Migration

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute 232 Millionen Menschen in einem Land, das nicht ihre ursprüngliche Heimat ist. Noch nie waren es mehr. Im Jahr 2000 etwa lag die Zahl bei 175 Millionen. Flüchtlingsboote, voll besetzt mit afrikanischen Flüchtlingen, prägen die öffentliche Wahrnehmung von Migration hierzulande. Doch die Gründe, das eigene Land zu verlassen, sind vielfältig.

Autor Rima Hanano, 17.01.11

Migration – damit ist ein Wohnortwechsel innerhalb oder über die Grenzen eines Landes hinweg gemeint. In Bewegung befindet sich die Menschheit in Form von Völkerwanderungen seit Jahrtausenden. Doch immer mehr Menschen verlassen ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben. Aktuell sind rund 3,3% der Weltbevölkerung Migranten. Weltweit leben damit nach Schätzungen der Vereinten Nationen 232 Millionen Menschen in einem Land, das nicht ihre ursprüngliche Heimat ist. Das sind mehr Menschen „in Bewegung“ als zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte. Nur ein Teil der Menschen verlässt aber endgültig die Heimat.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben nehmen viele Menschen ungeheuerliche Strapazen und oft Gefahren für Leib und Leben in Kauf. Am deutlichsten zeigt sich dies an den Bildern von überbesetzten kleinen Flüchtlingsbooten, die uns regelmäßig erreichen. Obwohl der Anteil an Migranten aus Afrika, die sich ohne regulären Status in der EU aufhalten, nur einen kleinen Teil der Einwanderer ausmacht, prägen sie die öffentliche Wahrnehmung hierzulande. Doch Migration hat noch weitaus mehr Gesichter.

Warum emigrieren Menschen?

Viel Vorstellungskraft bedarf es nicht um zu verstehen, warum es Menschen von ärmeren oder konfliktgeladenen Regionen in andere Regionen zieht. Eine recht griffige, wenngleich stark vereinfachte Erklärung bietet die Vorstellung von Push- und Pull-Faktoren: Die Gründe für Migration können nach Meinung von Migrationsforschern demnach sowohl im Heimatland der Migranten liegen (sog. Push-Faktoren) als auch im Zielland (sog. Pull-Faktoren). Push-Faktoren sind Faktoren wie etwa Arbeitslosigkeit, Armut, politische Instabilität, Umweltzerstörung oder niedrige Löhne. Zu den Pull-Faktoren zählen Arbeit, Chancen für einen sozialen Aufstieg, höhere Löhne oder eine bessere humanitäre Versorgung im Aufnahmeland.

Neben den wirtschaftlichen Gründen wie Armut, Perspektivlosigkeit oder Umweltzerstörung bestimmen auch zunehmend politische Verfolgung oder Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen die weltweiten Migrantenströme. Laut des 2014 veröffentlichten statistischen Jahresberichts Global Trends des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) sind heute 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Krieg und Menschenrechtsverletzungen. Doch nur 16,7 Millionen gelten offiziell als Flüchtlinge. 33,3 Millionen Menschen sind derzeit sogenannte „Binnenvertriebene“ auf der Flucht in ihrem eigenen Land und weitere 1,1 Millionen Asylsuchende.

Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen viele Jahre lang als Flüchtlinge in einem Camp oder unter schwierigen Lebensbedingungen in Städten ausharren müssen, sehr groß geworden. So warten die meisten der 11,7 Millionen Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat seit mindestens fünf Jahren darauf, dass für ihre Zukunft eine langfristige Lösung gefunden wird.

Migration weltweit

Licensed under: Creative Commons - Attribution Non-Commercial No Derivatives United Nations UN Photo/OCHA/David Ohana Libysche Flüchtlinge stehen für Essen an der Grenze zu Tunesien an. Quelle: United Nations.

Insgesamt nehmen die Migrationsbewegungen weltweit zu, wenngleich nur moderat: zwischen 2000 und 2013 stieg der Anteil an Migranten an der Weltbevölkerung von 2,9 % auf 3,3% um gerade einmal 0,4% an. Die EU bleibt weiterhin eine attraktive Zielregion: offiziell liegt die Zahl der Einwanderer in die EU bei etwa 1,1 Millionen Menschen jährlich. Hierbei werden allerdings auch Wanderungsbewegungen zwischen den Mitgleidsstaaten erfasst.

