Berliner Startup HEDERA will den Impact von Mikrofinanzprojekten messbar machen

Durch die Finanzierung einer Nähmaschine können Frauen in Indien ein Business starten und so einen Weg aus der Armut finden.

Kann man Nachhaltigkeit messbar machen? Das Startup HEDERA hat ein digitales Toolkit zur Erhebung und Visualisierung von Daten für den Mikrofinanzsektor entwickelt. So kann besser analysiert werden, ob Projekte die gewünschte Wirkung erzielen.

Autor Jasmina Schmidt, 30.03.20

Übersetzung Jasmina Schmidt:

Wie lässt sich Nachhaltigkeit messen? Das ist keine leicht zu beantwortende Frage. Wie bei jeder Messung muss erst einmal klar sein, was eigentlich gemessen werden soll. So werden Größen zum Beispiel durch das metrische System angegeben, Temperatur in Grad Celsius. Bei einem kulturell und gesellschaftlich gewachsenen Begriff wie Nachhaltigkeit, der alles oder nichts bedeuten kann, sieht die Sache jedoch anders aus. Wie kann man nachhaltige Entwicklung messbar und transparent machen und auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet gestalten?

Für sämtliche Projekte – auch entwicklungspolitische – ist es wichtig zu wissen, wie es um ihre Wirkung steht. Oft wird dabei das Begriffspaar „Monitoring und Evaluation“ verwendet. Das bedeutet, dass Projekte während ihrer Laufzeit überprüft und, falls nötig, angepasst werden sollen; im Nachgang sollte dann eine Einschätzung erfolgen, was gut lief oder wobei für das nächste Projekt möglicherweise Verbesserungsbedarf besteht. Allerdings fehlt es oftmals vor allem bei kleineren NGOs oder Social Businesses an Erfahrung und Wissen, um diese Daten zu erheben – oder es ist unklar, welche Daten überhaupt erhoben werden sollten und welche nicht relevant sind.

Das Berliner Startup HEDERA will mit seinen digitalen Produkten den genauen Bedarf und die nachhaltige Wirkung von Investments im Mikrofinanzbereich darstellen. Mithilfe von transparenten, standardisierten Indikatoren will es dazu beitragen, die Wirkungsweise von Projekten hinsichtlich der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN (SDGs) messbar zu machen und über eine Plattform sämtliche notwendigen Informationen zwischen den beteiligten Interessensgruppen – lokale Antragsteller*innen, Mikrokreditgeber*innen und deren Investoren – vermitteln. Sozialinvestoren und Mikrofinanzinstitute sollen so nachhaltige und wirkungsvolle Investitionsmöglichkeiten identifizieren und den Fortschritt der Projekte hinsichtlich ihrer beabsichtigten Wirkung verfolgen können – ob zum Beispiel der Zugang zu Energie einzelner Haushalte verbessert werden kann. Zugleich soll der Zeit- und Kostenaufwand für die Datenerhebung auf Haushaltsebene durch einfache Umfragen so gering wie möglich gehalten werden.

Teil der digitalen Produktpalette des Berliner Startups, das im September 2019 vom BMWi-geförderten Gründerwettbewerb „Digitale Innovationen“ ausgezeichnet wurde, ist ein sogenanntes Impact Toolkit. Das Toolkit beinhaltet eine Software, bestehend aus einer mobilen App zur Datenerhebung, einem Web-Dashboard zur Datenanalyse und einer Anwendung zur Erstellung digitaler Berichte. Mit dem Toolkit soll eine mehrdimensionale Bewertung ermöglicht werden. Hierzu wird unter anderem mit dem Poverty Probability Index (PPI) gearbeitet, einem Messinstrument für Armut, mit dem die sozialen Auswirkungen auf der Ebene der Haushalte bewertet werden können. Der PPI basiert auf zehn Fragen, die je Land variieren und regelmäßig angepasst werden. Eine andere Messgröße ist WASH (Water, Sanitation and Hygiene) – also der Zugang zu Trinkwasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene. Hierfür setzt HEDERA das Bewertungs-Framework JMP von der WHO und Unicef ein. Das dritte Messinstrument operationalisiert den Zugang zu Energie. Diese multidimensionale Größe lässt sich nicht allein durch eine Ja-Nein-Beantwortung von Faktoren wie die Verfügbarkeit eines Netzanschlusses oder die Nutzung von Biomasse zum Kochen messen. Daher wird das ESMAP Multi-Tier Framework genutzt, das darauf abzielt, den Energiezugang und die Energiearmut entlang aller relevanten Dimensionen wie Kapazität, Dauer, Qualität, Erschwinglichkeit, Legalität, Verfügbarkeit, Komfort, Gesundheit und Sicherheit abzubilden.

Kurzer Exkurs in die Mikrofinanzwelt

Wie unterscheiden sich Mikrofinanzierungen eigentlich von anderen Geldanlagen? Mikrofinanzinstitute stellen kleine und kleinste Geldbeträge für Projekte bereit, bei denen es vor allem um eine nachhaltige, positive Veränderung geht. Mikrofinanzierungen werden zum Beispiel zur Armutsbekämpfung an Menschen vergeben, die Kleinunternehmer*innen sind oder diesen Schritt wagen wollen. Und es gibt eben auch Kredite, die den Zugang zu Energie (durch grüne Kredite), Wohnraum, Wasser (Wasserkredite) und Bildung ermöglichen und durch die die Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel gestärkt wird. Anders als bei anderen Geldanlagen sollte die Erwirtschaftung von Rendite hier also nicht im Vordergrund stehen.

Der Begriff „Mikrofinanzierung“ wurde in den 1970er Jahren geprägt. Als einer der Pioniere gilt Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank in Bangladesh, der  2006 dafür sogar mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Es gibt heutzutage die verschiedensten Varianten der Kreditvergabe und Rückzahlungsmethoden. Die meisten basieren jedoch auf Reziprozität und sozialer Bindung. Kreditnehmer*innen bilden hierbei so etwas wie Genossenschaften mit einem gemeinsam verwalteten Konto oder einer Kasse. Da man sich regelmäßig mit den anderen Kreditnehmer*innen oder Sparer*innen trifft und sich oftmals aus der Nachbarschaft kennt, ist der soziale Druck höher, die entnommenen Kredite auch wieder zurückzuzahlen.

Es gibt jedoch auch Kritik: Mittlerweile sind auch profitorientierte Mikrofinanzinstitute entstanden, die problematisch zu bewerten sind, da sie Kredite mit hohen Zinsen an Menschen ohne Erfahrung mit Krediten oder ohne ausreichende Business-Skills vergeben. Dies kann dazu führen, dass die Kreditnehmer*innen gezwungen sind, die Beträge mit immer weiteren aufgenommenen Krediten zurückzuzahlen – sie geraten somit in eine Schuldenspirale. Solche Kredite tragen also zur Verschärfung der Situation bei, statt ein Tool zur Reduzierung von Armut zu sein.

Der Ursprungsgedanke von Mikrofinanzierungen bleibt dennoch unterstützenswert und wird glücklicherweise auch von vielen Mikrofinanzinstituten verfolgt. Digitale Produkten wie die von Hedera könnten durchaus einen Beitrag leisten, damit Projekte besser ausgerichtet und Teil einer langfristigen nachhaltigen Entwicklung sein können.

Redaktionelle Mitarbeit: Lydia Skrabania

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