Grüne Dächer aus alten Reifen

Ein niederländisches Unternehmen verwendet geschredderte Gummireifen und Kunstrasen-Abfälle, um Dachpaneele zu bauen, die die Temperatur von Gebäuden auf natürliche Weise regulieren.

Autor*in Christian Nathler:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 14.06.23

Wer hätte gedacht, dass Reifen am Ende ihrer Lebensdauer als grüne Dächer für Gebäude wiedergeboren werden könnten?

Das niederländische Unternehmen Ceyes entwickelt derzeit Regenwasserrückhalteplatten, die als Beete für Pflanzen dienen können. Die Verwendung von recycelten Reifen als Dachmaterial ist nicht komplett neu – und grüne Dächer sind es auch nicht. Einzigartig ist allerdings der geschlossene Kreislauf, mit dem Ceyes schwarze Dächer grün werden lässt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Die Paneele bestehen aus Gummikörnern, die aus geschredderten Altreifen gewonnen werden, sowie aus Abfällen von Kunstrasen-Spielfeldern. Jede Platte hat die Form eines Gitters mit Taschen zur Aufnahme von Wasser. Nach einem Regenschauer kann eine Platte etwa 20 Liter Flüssigkeit zurückhalten.

Doppelte Funktionalität je nach Temperatur

An heißen Tagen verdunstet das Regenwasser und kühlt das Gebäude ab. Bei kühleren Temperaturen verbleibt das Wasser und dient der Bewässerung der Pflanzen. Die Doppelfunktion der Platte als Regenwasserrückhaltesystem und als Kühlungslösung zeigt ihre Vielseitigkeit und ihr Potenzial für eine breite Anwendung.

Darüber hinaus ist das Produkt von Ceyes selbsttragend, erfordert nur minimale Wartung und ist vollständig recycelbar. Das Unternehmen gibt an, dass bei der Produktion seiner Gummigranulatplatten nur 6,14 Kilo CO2 pro Quadratmeter entstehen, während die Bilanz zwischen Produktion und CO2-Absorption nur vier bis acht Jahre beträgt. Jedes Paneel hat ungefähr die gleiche Lebensdauer wie ein Gummireifen (über 100 Jahre) und kann an die Größe und Form der verschiedenen Dächer und Gebäude angepasst werden.

Zusätzliche Vorteile von grünen Dächern

Begrünte Dächer, die auch als „lebende Dächer bezeichnet werden, bieten zahlreiche Vorteile sowohl für die Umwelt als auch für die Bewohner*innen. Dazu gehören die Verbesserung der Luftqualität, die Erhöhung der Artenvielfalt, die Verringerung des städtischen Wärmeinseleffekts, die Bindung von Kohlenstoff, eine bessere Isolierung und die Verringerung von Lärm. Zudem haben grüne Dächer eine längere Lebensdauer und können den Wert einer Immobilie erhöhen.

Gebäude sind ein CO2-Schwergewicht: Das Bauen, Wärmen, Kühlen und Entsorgen unserer Häuser hat einen Anteil von rund 40 Prozent an den CO2-Emissionen Deutschlands. Unsere Klimaziele erreichen wir nur, wenn diese Emissionen massiv gesenkt werden.

Wie aber gelingt die nachhaltige Transformation der Gebäude und welche Rolle spielen digitale Lösungen dabei? Das RESET-Greenbook gibt Antworten: Gebäudewende – Häuser und Quartiere intelligent transformieren

Und wer könnte schon etwas gegen den ästhetischen Reiz einer städtischen Umgebung voller Grün einwenden? Schließlich hat der Zugang zu Grünflächen nachweislich positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden, da sie Möglichkeiten zur Entspannung, Erholung und Verbindung mit der Natur bieten.

Schließung des Kreislaufs durch Upcycling

Jedes Jahr erreichen etwa eine Milliarde Reifen das Ende ihrer Lebensdauer, und die Mülldeponien auf der ganzen Welt sind bereits mit über vier Milliarden ausrangierten Reifen gefüllt. Die Umwandlung dieser ausrangierten Gegenstände in Dachpaneele bietet eine umweltfreundliche Lösung, die nicht nur die Menge an Abfall auf den Mülldeponien reduziert, sondern auch zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen kann.

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Dieser Artikel gehört zum Dossier „Gebäudewende – Häuser und Quartiere intelligent transformieren“. Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers zum Thema „Mission Klimaneutralität – Mit digitalen Lösungen die Transformation vorantreiben“ erstellen.

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