Neue Publikation: Was verbindet Bits und Bäume?

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© Oekom Verlag

Nachhaltigkeit und Digitalisierung in all seinen Facetten zusammen denken, darum drehte sich letztes Jahr die Konferenz Bits & Bäume. Seit kurzem gibt es jetzt das Buch „Was Bits und Bäume verbindet“. Wir sprachen mit den beiden Herausgeberinnen darüber, wie das Netzwerk entstanden ist und was die nächsten wichtigen Schritte für eine nachhaltige Digitalisierung sind.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 18.07.19

Mit fast 2.000 Teilnehmenden war die Konferenz Bits & Bäume im vergangenen Jahr in Berlin eine der größten Plattformen, auf der die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung diskutiert wurden. In der jetzt von Anja Höfner und Vivian Frick herausgegeben Publikation zur Konferenz „Was Bits und Bäume verbindet“ beleuchten über 50 Autor*innen aus Tech-Szene, Nachhaltigkeitsbewegung und Entwicklungszusammenarbeit in vielfältigen Beiträgen die Auswirkungen unseres Digitalkonsums im Globalen Süden und wie die Digitalisierung nachhaltig gestaltet werden kann, die Risiken und Potenziale eines digitalisierten Wirtschaftssystems und wie die Digitalisierung den sozial-ökologischen Wandel voranbringen kann. Im Mittelpunkt steht dabei stets die drängende Frage: Welche Digitalisierung wollen wir?

Wir sprachen mit den beiden Herausgeberinnen Anja Höfner und Vivian Frick.

Letztes Jahr habt ihr die erste Bits und Bäume-Konferenz veranstaltet, mit sehr vielen Beitragenden. Vor wenigen Tagen ist die Publikation dazu erschienen, in der mehr als 50 Autor*innen zu Wort kommen. Wie ist das Netzwerk entstanden?

Das Netzwerk, oder auch die „Bits & Bäume Bewegung“, ist durch die Konferenz entstanden und zusammengewachsen. Der Trägerkreis der Konferenz besteht aus zehn Organisationen aus der Tech- und Nachhaltigkeitsszene und der Entwicklungszusammenarbeit. In seiner finalen Zusammensetzung hatte er sich im April 2018 gefunden.

Die ursprüngliche Idee für die Konferenz entstand aus der Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“, bei der laut Projektantrag eigentlich eine 100-Leute Konferenz im forschungsnahen Umfeld vorgesehen war. Doch wir haben schnell festgestellt, wie wichtig das Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist und dass es dafür ein breites Bündnis aus Akteuren braucht.

Uns alle verbindet der Wunsch nach einer Gestaltung von Digitalisierung, die der jetzigen, vor allem von wirtschaftlichen Interessen getriebenen Digitalisierung entgegensteht.

Während mittlerweile die allermeisten wissen, was sich zum Beispiel hinter Biolebensmitteln verbirgt, war die Verknüpfung der beiden Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung lange ein Nischenthema. Das scheint sich jetzt geändert zu haben, oder?

Ja und Nein. Die Konferenz hat sicherlich einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, das Thema sichtbarer zu machen. Knapp 2.000 Menschen haben an der Konferenz teilgenommen, der Hashtag #bitsundbäume war während des Konferenzwochenendes unter den am meisten getwitterten Hashtags in Deutschland, die Mitschnitte der Talks und Podien wurden insgesamt schon tausendfach angesehen und auch jetzt, mehr als ein halbes Jahr später, reißen die Aktivitäten nicht ab. Trotzdem muss noch viel geschehen, um die ökologischen und sozialen Auswirkungen von Digitalisierung raus aus der Blase und in die breitere Öffentlichkeit zu tragen.

Beim Blättern durch eure Publikation fällt vor allem auf, wie vielgestaltig und komplex die Verbindung von „Bits“ und „Bäumen“ ist – vom ökologischen Fußabdruck unserer digitalen Tools über Fragen des Datenschutzes und der Monopolbildung bis hin zu vielen Beispielen für eine andere, eine ökologisch und sozial gerechte Digitalisierung. Was ich daraus lese, sind vor allem zwei Dinge: Es gibt noch viel zu tun, aber viele nachhaltige Ansätze sind auch schon da. Was meinst du, sind die nächsten wichtigen Schritte für eine nachhaltige Digitalisierung?

