„Nachbarschaften zusammenbringen“: Wie make-a-thek mit Upcycling Gemeinschaften schafft

Die Teilnehmer:innen der „make-a-thek“-Workshops lernen, wie sie alte Kleidung reparieren, statt sie wegzuwerfen. Damit tragen sie zu einer stärker kreislauforientierten Gesellschaft bei.

Autor*in Kezia Rice:

Übersetzung Benjamin Lucks, 04.08.26

„Wir haben Mode und Handwerk als Sprachrohr gewählt“, erklärt Geraldine de Bastion. Sie ist die Gründerin des Global Innovation Gathering und beantwortete uns Fragen per Videocall aus ihrem Zuhause in Berlin. „Wir alle tragen Kleidung“, fährt de Bastion fort. Sie selbst trägt ein weißes Hemd mit blauen Blumen. „Die meisten Menschen haben einen ganz eigenen Kleidungsstil. Daher haben wir diesen Bereich als sinnvolles Kommunikationsmittel, eben als Sprachrohr betrachtet, mit dem wir mehr Menschen für einen Maker-Space oder für Informationen zur Kreislaufwirtschaft begeistern können.“

De Bastion ist Teil des make-a-thek-Teams. Ziel ihrer Arbeit ist es, eine kreislauforientierte Gesellschaft zu fördern, indem sie Menschen in den Bereichen Upcycling, Kleiderreparatur und Textilfähigkeiten schult. Das dreijährige Projekt, das unter anderem von „Horizon Europe“ gefördert wird, ist eine Zusammenarbeit zwischen Global Innovation Gathering, PL 2030, Fashion Revolution Germany und der European Craft Alliance. Es befindet sich bereits im zweiten Jahr und ist derzeit an neun Pilotstandorten in mehreren europäischen Städten, darunter Berlin, aktiv. Darüber hinaus will das Team drei Bustouren in ländliche Gebiete starten, um die Arbeit von „make-a-thek“ auch über die städtischen Zentren hinaus zu verbreiten.

Grundlegende Nähfertigkeiten lernen und Maker-Technologie in die Textilbranche bringen

Die make-a-thek bringt die Teilnehmer:innen in speziellen Makerspaces zusammen. Diese wiederum befinden sich innerhalb öffentlicher Bibliotheken. Das Team entschied sich für Bibliotheken als Orte für Workshops, Veranstaltungen und Treffen, da einige bereits über Makerspaces verfügen. Einige mussten also nur mit Textilausrüstung ausgestattet werden, um ihr Angebot zu erweitern. „Aber manche Bibliotheken hatten noch gar keinen MakerSpace“, erklärt de Bastion. „Sie nutzen das make-a-thek-Projekt, um einen eigenen Raum innerhalb der Bibliothek einzurichten.“

make-a-thek vermittelt jeweils 15 bis 20 Teilnehmenden grundlegende textile Fertigkeiten wie Naturfärben, Sticken, Upcycling, Ausbessern und einfache Näharbeiten. „Wir versuchen außerdem herauszufinden, wo wir Maker-Prinzipien mit Handwerk und Textiltechnik verbinden können“, erklärt uns de Bastion. Die Makerspaces sind meist mit 3D-Druckern, Stickmaschinen und Open-Source-Textilrecyclingmaschinen ausgestattet. Diese wurden vom Global Innovation Network selbst entwickelt. Dabei ermöglichen sie kollaborative, innovative Wege, um Textilien ein zweites Leben zu schenken.

„[Es ist sehr beeindruckend zu sehen], wie die Teilnehmer:innen viele dieser grundlegenden Fertigkeiten wiedererlernen, die früher in den Haushalten gang und gäbe waren“, sagt de Bastion. „Wir haben auch beobachtet, wie Wissen auf ganz natürliche Weise ausgetauscht wurde. Einige ältere Frauen kamen zu einem Workshop, um etwas über das Färben mit Naturfarben zu lernen. Sie brachten allerdings selbst bereits jede Menge Wissen mit.“

Wie Technologie bei nachhaltiger Mode weiterhelfen kann

Die Modeindustrie verursacht jährlich 2,1 Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen. Das entspricht den Gesamtemissionen von Frankreich, Deutschland und Großbritannien zusammen. Von 3D-Mustern über digitale Produktpässe bis hin zu „Resale-as-a-Service“-Software: Technologien leisten einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Textilabfällen und bietet Lösungen für das Lebensende unserer Kleidungsstücke. Für Verbraucher:innen gibt es mehrere Apps, die dabei helfen sollen, die Umweltbelastung durch die eigene Garderobe zu verringern, während die Wahl nachhaltiger Materialien dazu beitragen kann, die negativen Auswirkungen Ihrer Kleidung auf den Planeten zu minimieren.

