Dieser Artikel ist eine Zusammenarbeit zwischen Jack McGovan von Sower und RESET.
Am ersten warmen Tag des Jahres 2026 drängt sich eine Gruppe von sechs Personen um einen Tisch in der hintersten Ecke der Arminiusmarkthalle in Berlin. Während sich die meisten Stände auf frische Lebensmittel oder andere kulinarische Köstlichkeiten konzentrieren, steht an diesem Tisch stattdessen Technik im Mittelpunkt. Einige Freiwillige, die im Auftrag des Vereins Topio vor Ort sind, beantworten die Fragen der Besucher:innen zu ihren Laptops und helfen ihnen dabei, auf Open-Source-Alternativen umzusteigen.
Jede Woche besuchen etwa 20 Menschen den Stand von Topio, um Unterstützung zu erhalten oder ein Open-Source-Gerät zu kaufen. Während der Großteil ihres Publikums digitalen Technologien in der Vergangenheit eher ablehnend gegenüberstand, taucht mittlerweile eine größere Gruppe jüngerer und digital versierterer Menschen auf. „Seit der [zweiten] Wahl von Trump haben wir einen Anstieg an Besuchenden festgestellt, die nicht zu unserem typischen Publikum gehören“, erklärte Beatrijs Dikker, Mitgründerin von Topio.
Die zweite Amtszeit von Donald Trump hat die Gefahr einer europäischen Abhängigkeit von US-amerikanischer Technologie deutlich gemacht. Im Mai letzten Jahres berichtete die Associated Press, dass der Chefankläger des internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) nach den von Trump verhängten Sanktionen keinen Zugriff mehr auf sein E-Mail-Konto bei Microsoft hatte.
„Wir scherzen immer darüber, dass Trump einer der Hauptgründe für die Sicherheit unserer Arbeitsplätze ist“, sagte Gina Plat, Interimsleiterin des Open-Source-Programmbüros im niederländischen Innenministerium. Plat erklärte, dass digitale Souveränität – also die Idee, dass Europa eigene Technologien entwickelt, um eine Unabhängigkeit von den USA und anderen Staaten zu verringern – ein heißes Thema sei. Insbesondere in den Niederlanden, wo der IStGH seinen Sitz hat. Allerdings, fügte sie hinzu, sehe sie auch eine starke europäische Bewegung.
„Wir haben eine Milliarde Euro für die Förderung von Open Source ausgegeben, aber wir konnten nicht das ausgleichen, was Trump in zwei Monaten geschafft hat“, sagte Timo Väliharju, Geschäftsführer von Open Source Finland. Vor dem Vorfall mit dem IStGH, so Väliharju, drehten sich die Diskussionen rund um Open Source in Finnland vor allem um Kosteneinsparungen, Ideologie und die Entwicklung einer Open-Source-Kultur. Jetzt geht es um Sicherheitsstrategien, geopolitische Risiken und Autonomie.
Die EU-Kommission hat am 5. Juni ihr „Paket zur technologischen Souveränität zur Stärkung der digitalen Autonomie und Resilienz Europas“ vorgestellt, das auch eine Open-Source-Strategie umfasst. Die Strategie, die darauf abzielt, den Einsatz europäischer Digitaltechnologie zu fördern, Open-Source-Startups zu unterstützen und die Nutzung von Open Source in der öffentlichen Verwaltung zu stärken, ist auf Kritik gestoßen. Zwar hat die EU beispielsweise Leitlinien zur Bevorzugung europäischer Technologie entwickelt, doch enthält das Paket keine verbindlichen Vorgaben und die Entscheidung liegt im Ermessen der Mitgliedstaaten.
Regionalverwaltungen sind flexibler
Eine große Erfolgsgeschichte bei der Umstellung auf Open Source ist Schleswig-Holstein. Dort wurden fast 80 Prozent der Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung auf LibreOffice umgestellt, eine Open-Source-Alternative zu Microsoft Office. Das Bundesland hat 15 Millionen Euro an Lizenzgebühren eingespart, und nach Abzug der Umstellungskosten und anderer Ausgaben wurden neun Millionen Euro in das lokale Open-Source-Ökosystem reininvestiert.
