Mikrofinanzen – Finanzdienstleistungen für kleine Leute

Spätestens seit der Gründer der Grameen Bank Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis erhielt für seine Bemühungen, die Armut in Bangladesh zu reduzieren, ist der Begriff Mikrofinanzen bzw. Mikrokredite für die meisten kein Fremdwort mehr. Doch wie hilfreich ist die Vergabe von Kleinstkrediten im Kampf gegen die Armut wirklich?

Autor Rima Hanano, 02.06.08

Übersetzung Rima Hanano:

 

Mikrofinanzen – Hilfe zur Selbsthilfe

Die Idee, die hinter dem Konzept von Mikrofinanzen steht, ist nicht neu und findet bereits seit Jahrzehnten vor allem in Entwicklungsländern in verschiedener Form Anwendung. Bisher waren – und sind in vielen Teilen der Erde immer noch – private Geldverleiher („Moneylender“) primäre Geldquelle für arme Menschen, denen vor allem aufgrund fehlender Sicherheiten und einem unregelmäßigen Einkommen der Zugang zu traditionellen Banken verwehrt bleibt. Doch die oft astronomischen Zinsen privater Geldverleiher treiben die Kunden nicht selten in eine Schuldenfalle, die dann oftmals weitere Kredite erfordert. Ein Ausweg ist selten in Sicht. Trotz einer existierenden Nachfrage nach Kleinkrediten und der Tatsache, dass auch extrem arme Menschen sparen können und verantwortungsvoll mit dem geliehen Geld agieren, brauchte es einige Jahrzehnte, bis das Konzept der Mikrofinanzen aufkam. Der Grund hierfür mag vor allem an einer anfänglich mangelnden Erfahrung auf diesem Gebiet und der geringeren Attraktivität des Geschäftsfeldes liegen, da mit dem Angebot von Mikro-Finanzdienstleistungen im Vergleich zu Standardfinanzdienstleistungen in der Regel höhere Kosten verbunden sind.

C. Ströh

In den 70er Jahren starteten trotz dessen die ersten offiziellen Kleinkreditprogramme, deren Produktpalette dann in den frühen 90er Jahren allmählich um Spar- und Versicherungs- bis hin zu Transfer-Dienstleistungen für „kleine Leute“ erweitert wurde. Als Pioniere der Mikrofinanz-Bewegung gelten die Grameen Bank in Bangladesh und die Self-Employed Women´s Association Bank in Indien. Mittlerweile ist ein beachtlicher Markt entstanden und das Angebot von Mikrofinanzen ist für viele Anbieter ein nachhaltiges Geschäft geworden. Laut einer Studie der Deutschen Bank sind aktuell 90 Milliarden Dollar als Mikrokredite im Umlauf mit insgesamt 200 Millionen Mikro-Schuldnern. Die Gesamteinkünfte der Mikrofinanzinstitutionen beliefen sich 2010 auf 20 Milliarden US Dollar. Das Spektrum der Anbieter reicht mittlerweile von Non-Profit-Organisationen bis hin zu kommerziellen Großbanken.

Was sind Mikrofinanzen genau?

Die Anbieter von Mikrofinanzdienstleistungen haben sich im Laufe der Jahre Schritt für Schritt den Bedürfnissen armer Menschen angepasst. Charakteristisch für Mikrofinanzdienstleistungen ist natürlich die Vergabe kleiner und kleinster Geldbeträge.

Bei traditionellen Mikrokrediten handelt es sich in der Regel um einen Betrag von bis zu 1000 Euro (Quelle: Wiki Plattform). Die Menschen, an welche Kleinkredite grundsätzlich vergeben werden sollen, sind „wirtschaftlich aktive“ Menschen, also bereits Kleinunternehmer oder Kleinunternehmer in spe. Diese beantragen einen Kredit und erhalten daraufhin einen Kleinstbetrag, der in vielen Ländern schon hilft, um sich durch Kauf von Saatgut, eines Transportmittels oder einer Maschine eine Existenz aufzubauen und dadurch den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Mit ihren zusätzlich erwirtschafteten Einkünften zahlen die Kreditnehmer dann innerhalb eines festgelegten Zeitraumes das geliehene Geld an die Institution zurück.  

Der Großteil der Kreditnehmer sind Frauen, da sie wegen hoher Rückzahlungsquoten als äußerst kreditwürdig gelten. Aufgrund dessen konzentriert sich auch eine große Zahl von Mikrofinanz-Programmen ausschließlich auf weibliche Kreditnehmer (Quelle: world bank).

