Kinderarbeit – Warum arbeiten Kinder?

Laut UN-Kinderrechtskonventionen hat jedes Kind das Recht, zu spielen, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen und sich zu erholen. Für weltweit mehr als 168 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren sieht die Realität nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) jedoch ganz anders aus.

Autor Rima Hanano, 23.10.08

Übersetzung Julian Furtkamp:

Laut UN-Kinderrechtskonventionen hat jedes Kind das Recht, zu spielen, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen und sich zu erholen. Für weltweit mehr als 168 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren sieht die Realität nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) jedoch ganz anders aus.

Von den weltweit 168 Millionen Kinderarbeitern, arbeiten nach Schätzungen der Internationale Arbeitsorganisation (IAO) aus dem Jahr 2013 78 Millionen Kinder in Asien, 59 Millionen Kinder in Afrika und der südlichen Sahara, 12,5 Millionen Kinder in Latein- und Mittelamerika. Der Grossteil, etwa 59 Prozent dieser Kinder, arbeitet im verborgenen informellen Sektor wie bspw. auf der Straße oder in der Landwirtschaft. Sie bestellen Felder, bringen die Ernte ein, sprühen Insektizide und bedienen Maschinen.

Die Zahlen der Kinderarbeit haben sich laut IAO seit 2000 um fast ein Drittel verkleinert, dennoch ist Kinderarbeit immernoch ein weltweites Problem.

Produkte aus Kinderhand: Baumwolle, T-shirts, Kaffee, Tee …

Baumwolle, T- shirts, Kaffee, Kakao, Tee, Natursteine, Kosmetik, Reis und Früchte. Die Liste der aus Kinderhand produzierten Waren ist lang und sie werden in die ganze Welt exportiert. Mehr als die Hälfte des Kakaos, der in Deutschland verarbeitet wird, stammt von der Elfenbeinküste, wo mehr als 600.000 Kinder in der Kakaoherstellung arbeiten.

Wer in den ärmsten Ländern der Welt über lange Lieferketten produzieren lässt, kann nach Meinung von UNICEF Deutschland, Kinderarbeit nicht ausschließen. So können und/oder wollen Discounter, aber auch Edelmarken selten Auskunft geben, ob Kinder in ihren Zulieferbetrieben beschäftigt werden.  Es sind die westlichen Märkte, aber auch wir als Konsumenten, die am Ende dieser Lieferkette von den niedrigen Preisen profitieren und gebrauch machen.

Kinderarbeit ist nicht gleich Kinderarbeit

Während sich viele NRO die grundsätzliche Bekämpfung und Abschaffung von Kinderarbeit zum Ziel gesetzt haben, vertreten einige internationale Organisationen wie die IAO oder terre de homes die Auffassung, dass nicht jedes Kind, welches arbeitet als gefährdet gilt und auch nicht jede Form der Kinderarbeit bekämpft werden muss und kann. Bekämpft werden wohl aber jegliche Formen ausbeuterischer Kinderarbeit. Von 169 Ländern ratifiziert wurden Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit, der Ausbeutung.  Zu den schlimmsten Formen ausbeuterischer Kinderarbeit zählen nach einer international anerkannten Definition der IAO unter anderem:

* Sklaverei und Schuldknechtschaft und alle Formen der Zwangsarbeit
* Kinderprostitution und -pornographie
* Der Einsatz von Kindern als Soldaten
* Illegale Tätigkeiten, wie zum Beispiel Drogenschmuggel
* Arbeit, die die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit gefährdet, also zum Beispiel Arbeit in Steinbrüchen, das Tragen schwerer Lasten oder sehr lange Arbeitszeiten und Nachtarbeit.

Zusätzlich hat UNICEF Kriterien festgelegt, die anzeigen, wann Kinderarbeit als schädliche Ausbeutung bezeichnet werden muss. Das ist der Fall,
* wenn die Kinder vollbeschäftigt werden,
* wenn sie zuviel Verantwortung tragen, unter langen Arbeitszeiten und schlechter Bezahlung leiden,
* die Arbeit langweilig und monoton ist,
* das Arbeitsumfeld gefährlich ist, zum Beispiel unter Tage oder auf der Straße,
* wenn die Arbeit sie körperlich oder seelisch zu stark belastet,
* wenn keine Zeit und Kraft mehr für die Schule und zum Lernen bleiben.

Warum arbeiten Kinder?

Bei Umfragen, ob Kinder in die Schule gehen oder arbeiten sollen, plädieren unabhängig vom Land nahezu 100 Prozent der Befragten für die Schule. Die materielle Armut gilt als Hauptursache für Kinderarbeit, da viele Familien ohne die Mithilfe ihrer Kinder schlichtweg nicht überleben könnten.

