Neuer Kunststoff löst sich in Salzwasser auf: Eine Lösung für die Verschmutzung der Weltmeere?

Plastikmüll schädigt unsere Ozeane. Wissenschaftler:innen aus Tokio haben aber eventuell eine Lösung gefunden: Ein neues Plastikmaterial, das sich in Salzwasser zersetzt.

Autor*in Kezia Rice:

Übersetzung Benjamin Lucks, 11.03.26

Bis 2050 wird es mehr Plastik als Fische im Meer geben. Da Plastik Hunderte von Jahren braucht, um sich zu zersetzen, wird unser Plastikmüll im Meer verbleiben und dabei Ökosysteme schädigen, Meereslebewesen gefährden und viele Wege finden, in unsere Nahrungskette zu gelangen.

Was wäre aber, wenn sich Plastik auflösen könnte, bevor es diesen Schaden anrichtet? Wissenschaftler:innen des RIKEN Center for Emergent Science Matter und der Universität Tokio haben einen neuen Kunststoff entwickelt, der sich ihrer Aussage nach „innerhalb weniger Stunden auflöst“ und „keine Rückstände hinterlässt“.

Ist der neue Kunststoff wirklich biologisch abbaubar?

Es gibt schon viele biologisch abbaubare Kunststoffe auf dem Markt. Auch Alternativen wie Verpackungen aus Seetang finden wir inzwischen im Supermarkt. Was macht die neue Lösung also anders?

Die Wissenschaftler:innen sind zuversichtlich, dass sich ihr Material viel schneller abbaut und nach dem Zerfall keine Spuren im Wasser hinterlässt. Trotzdem soll es genauso stabil sein wie herkömmliche Kunststoffe auf Erdölbasis. Mit der richtigen Beschichtung kann es zudem genauso verwendet werden wie „normales“ Plastik. Sobald das Material allerdings mit Salz in Berührung kommt, zerfällt es in seine ursprünglichen Bestandteile. Salziges Meerwasser stößt den Prozess der Zersetzung also umgehend an.

Darüber hinaus zerfällt das neue Material auch in Böden, sofern sie salzhaltig sind. Dieser Prozess dauert allerdings länger, in etwa 200 Stunden.

Lösliche Kunststoffe könnten genau das sein, was unsere Ozeane davor rettet, zu einem Meer aus Plastik zu werden. Aber ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Wir haben uns mit dieser Frage an Rebecca Lahl gewandt, Mitautorin einer Studie über biologisch abbaubare Kunststoffe und Leiterin des Büros für Wissensaustausch am Leibniz-Zentrum für Tropische Meeresforschung (ZMT).

Lahl erklärte uns, dass der Abbau von Kunststoff chemisch, physikalisch oder biologisch erfolgen kann. Sie wies uns darauf hin, dass „der Begriff ‚biologisch abbaubar‘ eventuell falsch verwendet wird“. Denn sie glaubt, dass der Abbau des neuen Kunststoffes eher chemisch oder physikalisch erfolge und „keine echte biologische Zersetzung“ ist. Ohne empirische Daten sei es jedoch schwierig, zu bestimmen, ob der Kunststoff tatsächlich ganz ohne Rückstände abgebaut werden kann. Sie fügt allerdings hinzu, dass das Konzept nicht gleich verworfen werden sollte. Denn möglicherweise wurde ein wirklich bedeutendes Material entwickelt. Da herkömmliche Polymere Hunderte bis Tausende von Jahren im Meereswasser verbleiben, würden Materialien, die innerhalb von Montaten oder sogar einigen Jahren abgebaut werden, bereits eine erhebliche Verbesserung darstellen.

Biologisch abbaubare Kunststoffe auf den Markt bringen

Der neue Kunststoff ist noch nicht im Handel erhältlich. Aber insbesondere Verpackungsunternehmen sollen bereits Interesse an der Lösung bekundet haben. „Wenn das Material die in dem Artikel beschriebenen Eigenschaften aufweist und seine Umweltfreundlichkeit durch Daten belegt ist, wäre sein kommerzielles Potenzial sehr hoch“, erklärte uns Lahl.

Neben dem neuen Kunststoff aus Tokio werden auch andere biologisch abbaubare Kunsstoffe der dritten Generation entwickelt. Diese zersetzen sich in natürlichen Umgebungen schnell und vollständig. Da diese allerdings weniger leistungfähig sind als die heutigen, langlebigen Verpackungen, würde die Einführung dieser biologisch abbaubaren Kunststoffe „Veränderungen in der Art und Weise erfordern, wie Produkte vertrieben oder gelagert werden. So könnten etwa Artikel nicht monatelang oder jahrelang ohne Qualitätsverlust in Verkaufsautomaten verbleiben.“

Neben den technologischen Fortschritten würde der Austausch von herkömmlichen Kunststoff durch biologisch abbaubare Alternativen auch strenge gesetzliche Rahmenbedingungen erfordern. „In der Praxis wird eine sinnvolle Veränderung von Vorschriften abhängen, die eine biologische Abbaubarkeit von Verpackungen vorschreiben“, so Lahl.

Reduzierung von Plastikmüll nach wie vor essenziell

Von Recycling bis hin zu Technologien zur Säuberung der Ozeane gibt es viele Lösungen für den Umgang mit vorhandenem Plastikmüll. Aber das kann nicht die einzige Antwort auf unser Müllproblem sein. „Wirksame Lösungen erfordern eine erweiterte Herstellerverantwortung, die Vermeidung von Emissionen, Verhaltensänderungen und eine Verringerung der gesamten Plastikproduktion und -nutzung“, erklärte uns Lahl. „Als ergänzende Maßnahme ist der Ersatz von langlebigen ‚ewigen‘ Kunststoffen durch sorgfältig regulierte, sichere und nachhaltig gestaltete biologisch abbaubare Alternativen besonders vielversprechend, [insbesondere] für Anwendungen, bei denen die Freisetzung von Kunststoff in die Umwelt unvermeidbar ist.“

Trotz der vielversprechenden Lösung aus Tokio wird es also wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis wirklich biologisch abbaubare Kunststoffe auf den Markt kommen. In der Zwischenzeit muss die Reduzierung von Plastikmüll Priorität haben.

Als Verbraucher:innen können wir unser Bestes tun, um den Plastikverbrauch in unserem Alltag zu begrenzen. Laut Lahl sind es jedoch die Unternehmen, die eine grundlegende Veränderung vornehmen müssen. „Wir sollten uns zunächst auf die wenigen großen Hersteller konzentrieren, die für den größten Teil der Meeresverschmutzung verantwortlich sind“, sagte Lahl. „Diese Unternehmen müssen direkt angesprochen und zur Verantwortung gezogen werden.“

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