„Wir sind uns unserer Vorreiterrolle bewusst, aber wir haben nicht erst letzte Woche angefangen – wir hatten einen Vorsprung“, sagte Alexander Rosenthal, Projektleiter bei DigitalHub.SH, einem unabhängigen Projekt, das vom städtischen Digitalministerium ins Leben gerufen wurde, um die digitale Strategie des Landes umzusetzen. Rosenthal erklärte, die Arbeit habe vor fünf Jahren begonnen, und der Wandel sei durch ein gesundes Open-Source-Ökosystem, das Engagement von Digitalminister Dirk Schrödter und ein unterstützendes Kabinett ermöglicht worden.
DigitalHub.SH steht bereits im Austausch mit anderen Bundesländern in Deutschland sowie mit interessierten internationalen Akteuren innerhalb und außerhalb Europas. So waren beispielsweise kürzlich Delegationen aus den Niederlanden und Österreich zu Besuch. Rosenthal forderte andere dazu auf, einfach mit dem Wandel zu beginnen, anstatt sich über Sonderfälle Gedanken zu machen. Ebenso betonte er nachdrücklich, wie wichtig es sei, eine Geschichte zu entwickeln und die Menschen zum Umstieg zu ermutigen; technologische Veränderungen seien nur ein Teil des Wandels.
Schleswig-Holstein ist jedoch nicht die einzige Erfolgsgeschichte in Europa. Die Verwaltung der spanischen Region Valencia hat LibreOffice bereits auf 120.000 ihrer Computer installiert, und die portugiesische Stadt Seixal hat ihre Umstellung auf die Open-Source-Software im Jahr 2019 abgeschlossen. Was Schleswig-Holstein aber dennoch besonders macht, ist seine Größe. Denn das Bundesland ist weitaus größer als die beiden anderen Regionen zusammen. Laut Rosenthal ist dies die perfekte Größe, um etwas zu bewirken: „Wir sind groß genug, um etwas zu bewirken, aber gleichzeitig klein genug, um uns alle zu kennen.“
Die geringere Größe der Kommunalverwaltungen sieht Plat im niederländischen Kontext ebenfalls als Vorteil an. „Die Gemeinden sind so viel flexibler, und es ist viel einfacher, Dinge auf den Weg zu bringen und umzusetzen, während die niederländische Regierung wie ein Öltanker ist“, sagte sie. „Es dauert ewig, bis sie den Kurs ändert.“
Amsterdam hat kürzlich eine mehrjährige Strategie veröffentlicht, mit der die Stadt bis 2035 vollständig digital autonom werden soll, und der Regionalrat von Friaul-Julisch Venetien in Italien hat Ende letzten Jahres für eine Umstellung auf Open-Source-Software gestimmt.
Italo Vignoli, Marketing- und PR-Manager bei LibreOffice, stimmte der Einschätzung zu, dass auf lokaler Ebene – mit einigen Ausnahmen – eine zunehmende Tendenz zur Nutzung von LibreOffice zu beobachten sei. Dänische Krankenhäuser, so sagte er, seien bereits vor etwa zehn Jahren auf die Software umgestiegen. „Derzeit gibt es in Europa eine stärkere Tendenz in Richtung digitaler Souveränität als in anderen Teilen der Welt“, erklärte er.
Bürgerinitiativen springen dort ein, wo es an politischem Willen mangelt
Zwar setzen viele Kommunen zunehmend auf Open-Source-Software, doch dies gilt nicht für alle. In Berlin, dem Sitz von Topio, hat die Stadtverwaltung in diesem Jahr eine Open-Source-Strategie veröffentlicht. Es herrscht jedoch Skepsis darüber, ob diese tatsächlich ordnungsgemäß umgesetzt wird. „Gerade in Berlin gibt es keine Open-Source-Kultur in der öffentlichen Verwaltung“, sagte Tom Jennissen, Rechtsanwalt und Sprecher des Vereins „Digitale Gesellschaft“.