Auch mangelnde Bildung gilt als Ursache und Folge von Kinderarbeit. Die wenigsten Kinder, die arbeiten, besuchen eine Schule und erhalten damit nur eine geringe Chance auf einen höher qualifizierten Job. Studien belegen zudem, dass Kinderarbeiter auch ihre eigenen Kinder häufig wieder zur Arbeit schicken und damit ganze Generationen in diesem Teufelskreis gefangen sind. Vor allem in Südasien werden Kinder zudem in Schuldknechtschaften hineingeboren. Sie leben  durch Schuldverhältnisse die von Generation zu Generation weitervererbt werden, in sklavenähnlichen Verhältnissen.

„Achten statt Ächten“

Die Abschaffung der Kinderarbeit gilt als eine der größten Errungenschaften der westlichen Welt. Nach einer  Studie des US-Arbeitsministerium bleiben Gesetzte gegen ausbeuterische Kinderarbeit auf nationaler Ebene jedoch oftmals wirkungslos. So müssen trotz Ratifizierung der Übereinkommen und nationaler Verbote gegen ausbeuterische Kinderarbeit weltweit schätzungsweise 126 Millionen Kinder tagtäglich unter gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen schuften.

In Indien arbeiten trotz eindeutiger Rechtslage mehr Kinder als in jedem anderen Land. Mehrere Zehnmillionen Kinder arbeiten hier trotz Schulpflicht und Verbot. Alleine in der Steinindustrie belegen Studien, dass mehr als 15 % der mehr als eine Millionen der Beschäftigten in den indischen Steinbrüchen Kinder sind. In Bangladesh müssen fast 7 Millionen Kinder für ihr Überleben und das ihrer Familien arbeiten.

Die pauschale Forderung nach einer Abschaffung der Kinderarbeit, ist in vielen Ländern des Südens ohne die Schaffung geeigneter Alternativen nach Meinung internationaler Organisationen unvereinbar mit der realen Lebenssituation vieler Familien. In der Vergangenheit führten pauschale Verbote zu einer Kriminalisierung arbeitender Kinder und damit zu einer Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen.

In den 70er Jahren begannen sich arbeitende Kinder in Lateinamerika  und später auch in Afrika und Asien  selbst zu organisieren. In Nicaragua fordern Kinder der Organisation NATRAS sogar ein Recht auf Arbeit unter dem Motto „Achten statt Ächten“. Auch in Peru haben sich Kinder in der Organisation MANTHOC (Movimiento de Niños Trabajadores Hijos de Obreros Cristianos) zusammengeschlossen um so gegen ihre Ausbeutung vorzugehen und ihre Rechte und eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen  durchzusetzen.

Alternativen schaffen

Die Schaffung von echten realitätsnahen Alternativen hat sich in vielen Fällen als wirksameres Mittel herausgestellt, als die bloße Boykottierung von Produkten aus Kinderhand. „ Die wirksamste Waffe gegen Ausbeutung von Kindern ist Bildung. Wer etwas gegen Kinderarbeit tun will, sollte Bildungsprojekte unterstützen.“, so die Kinderarbeitsexpertin Pins Brown von der von der britischen Organisation Anti-Slavery International.

So zahlt die brasilianische Regierung Eltern, die ihre Kinder in die Schule schicken, mittlerweile ein Unterhaltsgeld. Einen viel versprechenden Ansatz der Arbeit und Schule vereint, verfolgt die Sekem-Farm in Ägypten unweit von Kairo. Hier arbeiten Kinder zwischen 12 und 15 Jahren tagtäglich mehrere Stunden auf Kamillenplantagen, allerdings unter einer Bedingung: Dass die Kinder eine Schule besuchen.

Alles eine Frage des nachhaltigen Konsums?

Obwohl Kinderarbeit mit Sicherheit nicht nur eine Frage des nachhaltigen Konsums ist, gilt es als Konsument zumindest Produkte zu meiden, die aus ausbeuterischer Kinderarbeit stammen.  Leider lassen bisher die wenigsten Produkte Schlussfolgerungen zu, ob sie aus ausbeuterischer Kinderarbeit stammen. Produkte, die mit Sicherheit nicht aus ausbeuterischer Kinderarbeit stammen sind mit international anerkannten Siegeln wie TransFair, Gepa, Care&Fair, Flower Label, Hand in Hand oder Rugmark gekennzeichnet.

Einen Überblick über namhafte Unternehmen und deren Politik zu Kinderarbeit bzw. ihr Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit bietet der Blog des Aktionsnetzwerks gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Auch die „Kampagne für Saubere Kleidung“ bietet einen Überblick über Unternehmen, die laut Unternehmenspolitik auf ausbeuterische Kinderarbeit verzichten. Zudem unterstützt EarthLink das „aVOID-Plugin“, eine Software, welche bei Online-Suchanfragen automatisch alle Marken ausblendet, bei denen Kinderarbeit in der Produktion nicht auszuschließen ist. Bisher ist die Software nur für Google Chrome erhältlich. Das Plugin kannst Du Dir unter www.avoidplugin.com oder www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de herunterladen.

Quellen und Links

Rima Hanano, RESET-Redaktion (Update: Dezember 2013)

MARKIERT MIT
Der RESET App-Check: Mit aVOID Kinderarbeit meiden

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