Live aus Rios Favela Rocinha – Eine digitale Erkundungstour

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Quelle: buzzingcities.net

In den nächsten Jahren ist einiges los in Rio: Erst die Fußball-WM 2014 und gleich hinterher Olympia 2016. Um die Stadt für Besucher der internationalen Großereignisse aufzupolieren will der Staat die Drogenbanden aus den Favelas zurückdrängen. Mit dem Multimedia-Projekt BuzzingCities verfolgen zwei Journalistinnen Alltag und Wandel in den Favelas.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 13.01.14

Rio de Janeiro und seine vielen Identitäten. Da ist einerseits die Stadt der Schönen und Reichen, des wilden Karnevaltreibens und der Strände. Auf der anderen Seite – oder besser gesagt viele Treppen weiter oben – die informelle Stadt, die Stadt der Armenviertel. Etwas ein Viertel der Bewohner Rios leben in einem der fast 1000 Favelas, in denen sich Menschen, Häuser und Straßen an den Hängen der Stadt wild übereinander stapeln. Seit vielen Jahren wuchern sie unkontrolliert, fernab staatlicher Einflussnahme. Beherrscht werden sie schon jahrzehntelang von Drogenbanden.

Mit den anstehenden Großereignissen soll sich das ändern. Militär und Polizei wollen wieder Land gewinnen in den Favelas und die gesellschaftliche Integration der Armenviertel durch Infrastrukturmaßnahmen, Bildungs- und Sportangebote vorantreiben. Bislang wurden über 30 Einheiten der so genannten Befriedungspolizei UPP in den Favelas stationiert. Teilweise öffnen sich die Armenviertel, teils formiert sich Widerstand. Der Drogenhandel geht weiter – und neue Konflikte kommen hinzu: Umsiedelungen für umstrittene Projekte, Korruption, Polizeigewalt.

Die Favela – eine besondere Schönheit

Wie wirkt sich das auf den Alltag der Menschen in den Favelas aus? Wie fühlen sich die Bewohner anbetracht der neuen Aufmerksamkeit? Und: werden die Maßnahmen tatsächlich zu einem langfristigen Wandel hin zum Besseren in den Favelas führen? 

Die beiden Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl erkunden seit 2011 die Favelas von Rio mit Bus, Minivans, Mototaxis, Seilbahn und zu Fuß und haben mit Bewohnern der verschiedenen Favelas, mit Polizisten und Elitesoldaten gesprochen. 2013 sind sie dann selbst in die Favela Rocinha gezogen. Auf favelawatchblog.com bloggen sie live aus der Favela und auf buzzingcities.net geben sie vielseitige Einblicke in den Alltag der Favela-Bewohner. In Bildern, Texten und kurzen Videos vermitteln die beiden so umfassende wie persönliche Bilder aus den Favelas. Jenseits der Mainstream-Klischees wie Elend, Drogenhandel und Kriminalität sehen wir die unglaubliche Kreativität und den Unternehmergeist der Menschen.

Wir lernen z.B. Michel Silva kennen, der jeden Tag auf der Onlineplattform Viva Rocinha und auf Facebook und Twitter berichtet, was in der Favela Rocinha passiert. 2011 hat der 19-Jährige das Portal zusammen mit seiner Schwester Michele gegründet, um die Probleme, vor allem aber die guten Seiten der Favela sichtbar zu machen.

Oder die australische Designerin und Rapperin Mars Castro, die sich 2010 verliebte – in einen Mann und Rocinha. Sie ist dort geblieben und entwirft heute Schmuck aus Munition, inspiriert von der lokalen Gangkultur. Und natürich Zezinhos, der die Favela zu seiner zweiten Haut gemacht hat: Entlang seiner Beine türmt sich eine Stadt aus Ziegelhäusern, eng ineinander verschachtelt. Es ist Rocinha, seine Heimat, seine größte Liebe. „Für mich hat die Favela eine besondere Schönheit“, sagt Zezinho. „Es ist, als ob man Menschen auf eine Insel setzt und sie bauen sich ihre eigene Welt.

Quelle: buzzingcities.net

Auf buzzingcities.net kann man in die Favelas eintauchen und erfährt viel über die Menschen, Weihnachten in Rocinha, das Internet als kollektives Ereignis, Schießereien und die Digitalisierung der Favelas. Ein tolles Projekt!

Favela online

Was deutlich wird: Obwohl es in den Favelas oftmals an grundlegender Infrastruktur wie Kanalisation oder Müllabfuhr mangelt, gehört der Zugang zum Internet vor allem für die junge Generation in den Favelas inzwischen zum Alltag. Und: sie nutzen es, um politisch aktiv zu werden. Über Social Media-Kanäle wie Facebook und Twitter wurden viele Favelabewohner mobilisiert, an den brasilianischen Sozialprotesten teilzunehmen; außerdem erleichtern sie die Organisation von Protesten und Kampagnen innerhalb der Favelas.

Mehr erfahren? Veranstaltung #favelasonline am 24. Januar in Berlin

Wer mehr über den digitalen Wandel in den Armenvierteln Rio de Janeiros erfahren möchte, dem sei die Veranstaltung #favelasonline der Heinrich-Böll-Stiftung am 24. Januar in Berlin empfohlen. Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl werden vor Ort sein, einige Bewohner der Favelas werden per Live-Chat zugeschaltet.

Im Rahmen der Veranstaltung sollen Potentiale und Grenzen des Mediums Internet für die gesellschaftliche und politische Partizipation sowie deren Qualität diskutiert werden. Der Eintritt ist frei.

Alle Infos: #favelasonline – Digitaler Wandel in den Armenvierteln von Rio de Janeiro

MARKIERT MIT
TATENDRANG: „Favela Street“ – Mit Fußball gegen Kriminalität

Für die meisten Bewohner Rios gehören die Favelas zum Stadtbild und nur die Wenigsten wissen, wie das Leben in einer "Comunidade" abläuft. Ich selbst lernte Wendy kennen. Sie ist 20 Jahre alt, kommt aus Holland und machte seit März ein Praktikum in dem Projekt „Favela Street“ in Rio. In diesem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen.

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