Krise bei den Online-Retouren: Neue Technologien könnten die Auswirkungen auf die Umwelt abmildern

Online-Retouren von Kleidung verursachen enorme CO2-Emissionen – und die Artikel landen oft auf der Mülldeponie. Verschiedene Technologien sollen die Emissionen und Abfälle durch Rücksendungen minimieren.

Autor*in Kezia Rice:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 09.07.25

Im Jahr 2024 hat der Online-Fast-Fashion-Händler Pretty Little Thing seine Rückgabebedingungen radikal geändert. Zuvor war die Website eine Anlaufstelle für Käufer:innen, die Kleidung bestellten, sie einmal abends trugen und dann gegen eine vollständige Rückerstattung zurückgaben. Viele der Kund:innen bestellten auch mehrere Größen, um sicherzustellen, dass die richtige dabei war. Solche Praktiken kosten Einzelhändler zwischen 25 und 30 Dollar pro Artikel. Nicht verwunderlich also, dass Pretty Little Thing damit begann, diese sogenannten Serienretouren zu verbieten, indem es die Konten der betreffenden Kund:innen sperrte.

Doch die Serienretouren belasten nicht nur die Finanzen der Einzelhändler, sondern sind auch ein großes Umweltproblem. Allein in den USA verursacht der Transport von Retouren jährlich schätzungsweise 15 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. In Großbritannien landeten 2023 75 Prozent der zurückgesendeten Kleidungsstücke (geschätzte 23 Millionen Kleidungsstücke) auf Mülldeponien. Doch vom Transport über Reinigungsdienste bis hin zu Tools für Größenempfehlungen – verschiedene Technologie sollen die durch die Rücksendung von Kleidung verursachten Emissionen und Abfälle minimieren.

KI-Software plant effizientere Routen für Rücksendungen

Genauso wie die Lieferung von Paketen für unsere Online-Shopping-Gewohnheiten Emissionen verursacht, tut dies auch deren Rücksendung. Dabei ist die Ineffizienz der Lieferrouten hauptverantwortlich. Sogenannte Reverse-Logistik-Software nutzt KI, um dieses Problem anzugehen. Durch die Anpassung der Routen an die aktuellen Bedingungen, wie Verkehr, Wetter und Fahrzeugkapazität, kann die Software sowohl die Fahrzeit als auch den Kraftstoffverbrauch reduzieren. Eine Studie aus dem Jahr 2024 hat gezeigt, dass die Optimierung durch KI zu einer Reduzierung der zurückgelegten Strecken um 30 Prozent geführt hat. Eine andere Studie aus dem Jahr 2022 ergab immerhin eine Reduzierung der CO2-Emissionen auf der letzten Meile um 15 bis 20 Prozent.

Der Einsatz dieser Software wird im Einzelhandel immer häufiger. Allerdings bringt das auch neue Herausforderungen mit sich. Die Integration in bestehende Systeme erfordert Zeit und Ressourcen, und die Anfangsinvestitionen sind nicht gering. Für genaue Prognosen benötigt die Software konsistente, hochwertige Datensätze, die nicht immer verfügbar sind. Trotz dieser Rückschläge wird erwartet, dass der Einsatz von KI-gesteuerter Reverse-Logistik-Software in den nächsten drei Jahren um 25 Prozent zunehmen wird, wodurch unsere Retouren möglichst kurze Wege zurücklegen.

Das KI-Paradox: ebenso hilfreich wie schädlich

So vorteilhaft KI-Lösungen für die Lösung logistischer Umweltprobleme auch sein mögen, darf man die Auswirkungen der KI auf unseren Planeten nicht aus den Augen verlieren. Erfahre mehr über den Wasserverbrauch, den Elektroschrott und die CO2-Emissionen, die mit dieser Technologie verbunden sind.

Durch das Hochladen von Retouren auf Wiederverkaufsplattformen landen diese nicht auf der Mülldeponie

Für zurückgesandte Kleidung, die sonst auf der Mülldeponie landen würde, sind Wiederverkaufsplattformen eine Rettungsleine. Einzelhändler erkennen allmählich, dass sie mit einem eigenen Wiederverkaufsportal nicht nur Gewinne aus Retouren erzielen, sondern auch ihre Emissionen reduzieren können. Aber wie gelangt ein Artikel von der Rücksendung wieder in den Verkauf? Die Kleidung muss zunächst geprüft werden, ob sie qualitativ hochwertig genug für den Verkauf ist. Anschließend muss sie gereinigt und repariert werden, bevor sie fotografiert und auf Wiederverkaufswebsites eingestellt wird.

