Internetblockade im Iran: Mit Snowflake kannst du Menschen trotzdem Netzzugang ermöglichen

Mit Snowflake kannst du den Menschen im Iran helfen, die strenge staatliche Internetzensur zu umgehen, ohne deine Daten oder Sicherheit zu gefährden.

Autor*in Lana O'Sullivan:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 26.01.26

Seit Anfang des Jahres kommt es im gesamten Iran zu landesweiten Protesten. Zehntausende Iraner:innen gehen auf die Straße, um gegen den plötzlichen Wertverlust der Landeswährung zu protestieren und ihre Forderungen nach politischen Reformen und einem Ende des Regimes von Ayatollah Ali Khamenei zu bekräftigen.

Die iranische Führung reagiert mit massiven Repressionen, bei denen eine unbekannte Zahl von Menschen – wahrscheinlich viele Tausende – ums Leben kam. Um die regierungsfeindliche Bewegung zu unterdrücken, wurde außerdem der Internetzugang gesperrt.

Mit der Internetsperre verfolgt das Regime wahrscheinlich zwei Hauptziele. Zum einen soll es den Demonstrant:innen erschwert werden, weitere Proteste zu organisieren. Zum anderen soll die Sperre die Veröffentlichung von Berichten, Fotos und Videos über die Unruhen und Repressalien verhindern. Ohne das Internet können sich die Menschen im Land nicht unabhängig informieren oder Informationen austauschen. Und auch für Menschen im Ausland wird es immer schwieriger, sich ein klares Bild vom Ausmaß der Proteste zu machen.

Aber es gibt Möglichkeiten, wie Menschen außerhalb des Irans die Demonstrant:innen unterstützen können und dazu beitragen, diese Zensur zu umgehen, zum Beispiel mit der Software „Snowflake”.

Graffiti__Poverty,_corruption,_high_prices,_we_march_until_overthrow__in_Khorramabad,_Lorestan_Province,_Iran,_during_the_2025–2026_Iranian_protests Khorramabad, Provinz Lorestan, Iran, Anfang Januar 2026, mit Wandgraffiti mit der Aufschrift „فقر و فساد گرونی میریم تا سرنگونی” (Armut, Korruption, hohe Preise – wir marschieren, bis wir stürzen).

Datenvolumen mit Snowflake spenden

Jeder, der zu Hause einen Computer hat, kann Menschen im Iran kostenlosen Internetzugang ermöglichen und Bandbreite spenden. Snowflake ist eine kostenlose Erweiterung, die auf einen PC oder ein Mobiltelefon heruntergeladen werden kann. „Das Plugin läuft als Erweiterung in allen gängigen Chromium-Browsern wie Chrome, Edge, Brave und Opera und als Add-on auch in Firefox”, erklärt WDR-Netzwerkexperte Jörg Schieb.

Wie funktioniert Snowflake?

Snowflake wird vom Tor-Projekt betrieben. Der Tor-Browser wird oft mit dem „Darknet“ in Verbindung gebracht – einem Teil des Internets, der aufgrund seiner Nutzung durch kriminelle Akteure häufig missverstanden wird. In Ländern wie dem Iran, Russland und China ist der Browser jedoch eine wichtige Lebensader für die demokratische Opposition, Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen. Damit können sie sicher kommunizieren und ohne staatliche Einmischung auf Informationen zuzugreifen.

Das Tor-Netzwerk (kurz für „The Onion Router“) funktioniert, indem es Daten in mehrere Verschlüsselungsebenen einbettet. Es maskiert die Identität der Benutzer:innen, indem es dessen Verbindung über ein globales Netzwerk von freiwillig betriebenen Servern leitet.

Ein globaler Standard für Menschenrechte

Seit über zwei Jahrzehnten gilt das Tor-Projekt als eines der weltweit wichtigsten Instrumente für anonyme, zensurresistente Kommunikation. Als ein Eckpfeiler der globalen digitalen Infrastruktur wird es von verschiedenen Menschen täglich genutzt:

– Journalist:innen, die ihre Quellen vor staatlicher Überwachung schützen.

– Menschenrechtsaktivist:innen, die sich in risikoreichen Umgebungen koordinieren.

– Whistleblowern, die Korruption sicher aufdecken.

