Mitgefangen, mitgehangen – Beifang und Rückwurf in der Fischerei

Ungefähr die Hälfte der in der Nordsee gefangenen Fische kommen als Rückwurf zurück ins Meer. Die Überlebenschancen dieser Tiere sind begrenzt. Auch in anderen Gewässern ist diese Praxis üblich. Millionen Tonnen von Fisch werden weltweit auf diese Weise jährlich zu Abfall.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 07.05.12

Beifang ist ein Begriff der Fischerei der den Anteil am Fang bezeichnet, der nicht Ziel des Fangs war. Diese ungewünscht mitgefangenen Tiere werden größtenteils als Rückwurf ins Meer zurückbefördert. Auch Wale, Delfine, Robben, Schildkröten, Seevögel, Haie und Rochen sind immer wieder Opfer dieser Methode. Neben den negativen Auswirkungen auf den Lebensraum Meer stellen die Rückwürfe eine erhebliche Verschwendung von Ressourcen für die Gesellschaft dar.

Wie absurd das Verhältnis zwischen erwünschtem Fisch und Beifang oft ist, macht eine Recherche von Greenpeace deutlich: Für 1 kg Shrimps sterben zum Beispiel bis zu 20 kg andere Meereslebewesen. Bei der Seezunge kommt man auf etwa 6 kg Beifang je Kilogramm. Genaue Zahlen über die Rückwurfmengen liegen nicht vor, doch Schätzungen der EU für die Nordsee bewegen sich im Rahmen zwischen 40 und 60% des Fangs. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht von weltweit acht Prozent des gesamten Fischfangs aus. In manchen Gewässern enden bis zu 70 Prozent der gefangenen Fische als Rückwurf.

Gefährdung der Fischbestände in europäischen Gewässern

Bereits im Jahr 2007 wies die EU-Kommission darauf hin, dass die Rückwurfpraxis eine Verschwendung darstellt, durch die der Fischbestand gefährdet ist. Zwei Hauptgründe sind verantwortlich für den Rückwurf:

1) Der Marktwert der unabsichtlich gefangenen Fische ist zu niedrig oder es existiert kein geeigneter Absatzmarkt. Es ist für die Fischer rentabler, den Laderaum auf dem Schiff für wirtschaftlich hochwertigere Arten zu nutzen.

2) Bestimmte Arten dürfen überhaupt nicht gefangen werden oder nur im Rahmen vorgegebener Quoten. Auch der Fang junger Fische unterliegt Beschränkungen, um den Bestand zu sichern. Die Bestandserhaltung wird aber gerade durch den Rückwurf von Tieren mit dadurch erhöhter Sterblichkeit gefährdet.

Das Quotensystem, welches festlegt, welche Fischart in welchem Umfang gefischt werden darf, und eigentlich dem Schutz der Fischbestände dienen soll, ist somit ein Grund für die Rückwürfe. Da man aber als Fischer kaum steuern kann, welche Art man einfängt, gelangen eben auch „unliebsame“ Fische ins Netz, die dann wieder ins Meer geworfen werden.

Die gemeinsame Fischereipolitik Europas sollte deshalb dringend reformiert werden, da systematisch mehr Fische gefangen werden, als neu nachkommen können. Am 1. März 2011 hat die EU-Kommissarin für maritime Angelegenheiten und Fischerei Maria Damanaki ein Ende von Rückwürfen im Fischfang gefordert. Sie bezeichnete diese Fischereipraxis als unmoralisch. In der Gemeinsamen Erklärung über Rückwürfe im Rahmen der Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik unterstreichen im selben Jahr „Dänemark, Frankreich, Deutschland und das vereinigte Königreich … ihre Auffassung, dass die bisherige, Ressourcen verschwendende Praxis der Rückwürfe erheblicher Mengen an Fisch, die durch die bestehende Ausgestaltung des Bewirtschaftungssystems geduldet, zum Teil sogar gefördert wird, beendet werden muss“. Zudem wird soweit möglich die Einführung von Rückwurfverboten gefordert. Ziel ist die Ablösung der bisherigen Verfahrensweise durch ein System mit echten Fangquoten. Die Frage ist also aktuell nicht, ob es ein Verbot in Europa gibt, sondern wie es konkret umzusetzen ist.

