Permacomputing – Warum es höchste Zeit ist, dass Permakultur auch in der digitalen Welt Wurzeln schlägt

Größer, schneller, stärker – Die Digitalisierung in ihrer aktuellen Form richtet massive Schäden an. Doch wenn wir die Prinzipien des Permacomputing einsetzen, könnte das den Kurs ändern.

Autor*in Lana O'Sullivan:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 10.11.25

Wie die westliche Welt mit dem Planeten und seinen Bewohner:innen umgeht, richtet massive Schäden an. Wir plündern endliche Ressourcen, um unser Leben bequemer zu gestalten. Während wir unsere sogenannten technologischen Fortschritte ausbauen, nimmt die globale Ungleichheit zu, weite Teile der Erde werden unbewohnbar und Arten sterben in alarmierendem Tempo aus. Unser System funktioniert einfach nicht, um einen gesunden Planeten zu erhalten.

Aber das war nicht immer so. Und das muss auch nicht so sein. Auf dem Weg dorthin haben wir wichtige Erkenntnisse außer Acht gelassen. Als Umweltjournalistin hat mich schon immer fasziniert, wie indigene Gemeinschaften seit Jahrtausenden erfolgreich die Umwelt pflegen und das Land schützen. Doch seit Jahrhunderten wird ihr Wissen zugunsten des westlichen Modells von Industrie, Wachstum, Konsum und Zerstörung übersehen. Und wir alle zahlen den Preis dafür.

Aber das Konzept, in Harmonie mit der Natur zu leben, findet unerwartete, neue Anhänger:innen. Forscher:innen, Ingenieur:innen und Entwickler:innen haben sich zusammengeschlossen, um neue Wege in der Gestaltung unserer digitalen Welt anzustoßen. Diese Ideen kombinieren das uralte Konzept der Permakultur mit der Digitalisierung, um Permacomputing zu schaffen: einen Entwurf für eine sicherere, harmonischere Beziehung zwischen Menschheit, Technologie und der Welt um uns herum.

Ich habe mich kürzlich mit dieser Welt beschäftigt und erwartete, auf undurchdringliche Theorien und viel Idealismus zu stoßen. Stattdessen fand ich einfache Lösungen, die bereits fest in den Seiten von RESET verankert sind.

Eine neue Art, Entwicklung zu konzipieren

Permakultur basiert darauf, menschliche Lebensräume und landwirtschaftliche Systeme so zu gestalten, dass sie autark, energieeffizient und von Natur aus abfallfrei sind. Dabei folgen sie natürlichen Mustern. Obwohl der Begriff erst in den 1970er Jahren aufkam, war er ursprünglich – und ist es auch heute noch – eine indigene Wissenschaft, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Land und Naturzyklen befasst. Ein einfaches Beispiel für ein Prinzip der Permakultur ist die Kompostierung. Dabei werden Küchen- und Gartenabfälle, die – wie der Name schon sagt – sonst als Abfall gelten, in nährstoffreichen Boden umgewandelt, um Pflanzen zu düngen. So wird sichergestellt, dass das, was bereits vorhanden ist, weitergenutzt wird. Gleichzeitig wird nichts Weiteres benötigt, wie beispielsweise chemischer Dünger. Die erste Verwendung von Kompost erfolgte wahrscheinlich kurz nach Beginn des Ackerbaus und wird seitdem seit Jahrtausenden genutzt.

Die Forscherinnen und Künstlerinnen Joana Varon und Lucia Egaña Rojas haben daher in ihrem gemeinsamen Essay „Compost engineers and sus saberes lentos: a manifest for regenerative technologies” aus dem Jahr 2024 den Begriff „Kompostingenieure” eingeführt. Wahre Intelligenz, so argumentieren sie, müsse neu definiert werden, um sich auf die Regeneration von Leben und Ökosystemen zu konzentrieren. „Kompostingenieur:innen” setzen sich für solche alternativen Formen der Intelligenz ein. So wie Kompost Abfall in Leben verwandelt, schlagen die Autorinnen vor, dass wir die vorherrschenden patriarchalischen westlichen Ideen, die KI und die Technologie im Allgemeinen prägen, „aufbrechen” sollten. Dazu muss der technologische „Abfall” mit globaleren, menschen- und erdzentrierten Werten und Perspektiven gefüttert werden. Hieraus „wachsen” dann Technologien, die das Verlorene regenerieren, anstatt noch mehr Müll, Ausbeutung und Unterdrückung zu fördern.

