Klimawandel als Fluchtursache

Bei einer Flut 2010 wurde Swat-Tal in Chakdara, Pakistan, überschwemmt. Ein Überlebender versucht hier den Fluss zu überqueren.

Die Folgen des menschengemachten Klimawandel sind überall zu beobachten, doch die Folgen tragen derzeit vor allem die Länder des globalen Südens. Millionen von Menschen werden in den nächsten Jahren vor den Auswirkungen des Klimawandels fliehen müssen.

Autor Rima Hanano, 17.04.08

Übersetzung Rima Hanano:

Bis zum Jahr 2040 wird die Anzahl der Klimaflüchtlinge auf 200 Millionen Menschen ansteigen, so eine Greenpeace-Studie. Andere Schätzungen liegen darunter. Zwar ist eine Prognose künftiger Migrationsbewegungen aufgrund der Unvorhersehbarkeit des Bevölkerungswachstums, dem Ausmaß zukünftiger Emissionen sowie deren Folgen schwierig. Doch fest steht: Der Klimawandel wird in Zukunft eine immer größere Rolle als Fluchtursache spielen.

Die unfreiwillige Migration von Menschen, deren Überleben in ihrer ursprünglichen Heimat aufgrund Umweltveränderungen oder Naturkatastrophen nicht mehr gesichert ist, ist keine neue Erscheinung, vor dem Hintergrund des Klimawandels gewinnt sie jedoch eine ganz neue Dimension. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) vermutete bereits 1990, dass Migration eine der größten Auswirkungen des Klimawandels sein könnte. Eine rechtliche Grundlage, wie damit umzugehen ist, fehlt bisher jedoch in allen Staaten der Welt. Denn obwohl ganze Inselstaaten im Meer versinken, ist die „klimainduzierte Migration“ nicht Teil der Genfer Flüchtlingskonvention.

Das Ausmaß der Auswirkungen für die Entwicklung der betroffenen Länder ist unbekannt. Sicher ist, dass die globale Erwärmung nunmehr nicht nur ein Umweltthema, sondern bereits jetzt ein Armutsverstärker und Entwicklungshemmnis für viele betroffene Entwicklungsländer darstellt. Binnenmigration und Umsiedlungen können sich zudem negativ auf die Umwelt auswirken und zu Ressourcenknappheit führen, was zusätzlich politische Konflikte hervorrufen kann.

Hot Spots der Umwelt- und Klimaflucht

Die Folgen des Klimawandels sind auf der ganzen Welt beobachtbar. Auch in Deutschland sind die Auswirkungen des Klimawandels inzwischen zu beobachten. Der Sommer 2018 war hier so heiß und trocken wie nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1781. Monatelang kein Regen, Dürre und ständige Waldbrände waren die Folgen.

Am stärksten von den Folgen des Klimawandels werden allerdings andere Regionen betroffen sein: Süd- und Ostasien, große Teile von Afrika wie der Sahelstaat Mali oder Kenia und auch zahlreiche pazifische Inselstaaten wie die Marshallinseln oder Tuvalu. Infolge des steigenden Meeresspiegels werden viele der bevölkerungsreichen tiefliegenden, küstennahen Regionen in Süd- und Ostasien überflutet werden. Die Volksrepublik China muss bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter etwa 73 Millionen Menschen umsiedeln. Für Bangladesch prognostiziert man, dass ein Fünftel des Landes überflutet wird.

In Subsahara-Afrika wird hingegen die Süßwassermenge knapper. Aufgrund zunehmender Trockenheit und Desertifikation werden bis zum Jahr 2020 ca. 20 Prozent der Ernteerträge zurückgehen und zu einer noch drastischeren Nahrungsmittelknappheit führen als bisher. Schon jetzt ist die Mehrzahl der hungernden Menschen hier zu finden. Infolge des Klimawandels drohen zusätzlich 250 bis 550 Millionen Menschen zu hungern von den wirtschaftlichen Folgen für diesen Kontinent ganz abgesehen.

Bereits am 24. November 2005 entschloss sich die Regierung Papua-Neuguineas aufgrund der drohenden Überflutung für die Evakuierung der 980 Einwohner der Cateret-Inseln, im Südpazifik. Diese gelten in der Öffentlichkeit seither als die ersten Klimageflüchteten, die aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Inseln verlassen mussten.

Migrationsrechte bei Klimaflucht

Die Auswirkungen des Klimawandels und die damit einhergehenden Flüchtlingsströme gefährden die Sicherheit der Betroffenen und schränken ihre Menschenrechte ein. Dazu gehören Nahrung, Unterkunft, Trinkwasser und der Schutz vor unmittelbaren Gefahren für die Gesundheit.

