Mehr als 65 Milliarden Euro liegen in Europa als Elektroschrott auf Deponien, in Schubladen oder an Straßenrändern. Von diesem Studienergebnis erzählt uns Tim Janßen hinter den Kulissen des diesjährigen Messestandes auf der weltweit größten Elektronikmesse, der IFA in Berlin. Die Studie, die im September 2026 in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group veröffentlicht wurde, ist das neueste Ergebnis der Cradle to Cradle Electronics Initiative. Mit dieser möchte die Berliner Cradle to Cradle NGO Zirkularität im Bereich der Green IT vorantreiben.
Boston Consulting ist dabei nur einer der namhaften Partner, die sich C2C bis ins Jahr 2028 ins Boot geholt hat. Auf den recycelbaren Planen des eigenen IFA-Messestandes, den die NGO zusammen mit dem nachhaltigen Smartphone-Hersteller Shift entwickelte hat, liest man als Initiator:innen auch die Stiftungen Bertelsmann und Röchling. Als Partner:innen des Projekts finden sich dort zudem Miele, die Free Software Foundation sowie der Reparatur-Marktplatz Repartly.
Wir haben C2C NGO-Co-Gründer Tim Janßen für ein Interview getroffen und wollten wissen, warum in einer Zirkularität nach Cradle to Cradle-Prinzipien gerade in der Elektronikbranche große Potenziale liegen.
Hi Tim! Wie kam es überhaupt zur neuen Electronics Initiative?
Tim: Wir waren letztes Jahr Nachhaltigkeitspartner der gesamten Messe und haben entschieden, dass wir dies weiter nutzen und mit der IFA auch in Zukunft kooperieren wollen. Dazu wollten wir Zirkularität in der Elektronikbranche auf breitere Füße beziehungsweise breitere Schultern stellen. Mit der Bertelsmann Stiftung und der Röchling Stiftung sowie weiteren Partnern aus der Wirtschaft wie Miele, Liebherr oder Repartly haben wir dann ganz tolle Leute gefunden.
Gemeinsam haben wir für das nötige Funding gesorgt, und viel wichtiger: die nötige Expertise zusammengesammelt. Das alles haben wir in unter einem Jahr hinbekommen – und geben jetzt drei Jahre lang Vollgas.
Warum ist Zirkularität gerade im Bereich der Elektronikbranche wichtig?
Einen Teil der Antwort sieht man hier bereits auf der IFA. Es ist schon fast unheimlich, wie viel nur für diese Messe produziert wird. Und das ist ein gutes Abbild dessen, was global an Konsum stattfindet.
Ich möchte jetzt gar nicht in eine generelle Konsumkritik abrutschen, aber konkret lässt sich festhalten: Zu wenige Produkte sind so gebaut, dass sie und die darin enthaltenen Rohstoffe wertvoll bleiben, und die allermeisten werden am Lebensende weggeworfen.
Kannst du einmal erklären, wie Zirkularität nach Cradle to Cradle-Prinzipien aussieht?
Gerne! Das beginnt schon im Kopf: Du stellst dir dabei immer die Frage: „Wie können wir nützlich sein, über unser Verhalten, unser Wirtschaften, unseren Konsum?“ All das gehört eigentlich zur menschlichen Kultur. Unser übermäßiger Konsum und die Menge an Abfall, die wir produzieren, ist ja keineswegs etwas Natürliches. Es ist etwas, das wir über Jahrhunderte und Jahrtausende entwickelt haben. Und das Ergebnis ist eben unsere aktuelle Form der Ökonomie.
Daran ist erst einmal grundsätzlich nichts auszusetzen. Wir sind allerdings vor etwas mehr als 100 Jahren in eine Richtung gegangen, dass wir alles sehr linear produzieren. Und das ist in der Natur völlig anders:
Abfall ist kein natürliches Phänomen. Ein Blatt fällt von einem Baum und wird dabei nicht zu Abfall, sondern bleibt ein nützliches Material. Uns ist daher erst einmal wichtig, anzuerkennen: Das Konzept „Müll“ haben wir Menschen entwickelt und ein Umdenken entsteht erst einmal im Kopf.

