Grünere Rechenzentren dank Refurbishment? Wir haben bei Techbuyer nachgefragt

Weltweit steigt der Bedarf an Rechenkapazität. Gleichzeitig häufen sich Meldungen über ihre massiven ökologischen Auswirkungen. Techbuyer möchte dem mit Refurbished-Servern entgegentreten.

Autor*in Benjamin Lucks, 26.11.25

Dass unsere Daten in einer „Cloud“ nicht einfach in der Luft schweben, wird immer mehr Menschen klar. Unser digitales Leben findet in gewaltigen Rechenzentren statt und verbraucht dabei Energie, Ressourcen und große Mengen an Wasser. Eine repräsentative Umfrage von Beyond Fossil Fuels ergab im Jahr 2025, dass 64 Prozent der Menschen in fünf verschiedenen Ländern gegen den Bau neuer Rechenzentren sind, falls diese nicht über erneuerbare Energie betrieben werden.

Der Energiehunger neuer Rechenzentren ist allerdings nur ein Teil des Problems. Immer mehr Rechenzentren benötigen für ihren Betrieb Wasserkühlungen, die oft ohnehin dürregeplagte Regionen weiter aussaugen. Und der Leistungshunger moderner KI-Anwendungen benötigt Unmengen an Hardware, deren Produktion Ungleichheiten verstärkt und die ebenfalls einen großen CO2-Rucksack tragen.

Das britische Unternehmen Techbuyer hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, Serverhardware zu refurbishen. Also so aufzubereiten, dass sie wieder leistungsstark und zuverlässig ist, um in Rechenzentren zum Einsatz zu kommen.

Eine „Garagenfirma for Good“

Gegründet wurde Techbuyer bereits im Jahr 2005 von Kevin Towers im britischen Harrogate. Christopher Sweetsir, der als Manager für Business Development bei Techbuyer arbeitet, beschreibt die Anfänge des Unternehmens: „Von einer kleinen Garagenfirma, die gebrauchte Server verkauft hat, haben wir uns über die Jahre zu einer globalen Firma gemausert, die Green-IT lebt. Das heißt, wir kaufen und verkaufen Server, Storage- und Networking-Lösungen und im Prinzip alles, was man in einem modernen Rechenzentrum findet.“

Der typische Lebenszyklus eines Servers liege bei rund drei bis fünf Jahren. „Das ist natürlich auch abhängig davon, wie Hersteller ihre ‚CarePacks‘, also den Zeitraum für Garantieleistungen und Support, gestalten. Endet dieser Zeitraum, tauschen Unternehmen Server in vielen Fällen komplett aus oder buchen neue ‚CarePacks'“, so Christopher Sweetsir.

Derartige Rahmenverträge finden sich in der Unternehmenswelt recht häufig. Der Vorteil dabei: Firmen müssen teure Anschaffungen wie eine IT-Infrastruktur mit Notebooks, Desktop-PCs und Smartphones nicht direkt auf einen Schlag kaufen. Stattdessen können sie die Kosten über monatliche Beiträge aufteilen und erhalten gleichzeitig Beratung und Supportleistungen. Wie Philippe Arradon von der grünen IT-Kooperative Commown uns in einem Interview verriet, führe das bei Notebooks zu einem großen Gebrauchtmarkt, da viele Geräte nach wenigen Jahren ausgetauscht würden. Gleichzeitig seien diese aber auch oft modularer aufgebaut als Consumerprodukte – und das ist bei Servern ähnlich.

„Hardware rückt im Rack oft nur eine Schublade nach unten“

Server sind in den meisten Fällen in Form von „Racks“ aufgebaut. In diesen Schränken können die benötigten Komponenten modular miteinander zusammenarbeiten. Eine „Schublade“ enthält die benötigten Prozessoren, eine andere mehrere Festplatten zur Datenspeicherung und in der nächsten finden sich Grafikprozessoren für die Verarbeitung von KI-Anwendungen.

In dieser Modularität sieht Christopher Sweetsir eine gute Chance für eine effiziente Zirkulärwirtschaft. Und die wird den Erfahrungen von Techbuyer nach auch in vielen Unternehmen bereits gelebt. „Ich kenne mittlerweile kaum ein Rechenzentrum, das nicht in irgendeiner Form auch ‚Circular Economy‘ betreibt. Sobald Hardware aus dem Jahreszyklus von drei bis fünf Jahren herausgeht, rutschen sie quasi im Rack nur eine Stufe weiter nach unten, während aktuellere Hardware angeschafft wird.“

Seit einigen Jahren führe neue Hardware allerdings nicht mehr unbedingt zu einer deutlichen Leistungssteigerung. „In der Welt der Computer und Rechenzentren“, so Christopher Sweetsir, „gibt es das Moor’sche Gesetz. Nach diesem verdoppelt sich die Anzahl der Transistoren auf Rechenchips im Prinzip alle 24 Monate. Dementsprechend erhöhte sich die Rechenleistung von Servern lange Zeit auch deutlich – in den letzten Jahren hat das allerdings nachgelassen. Sprich, die Rechenleistung verdoppelt sich seit einiger Zeit nicht mehr unbedingt alle zwei Jahre.“