Entgegen der allgemeinen Erwartung finden nur rund 45 % (BMZ) der globalen Wanderbewegung in Form der sog. Süd-Nord Migration, also von der Südhalbkugel der Erde zur Nordhalbkugel statt. Hierbei entspricht der Anteil derer, die von einem armen Land in ein reiches Land emigrieren insgesamt sogar nur einem Viertel. Demnach findet also der überwiegende Teil der weltweiten Migration zwischen Ländern der gleichen Entwicklungskategorie statt, in der Regel zwischen benachbarten Staaten. Die meisten Migranten (2013) beherbergen im internationalen Vergleich die USA, gefolgt von Russland, Deutschland und Saudi-Arabien.

Dennoch beherrscht die Vorstellung der transkontinentalen Flucht die öffentliche Debatte. Doch hierbei handelt sich gemessen an den Fakten um ein Zerrbild: Rund vier Fünftel aller Flüchtlinge flüchten in ihre Nachbarländer. Sie bleiben also in ihrer Region, auch weil sie häufig gar keine Chance haben, nach Europa zu kommen. So erklärt sich auch, dass 86% aller Flüchtlinge in Entwicklungsländern leben. Die meisten von ihnen leben derzeit in Pakistan (1,7 Mio.), dem Libanon (1,1 Mio.) und dem Iran (knapp 1 Mio.).

Besonders problematisch ist die Lage für staatenlose Flüchtlinge, also all jene Menschen die keine Staatsbürgerschaft besitzen, sind besonders verletzlich, da die mit der Staatsbürgerschaft verbundenen Menschenrechte häufig gefährdet sind. Weltweit stellen nur 64 Staaten statistische Unterlagen zur Staatenlosigkeit zu Verfügung, daher liegen nur Angaben zu einem Viertel der geschätzten zehn Millionen Staatenlosen weltweit vor.

Dass Migration schon seit Jahrtausenden ein Phänomen unserer Menschheit ist, zeigt dieses beeindruckende Video. Ein Team aus Historikern und Wissenschaftlern der Universität Texas visualisierte die Wanderbewegungen unserer Kultur anhand von Geburts- und Sterbeorten bedeutender Persönlichkeiten seit dem 600 Jh. v. Chr. bis 2012.

Migration: Chance oder Bedrohung?

Von den europäischen Medien wird Migration nach einer Untersuchung von Hanna Mbappou-Gleiß überwiegend als Sicherheitsrisiko und Bedrohung wahrgenommen. Die Debatte wird dabei von der illegalen oder irregulären Migration von Afrika nach Europa geprägt.  Dass aber gegenwärtig in vielen Ländern ein Widerspruch zwischen bevölkerungspolitischen und wirtschaftlichen Belangen in Folge des demographischen Wandels und der politischen Wahrnehmung von Migranten besteht, kommt nur selten zur Sprache.

Man kann unterstellen, dass die Darstellung von Migranten als Fremdkörper, die eine scheinbar homogene, nationale Gesellschaft bedrohen können, von Politikern vor allem in Zeiten der Krise dazu genutzt wird, ein Wir-Gefühl zu stärken und von innenpolitischen Problemen abzulenken. Das Fremde wird zur Gefahr, das Vertraute zum schützenswerten Ideal. Diese Logik, die auch in der Mainstreampolitik angekommen zu sein scheint, spielt dabei nationalistischen und rechten Gesinnungen in die Hände und zeigt auch in der breiten Bevölkerung ihre Wirkung. Laut des jüngsten „Eurobarometers“ (2014) im Auftrag der EU-Kommission schätzen die Deutschen insbesondere die Zuwanderung von Migranten aus Nicht-EU-Ländern als besonders problematisch ein und sehen die Zuwanderung im Allgemeinen als wichtigstes Problem in Europa.

Dabei ist heute bereits klar, dass im Zuge des demographischen Wandels hierzulande Arbeitskräfte fehlen. Die EU ist daher auf die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften angewiesen und wird nach Meinung von Migrationsforschern Schwierigkeiten haben, ihren Zuwanderungsbedarf zu decken.

Leiden viele Auswanderungsländer unter der dauerhaften Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte (sog. Brain-Drain), profitieren sie zumindest von den Migranten-Rücküberweisungen (Remittances) an die zurückgebliebenen Verwandten oder Freunde. Im Jahr 2013 betrugen die Geldüberweisungen von Migranten in Entwicklungsländer laut Weltbank 322 Milliarden Euro und lagen damit bei weitem über der offiziellen Entwicklungshilfe der Industrieländer. Hinzukommt das Bargeld, welches über inoffizielle Kanäle in die Länder gelangt. Laut Experten müsste damit der Betrag von 355 Milliarden Euro noch einmal um etwa die Hälfte nach oben korrigiert werden.

