Othalo will gleichzeitig Wohnungsnot und Plastikverschmutzung in afrikanischen Ländern angehen

Aus 8 Tonnen recycelten Pastikabfällen könnten ein 60 Quadratmeter großes Haus werden.

Mit modularen Gebäuden aus recyceltem Plastik will ein norwegisches Startup günstigen Wohnraum bauen und gleichzeitig Plastikmüll reduzieren.

Autor Mark Newton:

Übersetzung Mark Newton, 21.12.20

Derzeit leben etwa eine Milliarde Menschen weltweit in Slums, die meisten dieser informellen Siedlungen sind in verschiedenen Regionen in Afrika und Asien zu finden. Zugang zu sauberem Wasser, Gesundheitsdiensten und Müllabfuhr und Recycling haben viele der dort lebenden Menschen nicht.

Ein norwegisches Startup hat sich vorgenommen, das Problem anzugehen und will schnell qualitativ hochwertigen Wohnraum bauen – und dabei die Umwelt säubern. Othalo wurde 2019 offiziell gegründet und erforscht derzeit Methoden zum Recycling von Plastikmüll, um damit saubere, erschwingliche und menschenwürdige Wohnungen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zu bauen.

Im Moment befindet sich das Startup noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase; Gründer Frank Cato Lahti entwickelt die Technologie seit 2014 in Zusammenarbeit mit der Forschungsorganisation Sintef und der Universität Tromsø. Im Mittelpunkt des Ansatzes steht die Idee, Plastikmüll für den Bau von hochwertigen Wohneinheiten zu verwenden. Dadurch sollen Unterkünfte und Arbeitsplätze geschaffen und ein Beitrag zur Reduzierung der Plastikflut in afrikanischen Ländern geleistet werden.

Laut Othalo besteht der Entwurf, der in Zusammenarbeit mit dem Architektur-Wunderkind Julien De Smedt entwickelt wurde, aus einer Reihe von vorgefertigten Bauelementen, die durch offene Bereiche wie Terrassen und Loggien miteinander verbunden sind. Genauere Details über den Prozess der Umwandlung des Kunststoffs in geeignete Baumaterialien werden (noch) nicht verraten, aber laut Othalo sollen die Abfälle aus einem lokalen Baugebiet verwendet werden. Für ein 60 Quadratmeter großes Gebäude werden etwa 8 Tonnen Kunststoffabfälle benötigt. Das klingt nach einer beträchtlichen Menge, aber in den Regionen, in denen Othalo arbeiten will, gibt es keinen Mangel an Kunststoffabfällen – im Gegenteil.

Riesige Müllhalden sind ein alltäglicher Anblick in der Nähe vieler Slumsiedlungen, ein Großteil davon besteht aus PET-Plastikabfällen. In vielen Fällen stammt der Plastikmüll von den Menschen vor Ort, aber nicht nur. Viele Länder exportieren ihren Plastikmüll in afrikanische Staaten – zwischen 1990 und 2017 wird diese Menge auf 230 Tonnen geschätzt. Othalo hat daher berechnet, dass weltweit genug Plastikmüll vorhanden ist, um über eine Milliarde Häuser zu bauen.

Das Startup will sich jedoch nicht nur auf den Wohnungsbau beschränken, sondern plant, seine Recycling-Module auch als Flüchtlingsunterkünfte, temporäre Gebäude oder klimatisierte Lagerräume einzusetzen. Zunächst aber will sich Othalo auf Afrika südlich der Sahara konzentrieren, wo die rasante Urbanisierung die Nachfrage nach Wohnraum enorm erhöht hat. Derzeit fehlen 160 Millionen preisgünstige Wohneinheiten, bis 2050 soll die Zahl auf 360 Millionen steigen.

Ein zunehmend globales Problem

Der Zugang zu erschwinglichem, sicherem Wohnraum ist in vielen afrikanischen Ländern, auch in den wohlhabendsten, seit langem ein Dauerproblem. In Südafrika zum Beispiel fehlen derzeit schätzungsweise 2,1 Millionen Wohnungen für rund 12 Millionen Menschen. Ein Großteil der Menschen, die auf eine Wohnung warten, lebt in den beengten Townships der Apartheid-Ära am Rande der größeren Städte. Viele sind inzwischen zu eigenen, weitläufigen Siedlungen herangewachsen, doch es fehlt noch immer an grundlegenden sanitären Einrichtungen und Müllmanagementsystemen. Und obwohl der afrikanische Nationalkongress (ANC) nach seiner Wahl 1994 ein massives Bauprogramm startete, ging die Zahl der neu gebauten Wohnungen ab 1999 stetig zurück – eine Geschichte, die auch typisch ist für andere afrikanische Länder. Der Bausektor ist in vielen Ländern von Ineffizienz, hohen Kosten, unhaltbaren Praktiken und Korruption geprägt.

Das Problem geht aber auch über den afrikanischen Kontinent hinaus. Die Wohnungskrise ist global, denn auch die meisten der europäischen, amerikanischen und asiatischen Staaten müssen sich schnell auf die zunehmende Landflucht und das Wachstum der Städte einstellen.

Othalos Ansatz hat bereits die Aufmerksamkeit einiger wichtiger Akteure auf sich gezogen. Das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN-HABITAT) ist im Oktober 2020 eine Partnerschaft mit Othalo eingegangen und unterstützt den Start von Pilotprogrammen in Nairobi, Dakar und Yaoundé. Für UN HABITAT ist nachhaltiger, erschwinglicher und komfortabler Wohnraum eine wesentliche Grundlage für die Förderung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der UN. Viele der Ziele, wie zum Beispiel die Verringerung der Armut, die Verbesserung von Bildung, Gleichberechtigung, Sanitärversorgung und Infrastruktur profitieren davon, wenn ausreichend saubere, sichere und hochwertige Wohnungen zur Verfügung stehen.

Derzeit werden die modularen Gebäudeteile in einer Fabrik in Estland gebaut, aber Othalo hofft, eine ähnliche Produktionsstätte in Kenia zu gründen, sobald sich die Pilotprojekte als erfolgreich erweisen.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von Sarah-Indra Jungblut. Das Original erschien zuerst auf unserer englischsprachigen Seite.

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