C. Ströh

Vergeben werden die Kredite durch Akteure der Mikrofinanzinstitute, in Schwellenländern auch Implementierungsakteure genannt. Sie werden vor Ort ausgebildet und sollen idealerweise die Höhe der Kredite und Länge der Laufzeit auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden zuschneiden. Dabei können neben Individualkrediten z.B. auch Gruppenkredite vergeben werden, bei denen die Rückzahlungsverantwortung auf mehrere Menschen verteilt wird. Der soziale Druck, den Kredit zurückzuzahlen und damit auch für den Rest der Gruppe zugänglich zu machen, ersetzt bei Gruppenkrediten die finanzielle Sicherheit.

Manche Anbieter gewährleisten durch mobile Außendienstmitarbeiter, dass auch Menschen in abgelegene Dörfer und Gemeinden erreicht werden können, für die ein Weg zur nächsten größeren Stadt zu kostspielig ist. Seit einiger Zeit werden auch Mikrosparen, Bildungskredite und Mikroversicherungen von immer mehr Organisationen angeboten, um den Menschen vor allem langfristig finanzielle Sicherheit zu bieten. Aufgrund dieses breiten Angebots spricht man im Allgemeinen von Mikrofinanzen (Quelle: Wiki Plattform).

Die Mikrofinanzbranche lässt sich grob in zwei Hauptakteure einteilen. Zum einen die non-profit Mikrofinanzinstitutionen, die nicht nach Gewinnmaximierung handeln, sondern lediglich eine Kostendeckung erreichen wollen, und zum anderen die kommerziellen Mikrofinanzinstitutionen, welche die Kreditvergabe an arme Menschen zu ihrem Geschäft gemacht haben. Der Unterschied besteht darin, dass Non-Profit-Organisationen Gewinne lediglich in das Unternehmen stecken bzw. bessere Konditionen für ihre Kunden ermöglichen, nicht aber persönlich von den Gewinnen profitieren. Sie haben eine soziale Zielsetzung und bieten oftmals mithilfe der erwirtschafteten Gewinne oder zusätzlicher Spenden Schulungen zum ökonomischen Wirtschaften oder Bildungsmaßnahmen in Verbindung mit den Mikrokrediten an. So wollen sie nachhaltig den Menschen ein besseres Leben ermöglichen. Es existiert eine große Anzahl von Institutionen wie bspw. Kiva, MyC4, Oikocredit oder Namaste Direct, welche mit Kleinunternehmen, Schulen und NGOs in Entwicklungsländern zusammen arbeiten und Kleinkredite weiterleiten. So können Privatpersonen selber indirekt oder direkt Mikrokredite an ihre Partner vergeben.

Mittlerweile haben aber auch viele kommerzielle Mikrofinanzinstitutionen Gefallen an dem System gefunden. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Unternehmen, die sich im Mikrofinanzgeschäft betätigen und um herkömmliche Banken. Ein Beispiel ist die mexikanische Mikrofinanz-Bank Compartamos, die 2007 sogar an die Börse ging und damit die Frage in den Raum stellte, ob aus der Armut einiger ein profitables Geschäft entstehen sollte.

Neueste Entwicklungen

C. Ströh

Mikrofinanzen sind mittlerweile ein großer Markt geworden und haben laut einer Studie der Deutschen Bank Auswirkungen auf das Leben von einer Milliarde Menschen weltweit. Neben herkömmlichen Krediten zum Aufbau von Kleinunternehmen werden aktuell auch Wohnkredite, Bildungskredite und Konsumkredite vergeben. Die meisten der Kreditnehmer leben in Städten, wo das Mikrofinanzmodell am besten funktioniert (Quelle: Deutsche Bank). Durch die höhere Nachfrage der Kredite in Städten anstatt in Dörfern, in denen sich die Menschen untereinander kennen, geht der Trend hin zum Individualkredit. Keiner will mehr Verantwortung für einen fast Fremden mittragen, wodurch das System des sozialen Drucks nicht mehr greift. Eine Ausnahme scheint da die Grameen Bank zu sein. 2011 betreute sie 8.349 Millionen Kreditnehmer in insgesamt 2565 Filialen in 81,379 Dörfern Bangladeschs. Damit deckt die Bank 97% aller Dörfer des Landes ab und ermöglicht seinen Kunden – von denen wiederum 97% Frauen sind – fast überall Zugriff auf ihr Geld.

