So revolutioniert Finnland Finanzdienstleistungen für Geflüchtete mit der Blockchain

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© MONI

Geflüchtete und Asylsuchende haben oft keine Papiere – was es ihnen und den Behörden erschwert, ihre Identität nachzuweisen. Das finnische Startup MONI hat eine Lösung dafür.

Autor Tristan Rayner:

Übersetzung Tristan Rayner, 15.05.18

Ohne Papiere ist es nicht möglich, das eigene Geburtsdatum nachzuweisen, ein Bankkonto zu eröffnen, Zugang zu staatlichen Dienstleistungen zu erhalten oder eine legale Arbeit zu finden. Die Blockchain-Technologie eröffnet hier eine spannende Lösung, denn einmal in ein Blockchain eingegebene Daten können nicht (bzw. nur mit ganz erheblichem Aufwand) verändert oder gelöscht werden – so können also auch digitale Identitäten verifiziert und nachverfolgt werden.

Bereits im Jahr 2015 kooperierte die finnische Einwanderungsbehörde Migri im Rahmen eines Pilotprojekts mit dem finnischen Startup MONI, in dem Geflüchtete eine Prepaid-Mastercard erhielten, die mit ihrer digitalen Identität verknüpft war. Diese wiederum wurde von Migri bereitgestellt. Die auf Ethereum basierende Blockchain-Technologie führt eine Aufzeichnung der mit der Karte getätigten Transaktionen. Das erleichtert es den Geflüchteten, eine Beschäftigung zu finden, Bezahlung von den Arbeitgebern zu erhalten – und es erlaubt ihnen auch, Rechnungen elektronisch zu bezahlen. All das beschleunigt letztlich den Prozess, in Finnland anzukommen. Inzwischen gibt es Tausende von MONI-Nutzern innerhalb der finnischen Gemeinde von Geflüchteten.

In Sachen Datenschutz gibt es zwar durchaus stichhaltige Bedenken, aber es handelt sich um ein freiwilliges System und laut Migri werden die Identitäten immer privat gehalten. „[Es gibt eine] Möglichkeit, die die Privatsphäre bewahrt, und dabei Dritten einen ausreichenden Nachweis über die Kartenprogramm konforme Identität liefert, ohne dabei jedoch die wahre Identität unserer Kunden gegenüber der dritten Partei preiszugeben“, so Jouko Salonen von Migri gegenüber MONI.

Zugleich können die Behörden über die anonym in der Blockchain aufgezeichneten Transaktionen nachvollziehen, wo Geflüchtete Geld ausgeben. Auf diese Weise erhält die Regierung ein Werkzeug, um die Bedürfnisse von Asylsuchenden und Geflüchteten besser verstehen zu können. Ein ähnlicher Ansatz wird auch von dem Blockchain-Projekt Fummi in benachteiligten Regionen der USA verfolgt, u.a. in der Gegend der New Yorker Bronx.

Warum die Blockchain – und warum nicht?

Ob die Blockchain-Technologie für die Aufzeichnung von Daten kostengünstiger ist als herkömmliche Software, ist strittig. Die greifbaren Vorteile bestehen darin, dass sie eine transparente, unmittelbare und eindeutige Aufzeichnung von Transaktionen ermöglicht. Dadurch können Probleme wie Korruption und Diebstähle reduziert werden und gegenüber allen beteiligten Parteien wird Rechenschaft abgelegt.

Dabei ist die Blockchain aber längst nicht immer die beste Lösung für alle Fälle. Die Einrichtung und der Betrieb der Technologie erfordern ein erhebliches technisches Know-how. Und die Notwendigkeit, Transaktionen zu verifizieren (als das sogenannte „Mining“ bekannt), erfordert eine hohe Rechenleistung einer großen Anzahl von Computern. Außerdem ist bekannt, dass Transaktionen bei großer Auslastung viel Zeit in Anspruch nehmen – wobei dies außerhalb der relativ großen und sperrigen Bitcoin-Blockchain weniger problematisch ist.

Das vorgestellte Blockchain-Konzept könnte auch auf andere Länder übertragen werden. Die EU beschäftigt sich bereits mit dem Thema und stellt Millionen von Euro bereit, um die Vorzüge zu prüfen und hat kürzlich gemeinsam mit der Unterstützung des Europäischen Parlaments das EU Blockchain Conservatory and Forum ins Leben gerufen.

Die Blockchain ist derzeit eines der meistdiskutierten Themen und es gibt viele „Blockchain for Good“-Projekte, die zum Beispiel eine bessere Verfolgung von Entwicklungshilfe- und Spendengeldern ermöglichen oder Menschen ohne Bankkonto eine Kryptowährung bereitstellen.

Du willst wissen, welches Potenzial die Blockchain für die nachhaltige Entwicklung hat? Hier erfährst du mehr!

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von Lydia Skrabania. Das Original erschien auf unserer englischsprachigen Website.

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