Förderung der Zusammenarbeit zwischen isolierten Projekten und Community-Building durch Upcycling

make-a-thek möchte Secondhand-Kleidung und Upcycling für seine Teilnehmer:innen entstigmatisieren. Gleichzeitig will das Team sie dazu ermutigen, lokale Methoden der Bekleidungsherstellung anstelle von Massenproduktion in Betracht zu ziehen. Durch die Nutzung von Werkzeugen in einem eigens dafür eingerichteten Makerspace können die Teilnehmenden diese mit anderen teilen, statt für ein einzelnes Textilprojekt viel Geld in teure Ausrüstung zu investieren. „Einen Makerspace in einer Bibliothek zu haben, halten wir für sehr wichtig“, sagt de Bastion. „Das ist ein Thema, das wir mit make-a-thek vorantreiben wollen.“

Ein weiterer Schwerpunkt von „make-a-thek“ ist die Förderung von Verbindungen und die Zusammenarbeit zwischen isolierten Projekten. De Bastion erklärte uns, wie viele kleine Initiativen es beispielsweise in einer Stadt wie Berlin gibt. „Es ist so schwierig, eine Dynamik zwischen diesen Initiativen und Aktivitäten zu schaffen. Es passiert so viel, und kaum jemand kennt die anderen.“ Geraldien erzählt uns von einem Tufting-Studio in Berlin, bei dem bei jedem Tufting-Stich Garnabfälle anfallen. „Sie legen großen Wert auf Nachhaltigkeit und wollten herausfinden, was sie mit diesen Garnresten anfangen könnten. Aber sie kamen aus dem handwerklichen Bereich und hatten so gut wie keinen Bezug zur nachhaltigen Modeszene in Berlin.“ Dank „make-a-thek“ kam das Tufting-Studio mit Hilo Studios in Kontakt – einem Unternehmen, das Garnrecyclingmaschinen entwickelt hat –, um eine solche Maschine in ihrem Atelier zu installieren und so ihren Textilabfall zu reduzieren.

Die Bustouren von „make-a-thek“ zeigten auch über Berlin hinaus Wirkung. Der erste Bus fuhr kürzlich ins ländliche Sachsen sowie nach Tschechien und Polen. In Sachsen nahm das Team an einem lokalen Workshop teil, in dem Teilnehmende das Weben lernten. „Dieser Workshop war der einzige Ort im Dorf, aber auch in den umliegenden Dörfern, an dem Erwachsene zusammenkommen und miteinander Zeit verbringen konnten“, erzählt uns de Bastion.

„Es gibt keine Kneipen, es gibt keine Restaurants. Man kann nirgendwo hingehen, wenn die Bäckerei um 16 Uhr schließt. Und [das bedeutet, dass] die Menschen einfach nicht mehr miteinander reden.“ make-a-thek hofft, dass Bibliotheken mit Maker-Spaces dieser sozialen Isolation entgegenwirken können. „Oft fehlt den Menschen, die faschistische oder rechte Parteien wählen, genau diese Art von Nachbarschaftskontakten“, erklärt de Bastion. „Diese Räume offen zu halten, ist also in gewisser Weise ein zentraler Beitrag zur Demokratie. Das ist ein wirklich wichtiger Beitrag, den wir leisten können, besonders im aktuellen politischen Klima.“

Suchst du nach einre „make-a-thek“ in deiner Umgebung?

Auf der Suche nach einem Repair-Café oder einem Makerspace in Berlin?

Die Plattform „Repami“ sammelt alle lokalen Angebote in einer Übersicht.

Upcycling-Infrastrukturen sollten zur Sharing-Economy dazugehören

Unsere individuellen Entscheidungen in Sachen Mode – wo wir Kleidung kaufen, wie wir Kleidungsstücke entsorgen, ob wir unsere Sachen schon nach einem Riss oder einer Laufmasche wegwerfen – sind Möglichkeiten, Veränderungen in der Modebranche herbeizuführen. Die Verantwortung liegt aber auch bei den Marken, ethische Produktionsmethoden einzuführen, die ihren Abfall und ihre Emissionen reduzieren, sowie bei Regierungen und politischen Entscheidungsträgern, strukturelle Veränderungen herbeizuführen. make-a-thek lädt politische Entscheidungsträger:innen daher auch zu seinen Veranstaltungen ein. Dabei wollen sie zeigen, wie eine wirklich kreislauforientierte Gesellschaft in der Praxis aussehen könnte.

Nach 18 Monaten Projektlaufzeit hat make-a-thek im Rahmen von 17 Veranstaltungen zur Community-Aktivierung 380 Interessengruppen einbezogen. Als Nächstes steht die Planung von fünf globalen Pilotprojekten an Standorten außerhalb der EU auf dem Programm, um Makerspaces in Gemeinden auf der ganzen Welt zu etablieren. „Jeder sollte Zugang zu dieser Art von Infrastruktur haben“, betont de Bastion. „[make-a-thek basiert auf] der Idee der Sharing Economy, im praktischen Sinne. Denn sie kann Nachbarschaften zusammenbringen, Menschen die Vorteile von Sharing-Konzepten vermitteln und einen gemeinschaftlichen Raum schaffen.“

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