Das britische Unternehmen ACS Clothing bietet all diese Dienstleistungen an. „Alles, was wir tun, dient dazu, die Lebensdauer von Kleidung zu verlängern“, erklärt CEO Andrew Rough gegenüber RESET. ACS ist ein zertifiziertes B-Corp-Unternehmen und verarbeitet jährlich rund sechs Millionen Kleidungsstücke. Seine RFID-Technologie ersetzt Barcodes, um die Sortierung ohne manuelle Arbeit zu optimieren. Das Desinfektionssystem nutzt Ozon, um Körpergerüche zu entfernen und entfernt nachweislich auch Spuren von SARS oder COVID aus Kleidungsstücken. Derzeit wird an einer Methode geforscht, Flecken mit Hilfe einer Kamera und möglicherweise KI zu identifizieren. „Fehler passieren, wenn Menschen daran beteiligt sind“, so Rough. „KI würde die Systeme rationalisieren und effizienter machen.“

Der Aufschwung kam jedoch nicht sofort. ACS stieß bei Einzelhändlern auf Hindernisse, die noch nicht davon überzeugt sind, „Kleidung oder Schuhe nicht als kurzfristigen Lagerbestand, sondern als langfristigen Vermögenswert“ zu betrachten. Und auch viele Verbraucher:innen waren kritisch, „sie bekämen etwas Schmutziges oder Unreines, [obwohl in Wirklichkeit] alle Kleidungsstücke vollständig desinfiziert sind“. Da der Wiederverkaufsmarkt jedoch bis 2028 voraussichtlich auf 73 Milliarden US-Dollar wachsen wird, verlieren diese Vorurteile langsam an Bedeutung. Wie Rough erklärt, ist der Wiederverkauf „eine wesentliche Voraussetzung, um Kleidung von der Mülldeponie fernzuhalten“.

KI-Software, die Kund:innen bei der Auswahl der perfekten Größe unterstützt

Als Pretty Little Thing damit begann, Serienretouren zu verbieten, führte dies zu einem Aufschrei in den sozialen Medien. Kund:innen protestierten, dass sie „weniger Artikel zurückgeben würden, wenn [Pretty Little Thing] bei der Größenangabe der Kleidung konsequenter wäre“. Dieses Problem geht über ein einzelnes Unternehmen hinaus, denn die ideale Passform schwankt von Marke zu Marke stark. Auch hier wird KI entwickelt, um dieses Problem zu lösen. SizeSense ist ein KI-Modell und Shopify-Plugin, das maßgeschneiderte Größenempfehlungen bietet, um das Zufallselement beim Online-Kauf von Kleidung zu reduzieren.

Eine US-Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass 75 Prozent der Kund:innen Bekleidungsartikel wegen schlechter Passform zurückgaben. Ihnen dabei zu helfen, auch beim Online-Shopping die perfekte Größe zu finden, ist eine große Chance, die Rücklaufquoten zu senken und Kleidung vor der Mülldeponie zu bewahren. Anstatt sich auf allgemeine Größenangaben zu verlassen, fragt SizeSense die Kund:innen nach ihren genauen Maßen sowie ihrer Präferenz für locker, normal oder eng sitzende Kleidung. Anschließend berücksichtigt die Anwendung die Elastizität des Stoffes und das Design der Kleidung, bevor eine genaue Größenempfehlung ausgegeben wird.

person folding clothes wardrobe

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Die Integration solcher Tools in ihre Geschäftsmodelle ist ein Zeichen dafür, dass Marken immerhin erste Schritte unternehmen, um die Auswirkungen von Rücksendungen auf die Umwelt und ihre Gewinnmarge zu reduzieren.

Für einen echten Wandel muss jedoch die gesamte Branche umgestaltet werden. Wesentlich dabei ist, dass Marken Überproduktion reduzieren, die Qualität ihrer Kleidung verbessern und Verantwortung für das Ende der Lebensdauer ihrer Textilien übernehmen. Und auch uns als Kund:innen kommt Verantwortung zu. So sollten wir besser zweimal überlegen, bevor wir einen Kauf tätigen. Eine Rücksendung zu verpacken und an eine Marke zurückzuschicken, bedeutet vielleicht, dass du dein Geld zurückbekommst. Aber es besteht immer noch eine Wahrscheinlichkeit von drei zu vier, dass der Artikel für immer auf einer Mülldeponie landet – genau die Art von zeitlosem Modestatement, dass du nicht setzen willst.

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