Mittlerweile ist klar, dass die Auswirkungen des Klimawandels und die damit einhergehenden Flüchtlingsströme nur noch begrenzt, aber nicht mehr aufgehalten werden können. Der Fokus der internationalen Gemeinschaft liegt bisher aber lediglich auf einer Begrenzung des Klimawandels durch die Festlegung von Emissionszielen für die OECD-Länder. Auch in internationalen Diskussionen findet die Tatsache, dass sich viele der am stärksten betroffenen Länder ohne Hilfe durch die internationale Gemeinschaft kaum an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen können, bisher kaum Beachtung. Obwohl sich die „Klimaflucht“ derzeit meist innerhalb der Landesgrenzen der betroffenen Länder abspielt, gilt eine Anerkennung des Klimawandels als Fluchtursache im nationalen und internationalen Migrationsrecht als notwendig: „Klimaflüchtlinge“ fallen bisher durch das Raster der internationalen Migrations- und Flüchtlingspolitik. Und das, obwohl laut einer Greenpeace-Studie von 2017 jährlich 21,5 Millionen Menschen aufgrund des Klimawandels auf der Flucht sind. Das sind mehr als doppelt so viele, wie jedes Jahr wegen Krieg und Gewalt flüchten müssen.

Schweden ist bisher das einzige Land, in dessen Gesetzgebung zumindest die Existenz von Umwelt-Migranten „as a person in need of protection, who is unable to return to his native country because of an environmental disaster“ Erwähnung findet. Im Fall von Naturkatastrophen existieren jedoch Ausnahmen, in denen bspw. die USA, Kanada oder die Europäische Union betroffenen Menschen temporäres Asyl gewähren.

Ende August 2014 hat außerdem Neuseeland eine vierköpfige Familie aus dem Inselstaat Tuvalu aufgenommen, mit dem Asylgrund Klimawandel. Damit war Neuseeland das erste Land der Erde, welches Flüchtlinge aufnahm, die auf Grund des Klimawandels „aus humanitären Gründen“ Asyl beantragten. Die „klimainduzierte Migration“ gilt allerdings nach wie vor in keinem Land der Erde als Fluchtgrund.

Was nun? Verantwortung übernehmen!

Kolonialisierung und Weltmarktpolitik haben über Jahrhunderte zur Ausbeutung von bestimmten Menschengruppen und Ländern geführt. Die Folgen des Klimawandels tragen unfairerweise größtenteils die Länder des globalen Südens, die nur sehr unwesentlich zum Klimawandel beigetragen haben. Sie besitzen aber im Gegensatz zu den Verursachern, den  Industrieländern, nicht die nötigen Ressourcen, um sich dem Klimawandel anzupassen.

Es gilt also: Nicht nur sollten wir uns die Konsequenzen des Klimawandels bewusst machen und die moralische Verantwortung tragen, sondern auch handeln. „Die Wissenschaft sagt, dass die aktive Begrenzung der globalen Erwärmung viel billiger ist, als einfach nichts zu tun. Nichtstun würde uns am Ende ein Vielfaches der rund zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten, die wir für die Klimastabilisierung aufbringen müssten“, so Hermann Lotze-Campen, Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am PIK.

Die wirksamste Maßnahme ist der Klimaschutz selbst. Darüber hinaus muss im Vordergrund stehen, die Lebensgrundlagen der Menschen national und international zu sichern. Dies bedeutet unter anderem, die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu stärken. Die Industrienationen haben sich außerdem im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 dazu verpflichtet, Entwicklungsländern von 2020 bis 2025 jährlich 100 Milliarden Dollar für Anpassungsmaßnahmen bereitzustellen.

Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen verlangen aber auch mehr Schutz und Unterstützung für Klimageflüchtete und fordern Drittstaaten auf, Klimageflüchtete aufzunehmen. Nicht zuletzt müssen endlich völkerrechtliche Regelungen erarbeitet werden.

Auch Bürgerinnen und Bürger können aktiv werden: Wir können Klimaschutzmaßnahmen direkt in unserem Alltag umsetzen und unseren CO2-Fußabdruck reduzieren. Zugleich gilt es aber auch, mehr Druck für eine gerechtere und effektivere Klimapolitik auszuüben.

Erste Veröffentlichung: Rima Hanano, 2008; letzte Aktualisierung: März 2019 (RESET-Redaktion/Sheena Stolz)

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