Interview: Eine nachhaltige Digitalisierung braucht kooperatives Lobbying von Bits und Bäumen

Vergangenen Oktober sind wieder tausende Menschen auf der Bits-und-Bäume-Konferenz zusammengekommen, um über Nachhaltigkeit und Digitalisierung zu diskutieren. Friederike Rohde (IÖW) über Entwicklungen und Erfolge der Konferenz und wichtige nächste Schritte für eine nachhaltige Digitalisierung.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 02.01.23

Übersetzung Mark Newton:

Ende letzten Jahres fand die zweite Bits-und-Bäume-Konferenz in Berlin vom 30. September bis 2. Oktober statt. Nach einer sehr erfolgreichen ersten Konferenz 2018 drehte sich auch dieses Mal wieder alles um die Frage, wie eine gerechte und nachhaltige Gestaltung der digitalen Welt aussieht. Ausgerichtet wurde die Konferenz von einem breiten Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen.

Friederike Rohde ist für das IÖW Teil des Trägerkreises und hat mit ihrem Kollegen Frieder Schmelzle u.a. das Programm begleitet und die politischen Forderungen, die im Rahmen der Konferenz veröffentlicht wurden, mitentwickelt. Wir haben uns mit ihr auf ein Interview getroffen und uns über die Erfolge der Konferenz und darüber, wie die Zusammenarbeit des daraus entstandenen Netzwerks aufrecht erhalten und mehr Einfluss auf die Politik genommen werden kann, unterhalten.

Friederike Rohde ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Sie promoviert zu den Zukunftsvorstellungen der Digitalisierung im Energiesystem und welche Rolle Nachhaltigkeit dabei spielt und beschäftigt sich u.a. mit dem Themenfeld Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit.

RESET: Die erste Konferenz fand ja 2018 statt, also vor vier Jahren. Was sagst du: Wie hat sich das Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung in den letzten vier Jahren weiterentwickelt?

Friederike: Bei der ersten Konferenz war es im Prinzip eher eine Art Problemanalyse. Also die Frage, was eigentlich die Problematik hinter der Schnittstelle Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist. Denn wir haben ja einerseits einen gesellschaftlichen Prozess der Digitalisierung, der sich durch alle Bereiche zieht. Und wir haben das Ziel, dass unsere Gesellschaft nachhaltiger gestaltet sein soll. Und wie kriegt man diese beiden Dinge in irgendeiner Form in Einklang?

Bei der zweiten Konferenz hat sich gezeigt, dass es mittlerweile viel mehr Erkenntnisse und Aktivitäten zu dem Thema gibt: Wo liegen strukturelle Probleme? Was sind eigentlich die positiven Wirkungen? Was sind die Aspekte, die eher mit Risiko behaftet sind und wo gibt es Überschneidungen zwischen sozialen und ökologischen Aspekten? Das Thema Cookies und Tracking ist ein gutes Beispiel dafür; das erzeugt eben nicht nur Daten und Ressourcenströme, die unnötig sind, sondern ist auch für den Datenschutz problematisch.

Da hat sich wahnsinnig viel weiterentwickelt, zum Beispiel auch, dass man nicht mehr gefragt wird, was Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben, sondern es ist völlig klar, dass sie verknüpft sind. Mittlerweile wird mehr darüber diskutiert, wie man das eigentlich so gestalten kann, dass es tatsächlich in die richtige Richtung geht.

Wie ist dein Fazit der diesjährigen Konferenz? Würdest du sie als einen Erfolg bezeichnen?

Ich würde die Konferenz auf jeden Fall als einen Erfolg bewerten, und zwar vor allem im Hinblick darauf, dass wir verstärkt politische Wirkungen erzielt haben. Ich denke vor allem dadurch, dass wir im Vorfeld im Trägerkreis sehr viel an den politischen Forderungen gearbeitet und diese veröffentlicht haben. Auf der Konferenz haben Akteure aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik dann über diese gemeinsamen Forderungen diskutiert. Das hat die Relevanz des Themas Digitalisierung und Nachhaltigkeit bei politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern noch mal verstärkt.

Aber natürlich hat sich das Thema auch weiterentwickelt und es hat sich – auch im Vergleich zur ersten Konferenz – gezeigt, dass es sehr viel mehr Leute gibt, die tatsächlich an der Schnittstelle von Digitalisierung und Nachhaltigkeit arbeiten.

Digitalisierung zukunftsfähig und nachhaltig gestalten. Politische Forderungen der Bits & Bäume 2022

Anlässlich der Konferenz haben die 13 beteiligten Organisationen aus Umwelt- und Naturschutz, Digitalpolitik, Entwicklungszusammenarbeit und Wissenschaft einen gemeinsamen Appell veröffentlicht, der sich mit konkreten Forderungen an die Bundesregierung, die Europäische Union und politische Akteure weltweit richtet. Zu den Forderungen gehört, die Digitalisierung stärker in den Dienst der Gesellschaft und des sozialen und ökologischen Wandels zu stellen, anstatt durch explodierenden Energiebedarf, Ressourcenverbrauch und mangelnde Teilhabe vor allem des Globalen Südens existierende Krisen noch weiter zu verschärfen. Hier geben wir einen Überblick über die Forderungen: Digitalisierung muss sozial-ökologischem Wandel dienen

Die gemeinsamen politischen Forderungen zu entwickeln war bestimmt kein leichter Prozess, oder?