– Bürger:innen in Konfliktgebieten oder unter autoritären Regimes, die einfach nur mit der Außenwelt in Verbindung bleiben möchten.

Standard-Tor-Verbindungen können manchmal von hochentwickelten staatlichen Firewalls identifiziert und blockiert werden. Hier kommt Snowflake ins Spiel. Wenn du Snowflake aktivierst – entweder als Browser-Erweiterung oder als eigenständige Anwendung – registriert sich dein Computer bei einem zentralen „Broker”.

Indem dein Computer als Brücke fungiert, stellt er seine IP-Adresse jemandem zur Verfügung, der sie benötigt. Da diese IP-Adressen normalen privaten Internetnutzer:innen im Westen gehören, erscheinen sie den staatlichen Behörden völlig harmlos. Während ein Regime bekannte Tor-Relay-Server blockieren kann, ist es praktisch unmöglich, die Millionen von wechselnden IP-Adressen zu blockieren, die privaten Bürger:innen gehören.

Das System ist sowohl für die Freiwilligen als auch für die Nutzer:innen sicher. Als Snowflake-Anbieter:in kannst du Echtzeitstatistiken einsehen. Dabei wird dir angezeigt, ob gerade jemand deine Verbindung nutzt oder wie vielen Menschen du in den letzten 24 Stunden geholfen hast. Was du nicht sehen kannst ist, wer sich verbindet oder auf welche Inhalte diese Personen zugreifen. Das System ist so konzipiert, dass es vollständige Anonymität gewährleistet und die Bereitstellung einer „Brücke zur Freiheit“ deine eigene digitale Sicherheit nicht gefährdet.

Wie funktioniert Snowflake, wenn das Land kein Internet hat?

Auch während einer Internetsperre fließen für einen kleinen Teil der Bevölkerung weiterhin Informationen über ein unterirdisches Ökosystem digitaler Tools. Amir Rashidi, ein iranischer Experte für digitale Rechte, erklärte gegenüber The Guardian, dass dieses Netzwerk Telegram-Proxys und dezentrale Browser wie Ceno umfasst. Die wichtigste Komponente dieses Widerstands ist jedoch das Starlink-Satellitensystem. Durch die direkte Verbindung mit Tausenden von Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn umgehen diese Terminals terrestrische Filter vollständig.

Trotz der extremen Risiken wurden in den letzten zwei Jahren schätzungsweise 50.000 bis 100.000 Starlink-Terminals in den Iran geschmuggelt, obwohl sie nur einen winzigen Bruchteil der 90 Millionen Einwohner:innen des Landes versorgen.

Die rechtlichen Konsequenzen für die Nutzung solcher Technologien im Iran sind schwerwiegend. Nach einem 2025 verabschiedeten Gesetz kann der Besitz eines Starlink-Terminals als Spionage ausgelegt werden und mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden.

Das iranische Regime scheint daran zu arbeiten, das globale Internet durch ein „nationales Internet” zu ersetzen. Die Nachrichtenagentur IRIB veröffentlichte kürzlich eine Liste zugelassener inländischer Dienste, darunter staatlich überwachte Suchmaschinen, Navigationswerkzeuge und eine von der Regierung geprüfte Version von Netflix. Rashidi warnt, dass diese Websites Teil der Bemühungen sind, ein „Skelett-Web“ aufzubauen, das noch restriktiver ist als Chinas Great Firewall. Das neue System wird vollständig von der Regierung verwaltet und weitgehend von der Außenwelt abgekoppelt sein. Expert:innen wie Rashidi glauben, dass dies bedeuten könnte, dass das offene Internet, wie es einst in diesen Regionen existierte, möglicherweise nie wieder zurückkehren wird.

„Snowflake-Proxys dürften besonders hilfreich sein”

Pavel Zoneff, der Direktor für strategische Kommunikation des Tor-Projekts, erklärte gegenüber RESET, dass „viele der Möglichkeiten, Snowflake zu nutzen, entweder das Herunterladen einer Browser-Erweiterung oder einer App erfordern“. Ist das Internet gerade „abgeschaltet“, ist das natürlich nicht möglich. Daher empfiehlt Zoneff, das Tool im Voraus herunterzuladen.