Was an erster Stelle geschehen muss, ist schwer zu sagen, da es so viele Baustellen gibt. Das sind zum Beispiel Fragen des mangelnden Datenschutzes, die ökologisch katastrophalen Auswirkungen der Produktion, der Nutzung und Entsorgung von digitalen Geräten, wirtschaftliche Aspekte wie die Monopolisierung und Machtkonzentration von IT-Giganten wie Apple, Facebook, Amazon, Microsoft und Google. Unsere Forderungen geben eine wichtige Stoßrichtung für eine nachhaltige Digitalisierung. In ökologischer Hinsicht möchten wir hier die Förderung der Langlebigkeit von Geräten herausstellen. Oft sind fehlende Software-Updates oder mangelnde Reparierbarkeit die Ursache dafür, dass digitale Geräte unbrauchbar werden. Auf wirtschaftlicher Ebene braucht es unbedingt Regelungen zur Begrenzung der Marktmacht von den eben genannten Big Five. Warum gibt es – anders als bei analogen Märkten – im Digitalen kaum Einschränkungen für Monopolbildung? Im Buch finden sich Beispiele und Portraits für ein alternatives, gemeinwohlorienterteres Wirtschaften, zum Beispiel mit Plattformkooperativen oder digitaler Suffizienz.

In welchen Bereichen seht ihr selbst das größte Potenzial der Digitalisierung, die Welt besser zu machen?

Ein aktuell sehr naheliegendes Beispiel ist natürlich die Mobilisierung von zivilem Engagement mithilfe von sozialen Medien, wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion. Das Internet gibt uns die einmalige Chance, uns auf zivilgesellschaftlicher Ebene zu vernetzen, zu informieren und engagieren. Frühere Medien wie das Fernsehen oder Printmedien suggerierten uns die Rolle der Konsument*innen – Digitalisierung vereinfacht es, zu Prosumern zu werden, informiert und politisch aktiv zu sein.

Klar ist, dass es auch eines konsequenten politischen Rahmens bedarf, um die Digitalisierung hin zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Wo aber kann jede*r auf individueller Ebene ansetzen? 

Wie auch bei den Lebensmitteln stellt sich auf individueller Ebene die Frage des persönlichen Bedarfs: Bei bereits bekannten Klima- und Umweltproblemen müssen wir uns fragen, ob jeden Tag Fleisch auf unseren Tellern sein muss, ob die Flugreise nach Bali wirklich nötig ist. Nun wird deutlich, auch das Digitale trägt seinen ökologischen Rucksack: Wie oft brauchen wir ein neues Smartphone? Wieviel Vernetzung brauchen wir für ein gutes Leben? Individuell lässt sich hier viel machen: Ob wir digitale Geräte im Repaircafé reparieren, auf Cryptoparties den datensicheren Umgang mit digitalen Anwendungen lernen, Online-Petitionen und Frag-den-Staat-Anfragen oder Offline-Demonstrationen starten – die Nachhaltigkeitsstrategien und -ziele bleiben die gleichen: der absolute Naturverbrauch und CO2-Emissionen müssen sinken, soziale Gerechtigkeit und demokratische Werte gefördert werden. Manchmal mithilfe digitaler Anwendungen, manchmal, indem man auf sie verzichtet.

Aber wie bereits erwähnt, reicht es natürlich genauso wie bei Biolebensmitteln nicht, die Verantwortung allein auf den Schultern von Konsument*innen abzuladen. Es war uns bei der Bits & Bäume deswegen ein besonderes Anliegen, auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zu diskutieren, konkrete Forderungen für eine sozial-ökologische Digitalisierung zu stellen und ziviles Engagement zu fördern.

Wie geht es weiter bei euch? Gibt es dieses Jahr wieder eine Konferenz? Oder eine weitere Publikation?

Der Trägerkreis der Bits & Bäume hat den Namen freigegeben, damit die Bewegung dezentral wachsen kann. Seitdem sind Organisationen und Menschen aus dem Trägerkreis, aber auch neue Interessierte aktiv geworden: Die auf der Konferenz vorgestellten Forderungen für eine Digitalisierung im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation können online unterzeichnet und mitgetragen werden. Es gab bereits eine Bits & Bäume Dresden, sowie selbstorganisierte Stammtische zu Bits & Bäume in Dresden und Berlin. Welche weiteren Veranstaltungen und Aktionen geplant sind, darüber informiert weiterhin die Seite bits-und-baeume.org. Das Thema wird uns alle auf jeden Fall noch längere Zeit nicht loslassen!

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