Neue Studie zeigt: Milliardäre im Weltall schädigen die Ozonschicht

Die reichsten Menschen der Welt setzen unsere Ozonschicht aufs Spiel. Neue Forschungsergebnisse der ETH Zürich deuten darauf hin, dass wir uns in einer neuen Weltraumära befinden. Werden die politischen Entscheidungsträger:innen darauf reagieren?

Autor*in Lana O'Sullivan:

Übersetzung Benjamin Lucks, 08.09.25

Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Die Erde hat in letzter Zeit viel durchgemacht. Nachrichten über Umweltprobleme lassen sich mittlerweile nicht mehr ignorieren. Steigende Temperaturen, Plastikverschmutzung, extreme Wetterereignisse – man könnte meinen, dass wir auf diesem Planeten eigentlich genug zu tun haben. So viel sogar, dass einige der reichsten Menschen der Welt viele Ressourcen investieren, um die Erde hinter sich zu lassen und neue Planeten zu finden, auf denen sie wohnen können.

Diese Mission hat aber einen ironischen Preis: Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass das neue Weltraumzeitalter mit seiner steigenden Zahl privat finanzierter Raketenstarts Löcher in unsere Ozonschicht reißt. Während Milliardäre also nach neuen Grenzen in der Weltraumforschung streben, scheinen wir die Bewohnbarkeit des einzigen Planeten, auf dem wir tatsächlich leben können, weiter zu untergraben.

Eine neue Ära der privaten Weltraumforschung

Laut der Studie gab es 2019 weltweit nur 97 Starts von Orbitalraketen. Bis 2024 waren es dagegen schon 258. Und es wird erwartet, dass diese Zahl in den kommenden Jahren sprunghaft ansteigen wird. Dr. Laura Revell, die mit ihrem Team an der University of Canterbury die Studie über den zunehmenden Einfluss der Raketenindustrie leitete, erklärt die Gründe für diesen Wandel. Gegenüber RESET berichtet sie: „Wir befinden uns jetzt im Zeitalter des ‚New Space‘. Die jüngsten Weltraumaktivitäten haben sich von einer vorwiegend staatlich geführten zu einer privatwirtschaftlichen Domäne verschoben.“

Antarctic ozone hole in 2009 Das Ozonloch über der Antarktis in 2009.

Dr. Sandro Vattioni stimmt dem zu. Der Klimawissenschaftler und Forscher an der ETH Zürich entwickelte das Computermodell, das in Dr. Revells Studie verwendet wurde. Er führte den Anstieg der Raketenstarts seit 2019 auf das Wachstum von Satellitenkonstellationen wie Starlink zurück, dem von Elon Musks SpaceX entwickelten Satelliten-Internetdienst. „Satellitenkonstellationen in niedriger Erdumlaufbahn erfordern immer mehr Weltraumraketen“, so Vattioni.

Was ist die Ozonschicht und warum hat sie etwas mit dem Klimawandel zu tun?

Die Ozonschicht ist eine Schicht in der Stratosphäre der Erde, die sich etwa 10 Kilometer (6,2 Meilen) über der Erdoberfläche befindet. Sie enthält eine hohe Konzentration an Ozongas, das den größten Teil der ultravioletten Strahlung absorbiert, die von der Sonne auf die Erde trifft.

Obwohl sowohl der Ozonabbau als auch der Klimawandel wichtige Umweltprobleme sind, ist es wichtig, den Unterschied zwischen beiden zu verstehen.

Wird die Ozonschicht dünner, führt das zu einer höheren UV-Strahlung der Sonne. Der Klimawandel ist auf einen Anstieg der Treibhausgase zurückzuführen, die die Menge der Strahlung reduzieren, die sonst von der Erde abgestrahlt würde.

Kurz gesagt bedeutet Ozonabbau weniger Schutz vor UV-Strahlung der Sonne. Das kann zu einem erhöhten Risiko für Hautkrebs, Katarakte und einem geschwächten Immunsystem führen. Es hat zudem negative Auswirkungen auf Pflanzen, Tiere und alle Lebewesen auf der Erde.

Beim Klimawandel hingegen geht es um die Veränderung globaler oder regionaler Klimamuster, die vor allem auf den Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre durch die Nutzung fossiler Brennstoffe zurückzuführen ist.

Ein genauerer Blick auf die Auswirkungen von Raketenstarts

Raketenemissionen galten bislang als unbedeutend, was ihre Umweltauswirkungen anbelangt. Die jüngste rasante Zunahme der Startaktivitäten hat jedoch bei Forschenden Besorgnis ausgelöst. Mithilfe eines gemeinsam von der ETH Zürich und dem Physikalisch-Meteorologischen Observatorium Davos (PMOD/WRC) entwickelten chemischen Klimamodells simulierte Dr. Revell in seiner Studie, wie sich die prognostizierten Raketenemissionen bis 2030 voraussichtlich auf die Ozonschicht auswirken werden.

