Gut für Klima und Wohlbefinden: Wie One Sec euch vom Doomscrollen zum Durchatmen zwingt

Die App "One Sec" schaltet sich zwischen Daumen und Handysucht. Das ist nicht nur gut für die Psyche, sondern auch für die Umwelt!

Autor*in Benjamin Lucks, 24.02.25

Übersetzung Lana O'Sullivan:

Man möchte nur kurz seine E-Mails auf dem Handy checken und schon wieder verbringt man 30 Minuten auf Instagram. Auf unseren Smartphones finden sich immer mehr Apps, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Nicht, weil es zwingend relevante und interessante Inhalte gibt. Instagram, TikTok, Snapchat und Co. stehen im Verdacht, so programmiert zu sein, dass sie süchtig machen.

Was für Meta, Google und Co. durchaus profitabel ist, hat viele negative Folgen für uns. Studien zeigen immer wieder, dass ein Missbrauch von sozialen Netzwerken eine Belastung für unsere Psyche darstellt. Stundenlanges Doomscrolling ist aber auch schlecht fürs Klima. Denn für das Streamen von Inhalten muss unser Smartphone Server ansteuern. Und die verbrauchen mitunter viel Energie und Wasser.

Sich bewusste Auszeiten von digitalen Inhalten zu nehmen, auch „Digital Detoxing“ genannt, hat daher mindestens zwei wichtige positive Effekte. Die App „One Sec“ geht dabei besonders clever vor. Denn sie setzt sich zwischen unsere schlechten Gewohnheiten und die Mechanismen, mit denen Zeitfresser-Apps unsere Aufmerksamkeit wollen.

So funktioniert die App One Sec

Starten wir mit einer guten Nachricht: One Sec gibt es mit Einschränkungen kostenfrei für Android und iOS zum Download. Unter iOS verwenden die Entwickler:innen die System-App „Kurzbefehle“, um bestimmte Aktionen beim Öffnen von Apps wie Instagram auszulösen. In diesem Falle öffnet sich One Sec immer dann, wenn wir eine Social-Media-App aufrufen wollen.

Sobald wir die App der Wahl anklicken schaltet sich One Sec dazwischen und regt auf dem Handydisplay zu einer Atemübung an. Dadurch wird der Start der eigentlichen App um einige Sekunden verzögert. Im Anschluss erscheint dann die Frage auf dem Display, ob die gestartete Anwendung tatsächlich ausgeführt werden soll. Zusätzlich zu dieser Frage gibt es eine Statistik über vergangene Startversuche, anhand derer wir unser eigenes Verhalten bewerten können.

© OneSec / Screenshot: RESET
Öffnet man eine konfigurierte App, wechselt das Smartphone direkt auf die Atemübung von OneSec.

Mit dieser Verzögerung sollen App-Öffnungen aus reiner Gewohnheit verhindert werden. Laut einer von den Entwickler:innen von One Sec und Forscher:innen der Princeton-Universität durchgeführten Studie funktioniert diese Mechanik durchaus. Innerhalb von sechs Wochen konnten Nutzer:innen der App die Anzahl der App-Öffnungen um 57 Prozent verringern. Gleichzeitig gaben die Nutzenden an, dass sich ihre Zufriedenheit in Bezug auf die App-Nutzung positiv verändert habe. Auch in unserem Selbstversuch ist uns aufgefallen, wie wir immer seltener unüberlegt und automatisiert auf Apps getippt haben.

Bei einer kostenlosen Nutzung von One Sec gibt es allerdings das Problem, dass nur eine einzige App gesperrt werden kann. Alle weiteren sind weiterhin uneingeschränkt nutzbar. Eine Woche lang können Interessierte jedoch den vollen Funktionsumfang ausprobieren und zahlen anschließend 14,99 Euro im Jahr.

Neben der beschriebenen Atemübung gibt es dann auch andere Arten der Intervention, aus denen sich wählen lässt. Darunter ein digitaler Spiegel, der die Frontkamera öffnet oder Aktionen wie ein Drehen des Smartphones. Hinzu kommen ein erweiterter Zeit-Tracker, Interventionsmaßnahmen beim Aufrufen bestimmter Webseiten und eine Erweiterung für Desktop-Browser.

Alternativ gibt es aber auch andere Apps und Anwendungen, die Digital Detoxing erleichtern. Darunter die App „Forest“, die ein ähnliches Konzept mit Aufforstungsinitiativen verbindet. Oder die Funktionen „Digitales Wohlbefinden“ und „Bildschirmzeit“ in den Handy-Betriebssystemen von Google und Apple. Verwendet man diese, muss man keine zusätzlichen Apps installieren oder bezahlen.

Wie viele Emissionen verursachen soziale Netzwerke überhaupt?

