Nie wieder Labels lesen – diese App scannt Inhaltsstoffe per Handyscan

Die App HawkSpex analysiert die Inhaltsstoffe beliebiger Produkte für seine Nutzer

Was ist in meiner Hautcreme? Sind das wirklich Bio-Äpfel? Die neue App „Hawkspex mobile“ vom Fraunhofer Institut soll solche Fragen bald per Lichtspektroskopie in Sekundenschnelle beantworten können.

Autor Laura Wagener, 22.02.17

Übersetzung Laura Wagener:

Ob CodeCheck, ToxFox oder „Essen ohne Chemie“ – es ist mittlerweile nichts Neues mehr, bei der Suche nach gesunden Lebensmitteln oder klimafreundlicher Kosmetik erst einmal eine Smartphone-Anwendung zur Rate zur ziehen. Die Apps scannen das Label der angebotenen Produkte und vergleichen die Angaben darauf mit einer hinterlegten Datenbank. Doch woher weiß ich eigentlich, dass in einem Lebensmittel tatsächlich nur die auf dem Label deklarierten Inhaltsstoffe enthalten sind? Wie kann ich sicher sein, dass der als Bio deklarierte Apfel tatsächlich natürlich und ohne Pestizide gewachsen ist? Eine neu entwickelte App des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) soll den Verbraucher bald von den Inhaltsangaben emanzipieren – in dem er einfach selbst mit seinem Handy die Inhaltsstoffe eines Produktes überprüfen kann. Die Anwendung heißt „HawkSpex mobile“ und soll Smartphone-Nutzern ab Ende 2017 zur Verfügung stehen.

So funktioniert Hawkspex

Die Applikation macht aus der Handykamera und dem Selfie-Modus des Smartphones eine einfache Hyperspektralkamera, auch Lichtspektrometer genannt. Die Kamera wirft dafür verschiedenfarbige Lichter auf den zu scannenden Stoff und analysiert, wie das Licht reflektiert wird. Die App wertet dann die Intensität der zurückgeworfenen Lichtspektren aus und schließt so über einen Algorithmus auf die Inhaltsstoffe des gescannten Produktes. Über einen Abgleich mit einer Datenbank kann die App dann die Stoffe zuordnen und beispielsweise angeben, wie viele Pestizide oder Nitrat in einem Salatblatt stecken oder um welche Apfelart es sich handelt. So könnte beispielsweise auch herausgefunden werden, ob es sich bei einer Kaffeesorte im Päckchen tatsächlich um die auf dem Etikett angegebene handelt.

Ist dieses Obst wirklich Bio? Die App HawkSpex mobile findet es in Sekundenschnelle heraus

2016 hatte bereits das israelisches Unternehmen scio einen portablen Lichtspektometer vorgestellt, der ähnlich funktioniert wie HawkSpex, mit 300 Euro Anschaffungskosten pro Stück allerdings eher nicht für die breite Masse einsetzbar ist. „Das Besondere an unserer App: Der Anwender braucht für die Messung nichts weiter als die Kamera, die ohnehin in seinem Smartphone integriert ist“, sagt Prof. Udo Seiffert, Kompetenzfeldleiter am IFF, über HawkSpex.

Künstliche Schwarmintelligenz soll App großflächig einsetzbar machen

Die Anwendung von HawkSpex ist nicht nur auf die Lebensmittelbranche beschränkt. Der Lichtscanner kann von Haut, über Kosmetik bis hin zu Autolacken fast alle Stoffe analysieren. Um die gescannten Daten für den Nutzer verwertbar zu machen, muss die App natürlich allen Stoffen und Produkten Namen zuordnen können. Hier soll – ähnlich wie bei der Wissensdatenbank Wikipedia – die Schwarmintelligenz bei der Vergrößerung der Vergleichsdatenbank mithelfen. „Wenn die App Ende 2017 auf den Markt kommt, können engagierte Nutzer zum großen Ganzen beitragen und neue Anwendungen, zum Beispiel die Beurteilung der Belastung von Salatköpfen mit Pflanzenschutzmitteln, kreieren, indem sie das System für eine solche Fragestellung anlernen“, sagt Seiffert. Das heißt: Sie vermessen etwa behandelte und unbehandelte Salatköpfe verschiedener Sorten mit der App und schicken die Daten zum IFF. Forscher prüfen die Messungen und schalten die Anwendung für alle Nutzer frei. So wird die Datenbank sukzessive für immer mehr Bereiche und Produkte anwendbar.

Ein weiterer Vorteil, den ein Erfolg der App hätte: Um ein Produkt Labeln zu können, wird es in aller Regel vorher in Plastik eingepackt. Unnötig und vor allem klimaschädlich. Wenn sich die App des Fraunhofer Instituts tatsächlich durchsetzt, könnte – zusätzlich zur gewonnenen Transparenz für den Verbraucher – auch auf viel überflüssigen Verpackungsmüll verzichtet werden.
 

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