Für die Langlebigkeit älterer Serverhardware ist das natürlich ein Vorteil. Denn einerseits reicht die Leistung älterer Hardware für viele Anwendungsfälle aus, andererseits bringt der Einsatz modernerer Hardware keinen deutlichen Effizienzgewinn. Oder wie Christopher Sweetsir es formuliert: „Wenn wir in unseren Planungsprogrammen für IT-Lösungen eine Servergeneration zurückgehen, also mit älteren Servern planen, sinkt die Energieeffizienz nicht signifikant. Man kann mit einer älteren Generation also ungefähr dieselbe Leistung erzielen, ohne deutlich mehr Strom zu verbrauchen.“

Refurbishment konnte im Jahr 2024 mehr als 31.000 Tonnen CO2 einsparen

Dass auch große Unternehmen wie Google und Amazon bereits Refurbishment in ihren eigenen Rechenzentren betreiben, ist erst einmal ein positives Zeichen. Allerdings läuft diese Form der Circular Economy Gefahr, nach außen hin geschlossen zu sein. Kleinere Unternehmen können etwa nicht auf ältere Hardware großer Unternehmen zugreifen, wenn diese ihre eigenen Recycling-Methoden haben.

Rechenzentren-Grundlagen im Video

Warum brauchen GPUs eine Wasserkühlung? Und warum brauchen wir überhaupt so viele Rechenzentren?

ARTE erklärt in der Doku „Droht der digitale Blackout“ viele Grundlagen der Umweltprobleme von Servern.

Die Doku ist kostenlos streambar in der ARTE-Mediathek – in unserem Ratgeber erfährst du zudem, wie du möglichst nachhaltig streamen kannst!

Techbuyer bietet generalüberholte Server daher unabhängig an. Und laut eigenem Nachhaltigkeitsbericht konnte das Unternehmen dadurch im Jahr 2024 fast 31.360.000 Kilogramm CO2-Äquivalente einsparen. Damit landeten im Jahr 2025 über 800 Tonnen weniger Elektroschrott auf den weltweiten Mülldeponien. Diese offene Ausrichtung und die im Vergleich zu einem Neukauf günstigere Hardware lädt zudem dazu ein, dass sich mehr Menschen eigene Server anschaffen können. „Wir bieten auch kleine Tower-Lösungen an, die für den Heimgebrauch interessant sind. Ich muss mir [als Privatperson] also nicht gleich einen Rackschrank kaufen, den ich mir in den Keller stelle. Zwar bin ich dabei eingeschränkt, was etwa die Speichergrößen angeht, ich kann aber durchaus schon auf die Vorzüge von Servertechnologie zugreifen,“ so Christopher Sweetsir.

nachhaltige Digitalisierung

Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?

Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint  die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:

Zu diesen Vorteilen gehören unabhängige Cloud-Lösungen, wie sich sicher über Nextcloud realisieren lassen. Nutzer:innen und Vereine können aber auch eine eigene Mastodon-Instanz betreiben, um ein dezentrales soziales Netzwerk aufzubauen oder um Videos via PeerTube anzubieten. Für solche Anwendungen reichen günstige und vergleichsweise alte Server noch sehr gut aus.

Reicht Refurbished-Hardware auch für KI-Anwendungen?

Einen speziellen Anwendungsfall wollten wir mit Christopher Sweetsir am Ende unseres Gesprächs noch besprechen. Denn die aktuellen Sorgen um den massiven Ausbau der IT-Infrastruktur hängen stark mit dem Leistungshunger großer Sprachmodelle – also Generativer KI – zusammen.

Damit LLM-basierte Chatbots wie Chat-GPT oder Google Gemini realistische Antworten generieren können, müssen Rechenzentren besonders leistungsstarke Grafikprozessoren bieten. Im Vergleich zu herkömmlichen Prozessoren können diese zwar mehr Aufgaben gleichzeitig erledigen, sie benötigen aber auch mehr Energie und produzieren mehr Wärme. Dementsprechend werden KI-Rechenzentren wassergekühlt und belasten das Energienetz stärker als die bereits vorhandenen Datenzentren.

Große „Gigafactories“, also besonders leistungsstarke Rechenzentren für das KI-Traininung und für den Betrieb großer Sprachmodelle, werden vor allem mit neuer Hardware gebaut. Denn die Unternehmen, die aktuell stark in KI-Infrastruktur investieren, arbeiten eng mit Hardware-Herstellern zusammen. Und dennoch komme es dabei immer häufiger zu Engpässen, meint Christopher Sweetsir: „Aktuell investieren alle in KI und dementsprechend gehen die Preise total durch die Decke. Aus diesem Grund werden vermehrt alte Chips wiederaufbereitet, um daraus andere Komponenten zu fertigen.“

Christopher Sweetsir von Techbuyer in einem Fußballstadion. Christopher Sweetsir ist Manager für Business-Development bei Techbuyer.

Ein Ausbau der weltweiten Rechenleistung muss also auch mit zirkulären Produktkreisläufen erfolgen. Erfahrungen aus der Corona-Pandemie zeigten zudem, dass bei starken Engpässen auch große Unternehmen auf Refurbisher wie Techbuyer zukommen. „Damals griffen plötzlich auch Firmen wie Apple auf den Sekundärmarkt zu“, berichtet Sweetsir. „Im Moment greift aber immer noch der gewohnte Neuwarenmechanismus.“

Wie in anderen Branchen, etwa im Gebäudesektor, sollten wir allerdings aufhören, Zirkularität immer nur als Backup zu sehen. Die Reaktion Apples auf die Corona-Pandemie und auch die Erfahrungen von Techbuyer zeigen: Ältere Hardware reicht in vielen Fällen auch für neue Anwendungen aus – wenn wir sie nur richtig pflegen.

dbu-logo

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!

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