Emissionen von Raketen und Weltraummüll, die in die Atmosphäre zurückkehren, stellen dabei eine besondere Gefahr dar. Im Gegensatz zu Emissionen aus bodengestützten Quellen können diese Schadstoffe bis zu 100 Mal länger bestehen bleiben. Das liegt daran, dass in der oberen Atmosphäre die natürlichen Reinigungsprozesse fehlen, welche die Luft in der Nähe der Erde reinigen. Besonders besorgniserregend sind gasförmiges Chlor und Rußpartikel, allesamt Nebenprodukte von Raketentreibstoffen.

Satallite orbiting earth Derzeit schweben über 6.600 Tonnen Weltraummüll in der Erdumlaufbahn.

Obwohl die meisten Raketenstarts auf der Nordhalbkugel stattfinden, verbreitet die atmosphärische Zirkulation diese Schadstoffe weltweit. Diese Emissionen zerstören die Ozonschicht. Angesichts der Fortschritte, die wir bei der Reparatur der Ozonschicht verzeichnen konnten, ist das besonders frustrierend. Und leider ist es gerade die Südhalbkugel, auf der das Phänomen des Ozonabbaus stärker ausgeprägt ist. Das bedeutet, dass der globale Süden erneut den Preis für die „Fortschritte” des globalen Nordens zahlen muss.

Fortschritte bei der Reparatur der Ozonschicht gehen zurück

Mehrere Jahrzehnte lang war das Ozonloch ein wichtiges Thema in den Schlagzeilen. Verursacht wurde es durch die Emission langlebiger Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die als Kältemittel in Klimaanlagen, als Treibmittel in Aerosolen und als Treibmittel in Schaumstoffen verwendet wurden. Diese FCKW zersetzten sich in der Stratosphäre und setzten Chlorprodukte frei, die die Ozonschicht zerstörten. Diese Schicht schützt das Leben auf der Erde jedoch vor schädlicher UV-Strahlung. Die Antarktis war davon besonders betroffen, da sich dort aufgrund der niedrigen Temperaturen in der Stratosphäre jedes Frühjahr ein Loch bildete.

„Glücklicherweise hat sich die Welt schnell zusammengeschlossen, um die Ursachen des Ozonabbaus anzugehen. Das Montreal-Protokoll wurde im Laufe der Zeit weiter verschärft und hat sehr erfolgreich zur Reduzierung der Emissionen von ozonschädigenden Substanzen beigetragen“, so Dr. Revell.

Was ist das Montreal-Protokoll?

Das Montreal-Protokoll über Stoffe, die zum Abbau der Ozonschicht führen, wurde 1987 unterzeichnet und führte zu einem erfolgreichen Verbot schädlicher FCKW.

Gleichzeitig hatte das Protokoll unerwartet positive Auswirkungen auf den Klimawandel. FCKW sind zudem sehr starke Treibhausgase mit einem Erwärmungspotenzial, das tausendmal höher ist als das von CO2.

Eine Erholung des Ozonlochs über der Antarktis war bereits zu beobachten. Tatsächlich wurde erwartet, dass es sich bis 2066 vollständig erholen würde. Das war allerdings vor dem Anstieg der zukünftigen Raketenemissionen durch Musk und andere Milliardäre.

Die Studie von Revell prognostiziert, dass die Zunahme der Raketenstarts zu einem Rückgang der globalen durchschnittlichen Ozonschichtdicke um fast 0,3 Prozent pro Jahr führen könnte. Saisonale Rückgänge könnten sogar bis zu vier Prozent über der Antarktis sein. Das würde die vollständige Erholung der Ozonschicht um Jahre, Jahrzehnte oder sogar dauerhaft verzögern.

Wer sagt den Milliardären, dass sie auf dem Boden bleiben sollen?

Um die Umweltauswirkungen des neuen Weltraumzeitalters zu mindern, fordern Wissenschaftler:innen und Politiker:innen Maßnahmen. Dr. Vattioni weist darauf hin, dass die Verwendung von kryogenen Treibstoffen wie flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff die Schädigung der Ozonschicht erheblich reduzieren könnte. Er wies jedoch auch auf die Herausforderung hin: „Der Umgang mit kryogenen Treibstoffen ist schwieriger als mit herkömmlichen Treibstoffen“, da für deren Handhabung bei sehr niedrigen Temperaturen hohe Kosten und eine entsprechende Infrastruktur erforderlich sind.

Letztendlich fordert das Team hinter der Studie koordinierte Maßnahmen von Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und der Industrie, um Raketenemissionen zu überwachen und notwendige Vorschriften umzusetzen. Wie beispielsweise diejenigen, die im Rahmen des Montreal-Protokolls so gut funktioniert haben. Die Befürworter:innen der privatem Weltraumforschung haben die Umwelt zu wenig im Blick. Daher ist es Aufgabe der Regulierungsbehörden, diese wichtige Forschung zu nutzen, um einige der mächtigsten Akteure der Welt zur Verantwortung zu ziehen.

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