Dikker sagte, dass zivilgesellschaftliche Initiativen wie Topio in Zeiten, in denen die Politik keine Fortschritte erzielt, an Bedeutung gewinnen. „Wir sind ein Versuchslabor, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht“, sagte sie. „Wir hören von Politikern, dass dies für sie wichtig ist und dass [Open Source] auch von zivilgesellschaftlichen Initiativen unterstützt wird. Sie brauchen ein Mandat der Öffentlichkeit, um ihre Arbeit zu legitimieren.“
Die Idee des „Digital Independence Day“ gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung: Bürgerinitiativen im ganzen Land veranstalten jeden ersten Sonntag im Monat entsprechende Events. Ziel dieser Veranstaltungen ist es, die Unabhängigkeit von allen großen Unternehmen zu fördern – sei es in den USA, in China oder in Europa. Die Teilnehmer:innen erhalten Tipps zum Umstieg auf Open-Source-Alternativen und haben die Möglichkeit, Lösungen für Probleme zu diskutieren, die über ein einzelnes Gerät hinausgehen. Derzeit sind auf der Website des „Digital Independence Day“ 1.490 Veranstaltungen gelistet, die meisten davon in Deutschland, darunter eine von Topio organisierte Veranstaltung.
Jochim Selzer, Sprecher des Hacker-Vereins Chaos Computer Club, hat bereits mehrere „Digital Independence Days“ veranstaltet. Er erklärte, dass Bürger:innen und Bürgerinitiativen zwar sozialen und politischen Druck ausüben könnten, um Systeme zu verändern, dass sie aber letztendlich nicht die gesamte Arbeit leisten könnten. „Ich möchte unabhängig von großen Unternehmen bleiben, und ich will auch, dass mehr Menschen dazu in der Lage sind“, sagte er. „Vor allem soziale Netzwerke und Messenger sind Dinge, bei denen man nicht einfach selbst entscheiden kann, sie zu ändern.“
Es sind mehr Finanzmittel und Unterstützung erforderlich, um sich von US-amerikanischer Technologie unabhängig zu machen
Trotz der Fortschritte, die in bestimmten Teilen Europas erzielt wurden, ist es noch ein langer Weg bis zur digitalen Souveränität. Der von der Open-Source-Plattform Nextcloud veröffentlichte „Digital Sovereignty Index“ ergab, dass die überwiegende Mehrheit der Länder auf dem Kontinent weniger als 20 von 100 Punkten erreichte.
Väliharju geht davon aus, dass zumindest in Finnland die Hoffnung besteht, dass sich die Lage nach der Trump-Präsidentschaft wieder normalisieren wird. Er ist jedoch der Meinung, dass das Vertrauen bereits erschüttert ist. Stattdessen seien politischer Mut und stärkere Investitionen erforderlich. „Was wir wirklich tun müssen, ist zu versuchen, die Nachhaltigkeit der Open-Source-Projekte, die wir in Europa haben, finanziell abzusichern“, sagte er.
Plat sieht das ähnlich. „Der einzige Grund, warum wir von den großen US-Tech-Unternehmen vereinnahmt wurden, ist, dass sie sich so sehr um uns gekümmert haben; sie haben sich um alles gekümmert, wir haben ihnen einfach unser ganzes Geld und unsere gesamte Technologie übergeben“, sagte sie. „Jetzt ist es an der Zeit, uns diesen Alternativen zuzuwenden und Kompetenzen aufzubauen, um sie selbst ein bisschen besser verwalten zu können.“
Derzeit, so Dikker, sei Open Source in vielen informellen Branchen zu finden, wobei Einzelpersonen für die Sicherheitsfunktionen in weiten Teilen der Welt verantwortlich seien. Damit Open Source eine ernstzunehmende Herausforderung für die großen Tech-Konzerne darstellen könne, müsse es etwas stärker institutionalisiert werden. „Kritische Infrastruktur darf nicht von wenigen Menschen abhängig sein: Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen und gut bezahlte Arbeitsplätze“, sagte sie.