Wie viele CO2-Emissionen unsere Internetnutzung freisetzt, ist recht schwierig zu beziffern. Unser digitaler Fußabdruck ist stark davon abhängig, welche Dienste wir nutzen und ob die Betreiber dieser Dienste nachhaltig agieren. Die Suchmaschine GOOD zum Beispiel verzichtet für weniger Bandbreite bewusst auf Werbeanzeigen und setzt auf grüne Server, die in Deutschland arbeiten. Die bekanntere Alternative Ecosia nutzt ebenfalls Ökostrom und verwendet Einnahmen für Aufforstungsprojekte. Für eine bestimmte Anzahl an Suchen wird dann ein Baum gepflanzt.

Während es in der Welt der Sozialen Netzwerke zwar immer mehr dezentrale und unabhängige Anbieter wie Mastodon oder Pixelfed gibt, mangelt es noch an grünen Alternativen. Und die großen Plattformen teilen nicht konsequent mit, wie viele CO2-Äquivalente eine durchschnittliche Nutzung verursacht. Untersuchungen der Seite Greenly zufolge ist der jährliche CO2-Fußabdruck von TikTok etwa größer als der von Griechenland. Bei einer durchschnittlichen Nutzung von 45,5 Minuten am Tag sei das laut dem Guardian äquivalent zu einer Autofahrt von etwa 200 Kilometern.

nachhaltige Digitalisierung

Wie sehen Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung aus?

Die digitale Welt wird zu einem immer größeren Problem für Umwelt und Klima. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert!
So schrumpfst du deinen digitalen CO2-Fußabdruck und trägst zu einer zukunftsfähigen digitalen Welt bei: Digital und grün

Nutzer:innen auf TikTok verursachen so im Schnitt knapp 50 Kilogramm an CO2-Äquivalenten im Jahr – bei YouTube sind es laut Analysen etwa 40 Kilogramm und bei Instagram 30 Kilogramm. Darüber, wie ressourcenintensiv ein Dienst ist, entscheidet vor allem die Art der Inhalte. TikTok ist eine reine Videoplattform und für Videos müssen dessen Server dementsprechend mehr Daten übertragen, als für das Hochladen von Fotos auf Instagram oder einen Artikel bei RESET lesen benötigt werden.

Plattformen wie Instagram, YouTube und seit 2023 auch TikTok wollen nach eigenen Angaben allerdings ihre CO2-Emissionen verringern. Mit dem „Project Clover“ möchte TikTok beispielsweise einen stärkeren Fokus auf die Datensicherheit und die Nachhaltigkeit ihres Dienstes legen. Ein neues Datencenter in Norwegen laufe laut Unternehmensangaben etwa zu 100 Prozent mit grünem Strom, der lokal in Wasserkraftwerken gewonnen wird.

In Bezug auf das Klima hat der übermäßige Konsum von Sozialen Medien aber noch einen weiteren Nachteil.

Social-Media-Missbrauch steigert Klimaangst

Im letzten Jahr haben wir bei RESET in einem Artikel erkundet, wie wir Soziale Medien für mehr Aktivismus in Bezug auf Klimathemen nutzen können. Bewegungen wie „Fridays For Future“ wären ohne soziale Medien kaum denkbar gewesen. Studien zeigen allerdings, dass ein übermäßiger Medienkonsum auch das genaue Gegenteil bewirken kann.

Untersuchungen von BMC Psychology sehen einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Schüler:innen. Gleichzeitig legt die Studie nahe, dass die Nutzung von Achtsamkeits-Apps diese Effekte abschwächen kann. Der Psychologe Stephan Heinzel erwähnt gegenüber ZDF Heute zudem internationale Studien, laut denen sich Untersuchte im Alter zwischen 16 und 25 Jahren verstärkt große bis extreme Sorgen wegen der Klimakrise machten. Demnach berichtete jede:r Zweite, große Ängste im Alltag zu erleben.

Begriff „Klimaangst“ problematisch?

Das Magazin Quarks mahnt vor in einem Artikel vor der Verwendung des Begriffes „Klimaangst“.

Der Psychologe Gerhard Reese argumentiere, dass das Wort Klimaangst impliziere, dass es eine eigene Krankheit sei. Sorgen über die Folgen des Klimawandels seien allerdings eine nachvollziehbare Reaktion afu ein reales Problem.

Der Begriff lenke vom eigentlichen Problem ab und es käme zu einer „gefährlichen Pathologisierung“.

Ein übermäßiger Konsum von Inhalten, die sich mit den Gefahren des menschengemachten Klimawandels auseinandersetzen, verstärkt diese Ängste. Es ist also gesund, sich bewusst und achtsam mit Nachrichten auseinanderzusetzen, statt solche Inhalte permanent zu konsumieren.

dbu-logo

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!

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