Mögliche Maßnahmen für eine nachhaltigere Fischfangpraxis

Welche Maßnahmen können helfen, die Rückwurfproblematik zu verringern? Zunächst gibt es eine Reihe von formellen Regelungen, die sich hier anbieten:

  • begrenzter Zugang zu Sammelgebieten der Jungfische
  • geeignete Mischungen von Quoten für Schiffe, deren Fang voraussichtlich verschiedene Arten umfasst
  • Fangzeitbegrenzung
  • Beifangquoten
  • Schließung von Fanggebieten, in denen Beifang besonders wahrscheinlich ist
  • Gebühren auf Beifänge
  • Beschlagnahmung von Beifängen
  • konkretes Rückwurfverbot

Zur Überwachung des Rückwurfverbots schlägt die Europäische Kommission insbesondere technische Mittel vor, für die dann auch eine finanzielle Förderung vorgesehen ist: elektronisches Logbuch, satellitengestütztes Schiffsüberwachungssystem und Closed-Circuit-Television sowie elektronische Tracking-, Berichts- und Analysetechnologien zur Echtzeit-Überwachung ergänzt durch Rückverfolgungsinstrumente (Strichcodes, Radiofrequenz-Identifikation, elektronische Chips usw.).

Der Verein yaqu pacha e.V. fordert außerdem, die Fischer darüber zu informieren, wie Beifang durch schnelles Handeln gerettet werden kann, und verweist ferner auf spezielle Fischernetze und selektive Fangpraktiken, die mithelfen, Fischbestände zu schonen:

  • akustische Signalgeber
  • kreisförmige Haken bei der Langleinen-Fischerei, die den Beifang von Meeresschildkröten reduzieren
  • neu entwickelte Shrimp-Fangnetze bei denen Schildkröten nicht gefangen werden („TEDs: Turtle Excluder Devices“)
  • Haken mit Magneten zur Abschreckung von Haien

Weitere Möglichkeiten sind Netze mit Fluchtklappen für bestimmte Arten und andere Spezial-Netzanfertigungen.

Ein relativ neuer Vorschlag zur Fischfangpraxis sorgt zusätzlich für Diskussionen: Das sogenannte Balanced Harvesting. Da das bisherige Verfahren der selektiven Fischerei bisher offenbar nicht hinreichend geeignet war, um die Fischbestände nachhaltig zu sichern, schlägt der norwegische Fischereibiologe Jeppe Kolding eine grundsätzlich andere Methodik vor. Auf Grundlage seiner Erfahrungen mit Fischerei in Binnenseen Afrikas plädiert er für eine unselektive Fischerei. Die Struktur des jeweiligen Ökosystems bliebe so erhalten. Beifang wäre bei diesem Ansatz der ausgewogenen Ausbeute sogar gewünscht und Bestandteil der Fangquote. Entscheidend ist dann nur, dass der Markt sich auf diese Mischung an Meerestieren als Lebensmittel einstellen müsste. Der Endverbraucher mit seinem Konsumverhalten ist also gefragt. Auch kleine Fische und bislang wenig beachtete Fischarten dürften dann auf unsere Teller.

Auch der einzelne Konsument kann etwas tun

Welche Möglichkeiten gibt es nun für uns Verbraucher, etwas zur Verbesserung dieser Situation beizutragen?

Quellen und Links

Frank Wichert, RESET-Redaktion/ 2012

MARKIERT MIT
marine-reserves-now
©
Welchen Fisch ess‘ ich besser nicht? Greenpeace hilft im Einkaufsratgeber 2013 für Fische

Die Lage im Meer hat sich auch im vergangenen Jahr nicht entspannt. Laut UN-Welternährungsorganisation FAO werden 57 Prozent der Speisefischbestände bis an die für ihre Stabilität verträgliche Grenze befischt und 30 Prozent weit über sie hinaus. Ebenfalls katastrophal für das Ökosystem Meer wirken sich zerstörerische Fangmethoden aus. Da sich die Fischfangindustrien und Regulierungsbehörden nicht über ein nachhaltiges Fischereimanagement einigen können, ist der Verbraucher gefragt. Greenpeace sagt, von welchen Fischen wir die Finger lassen sollen.

fischen-ueberfischung-artensterben-artenschutz
©
Überfischung der Meere

Um die Fischbestände ist es schlecht bestellt: Die weltweite Nachfrage nach Fisch ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert, während die Fischbestände in den Weltmeeren dramatisch weiter schrumpfen.

DSC03375-1
©
Fischbestände schützen!

Um die Fischbestände ist es schlecht bestellt: Die weltweite Nachfrage nach Fisch ist in den vergangenen Jahren explodiert, während die Fischbestände in den Weltmeeren dramatisch weiter schrumpfen. Über 80 Prozent der Bestände gelten nach Schätzungen der FAO trotz internationaler Regelungen und Fangquoten als überfischt. Welcher Fisch darf denn überhaupt noch auf den Tisch?