Arten des Permacomputing

Sparsames Computing: Nutzung von Rechenressourcen als endliche Güter, die nur bei Bedarf und so effektiv wie möglich eingesetzt werden.

Frugal-Computing: Nutzung nur bereits verfügbarer Rechenressourcen, die durch das bereits Produzierte begrenzt sind.

Kollaps-Computing: Nutzung dessen, was den Zusammenbruch der industriellen Produktion oder der Netzwerkinfrastruktur überstanden hat.

Die Menschen haben Permacomputing bereits angenommen

Permacomputing ist keine utopische Idee, sondern das Konzept wird bereits in die Tat umgesetzt. Das ursprüngliche Ziel des People’s Permacomputing Project war beispielsweise, den Zusammenbruch der Gesellschaft zu überleben. Später verlagerte es seinen Schwerpunkt auf die Konstruktion von Computern, die lange halten und nicht schon nach wenigen Jahren veralten. Der „People’s Permacomputer“, wie sie ihn nennen, befasst sich sehr praktisch mit Problemen der Gegenwart wie der Größe, Komplexität und Unzugänglichkeit moderner Computertechnik. Der Permacomputer ist bewusst auf etwa 100 Zeilen Code beschränkt, um sicherzustellen, dass die Technologie grundsätzlich langlebig, erschwinglich und zugänglich ist. Denn „wenn die Unterdrückten keinen Zugang zu Technologie haben, ist sie nicht revolutionär”.

Man muss jedoch weder Ingenieur:in noch politische:r Revolutionär:in sein, um das Konzept des Permacomputing zu verstehen. Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftigte, desto mehr Projekte habe ich auf RESET.org gefunden, die unter dieses Konzept fallen. Wir haben über Online-Plattformen geschrieben, die Repair Cafés und Workshops zusammenbringen, über Initiativen zur Reparatur von Geräten sowie über Google-freie Mobiltelefone, Open-Hardware-Laptops, Pilz-Platinen und essbare Elektronik.

Um mehr über die Praktikabilität und Relevanz von Permacomputing zu erfahren, habe ich mich an den Permacomputing-Experten Devine Lu Linvega vom Künstlerkollektiv Hundred Rabbits Crew gewandt. Hundred Rabbits dokumentiert Low-Tech-Lösungen, um eine widerstandsfähigere Zukunft aufzubauen, und schreibt auf seiner Low-Code-Website ausführlich über Permacomputing.

Devine Lu Linvega erklärte mir, dass „Permacomputing im Wesentlichen die Maximierung der Lebensdauer von Hardware, die Minimierung des Energieverbrauchs und die Konzentration auf die Nutzung bereits verfügbarer Rechenressourcen fördert”. Wie bei Kompost werden bei diesem Prozess bereits vorhandene Ressourcen genutzt und maximiert. Anstatt gedankenlos wegzuwerfen, holen wir das Maximum heraus und minimieren den Abfall. Einfach ausgedrückt: „Permacomputing ist der Versuch, die für eine Aufgabe geeignete Technologie zu finden, um so wenig wie nötig zu verbrauchen.“

Können wir eine grüne digitale Zukunft „wachsen lassen“, indem wir weniger verbrauchen?

Natürlich bringt eine begrenzte Rechenleistung Kompromisse mit sich. Laut Lu Linvega „hängt es weitgehend von der Aufgabe ab, welche Funktionen priorisiert werden müssen“. Wie viel der Aufgabe erfordert tatsächlich Rechenleistung? Belasten zusätzliche, nicht relevante Komponenten den Betreiber oder beeinträchtigen sie den beabsichtigten Anwendungsfall? Zum Beispiel: „Ein Server, der deine biometrischen Daten sammelt, sollte dich nicht daran hindern, deinen Heimtrainer zu benutzen. Das wäre ein Versagen des Permacomputing.“

Lu Linvega merkt an, dass „das People’s Permacomputing Project zwar etwas optimistisch hinsichtlich der Leistungsfähigkeit jeder einzelnen Codezeile ist“. Die Prinzipien des Permacomputing würden jedoch oft Effizienzopfer erfordern. „In der Regel sind die Kompromisse Skalierbarkeit, Lokalisierung, Zugänglichkeit und so weiter.“