Europäische Zuwanderungspolitik

Bootsflüchtlinge aus Haiti/Wikipedia

Den Migrationsbewegungen begegnen viele Länder mit verschärften Einreisebedingungen, Aufenthaltsbestimmungen und Abschiebegesetzten. Die legale Zuwanderung in die EU wurde in den vergangenen Jahren vor allem für Flüchtlinge stark eingeschränkt. Die EU versucht sich vor der vermeintlichen Bedrohung durch illegale Einwanderer durch schärfere Kontrollen an den EU-Außengrenzen und immer striktere Abschiebungsgesetze zu schützen. Der Mangel an regulären Einreisemöglichkeiten verstärkt nach Meinung von Migrationsforschern die irreguläre Migration weltweit, aber auch von Afrika nach Südeuropa.

In Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen fordern Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, PRO ASYL und das Diakonische Werk der EKD die reichen Industriestaaten auf, kontinuierlich Flüchtlinge aufzunehmen und ihre Verantwortung für den internationalen Flüchtlingsschutz wahrzunehmen. Nach Meinung des Deutschen Instituts für Menschenrechte nimmt die EU durch ihre Flüchtlingspolitik jedoch eine Haltung ein, die Flüchtlingen pauschal Missbrauch attestiert. So rückte in der Vergangenheit immer wieder auch die EU-Grenzbehörde mit zweifelhaften Aktionen ins öffentliche Licht.

Die im Oktober 2004 eigens für den Schutz der EU Außengrenzen gegen illegale Einwanderung gegründeten „Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (FRONTEX)“ gerät dabei immer wieder in die öffentliche Kritik. Schwere Vorwürfe wurden in der Vergangenheit laut, dass Frontex Flüchtlinge daran gehindert haben soll, Europa überhaupt zu erreichen. Die Genfer Flüchtlingskonvention ist nach Meinung des Deutschen Instituts für Menschenrechte damit de facto ausgehebelt. Seit 2014 ist Frontex nun per Verordung verpflichtet, beispielsweise in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen.

Dennoch lässt sich argumentieren, dass die restriktive Einwanderungspolitik der EU nicht nur die illegale Migration verstärkt, sondern viele Menschen erst in die Fänge von Menschenhändlern und Schleppern treibt. Die Tatsache, dass 2015 mit einer Rekordzahl von Flüchtlingen (vor allem aus Libyen) gerechnet wird, macht sichtbar: Europa muss akzeptable Lösungen für die Flüchtlingsströme finden.

Die EU ist nach Meinung vieler Menschenrechtsorganisationen durch ihre Handels- und Agrarpolitik für die wirtschaftlich desolate Situation der Menschen in einigen Entwicklungsländern mitverantwortlich. Und ist damit in der Pflicht, für die Konsequenzen des eigenen Handelns unter dem Gesichtspunkt einer sozialen Gerechtigkeit gerade zu stehen.

WissensWerte: Migration

Quellen und Links

Rima Hanano, RESET-Redaktion/ 2009 (überarbeitet von Laura Holzäpfel, RESET-Redaktion/ 2015)

foto_drk_morsch
©
Appell gegen die Diskriminierung von Flüchtlingskindern

Campact weisst auf die schwierigen Umstände hin, unter denen Flüchtlingskinder in Deutschland aufwachsen: Sie bekommen nicht einmal den minimalen Hartz-V-Satz und die medizinische Versorgung ist nur als Notversorgung gedacht. Längst steht eine Neuregelung an.

Surprising Europe: Wie afrikanische Migranten Europa erleben

Jedes Jahr versuchen Tausende Migranten aus Afrika nach Europa zu kommen, um hier ein besseres Leben zu finden. Diejenigen, die den gefährlichen Weg über die Grenzen schaffen, finden ein Europa vor, das sie sich oft ganz anders vorgestellt haben. Die Plattform Surprising Europe sammelt ihre Geschichten.

Klimawandel als Fluchtursache

Die Folgen des menschengemachten Klimawandel sind überall zu beobachten, doch die Folgen tragen derzeit vor allem die Länder des globalen Südens. Millionen von Menschen werden in den nächsten Jahren vor den Auswirkungen des Klimawandels fliehen müssen.