Newsgames – Der Journalismus der Zukunft?

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Sie heißen "Cutthroat Capitalism", "Endgame: Syria" oder "Climate Defense" und thematisieren Ereignisse, die auch als Reportage in einer Zeitung erscheinen könnten: Piraten vor der Küste Somalias, der Konflikt in Syrien, Verhandlungen über den Klimaschutz. In Newsgames wird reiner Berichterstattung ein spielerischer Zugang zu komplexen Themen entgegengesetzt.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 16.07.13

Wird die quälend lange Rettungsaktion der Bergarbeiter in Chile miterlebt wie in „Los 33“ oder sind im Spiel „Endgame: Syria“ in der Rolle eines syrischen Rebellenführers strategische Entscheidungen und Aktionen des Users gefragt, ist passives Konsumieren nicht möglich. „Mit einem Spiel kann das Publikum Zusammenhänge selber erfahren und sich tiefer mit dem Thema beschäftigen“, so Linda Breitlauch, Professorin für Gamedesign in Berlin in der Süddeutsche Zeitung. Vorrangig ist also nicht der Spass, sondern die Wissensvermittlung in den Games. Herausgeber sind aktuell v.a. große englischsprachige Zeitungen und Magazine, wie z.B. das Wired Magazine, das mit dem Newsgame „Cutthroat Capaitalism“ einen interaktiven Evergreen geschaffen hat. Die Reportage zu den Piraten vor Somalia erschien der Redaktion zu lang und komplex für das Internet, ein interaktiveres Format musste her. Auch die New York Times und der Guardian nutzen das Format gelegentlich, in der deutschsprachigen Presse gibt es kaum Angebote.

Ganz alleine stehen die Newsgames als Schnittstellen zwischen Ernst und Spiel nicht da, sogenannte Serious Games gibt es viele: bevor sie an reale Menschen gelassen werden „spielen“ Ärzte Operationen, Soldaten bereiten sich mit Simulationen auf Einsätze vor und auch Flugpiloten üben ihr Handwerk am Computer.

Hinter den aktuell erhältlichen Newsgames steht meistens eine Redaktion, die die Inhalte aufwändig recherchiert. Doch natürlich habe Newsgames die gleichen Problemen wie andere journalistische Formate: die Frage des Absenders ist entscheidend für die Aktualität und Qualität der Quellen. Aktuell haben Newsgames noch damit zu tun, als glaubwürdig erachtet zu werden. Doch vielleicht müssen sich Publikum und Journalisten erst an das Format gewöhnen. Das glaubt zumindest die Forscherin Breitlauch.

Der Markt für Newsgames ist noch klein. Die aktuellen Spiele sind vor allem idealistisch motiviert, das Geld für reale Entlohnungen der Produzenten fehlt bisher. Doch das Potential ist groß. Eine Reportage zu lesen und danach über eine Situation zu urteilen ist eine Sache, aber sich als ein Akteur in die Situation hineinzubegeben und hier Konflikte aktiv mitzugestalten ist eine ganz andere Dimension des Lernens.

Zum Nachspielen und -lesen: Auf der Seite Game the News finden sich viele verschiedene Newsgames zum Download, z.B. auch Climate Defense, das die Schwierigkeiten der Verhandlungen erfahrbar macht und das – sehr real langweilige – Spiel „My cotton picking life„.

Das Buch Newsgames – Journalism at Play des Autors Ian Bogost behandelt Hintergründe und Zukunft des spielerischen Journalismus.

Die Zeit zum Thema: Newsgames – Der Bürgerkrieg zum Selberklicken
 

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Positive Impact Games, Frieden und Kunst

Momentan feilt EN-PAZ, das Jugendportal der Stiftung Friedensbildung, an der Idee eines so genannten "Positive Impact (Video) Games" für Friedensbildung. Gar nicht so leicht! Für einen umfassenden Einblick in die Gamesbranche tingele ich momentan von Event zu Event und entdecke Schätze innovativer Medienkunst und politischer Aktionsformen. Die möchte ich mit Euch teilen!