwegs sein.

Der digitale Fußabdruck – unser Ressourcenverbrauch im Netz

Jede einzelne Suchanfrage, jedes gestreamte Lied oder Video und jede Art von Cloud-Computing, milliardenfach ausgeführt, überall auf der Welt, ist für einen global immer größer werdenden Strombedarf verantwortlich – und damit auch für steigende CO2-Emissionen. Das digitale Zeitalter stellt uns vor große Herausforderungen.

Doppelte Transformation: Digitalisierung braucht saubere Energie

Der EU kommt eine Schlüsselrolle zu, um die voranschreitende Digitalisierung zugleich nachhaltig zu gestalten und hier auf erneuerbare Energien zu setzen.