Was ist gemeint mit „Technosphäre“ und „Biosphäre“?
Die Begriffe „Biosphäre“ und „Technosphäre“ beziehen sich auf zwei Kreisläufe, in denen Zirkularität nach Cradle to Cradle stattfindet.
Die Biosphäre ist dabei natürlich. Hier zirkulieren Materialien in biologischen Kreisläufen.
Die Technosphäre hingegen ist menschengemacht. Materialien zirkulieren hier innerhalb kontinuierlicher, technischer Kreisläufe.
Die Denkweise von Cradle to Cradle sieht beide Sphären miteinander verbunden:
Die Materialien der Technosphäre sind begrenzt und stammen aus der Biosphäre. Anders herum dürfen Materialien der Technosphäre die Biosphäre nicht (zer)stören. Im Gegenteil: Nachwachsende Rohstoffe können in der Technosphäre zirkulieren und anschließend wieder Nährstoff für die Biosphäre werden.
Davon ausgehend ergeben sich neue Ansätze beim Design von Produkten. Du beginnst vorne bei der Auswahl des Materials und stellst dir die Frage: Wie kriege ich das für Biosphäre und Technosphäre anders hin. Davon ausgehend können wir dann eine zirkuläre Wirtschaft neu erfinden.
Dafür brauchen wir neue Materialien, neue Oberflächen und neue Zusammensetzungen in den Kunststoffen sowie in Metalloberflächen. Wenn diese Entwicklung im Kopf losgeht, entsteht am Ende ein ganz anderes Produkt. Und dadurch auch eine andere Konsumentscheidung sowie eine veränderte Nutzung, denn dann muss und kann alles zurück in den Kreislauf fließen.
Hast du dazu eventuell ein konkretes Beispiel?
Klar! Liebherr hat zehn Jahre lang einen neuen Tiefgefrierschrank entwickelt, der Kältetechnik und Kälteisolierung ganz anders organisiert.
Ergänzung der Redaktion.: Der Hersteller Liebherr stellte einen C2C-Gefrierschrank vor. Bei diesem verwendet das Unternehmen das Vulkanstein Perlit, um auf erdölbasierte Kunststoffe als Dämmmaterial zu verzichten. Über ein Vakuum ist der C2C-Gefrierschrank dabei nicht nur rückbaubar, er bietet auch eine bessere Energieeffizienz bei weniger Materialeinsatz. Bei derselben Größe entstehen dadurch 30 Prozent mehr Nutzungsvolumen. Das eingesetzte Perlit kann nach der Nutzungsphase in gleichbleibender Qualität zurückgewonnen werden.
In eurem Positionspapier der neuen Electronics Initiative nennt ihr Produkte auch „Materialbanken“. Kannst du einmal erläutern, was ihr damit meint?
Materialbank bedeutet, dass mit diesem veränderten Produktdesign und einer veränderten Qualität andere Werte entstehen. Wenn du heute ein Produkt auf den Markt bringst, reduzierst du zwar deine Herstellungskosten – die darin enthaltenen und gekauften Rohstoffe siehst du allerdings nie wieder.
Mit „Banking“ ist das anders: Hier steckst du Geld in Rohstoffe und behältst diese auch in irgendeiner Weise in Zirkulation.
Wie kommt das bei den Unternehmen an? Was müssten sie umstellen, um nach dem Cradle to Cradle-Prinzip zu wirtschaften?
Bisher wollen wir ja vor allem beleuchten, was schon geht und was es schon gibt. Und das ist schon echt ordentlich. Liebherr, Repartly und Teufel zeigen, dass zirkulär entwickelte Produkte funktionieren und führen diese bereits auf dem Markt. Es sind echte Produkte und keineswegs nur Designstudien.
Hier können wir also bereits einige grundlegende Fragen beantworten: Was muss man dafür tun? Wie sehen die benötigten Lieferketten aus? Welche Abhängigkeiten gibt es? Das ist dann eben auch Teamwork, denn kein Unternehmen macht sowas alleine.