Anstatt neue Computer zu entwickeln, die mit einfachen Codes laufen, sind daher vielleicht Wiederverwendung und Regeneration eine effektivere Form des Permacomputing. Lu Linvega stimmt zu: „Permacomputing-Geräte sind in der Regel keine, die man neu kauft“, sagt er. „Es handelt sich in der Regel um Geräte, die weggeworfen wurden und wieder in Gebrauch genommen werden.“

Außerdem sind Geräte wie Fairphone oder die nachhaltigen und modularen USB-Kabel von Syllucid, die auf Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit ausgelegt sind, gute Kandidaten. „Am besten sind solche, die sich leicht öffnen lassen und aus modularen und standardisierten Teilen bestehen. Keine speziellen Schrauben, kein Klebstoff, keine herstellerspezifischen Betriebssysteme und so weiter,“ so Linvega. Das Bekenntnis zu nachhaltigem Design bei Software und Systemen ist die Grundlage von Permacomputing. „Anstelle von geplanter Obsoleszenz setzt Permacomputing auf geplante Langlebigkeit.“

Über Hardware und Software hinaus erstreckt sich das Permacomputer-Konzept von Natur aus auch auf soziale, bildungspolitische und politische Maßnahmen. Dieser breite Anwendungsbereich umfasst vielfältige Bemühungen aus allen Bereichen der modernen Gesellschaft. Auf die Frage, welche Permacomputing-Projekte ihn am meisten inspirieren, wirft Lu Linvega ein großes Netz aus:

„Am meisten faszinieren mich Website-Betreiber, die ältere Browser ohne Javascript unterstützen. Und Leute, die Linux– und BSD-Unterstützung auf veralteten Geräten implementieren und ihren Verwandten beibringen, wie sie aus den Silos von Apple und Microsoft ausbrechen können. Oder Programmierer, die Handbücher in ihre eigenen Sprachen übersetzen und Dokumentationen für veraltete Geräte pflegen. Aber auch Menschen, die sich gegen das Vordringen von KI und Cloud-Diensten wehren, Leute, die LLMs mit Giftdaten sabotieren, Websites, die KI in Honeypots fangen, Studenten, die wieder lernen, ohne Smartphones zu leben, Menschen, die Spotify den Rücken kehren und anfangen, ihre Lieblingskünstler direkt zu unterstützen – ich liebe es, all das zu sehen.“

nachhaltige Digitalisierung

Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?

Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint  die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:

Die Technologie, die wir brauchen, nicht die Technologie, die wir uns wünschen

Ich denke, wir sind uns einig, dass Technologie nur dann sinnvoll ist, wenn sie der Gesellschaft nützt. Tatsache ist jedoch, dass fast alle Hard- und Software, die wir verwenden, sowohl leistungsfähiger als auch kurzlebiger ist als nötig. Unsere derzeitige digitale Infrastruktur spiegelt direkt den destruktiven Kreislauf wider, der auf der Prämisse des unaufhörlichen Konsums und der eskalierenden Rechenleistung basiert. Das schädigt unseren Planeten irreparabel, ganz zu schweigen von den zahlreichen negativen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

Die Beispiele, die ich für Permacomputing in der Praxis gezeigt habe – von Kompostingenieur:innen bis hin zu sparsamen Entwickler:innen – beweisen, dass diese neue Philosophie bereits unter uns ist. Dennoch findet sie immer noch Nischen statt, kleine Inseln der Widerstandsfähigkeit in einem riesigen System der Verschwendung.

Die Arbeit von Kompostingenieur:innen, Reparaturbefürworter:innen und sparsamen Entwickler:innen besteht darin, zu zeigen, dass weniger tatsächlich mehr sein kann. Dabei geht es nicht darum, Technologie zu opfern, sondern sie neu zu definieren. Wenn wir wirklich eine Zukunft verwirklichen wollen, in der Technologie regenerativ statt degenerativ ist, müssen wir diese Initiativen ausweiten. Wir müssen das indigene Wissen wertschätzen und das pflegen, was wir bereits haben – sei es ein alter Computer oder Küchenabfälle. Das geht auch einher mit entsprechenen politischen Rahmenbedingungen, die Kreislauffähigkeit im Digitalen voranbringen.

dbu-logo

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!

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