Auch die von Frauen für Frauen gegründete Shri Mahila Sewa Sahakari Bank in Gujarat Indien erfreut sich eines großen Erfolges. Aus der Self-Employed Women’s Association (Sewa) gründeten 1974 ca. 4000 Frauen ihre eigene Bank, nachdem die traditionellen Institutionen sich weigerten, ihnen finanziellen Mittel für ihre Geschäfte und Anschaffungen zu Verfügung zu stellen. Was mit fünf Angestellten begann hat sich mittlerweile zu sieben Filialen mit 250 Mitarbeiterinnen entwickelt. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in dem engen Kundenkontakt und der Einfachheit des Systems. Die Sewa Bank entwickelte z.B. entsprechende Bilder zu jeder Dienstleistung, welche anstelle der Schrift auf den Dokumenten abgebildet sind, und nutzt Tiergeschichten, um den Sparprozess zu erklären. Somit stellen sie sicher, dass jede Kundin ihr Geld sinnvoll handhaben kann, obwohl viele der Frauen nicht zählen können.

Mikrofinanzen als Allheilmittel?

Nachdem über Jahre hinweg Mikrokredite als die Lösung für die Armut auf der Welt angesehen wurden und der Vorsitzende und Gründer der Grameen Bank Muhammad Yunus 2006 sogar den Friedens-Nobelpreis bekam, zeigt sich spätestens seit den Selbstmorden in der indischen Region Andhra Pradesh auch die andere Seite der Branche, welche von der Ausutzung der Kreditnehmer und ihrer Schuldenspiralen gekennzeichnet ist.

Tatsächlich entstand insbesondere durch die Vergabe des Friedensnobelpreises Yunus ein weltweiter Hype und viele neuen Mikrofinanz-Institutionen schossen überall aus dem Boden. Nicht wenige davon wichen in ihrer Motivation und Konzeption sehr weit von den Prinzipien der Grameen Bank ab, einige missbrauchten die Grundidee sogar für das genaue Gegenteil der Erfinder von Mikrofinanz: Während Yunus die Grameen Bank gründete, um die Wucherer aus dem Markt zu nehmen und Kleinkredite auf die Basis des Genossenschaftsdenkens zu stellen, sahen andere in der Vergabe von Mikrokrediten ein neues Geschäftsmodell, aber mit dem Gedanken der Profitmaximierung.

Die Vergabe der Mikrokredite von kommerzielle wirtschaftenden Kreditinstitutionen unterliegt ganz anderen Bedingungen als die sozialer Untrenehmen oder NGOs. Dazu gehört einerseits die Tatsache, dass die verliehenen Beträge sehr klein sind, die Kosten für die Kreditorganisationen aufgrund schlechter Infrastruktur und zusätzlicher Schulungen der Angestellten und Kreditnehmer aber sehr hoch (Quelle: World Bank). Um diese zu decken liegen die Zinssätze für die geliehenen Kleinstbeträge bei mindestens 20%. Schuldner müssen also innerhalb von kürzester Zeit mithilfe der „Geldspritze“ so viel Geld erwirtschaften, dass sie den Kredit plus Zinsen abbezahlen und gleichzeitig überleben können. In der Realität passiert dies leider selten (Quelle: Max Planck Forschung). Andererseits nehmen viele Menschen die Kredite lediglich auf, um ihr Überleben zu sichern und davon z.B. Lebensmittel zu kaufen, Arztrechnungen zu zahlen oder ihre Kinder zur Schule zu schicken. Diese Investitionen schaffen jedoch – zumindest keinen direkten – Mehrwert und ermöglichen es den Schuldnern nicht, die Kredite abzubezahlen. Der Druck, das Geld rechtzeitig zurück zu zahlen ist jedoch hoch (Quelle: Max Planck Forschung). So greifen manche Kreditunternehmen zu harten Mitteln, um durch erzwungene Rückzahlungen das Bestehen ihres Unternehmens zu sichern. Zudem arbeiten Kreditsachbearbeiter oftmals nach einem Boni-System, wobei sie nur dann verdienen, wenn das Geld eingetrieben ist.

Das Mikrofinanzsystem ist also von vielen Komponenten determiniert, deren möglicher negativer Einfluss schnell zu einer misslungenen Umsetzung führen kann. Zudem hängt das nachhaltige Gelingen der Mikrokredite nicht nur stark von der wirtschaftlichen Situation des Schuldners und der damit zusammenhängenden Möglichkeit, das Geld zurückzuzahlen ab, sondern auch von den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes. Instabilität, Korruption und andere ungünstige Bedingungen verstärken das Risiko, dass Kleinkredite zu einer Schuldenfalle werden.