Mit Sicherheit wird das Internet im Iran nicht für immer abgeschaltet bleiben. Und da es nicht das erste Mal ist, dass die iranischen Behörden das Internet sperrt, hatten viele Menschen Zeit, sich darauf vorzubereiten. Laut Zoneff „haben wir während der Demonstrationen kurz vor der Internetsperre einen deutlichen Anstieg der Snowflake-Nutzung beobachtet. Wenn die Verbindung wiederhergestellt ist, dürften Snowflake-Proxys besonders hilfreich sein“.

Um eine derart strenge Zensur zu umgehen, müssen die Nutzer:innen im Iran eine Tor-basierte Anwendung wie den Tor-Browser oder Orbot herunterladen. Wenn eine Standardverbindung durch die Firewall blockiert wird, kann der Zugriff oft über die Einstellungen der App wiederhergestellt werden, indem Snowflake aktiviert wird. Indem Nutzer:innen ihren Datenverkehr über die Browser von Freiwilligen weltweit leiten, können sie auch das „Skeleton Web“ umgehen.

In ganz Europa ist es völlig legal, die eigene Internetbandbreite zur Unterstützung der Menschenrechte zu teilen. Die nationalen Gesetze unterscheiden sich zwar geringfügig, aber das Grundprinzip bleibt dasselbe: Die Bereitstellung eines Zugangs zum offenen Internet ist eine geschützte Aktivität im Rahmen der digitalen Freiheitsrechte.

Darüber hinaus ist der Zugriff auf das Tor-Netzwerk oder das „Darknet“ in keinem EU-Mitgliedstaat strafbar. Wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) feststellt, trüben häufige Missverständnisse oft den Ruf des Netzwerks: „Aufgrund der vielen Geschichten, die über das Darknet und die Anonymität seiner Nutzer kursieren, kann leicht der Eindruck entstehen, dass das Netzwerk von Natur aus illegal ist.”

Tatsächlich aber unterscheiden die europäischen Rechtsnormen zwischen einem Werkzeug und einer Handlung. Die Nutzung eines Anonymisierungsdienstes wie Snowflake ist eine legitime Ausübung des Rechts auf Privatsphäre. Rechtliche Probleme entstehen nur, wenn eine Person diese Verbindung nutzt, um kriminelle Aktivitäten zu begehen, wie zum Beispiel verbotener Waren zu kaufen oder auf illegale Inhalte zuzugreifen.

Für die Freiwilligen, die eine Snowflake-Brücke bereitstellen, ist der Prozess als „Pass-Through“ konzipiert. Das bedeutet, dass sie nicht für den Datenverkehr verantwortlich sind, der über ihren Proxy läuft. Genausowenig ist ja auch ein Internetdienstanbieter nicht für den Inhalt der E-Mails seiner Kund:innen verantwortlich.

Durch den Betrieb eines Snowflake-Proxys können europäische Bürger:innen also proaktiv für die globale Meinungsfreiheit eintreten, ohne die gesetzlichen Grenzen ihres Landes zu überschreiten.

Sind meine Daten sicher?

Eine der häufigsten Sorgen von Freiwilligen ist, dass die Weitergabe ihrer Verbindung ihre eigenen Daten gefährdet. Die Technologie basiert jedoch auf einem strengen „Sandbox“-Ansatz. „Die Erweiterung wird direkt im Browser installiert und erlaubt keinen Zugriff auf persönliche Dokumente oder andere Daten auf Ihrer Festplatte oder in Ihrem Speicher. Sie fungiert lediglich als „Scharnier“, um den Datenverkehr aus zensierten Regionen in das Netzwerk umzuleiten. Darüber hinaus geschieht nichts weiter auf Ihrem System”, erklärt Jörg Schieb, Digitalexperte bei WDR.

Das bedeutet, dass deine privaten Dateien, Passwörter und dein Browserverlauf vollständig vom Snowflake-Prozess isoliert bleiben.

In einer Zeit, in der zunehmend digitale Grenzen gezogen werden, bietet Snowflake eine seltene Gelegenheit, diese zu überwinden. Technische Kenntnisse brauchst du dafür nicht und es entsteht kein Risiko für deine persönlichen Daten – nur ein paar Klicks, um das Fenster zur Welt für andere offen zu halten.

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