Während KI-Werkzeuge unsere digitale Welt immer stärker durchdringen, werden uns die vielfältigen Folgen der „KI-Revolution“ nur nach und nach bewusst. Dass die Bereitstellung von generativer KI mit einem hohen Energie- und Wasserverbrauch daherkommt, werden die meisten Menschen inzwischen mitbekommen haben. Wie viele moderne Plattformen sind ChatGPT, Gemini und Co. allerdings auch so designt, dass sie Nutzer:innen im Gespräch halten und immer mehr Fragen beantworten und Aufgaben übernehmen.
Dieses Produktdesign, das unter anderem auf Dark-Patterns und Abomodellen beruht, erschwert einen ökologischen Umgang mit generativer KI. Die neue Plattform aim2balance.ai setzt daher zum Beispiel auf ein Prepaid-Modell und weist die zugrundeliegenden Sprachmodelle dazu an, weniger Rückfragen zu stellen.
Bleibt KI also endlich innerhalb der planetaren Grenzen? Wir haben mit Stephen Wehner vom Bergwaldprojekt gesprochen.
Was genau ist aim2balance.ai?
„Wir haben [im Bergwaldprojekt] vor einigen Jahren gemerkt, dass da eine neue Technologie kommt, die uns in unserer Arbeit durchaus helfen kann“, beginnt Stephen Wehner unser Gespräch wenige Wochen nach dem offiziellen Start von aim2balance.ai. Über einen Pressezugang haben wir die Plattform bereits eine Zeit lang ausprobiert. „Im Wald“, so fährt Stephen fort, „werden zunehmend auch KI-Systeme eingesetzt und je früher wir Probleme wie Waldbrände oder Trockenheit erkennen, desto früher können wir darauf reagieren. Als wir dann aber die ersten Anwendungen ausprobiert haben, erkannten wir schnell: ‚Das hat ja total viele Nachteile!‘“
Stephen Wehner und sein Team vom Bergwaldprojekt wollten daher ein KI-Werkzeug schaffen, bei dem viele dieser Nachteile wegfallen. Ihr Ansatz entstammt dabei aus der Ökologie selbst, erklärt Wehner:
„Diversität bringt in der Natur immer mehr Resilienz – das haben wir in 30 Jahren Vereinsarbeit gelernt. Die Wirtschaft arbeitet aber immer mit Effizienz und wenn sich ein Problem ergibt, wird dieses meist noch weiter verdichtet. Als gemeinnütziger Verein, der eben nicht auf Effizienz optimieren muss, können wir daher eine Alternative wie aim2balance.ai anbieten.“
Die Plattform funktioniert dabei grundlegend genauso wie etablierte Lösungen. Wer aim2balance.ai im Browser oder in der App öffnet, findet das gewohnte Chatfenster mit ausreichend Platz für einen Gesprächsverlauf vor. Auch personalisierte Assistenten oder die Möglichkeit, Antworten grundlegend an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, kennen geübte KI-Nutzer:innen bereits. Wie jede moderne „KI“ kann aim2balance.ai neben Textinhalten auch Bilder und Code erzeugen. Denn die Grundlage für die Antworten stellen auch hier etablierte große Sprachmodelle.
„Jede Anfrage wird erst einmal von einem sehr kleinen KI-Modell verarbeitet“, antwortet Stephen Wehner auf die Frage, mit welchen Sprachmodellen aim2balance.ai arbeite. „Dieses wählt aus, welches der integrierten Modelle die jeweilige Anfrage am effizientesten ausführen kann. Schon dadurch können wir unseren Ressourcenverbrauch um mindestens 50 Prozent reduzieren.“
Warum KI-Schwergewichte von Google und Meta für ein grünes KI-Werkzeug nutzen?
Der Ressourcenverbrauch von großen Sprachmodellen hat viele Dimensionen. In den frühen Anfängen der Technologie konzentrierte sich die Kritik einer mangelnden Nachhaltigkeit meist am ressourcenintensiven Training. Und nach wie vor werden LLMs anhand von Billionen von Parametern in riesigen Rechenzentren trainiert. Studien zeigten jedoch: Die Nutzungsphase trägt im Lebenzyklus eines Sprachmodells den größeren Anteil an der Ökobilanz. Die sogenannte Inferenzphase, also die alltägliche Nutzung, ist dadurch auch der größere Hebel in einem nachhaltigen Umgang mit KI. Hier setzt aim2balance.ai an.