Um dem vorzubeugen verbinden bereits einige Institutionen Kleinkredite mit u.a. Bildungsmaßnahmen. So bietet Opportunity International Savings and Loans in Ghana beispielsweise Trainings zum Wirtschaften in Unternehmen an, um ihre Kunden nach der Kreditvergabe nicht alleine stehen zu lassen. Und Activists for Social Alternatives unterstützt  Frauen in Indien durch Hilfestellung im IT Bereich und kümmert sich zusätzlich um Ausbildungsmöglichkeiten.

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Das Wichtigste bezüglich der Vergabe von Kleinkrediten ist daher, intensiv auf die Bedürfnisse und Rückzahlungsmöglichkeiten der Kunden einzugehen und ihnen nur dann einen Mikrokredit zu bewilligen, wenn sie auch das Potenzial besitzen, diesen zurück zu zahlen. Für Nachfrager ohne wirtschaftliche Aktivitäten sind Bildungskredite oder auch Mikrosparprogramme die bessere Lösung, um ihnen aus ihrer Armut heraus zu helfen. Am erfolgreichsten haben sich Mikrokredite vor allem für die untere Mittelschicht erwiesen (Quelle: Reinhard Schmidt). Zwar gelten diese nach EU-Maßstäben als arm, doch haben sie anders als viele andere bereits eine minimale finanzielle Absicherung, weshalb Mikrokredite kleine, aber positive Effekte erzielen.

Damit ist klar: Ein pauschales Mittel zur Armutsbekämpfung sind Mikrokredite nicht, sondern, werden sie achtsam vergeben und idealerweise noch in weitere Maßnahmen eingebettet, eine Möglichkeit (unter anderen), um Menschen in Schwellenländern zu einer selbstständigen finanziellen Zukunft zu verhelfen.  

Doch um mehr Menschen einen Weg aus der Armut zu ermöglichen gibt es noch viele Aufgaben zu lösen: Ein Großteil der sehr armen Menschen hat trotz der  gewaltigen Entwicklungen des Finanzsystems in Schwellenländern noch immer keinen Zugang zu einem Konto oder finanzieller Hilfe. Der World Bank Report zeigt auf, dass in der Sub-Sahara Gegend nur 13% der über 15-Jährigen in den letzten 12 Monaten Leistungen von einer Finanzinstitution entgegengenommen haben. 40% hingegen liehen sich Geld bei Familie oder Freunden. In Süd-Asien tätigten sogar nur 9% Bankgeschäfte in irgendeiner Form.

Um auch diese Menschen in das Finanzsystem mit einzubeziehen, schätzen Experten neue Technologien als mögliches Mittel ein (Quelle: World Bank). Das Mobiltelefon-Banking System M-Pesa ist bereits ein Beispiel, wie mit einfachsten Mitteln trotz fehlender Infrastrukturen Geldtransaktionen leicht gemacht werden können. Mehr zu dem Thema auch in unserem Artikel Das Handy als Entwicklungsmotor.

Quellen und Links

Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder wurden freundlicherweise von Christiane Ströh zur Verfügung gestellt.

Rima Hanano I RESET-Redaktion (zuletzt überarbeitet von Henriette Schmidt I RESET-Redaktion 2014)

Das Handy als Entwicklungsmotor

Ein Leben ohne Handy – das ist für die meisten von uns kaum vorstellbar. Von einem exklusiven Spielzeug hat sich das Mobiltelefon in kürzester Zeit zu einem täglichen Begleiter fast wie von selbst über die ganze Welt verbreitet. Fast 7 Milliarden Menschen nutzen heute ein Handy - keine Technologie hat die Welt bisher schneller erobert.

Neues Video erklärt Mikrokredite

Als Mohammed Yunus mit seiner Grameen Bank 2006 den Friedensnobelpreis für die Idee des Mikrokredites bekam, wurde dieser als Heilsbringer für Entwicklungsländer gefeiert. Die Kleinstkrediten an Bauern und Gewerbetreibende werden in der Regel von spezialisierten Finanzdienstleistern und NRO zur Förderung von Entwicklung vergeben.

Die Mikrokreditlüge?

Mikrokredite sind ein nicht unumstrittener Ansatz der Entwicklungshilfe, um Menschen den Weg aus der Armut zu ermöglichen. Während z.B. Muhammad Yunus sogar einen Friedensnobelpreis für die Idee seiner Grameen Bank bekam, bezeichnet Kathrin Hartmann Mikrofinanzen als ein Geschäft mit der Armut. Was ist dran daran?