Ja, das war ein intensiver Aushandlungsprozess zwischen den verschiedenen Trägerkreisorganisationen. Aber ich fand diesen Prozess sehr produktiv und interessant, denn dabei haben sich die Organisationen des Trägerkreises, die alle sehr unterschiedliche Perspektiven und Ziele haben, wirklich auf einen gemeinsamen Forderungskatalog geeinigt, der sehr detailliert und konkret ist.

Auf der Konferenz haben wir dann versucht, neben Perspektiven aus den Bits & Bäume Communities möglichst viele politische Perspektiven einzubinden und politische Akteure mit unterschiedlichen Hintergründen eingeladen. Aber worum es eben auch ging, und ich glaube, das ist auch ein wichtiger Punkt, dass die Zivilgesellschaft eine deutliche, starke Stimme in politischen Prozessen braucht. Und dass man versucht, als Bits-und-Bäume-Bewegung wirklich so eine Art kooperatives Lobbying zu organisieren und zu sagen, dass es bestimmte Zielsetzungen gibt, auf die wir uns geeinigt haben und für die wir uns einsetzen.

Was meinst du, zeigen eure Forderungen und die Konferenz bereits Wirkung?

Im Nachgang der Konferenz ist das Thema auf jeden Fall sehr viel präsenter und der Gesprächsbedarf seitens politischer Akteure ist spürbar gewachsen. Ich denke schon, dass das Thema sehr viel mehr auf der politischen Agenda ist und tatsächlich auch die wichtigen Aspekte diskutiert werden.

Wie soll es weitergehen? Aktuell seid ihr gerade in den Vorbereitungen für eine Publikation, richtig?

Ja, das ist jetzt der Prozess, in den wir gerade sehr stark involviert sind, das Bits-und-Bäume-Journal. In dieser Publikation, die aus der Bits-und-Bäume-Konferenz entsteht, werden sehr viele spannende Beiträge zum Thema sein, auch aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Dieses Mal wird sie auf Englisch sein. Dabei geht es darum, auch in größere Räume als nur die deutsche Debatte zu wirken, sowohl auf europäischer Ebene als auch international.

Es geht aber auch darum, als Netzwerk längerfristig zu wirken, oder?

Ja, wir beschäftigen uns gerade intensiv mit der Frage, wie dieses Bündnis, das jetzt entstanden ist und das eine sehr gute und sinnvolle Arbeit leistet, so verstetigt werden kann, dass man längerfristig zusammenarbeitet und dieses kooperative Lobbying auch wirklich wirksam betreiben kann.

Wir wollen uns weiterhin sehr stark in diesem Bündnis engagieren, weil wir der Meinung sind, dass man damit viel erreichen kann. Also, dass die Digitalisierung in Zukunft nachhaltiger gestaltet wird und man mit der geballten Power dieses Bündnisses die strukturellen Veränderungen, die dafür notwendig sind, auch wirklich erreichen kann. Und wir wollen mit unseren politischen Forderungen noch mehr arbeiten und noch gezielter bestimmte Forderungen in politische Prozesse einbringen.

Eure politischen Forderungen sind ja sehr umfassend. Kannst du trotzdem Aspekte nennen, auf die ihr euch konzentrieren wollt?

Also, es gibt drei Bereiche, die aus unserer Perspektive am wichtigsten sind. Das eine ist das Thema Geräte und Hardware. Wir haben ja zum Beispiel eine Forderung nach dem Recht auch Geräteneutralität – und das ist eine ziemlich weitreichende und auch umfassende Forderung. Sie löst aber ziemlich viele Probleme, die mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu tun haben, weil der größte ökologische Fußabdruck in den Geräten steckt. Es gibt verschiedenste Studien, die genau zeigen, wie der Energie und Ressourcenverbrauch der Geräte sehr stark zu Buche schlägt und über die Hälfte des gesamten ökologischen Fußabdrucks ausmacht. Im Endeffekt ist es also so, dass wenn ich mir ein fair hergestelltes Handy zulege, dass ich viele Jahre nutze, dann fällt auch zum Beispiel das Streaming nicht so ins Gewicht. Diese Verhältnismäßigkeit zwischen dem, was für ein Energie- und Ressourcenverbrauch in Geräten steckt, das muss man adressieren.

Den zweiten Aspekt, den wir als IÖW wichtig finden, ist das ganze Thema neue Formen des Wirtschaftens, also alternatives Wirtschaften und alternative Plattformen. Ob wir auf eine sozial-ökologische Transformation hinsteuern oder nicht hat sehr viel mit unserer Art und Weise des Wirtschaftens zu tun und inwieweit alternative Formen des Wirtschaftens überhaupt möglich sind. Eine unserer Forderung ist daher auch, dass es rechtssicher möglich sein muss, digital eine Genossenschaft zu gründen, also dass man auch wirklich die Potenziale der Digitalisierung nutzen kann, um alternative Organisationsformen und alternative Wirtschaftsformen zu ermöglichen. Nur so kann man dem ökonomischen Ungleichgewicht, das zwischen großen und kleinen Akteuren entstanden ist, etwas entgegensetzen.

Und das dritte Thema ist die Frage, wer sich eigentlich an Entscheidungsprozessen beteiligt, sowohl an politischen Entscheidungsprozessen, aber auch daran, wie wir die gesellschaftlichen Wirkungen von Technologien bewerten. Es sollte zum Beispiel Gremien geben, in denen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in einem ausgewogenen Verhältnis beteiligt werden und eben nicht so was passiert wie bei der Digitalstrategie. Da hat sich herausgestellt, dass sich bei der Vorbereitung 15 Mal mit der Wirtschaft getroffen wurde, aber nicht einmal mit der Zivilgesellschaft.

Friederike, vielen Dank für das Interview!

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