Wie uns Stephen Wehner erklärt, setzt sein Team auf mehrere Strategien zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs: „Dadurch, dass wir in Europa gehostet sind, handeln wir schon einmal grundlegend im Rahmen der DSGVO. Wir übertragen alle Daten zudem mit Verschlüsselungscodes, die auch für Bankdaten genutzt werden. So fließen keine Daten an Big-Tech-Unternehmen ab.“ Das Team von aim2balance.ai kann damit die Analyse von Nutzungsdaten vermeiden. Dass dies ein regelrechter Stromfresser sein kann, verriet uns Miriam Ruhenstroth vom Institut für Technik und Journalismus in einem anderen Interview.
Die genannten Server werden zudem zu 100 Prozent mit Ökostrom betrieben und aim2balance.ai führt 2,5 Prozent der Einnahmen in Renaturierungsprojekte zurück. Warum man sich für diese eher kuriose Zahl entschied, hat laut Stephen Wehner einen einfachen Grund: „Wir haben überlegt: Welche Kennzahl beschreibt, wie sich Ressourcen auf unserem Planeten verengen? Volkswirtschaftlich gesehen ist das die Inflationsrate – daher geben wir immer die langfristig weltweite Inflationsrate zurück. Und die liegt eben bei 2,5 Prozent.“
„Momentan besteht unsere Kernarchitektur aus einer Kombination von zwei Modellen – Googles Gemma 4 und GLM-5.2 [vom chinesischen KI-Startup Z.ai]“, erklärte uns aim2balance.ai’s Team Koordinator Husam Al Dakak via Mail. Zusätzlich zu diesen Kernmodellen kämen für „spezifische Aufgaben wie Bild- und Titelgenerierung, RAG, STT, TTS oder Prompt-Verbesserungen weitere kleinere Open-Source-Modelle“ hinzu.
Bei einer Eingabe nutze aim2balance.ai ein „smartes Routing“, um zwischen den verschiedenen Modellen auszuwählen: „Das System analysiert die Nutzeranfrage und entscheidet dynamisch, ob das kleinere Modell ausreicht oder das ohnehin sehr effiziente GLM-5.2 die Frage beantworten soll.“
Auch wenn der Einsatz großer US-amerikanischer und chinesischer Sprachmodelle bei einem grünen KI-Angebot erst einmal widersprüchlich scheint, ist er laut Wehner aktuell noch nötig: „Die weitaus befriedigendere Lösung wäre, wenn wir europäische Modelle haben, die nach ‚guten‘ Prinzipien designt sind und in ihren wirtschaftlichen Interessen mit unseren Prinzipien übereinstimmen.“ An genau diesen Lösungen mangele es allerdings. Da der Verein für das Training eines eigenen Sprachmodells nicht die nötigen Ressourcen hat, konzentriert man sich erst einmal auf die Inferenz.
Die Einnahmen setzt das Bergwaldprojekt zudem gezielt für die Unterstützung von Ökosystemen ein. Wichtig war es Stephen Wehner dabei zu erwähnen, dass der Verein sich an den Bedürfnissen der Ökosysteme orientiert. Wie genau der Verein arbeitet, steht ausführlich auf seiner Internetseite.
aim2balance.ai bezieht psychologische Faktoren mit ein
Eine große Besonderheit von aim2balance.ai ist, wie die Plattform Nutzer:innen zu einem bewussteren Umgang mit KI-Werkzeugen animiert. Die enorme Ausbreitung von KI-Werkzeugen seit 2023 findet nach wie vor hauptsächlich von Big-Tech-Unternehmen in den USA statt. Zwar gibt es immer mehr Alternativen wie etwa das ethisch und auf Ökostrom entwickelte Sprachmodell Apertus, ihre Verbreitung ist jedoch nicht mit großen Modellen aus den USA oder in China vergleichbar.