C2C-Produkte sind natürlich ein klares Lieferkettenthema. Es greift aber auch auf Research-and-Development sowie in den Bereich Business-Development hinein, da man ein Unternehmen überhaupt erstmal in die Richtung bringen muss. Gegenüber Geschäftskunden muss der Vertrieb zudem erläutern, warum C2C wichtig ist. Unsere Gesellschaft ist natürlich sehr „Cradle-to-Grave“ geprägt, so dass Partner das erst einmal verstehen müssen.
Philippe Arradon von der Genossenschaft Commown erzählte mir einmal, dass die schlechte Reparierbarkeit von Elektronik auch mit Sättigungseffekten am Markt zusammenhängt. Lässt sich das bei C2C-Elektronik vermeiden?
Interessant, dass du genau das ansprichst. Denn bei Cradle-to-Cradle gibt es das Prinzip, dass wir nicht das Gerät an sich verkaufen, sondern die „Nutzung in der Hand“. Für Unternehmen hat das den Vorteil, dass wir immer wissen, wann Rohstoffe wieder zur Verfügung stehen.
Mehr über Commown auf RESET
Das gesamte Interview mit Philippe Arradon von Commown findest du hier:
Warum viele als nachhaltig gelabelte PCs gar nicht nachhaltig sind.
Solche „Product Service Systems“-Geschäftsmodelle, wo wir Produkte via Dienstleistungen anbieten, bieten also vor allem die Chance, den Rücklauf der Materialien zu organisieren. Dabei wird eine große Frage also gleich mitgelöst.
Wir sprechen daher auch ganz intensiv mit Logistikunternehmen darüber, was Kund:innen fordern. Aber wie immer gilt: Wo ein Mensch beteiligt ist, geht auch schnell etwas schief. Man muss also neue Systeme entwickeln, die einfach kompatibel sind und funktionieren. Wenn sie dann auch Spaß machen, werden sie sicherlich auch von Kund:innen angenommen.
Eure Electronics Initiative ist erstmal bis 2028 angelegt. Was sind eure Ziele bis dahin?
Über die nächsten drei Jahre haben wir uns zusammen mit unseren Partnern und der Röchling Stiftung dazu verpflichtet, „Best Practices“ zu sammeln, also spannende Projekte loszutreten.
Eines davon ist die neue Studie mit der Boston Consulting Group, eine andere ist eine Studie zu Open-Source-Programmen, die wir zusammen mit der Free Software Foundation Europe (FSFE) veröffentlicht haben. Und in den nächsten Jahren wird noch wahnsinnig viel kommen.
Wir schauen uns Logistikwege an, blicken aufs Produktdesign, verfolgen Lieferketten, betrachten den globalen Süden, Kunststoffe und das Packaging. Cradle to Cradle in der Elektronikbranche kannst du aus so vielen Blickwinkeln betrachten. Uns ist es dabei wichtig zu beleuchten, was schon geht und das dann möglichst zu multiplizieren.
Wir arbeiten dabei nicht nur mit der Wirtschaft zusammen, sondern auch mit Verbänden, Politik und auch in Richtung der Konsument:innen. Ähnliche Projekte haben wir in der Vergangenheit bereits in anderen Themengebieten gemacht:
Wir haben in Berlin für eine Million Euro einen Plattenbau saniert und dabei besonders auf graue Energie in Gebäuden geachtet. Wir haben Open-Air-Konzerte nach C2C-Standards mit den Ärzten und den Toten Hosen veranstaltet und Cradle to Cradle dadurch im weitesten Sinne überhaupt erst auf die Agenda für die Kulturwirtschaft und die Musikindustrie geschrieben. Und genau das wollen wir auch mit der Electronics Initiative erreichen:
Dass das Thema hier ein zentrales ist, dass es oben auf der Agenda steht und vor allem nicht mehr weggeht.
Wir bedanken uns bei Tim Janßen für das Interview!