Und deren Geschäftsmodelle basieren zu einem Teil auf psychologischen und psychosozialen Prinzipien, um die Nutzung zu erhöhen. Sogenannte Dark-Patterns führen etwa dazu, dass Nutzer:innen stärker an bestimmte Plattformen gebunden werden. Mit der enormen Personalisierung von KI-Software steigt diese Abhängigkeit, da Menschen zu Diensten wie ChatGPT parasoziale Beziehungen aufbauen. Einerseits können sich negative psychische Folgen für Nutzer:innen häufen. Andererseits sorgt das auch für eine intensivere Nutzung und somit zu einem höheren Ressourcenverbrauch.
„Teil von aim2balance.ai ist auch eine Reflexionsebene [… für die eigene KI-Nutzung.] Andere Chatbots animieren immer dazu, den Dialog zu verlängern. Da Menschen von Natur aus neugierig sind, versuchen wir genau das aufzubrechen.“ In einer Sidebar, erklärt uns Stephen Wehner weiterhin, gibt es daher eine Zusatzoption, über die man sein eigenes Verhalten reflektieren kann. Über die Software EcoLogits vergleicht aim2balance.ai zusätzlich den Energie- und Wasserverbrauch mit herkömmlichen KI-Chatbots. So können Nutzer:innen auch den ökologischen Impact ihrer Nutzung im Blick behalten.
Wie teuer ist aim2balance.ai in der Praxis?
Laut Kostenübersicht von aim2balance.ai reichen 5 Euro für 450 Prompts, also Anfragen an den Chatbot.
Bei einer durchschnittlichen Nutzung von 15 Prompts pro Tag im Monat reichen 5 Euro als monatliche Kosten aus. Wer mehr benötigt, kann auch 10 Euro, 20 Euro oder einen eigenen Betrag eingeben.
Eine automatische Aufladung gibt es ebenfalls – anders als bei einem Abomodell verfällt das aufgeladene Guthaben jedoch nicht.
aim2balance.ai bietet zudem bewusst weniger Folgefragen in Konversationen an und startet neue Accounts mit einer Umfrage zur Personalisierung der KI-Ausgaben. So konnten wir beispielsweise die Verwendung von Emojis deaktivieren und die Software um möglichst kurze Antworten ohne „Höflichkeitsfloskeln“ bitten. Für jede Anfrage können wir also Prinzipien von Sustainable-Prompting integrieren, wie wir sie im verlinkten Artikel ausführlicher erklären.
Anders als etablierte Alternativen gibt es bei aim2balance.ai zudem weder ein kostenfreies Angebot, noch ein Abomodell. Warum das Absicht ist, erklärt uns Stephen Wehner wie folgt: „Es stimmt einfach nicht, dass kostenlose Angebote wirklich kostenlos sind. Wenn ich etwas nutzen möchte, muss ich die Verantwortung dafür tragen und eben dafür zahlen.“ Um Nutzer:innen mehr Kontrolle über ihre Ausgaben zu geben, funktioniert aim2balance.ai über ein Prepaid-Konto, dessen Guthaben nicht verfällt: „Bei uns bezahle ich nur das, was ich auch genutzt habe.“
Wie geht’s weiter bei aim2balance.ai?
Möchtest du aim2balance.ai direkt einmal ausprobieren, geht das direkt im Browser oder in der aim2balance.ai-App für iOS und Android. Mit 25 kostenfreien Prompts kannst du dich auf der Plattform umschauen und dein Konto anschließend aufladen. Einschränkungen im Funktionsumfang gibt es dabei nicht.
Im Vergleich zu anderen Plattformen fehlen aktuell noch Komfortfunktionen wie ein Live-Chat für Dialoge mit dem KI-Assistenten oder die Möglichkeit, Videoinhalte zu generieren. Obwohl ein Live-Modus in den nächsten Monaten integriert werden soll, meint Stephen Wehner: „aim2balance.ai soll keineswegs das nächste ChatGPT werden. Und natürlich ist die Plattform noch nicht perfekt. Aber je mehr Menschen es nutzen, desto besser wird sie.“
Das Bergwaldprojekt möchte aim2balance.ai zusätzlich via Open-Source zukunftssicher gestalten. Selbst dann, wenn nicht genügend Menschen die Plattform nutzen und der Verein sie nicht mehr anbieten kann, kann sie so weiterbestehen.
Wir bedanken uns bei Stephen Wehner für das Gespräch.



